Die Sonne

Vom Herrschergleichnis zur Herrschaftsalternative

Will man eine neue politische Bewegung gründen, stellen sich viele Fragen, so z. B. die nach einem geeigneten Symbol. Ein beliebtes und vielfach genutztes ist die Sonne, vor allem die aufgehende. Zwei Organisationen, die recht unterschiedliche Ziele verfolgen, nutzen dieses Symbol, konkret die Morgenröte. Diese steht für Hoffnung, Jugend, Fülle an Möglichkeiten und den Neuanfang.

Amaterasu die japanischen Göttin des Lichts steigt aus einer Höhle von Shunsai Toshimasa

Amaterasu die japanischen Göttin des Lichts steigt aus einer Höhle von Shunsai Toshimasa

Dieser Symbolik bedient sich heute einerseits die neonazistische griechische Partei Goldene Morgenröte (Chrysi Avgi), die während der Krise an Zustimmung gewann und 2012 erstmals ins griechische Parlament einzog. Der Name beinhaltet das Versprechen einer glorreichen Wiederauferstehung Griechenlands, aber ohne Einwanderer, Homosexuelle und Liberale sowie unter Ausweitung der Staatsgrenzen. Ein aktuelles Beispiel im linken Spektrum ist die 2004 von Venezuela und Kuba gegründete Bolivarische Allianz für die Völker unseres Amerika (Alianza Bolivariana para los Pueblos de Nuestra América, ALBA). Das Akronym ALBA bedeutet Mordendämmerung und steht für ein solidarisches Staatenbündnis als Alternative zu der von den USA geplanten gesamtamerikanischen Freihandelszone ALCA. Das Symbol der Sonne findet sich entsprechend auch im Emblem des Bündnisses wieder.

Emblem der Bolivarische Allianz für die Völker unseres Amerika

Emblem der Bolivarische Allianz für die Völker unseres Amerika

Aufgrund der Allgegenwart und eingängigen Symbolik dient die Sonne seit Jahrtausenden als Projektionsfläche für politische Zwecke. Mit vielen positiven Assoziationen verknüpft (Hoffnung, Glück, Vollkommenheit), gilt sie als schöpferische Kraft und steht im Mittelpunkt von allem. Viele Naturvölker und frühe Hochkulturen, wie die Azteken oder die Ägypter, verehrten die Sonne als Gott und verbanden den Sonnen- mit dem Herrscherkult. So gilt die Sonnengottheit Amaterasu (siehe Abbildung) im Shintoismus als Urahnin des japanischen Kaisers und auch der iranische Gott Mithra sowie sein römischer Nachfahre Mithras galten als Sonnengötter. Letzterer trug häufig den Beinamen Sol invictus (lat. der unbesiegte Sonnengott) und diente den römischen Kaisern ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. als Instrument der Herrschaftslegitimation, als Symbol für Dauerhaftigkeit und Garant der Weltherrschaft. Die Christianisierung Europas und Kleinasiens beendete zunächst den Sonnenkult, jedoch unter gezielter Übernahme zentraler Daten und Symboliken desselben. So gilt heute als erwiesen, dass die Christen den 25. Dezember als Feiertag für Sol invictus schließlich als Geburtstag Jesu übernahmen. Aufgrund der christlichen Vereinnahmung des Sonnengleichnisses „wird der Sonnenmythos erst wieder in der frühen Neuzeit zur Staatsutopie“[1]. So wurde Friedrich II. von Hohenstaufen, römisch-deutscher Kaiser von 1220 bis 1250, in Anlehnung an den byzantinischen Kaiserkult als Sol mundi (Sonne der Welt) gepriesen. Neben einer Reihe anderer Könige, die sich der Sonnenikonografie bedienten[2], ist Ludwig XIV. von Frankreich als Sonnenkönig im Gedächtnis verblieben. Personenkult, Inszenierung sowie sein gesamter Tagesablauf waren dem Weg und der Wirkung der Sonne gleichgesetzt.

Gemälde von Hyacinthe Rigaud - Porträt des französischen Königs Ludwig XIV.

Gemälde von Hyacinthe Rigaud – Porträt des französischen Königs Ludwig XIV.

Auch Nationalsozialisten und Rechtsextreme nutzen die Sonne politisch. So ist das Hakenkreuz vom Symbol des Sonnenrades abgeleitet. Der Umschlagentwurf der Erstausgabe von „Mein Kampf“ zeigt eine wehende Hakenkreuzfahne als Mittelpunkt einer strahlenden Sonne, die den „Sieg des Lichts“ (arische Weltanschauung) über die Mächte der Finsternis symbolisiert. Die griechische „Morgenröte“ nimmt darauf Bezug, wobei deren Anführer die Sonne heute aus vergitterten Fenstern bewundern dürfen. Da bleibt nur, mit Fontane zu schließen: „Manche Hähne glauben, dass die Sonne ihretwegen aufgeht.

Der Beitrag zur Rubrik “Politik im Bilde” erschien zuerst in WeltTrends Nr. 102 “Nukleare Abrüstung heute”. Die Autorin Anne Klinnert ist Redakteurin der Zeitschrift WeltTrends, Politikwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin.

Fußnoten

[1] Toman, Rolf (2007): Die Kunst des Barock. Architektur, Skulptur, Malerei. Ullmann, Köln, S. 138.
[2] Unter ihnen sind in Frankreich: Karl V., Karl VI., Karl IX., Ludwig XIII., Napoleon; in Spanien: Philipp II., Philipp IV., in Deutschland (HRR): Maximilian I. und Karl V.

Bildnachweise

Abb. 1: Gemeinfrei – Public Domain.
Abb. 2: Erstellung durch Enigmaticland. Gemeinfrei – Public Domain.
Abb. 3: Hyacinthe Rigau (1659-1743)Porträt des französischen Königs Ludwig XIV.
von http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

Demokratische (IT)-Gesellschaft

Dieser Beitrag ist eine Replik auf einen Artikel von Felix Bartels: Der lange Arm von Bitterfeld.
Herr Bartels veröffentlichte diesen sowohl auf seinen Blog als auch in der Zeitung neues deutschland vom 28. März 2015.

1. Entwicklung irreversibel
Die „gute“ alte Zeit des Papiers ist Vergangenheit. Konservative Teile der Gesellschaft weinen ihr noch nach – aber die Mehrheit der Jugend hat entschieden. Sie liest und schreibt digital. Wer sie erreichen will, muss ihr in das Internet mit seinen E-Books, Blog-Post und Instant-Messages folgen. Gesellschaftliche Diskurse außerhalb des digitalen Netzes verlieren mit dem Generationswechsel an Stellenwert. Ein Publikum jenseits kleiner Zirkel der Selbstbespaßung wird ohne dieses Medium nicht mehr erreicht.

Online Ranking Medienunternehmen

2. Machtverlust der Verlagszensoren
Zum Glück schwächt sich mit dem Aufstieg der neuen Techniken die Zensur klassischer Medienunternehmen, genannt Verlage und ihrer Lektoren-Söldner, ab. Die Vorab-Aussortierung von Werken unter kommerziellen aber auch ideologischen Aspekten wird geringer. Die Publikation in einem Verlag stellt nur noch eine Option neben Selfpublishing, Social-Media-Plattformen sowie Blogs dar.

3. Wandlung der Gatekeeper
Die Torwächter verschwinden nicht. Die Gewichtungen – Rankings – der Suchmaschinen und die Filter der Sozialen Netzwerke stellen alte Selektion im neuen Gewand dar. Auch die begrenzte Zeit der Nutzer angesichts einer Informationsüberflutung führt zu einer Ausblendung einer wachsenden Anzahl von Werken. Das Geschäftsmodell der Medienkonzerne verändert sich. Nicht mehr Fremd-Auswahl steht im Zentrum sondern Erstellung durch Nutzer und Verlinkung vielfältiger Inhalte. Alles unterliegt einer Speicherung, um, wenn es für Leser und Profiteure relevant wird, verfügbar zu sein. Die Breite des Angebots und damit auch die Varianten der Partizipation erweitern sich.

4. Freiheit der Autoren
Diese Vielfalt öffnet für Rezipienten und Kreative neue Freiheiten wie auch neue Herausforderungen. Insbesondere der Prozess der Werkerstellung wird komplexer. Den E-Books oder Blogeinträgen Seele zu geben, sie zu gestalten und ihnen Einzigartigkeit zu verleihen, erfordert neue Fähigkeiten. Die Trennung zwischen Text, Grafiken/Bildern, Videos und Musik hebt sich auf. Die Ausdrucksmöglichkeiten potenzieren sich. Der Bleiwüsten-Autor erreicht immer weniger Publikum, da er in den Strukturen des Papierzeitalters denkt und schafft. Neue, zwischen den Medien wandelnde Gestalter dominieren. Einer Anforderung, der viele Autoren nicht gewachsen sind. Aber sollen wir „Künstlern“ nachtrauern, die mit dem Ruf „Früher war alles besser“, sich wandelnden Zeiten, neuartigen Kommunikationstechniken und letztlich neuem Denken verweigern?

5. Publikumsignoranz der Geldeliten
Erfolgreiche Autoren waren oft Persönlichkeiten, die sich aktiv in die Gesellschaft einbrachten, vielfältige Formen der Kunst ausprobierten und den Genüssen des Weltverkehrs frönten. Dazu gehört sich an Mäzene, Lobbygruppen und dem Publikum auszurichten. Gesellschaftliche Irrelevanz füllt den Kühlschrank nicht. Wer kann die Fahne der Unkorrumpierbarkeit schon hochhalten? Hauptsächlich die Kinder des Geld-Adels.

6. Demokratisierung der Kommunikation
Die digitale Technik erleichtert die Erstellung, Speicherung und Verbreitung jedweder Information. Insbesondere die finanziell-materiellen Hürden sinken deutlich. Dadurch gelingt eine Öffnung gesellschaftlicher Diskurse. Nicht nur Eliten sondern auch breite Schichten der Bevölkerung können teilhaben und selbst erschaffen. Das ist eine der revolutionärsten Umwälzung der neuen Medien. Die etablierten gesellschaftlichen Filter wie Geld, Status und Herkunft verlieren an Bedeutung. Die „professionellen“ Autoren der etablierten Eliten sehen sich einer „Laien“-Konkurrenz der Mittel- und Unterschichten ausgesetzt, der sie partiell unterliegen. Wirtschaftlich und politisch erfolgreich ist, was die Menschen konsumieren, nicht das, was selbsternannte Eliten für wichtig halten. In der Vor-Internet-Welt stellte sich dieses Problem nicht. Es dominierten die Werke der Mächtigen. Jetzt existieren sichtbare und wirkmächtige Alternativen. Die Möglichkeit einer breiten Partizipation entsteht. Ein neuartiger Aufbruch, ein andersartiger “Bitterfelder Weg“, der gestärkt werden sollte.

Kunstwerk des Eintrages
Francisco José de Goya y Lucientes (1746-1828)Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer
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Goya - Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer

“Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer” ist die bekannteste Radierung Francisco de Goyas.
[…] Im vom Krieg mit dem napoleonischen Frankreich zerrütteten Spanien der vorletzten Jahrhundertwende war die Frage von Brisanz, ob die “Abwesenheit” der Vernunft oder der Traum vollkommener Vernunft mehr Unheil anrichtete. […] Quelle: Nehrkorn, Stefan: Goyas Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer. 78. Sitzung der HUMBOLDT-GESELLSCHAFT BERLIN am 16.03.99; Humboldt Gesellschaft.

Federica Mogherini – EU-Vertreterin für Außenpolitik

Noch vor zwei Jahren war der Name Federica Mogherini allenfalls ausgewiesenen Kennern der italienischen Innenpolitik ein Begriff. Denn im Sommer 2013 war die sozialdemokratische Politikerin einfache Abgeordnete im Parlament und hatte gerade die Leitung von Italiens Delegation bei der Parlamentarischen Versammlung der NATO übernommen – ein durchaus angesehener Posten, der seinen Inhaber jedoch nicht unbedingt dazu prädestiniert, eine derart steile Karriere hinzulegen wie Mogherini es getan hat. Die 41-jährige Mutter zweier Töchter schaffte binnen kürzester Zeit, wofür andere Politiker Jahre brauchen: Nachdem sie im Februar 2014 italienische Außenministerin geworden war, schlug Ministerpräsident Renzi sie wenig später als Hohe Vertreterin der Union für Außen- und Sicherheitspolitik vor. Dass die Wahl auf Mogherini fiel, hat viel mit dem komplizierten Proporz aus Parteizugehörigkeit, Geschlecht und Herkunftsland zu tun, nach dem in der EU die Spitzenposten vergeben werden. Der Tochter eines Regisseurs kam sicherlich auch zugute, dass sie einen ganz anderen Politikertypus verkörpert als etwa Silvio Berlusconi, dessen provokante Auftritte vielen europäischen Entscheidungsträgern noch in unangenehmer Erinnerung sind. Mogherini ist jung, dynamisch, kompetent und war damit die perfekte Kandidatin für Matteo Renzi, der sich ebenfalls jung, kompetent und äußerst dynamisch gibt.

Federica Mogherini 2015 Interparlamentarische Konferenz für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik und die Gemeinsame Sicherheits- und Verteidigungspolitik

Federica Mogherini auf der Interparlamentarische Konferenz für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik 2015

Nach nur sechs Monaten im Farnesina, dem italienischen Außenamt, nominierte der Europäische Rat Mogherini im Sommer 2014 als Hohe Vertreterin für Außen- und Sicherheitspolitik, woraufhin das Europäische Parlament sie im Oktober als Mitglied der Juncker-Kommission bestätigte. Der sperrige Titel ihres neuen Jobs – im Brüsseler Jargon auch „HR/VP“ genannt – sollte nicht darüber hinwegtäuschen, dass dem Amt im Institutionengefüge der EU einige Bedeutung zukommt – nicht zuletzt, weil es mit dem Vertrag von Lissabon deutlich aufgewertet wurde. So vertritt die Hohe Vertreterin die EU im Bereich der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) und repräsentiert die Union gegenüber Drittstaaten oder internationalen Organisationen. Gleichzeitig ist sie Vizepräsidentin der Europäischen Kommission; außerdem steht sie dem Rat für Auswärtige Angelegenheiten vor und verfügt mit dem Europäischen Auswärtigen Dienst über einen eigenen institutionellen Unterbau.

Symbol des Europäischen Auswärtigen Dienstes

Symbol des Europäischen Auswärtigen Dienstes

Federica Mogherini trat ihren neuen Posten am 1. November 2014 an und löste damit die Britin Catherine Ashton ab. Die Labour-Politikerin war seit Ende 2009 im Amt und hat sich allen Unkenrufen zum Trotz als tüchtige, wenn auch etwas blasse Diplomatin erwiesen. Ähnlich wie im Falle Ashtons, die sich bei Amtsantritt schon mal als „Gartenzwerg“ verspotten lassen musste, zog auch Mogherinis Ernennung teils heftige Kritik nach sich. Sie sei „fleißig, belesen und gut vernetzt“ – mit derlei nur vordergründig schmeichelhaften Einlassungen ließen sich etwa frühere Weggefährten im Spiegel zitieren. Auch in den Anhörungen, die ihrer parlamentarischen Bestätigung vorausgingen, wurde die Politikerin mit der akkurat gescheitelten Frisur ob ihrer vermeintlichen Unerfahrenheit kritisiert. Allerdings erwies sich die Italienerin bei dieser Gelegenheit als scharfsinnig und exzellent vorbereitet. Detailliert und wahlweise auf Englisch oder Französisch erläuterte sie den Abgeordneten, welche Prioritäten sie als Hohe Vertreterin zu setzen gedenkt.

Baustellen, auf denen Mogherini ihre Pläne in die Tat umsetzen kann, gibt es auf dem Feld der EU-Außenpolitik genug. Eine wichtige Aufgabe der neuen Hohen Vertreterin wird es zweifellos sein, die Koordination des europäischen Außenhandelns zu verbessern. Dazu soll Mogherini besonders mit den Kommissaren für Nachbarschaftspolitik, Entwicklung und Handel zusammenarbeiten. Außerdem will die Sozialdemokratin die Interessen der östlichen Mitgliedstaaten stärker berücksichtigen sowie eine bessere strategische Ausrichtung der GASP erreichen. Denn in der Vergangenheit hat sich die EU allzu oft mit einer rein reaktiven Außenpolitik verzettelt, statt auf ein langfristig geplantes Vorgehen zu setzen. Ein aktuelles Beispiel hierfür sind die Verhandlungen über das Assoziierungsabkommen zwischen der Europäischen Union und der Ukraine, wo das ungeschickte Agieren der EU-Vertreter letztlich zum Scheitern der Gespräche beitrug. Als eine ihrer ersten Amtshandlungen hat die Sozialdemokratin daher auch angekündigt, die Europäische Sicherheitsstrategie (ESS) überarbeiten zu lassen, die bereits 2003 beschlossen wurde und dringend einer Aktualisierung bedarf. Ähnlich verbesserungsbedürftig ist die Europäische Nachbarschaftspolitik (ENP). Beim Auftakt der Konsultationen über die Zukunft der ENP verwies Mogherini Anfang März denn auch ungewöhnlich deutlich auf die Fehler der Barroso-Kommission. Außerdem gilt es, die in Trümmern liegende Partnerschaft zu Russland wiederzubeleben, wenn auch unter denkbar schwierigen Vorzeichen.

Treffen von Federica Mogherini und John Kerry 2014 Brüssel

Treffen von Federica Mogherini und John Kerry 2014 Brüssel

Dieses und andere Probleme wird Mogherini freilich kaum alleine bewältigen können, ist sie bei ihrer Arbeit doch auf die Kooperation der Mitgliedstaaten angewiesen. Aus diesem Grund betrieb die Italienerin in ihren ersten 100 Tagen im Amt eine intensive Reisediplomatie und warb unter anderem in Berlin, Warschau, Dublin und Riga um Unterstützung. Den gesunden Machtinstinkt, der ihr nachgesagt wird, stellte Federica Mogherini inzwischen auch unter Beweis: Sie hat ihre Büros ins Berlaymont, den Sitz der Europäischen Kommission, verlegen lassen. Zu hoffen bleibt, dass sich die neue Hohe Vertreterin ihre Entscheidungen nicht von politischen Konjunkturen diktieren lassen wird. Denn in der Vergangenheit ist Mogherini durchaus bereit gewesen, auch gegen den Strom zu schwimmen: So stand sie als Abgeordnete der italienischen Sektion von „Parliamentarians for Global Action“ vor, einem internationalen Netzwerk aus Abgeordneten, die sich für Menschenrechte und Rechtsstaatlichkeit einsetzen und sich mit ihren Kampagnen – etwa für den ICC – in etlichen Regierungsetagen dieser Welt nicht nur Freunde gemacht haben; außerdem gehörte sie in jungen Jahren dem kommunistischen Jugendverband an. Die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, ob sich Federica Mogherini als politisches Schwergewicht auf dem glatten diplomatischen Parkett in Brüssel etablieren kann. Angesichts ihrer institutionellen Doppelrolle und den zunehmenden Zentrifugalkräften unter den Mitgliedstaaten dürfte das keine ganz einfache Aufgabe werden.

Der Beitrag erschien auch in WeltTrends Nr. 102 “Nukleare Abrüstung heute”.
Die Autorin Angela Unkrüer ist Redakteurin der Fachzeitschrift WeltTrends.

Bildnachweis
Bild 1: Federica Mogherini auf der Interparlamentarische Konferenz für die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik 2015; Urheber: Ernests Dinka, Saeimas Kanceleja; Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic (CC BY-SA 2.0)
Bild 2: Das Logo des Europäischen Auswärtigen Dienstes; Urheber: Ssolbergj, European Union External Action; Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“ (CC BY-SA 3.0).
Bild 3: U.S. Secretary of State John Kerry and European Union High Representative for Foreign Affairs Federica Mogherini pose for photographers at the outset of a wide-ranging meeting on December 3, 2014, at the headquarters of the E.U. External Action Service in Brussels, Belgium; Urheber: Public Domain United States.

Das Schiff

Vom Staatsschiff zum Schleuserboot

In der Ägäis „schlingert das griechische Staatsschiff“ nach der Wahl von Ministerpräsident Alexis Tsipras ins Ungewisse, das „havarierende Staatsschiff“ Italien müsse endlich Reformen realisieren, bei der Präsidentschaftswahl im Dezember 2014 entschied sich, „wer das schwankende tunesische Staatsschiff in den nächsten fünf Jahren steuern wird“ und das russische Staatsschiff hat ein „Wendemanöver in Richtung Osten“ begonnen.

Das Schiff Europa

Das Schiff Europa. Plakat Marshall-Funds 1950.

Das Schiff ist ein beliebtes Motiv, wenn es darum geht, Macht und Herrschaft zu inszenieren. In der politischen Ikonographie gehört das Schiff sicherlich zu einem der ältesten Gegenstände. Bereits in der Antike bemühte Platon in seiner Schrift Politeia (Der Staat) das Bild vom Staatsschiff als Analogie zur Polis, die der Philosophenkönig als Kapitän sicher in den richtigen, weil sicheren Hafen lenkt. Das Schiff dient seither immer wieder der Repräsentation des Staates bzw. seiner Lenkung und symbolisiert damit auch die „Geschicke und Gefährdungen des Gemeinwesens und die Probleme seiner Steuerung.“[1] Das Schiffsmotiv lässt sich weiterdenken und auf die Bürger als Besatzung übertragen. Eine andere Position ist die des Lotsen. Mit Letzterer spielte eine der bekanntesten Karikaturen, in dem sie den Rücktritt von Reichskanzler Otto von Bismarck als Abgang vom (Staats)Schiff inszeniert (s. Historie in dieser Ausgabe). „Dropping the Pilot“, im Deutschen zumeist mit „Der Lotse geht von Bord“ übersetzt, erschien 1890 in der britischen Satirezeitschrift Punch.

Bismarck tritt zurück - Kariaktur von John Tenniel

“Der Lotse geht von Bord.” Bismarck verläßt das Staatsschiff. Karikatur von John Tenniel.

Das Motiv des Schiffes stand auch für die Erschließung politischer Einflussbereiche und gerade im Zeitalter der Entdeckungen ab dem 15. Jahrhundert für eine Expansionspolitik und die Territorialisierung sogenannter „weißer Flecken“ auf der Karte.

Die bildende Kunst hat natürlich auch das Motiv des „Schriffbruchs“ in ihrem Repertoire. In entsprechenden Gemälden stehen sich Schönheit und Schrecken gegenüber, verbunden mit der Hoffnung auf eine Stabilisierung der (politischen) Verhältnisse nach dem Sturm.

Diese bisher mit dem Schiff verknüpfte Symbolik von Souveränität scheint angesichts der aktuellen Bilder von Flüchtlingsbooten nicht mehr zu greifen. Denn die Symbolik ist plötzlich eine ganz andere. Auf überfüllten Booten dominiert das Gefühl des Ausgesetztseins in der feindlichen und unzivilisierten Sphäre des Meeres. Der Glaube der Flüchtlinge, die Tausende von Dollar für die Reise in eine unbekannte Zukunft gezahlt haben, ist, dass das Staatsschiff Europa sie aufnehmen wird. Doch aus dem Staatsschiff ist eine Festung geworden. Frontex, die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Europäischen Union, hat am 1. November 2014 die Grenzschutz-Mission Triton zur Überwachung der Küstengewässer vor Italien übernommen. Während Italien nach dem Unglück von Lampedusa eine eigene Mission (Mare Nostrum) ins Leben gerufen hatte, deren knapp einjährige Bilanz ca. 140.000 gerettete Menschenleben umfasst und Italien monatlich knapp 9 Millionen Euro kostete, will die Triton-Mission mit einem Drittel des Budgets vor allem die Grenzen sichern. Mit nun 30 statt der vorher 160 Seemeilen Reichweite der Mission steht eines fest: „Noch mehr Tote sind die absehbare Folge.“[2] Das Motiv des Staatsschiffes greift dann doch wieder: In der umgekehrten Logik sind „Schiffbrüchige die von der Ordnung des Gemeinwesens Ausgeschlossenen und Ausgestoßenen.“[3]

 cayuco approached by a spanish coast guard vessel

Flüchtlingsboot vor der spanischen Küste. Im Hintergrund ein Schiff der spanischen Küstenwache.

Der Beitrag zur Rubrik “Politik im Bilde” erschien zuerst in WeltTrends Nr. 101 “Der Kurdische Knoten”. Die Autorin Anne Klinnert ist Redakteurin der Zeitschrift WeltTrends, Politikwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin.

Leseempfehlung

Fußnoten

[1] Wolff, Vera (2011): Schiff. In: Fleckner, Uwe / Warnke, Martin / Ziegler, Hendrik (Hrsg.): Handbuch der politischen Ikonographie. Beck, München, S. 326.

[2] Pro Asyl (2014): Europas Schande. „Triton“ und „Mare Nostrum“ im Vergleich.

[3] Wolf (2011), S. 326.

Bildnachweise

Abb. 1: Economic Cooperation Administration (Behörde der US-Regierung; 1950): Werbeplakat für den Marshall Funds. Gemeinfrei – Public Domain.
Abb. 2: Tenniel, John (1890): Der Lotse geht von Bord. Punch. Gemeinfrei – Public domain.
Abb. 3: Noborder Network: Cayuco approached by a spanish coast guard vessel. Creative-Commons-Lizenz Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0).

Charlie in Ägypten?

Frankreich ist nach dem grauenvoller Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Schockstarre. Zwölf Tote, darunter auch ein muslimischer Polizist, sind nach dem Anschlag einer Al Quaida-Zelle zu beklagen. Es dauerte nicht lange, bis auch das offizielle Ägypten die Tat verurteilte. „Staatspräsident Abdel Fattah al-Sissi verurteilt den Angriff auf das französische Magazin Charlie Hebdo und fordert koordinierte internationale Anstrengungen zum Kampf gegen den Terrorismus.“ hieß es aus dem ägyptischen Präsidentenpalast. Dazu sei ergänzt, dass die ägyptische Regierung schon seit längerer Zeit, und ohne größere Hilfe aus dem Ausland, zwei terroristische Vereinigungen bekämpft: Zum einen Ansar Beit Al-Maqdis, die sich ISIS anschlossen hat und sich seit dem „State of Sinai“ nennt. Und zum anderen die Muslimbrüder, denen Anschläge auf Sicherheitskräfte in Kairo vorgeworfen werden.

Ägyptischer Staatspräsident Abdel Fattah al-Sissi in Russland 2014

Abdel Fattah al-Sissi Staatsbesuch in Russland 2014

Gegen beide Organisationen wird mit harter Hand vorgegangen, sehr zum Unmut der USA, die seit der Absetzung Morsis ihre Unterstützung so gut wie eingestellt haben, und unter massiver Kritik der EU. Kairo will die Anerkennung des Kampfes gegen die Muslimbrüder als Anti-Terrorkampf und wehrt sich gegen die Wahrnehmung im Westen, es sei ein Krieg gegen einen Teil der Bevölkerung. Dass Massenverurteilungen und Todesurteile zu kritisieren sind, steht außer Frage und ob die Justiz so frei ist, wie Innenministerium und Präsidentenpalast behaupten, ist mehr als diskutabel. Allerdings sitzt die Angst, die Kontrolle über das eigene Staatsgebiet zu verlieren, sehr tief. Man fürchtet so wie Syrien zu enden. Kein Ägypter will, dass US-amerikanische Flugzeuge auf dem Sinai Angriffe fliegen oder gar den Suez-Kanal „schützen“, weil sich die Halbinsel zu einem Rückzugsort für ISIS-Kämpfer entwickelt hat.

Karte Ägyptens

Karte Ägypten

Ägypten hat jedoch nicht nur politisch auf die Anschläge reagiert. Mit der Dar Al-Ifta (dem „Haus der Rechtsprechung“) sitzt eine der höchsten Instanzen der muslimischen Rechtsprechung in Kairo. Jedoch reagierte man erst nach Erscheinen der neuen Ausgabe der „Charlie Hebdo am 14. Januar. Deren Titelbild, das erneut eine Karikatur vom Propheten Mohammed zeigt, wurde vom Dar-Al-Ifta als ein „rassistischer Akt“ gegen Muslime verurteilt. Der ägyptische Großmufti warnte, die neue Ausgabe führe zu einer neuen Welle des Hasses. Ägyptens hohe religiöse Instanz, die Al-Azhar, zu der sowohl die gleichnamige Moschee wie auch Universität gehören, bezeichnete die Titelkarikatur als „kranke Vorstellung“ und „hassvolle Sinnlosigkeit“. Man rief dazu auf, diese zu ignorieren, denn der Prophet stehe zu hoch und seine Rolle als Bringer von Menschlichkeit und Gnade sei zu groß, als dass solche Zeichnungen ihm etwas anhaben. Gleichzeitig riefen die Geistlichen der Al-Azahr die Welt auf, gegen jede Form der Bedrohung des internationalen Friedens aufzustehen. Die Reaktion der ägyptischen Geistlichen war nicht überraschend, sowohl Dar Al-Ifta wie auch die Al-Azhar haben einen gemäßigten Ruf. Es mag übertrieben sein, bei einer Karikatur von einer „Bedrohung des internationalen Friedens“ zu sprechen, aber viele ägyptische Muslime fühlen sich beleidigt. Zudem sind viele Ägypter einfach „genervt“, sich ständig für muslimische Radikale entschuldigen zu müssen. Was kann man für den Terror von Al-Quaida, ISIS oder Boko Haram?

Viel wichtiger aber als die Anschläge in Paris ist den Ägyptern die Frage, was von der „Januar-Revolution“, wie der „Arabische Frühling“ hier genannt wird, übrig geblieben ist. Die Jugend ist tief enttäuscht; die ältere Generation scheint froh zu sein, dass wieder ein „starker Mann“ an der Macht ist. Das Chaos sei beendet und Ägypten habe nun international wieder eine starke Stimme. Das Gemisch aus Angst vor dem islamischen Terror, Misstrauen gegenüber der Regierung, aber auch der Regierung gegenüber dem Volk, und der internationalen Druck ist ein gefährliches und führt zu einer angespannten und komplizierten Lage im heutigen Ägypten.

Der Brief aus Kairo erschien auch in WeltTrends Nr. 101 “Der Kurdische Knoten”.
Der Autor Marcel Bethan studierte Verwaltungswissenschaften (MA) an der Universität Potsdam. Seine Fachgebiete sind Nordafrika/Naher Osten und Sicherheitspolitik.

Bildnachweis
Bild: Titel: Abdel Fattah el-Sisi as a Field Marshal during a visit to Russia; 13. Februar 2014; Urheber: Russian Presidential Press and Information Office; Creative-Commons-Lizenz Attribution 3.0 Unported (CC BY 3.0).
Karte: Titel: Map of Egypt; Urheber: CIA – The World Factbook; Public Domain.

John Forbes Kerry, United States Secretary of State

Am 11. Januar 2015 erlebte Paris nicht nur die größte Massendemonstration seiner Geschichte, sondern auch ein Lehrstück über die Tücken symbolischer Politik. Denn neben rund 1,5 Millionen Franzosen hatten sich Spitzenpolitiker aus aller Welt im Pariser Stadtzentrum eingefunden, um an die Opfer der Anschläge auf das Satireblatt Charlie Hebdo und ein jüdisches Lebensmittelgeschäft zu erinnern. Untergehakt und in einer langen Reihe posierten unter anderem François Hollande, Angela Merkel, Benjamin Netanjahu, Mahmud Abbas und Ibrahim Keita für die Fotografen. Einer jedoch glänzte beim Auflauf der internationalen Polit-Prominenz durch Abwesenheit – US-Außenminister John Kerry. Aufgrund wichtiger Handelsgespräche mit Indien, so ließ das State Department mitteilen, sei Kerry leider verhindert – ein diplomatischer Fauxpas, der nicht nur in den Vereinigten Staaten heftig kritisiert wurde. Mit einem eilig arrangierten Solidaritätsbesuch im Élysée versuchte ein sichtlich verlegener John Kerry eine Woche später, diesen Fehler wieder auszubügeln. Auch sonst scheint es nicht ganz rund zu laufen für den hochgewachsenen Demokraten aus Massachusetts. Schon als Kerry Anfang 2013 das State Department von Hillary Clinton übernahm, galt er als „Kandidat zweiter Wahl“. Denn es war in Washington kein Geheimnis, dass Präsident Obama seine Vertraute Susan Rice als Außenministerin bevorzugt hätte. „The consensus in Washington was that Kerry was a boring if not irrelevant man stepping into what was becoming a boring, irrelevant job“, befand das US-Magazin
The Atlantic.John Kerry - St. Louis Community College 2004
Kurz nach Beginn seiner Amtszeit stürzte sich der 68. Secretary of State mit großem Einsatz in eine neue Verhandlungsrunde zwischen Israel und den Palästinensern. Nach monatelangem Hin und Her galten die Verhandlungen jedoch im Frühjahr 2014 als gescheitert, da die Regierung Netanjahu mitten in den Gesprächen den Neubau von Siedlungen in der Westbank genehmigte. Immerhin tat Kerry an diesem Punkt etwas, was seine Vorgänger sorgfältig vermieden hatten: Er wies Israel die Hauptschuld am Scheitern der Gespräche zu. Letztlich musste der langjährige Senator also wie viele Politiker vor ihm mit leeren Händen die Heimreise antreten – begleitet von verbalen Ausfällen des israelischen Verteidigungsministers Mosche Jaalon, der dem Amerikaner „unverständliche Besessenheit und messianischen Eifer“ unterstellte.
John Kerry - Rede vor dem Fulbright-Ausschuss 1971
Kerry, dem neben unerschütterlichem Selbstbewusstsein auch große Hartnäckigkeit nachgesagt wird, ließ sich von solchen Rückschlägen indes nicht irritieren. Stattdessen ging er auf Reisen und machte sich daran, seine Vorstellungen von einer activist diplomacy in die Tat umzusetzen. Gestern Jerusalem und Ramallah, heute Genf, morgen Kiew oder Moskau – John Kerry zeigte Präsenz, wann immer über die Krisenherde der Gegenwart verhandelt wurde. Freilich waren seine Vermittlungsbemühungen nur selten von Erfolg gekrönt: die Ostukraine ist von einem Waffenstillstand weit entfernt, in Teilen des Irak und Syriens hat sich der „Islamische Staat“ festgesetzt und die Syrienverhandlungen in Genf sind gescheitert. Allenfalls bei den Gesprächen über das iranische Atomprogramm gibt es zaghafte Fortschritte. Hinzu kommt, dass es Kerry trotz oder gerade wegen seiner unermüdlichen Reisetätigkeit auch im zweiten Jahr seiner Amtszeit nicht gelungen ist, ein klares Profil zu entwickeln. Außerdem haftet dem Vietnamveteranen und ehemaligem Antikriegsaktivisten seit seiner Zustimmung zur Irak-Intervention 2003 hartnäckig der Ruf an, ein außenpolitischer „Flip-Flopper“ zu sein. Gerne kritisiert wird auch sein Hang zu hochtrabenden Reden und ungeschickten Pressestatements, die seine Mitarbeiter hinterher mühsam wieder einfangen müssen. Interessanterweise lässt sich sein bislang größter diplomantischer Erfolg – die Vermittlung des Übereinkommens zur Entsorgung der syrischen Chemiewaffen in Russland – auf eine seiner (vermeintlich) unbedachten Äußerungen zurückführen.

Zugutehalten muss man Kerry, dass er innen- wie außenpolitisch unter schwierigen Bedingungen operiert. So werden außenpolitische Entscheidungen unter Präsident Obama zunehmend im Weißen Haus getroffen, während das State Department außen vor bleibt. Außerdem hat er sich unpopulären Themen wie dem Nahostkonflikt zugewandt, wo es für einen amerikanischen Außenminister traditionell wenig zu gewinnen gibt und um den seine Vorgängerin Hillary Clinton wohlweislich einen großen Bogen gemacht hatte. Optimistische Beobachter hoffen, dass Kerrys diplomatische Niederlagen eine bescheidenere, maßvolle US-Außenpolitik einleiten werden und sich damit langfristig doch noch als Erfolg erweisen. Im Augenblick bleibt von John Kerry aber eher das Bild eines erfahrenen, loyalen, seltsam getrieben wirkenden Politikers, dem bislang nicht viel gelingen will.

Der Beitrag erschien auch in WeltTrends Nr. 101 “Der Kurdische Knoten”.
Die Autorin Angela Unkrüer ist Redakteurin der Fachzeitschrift WeltTrends.

Bildnachweis
Bild 1: Titel: 2004 Democratic Presidential Candidate Senator John Kerry (D-MA) at a primary rally in St. Louis; Urheber: Thomas True; Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“.
Bild 2: Titel: John Kerry during his speech to the Fulbright Commission 1971; Gemeinfrei nach PD-USGOV.

Militarisierung Naher Osten

Der arabische Raum ist im Umbruch. Bürgerkrieg, Interventionen und wirtschaftlicher Niedergang kennzeichnen die Region. Diese Entwicklung ist auch Folge der seit den 1980er Jahren zunehmenden Militarisierung dieses Raumes. Auf die Region „Naher Osten“ entfallen über 8 Prozent der weltweiten Militärausgaben gegenüber 4,7 Prozent der Weltbevölkerung. Während die EU und Lateinamerika ihre Rüstungsausgaben senkten, steigen sie im Nahen Osten seit Mitte der 1990er Jahre deutlich an.

Militarisierung Naher Osten

Die Region am östlichen Mittelmeerraum ist hochgradig militarisiert. Israel „führt“ seit zwei Jahrzehnten den „Global Militarization Index“ fast ununterbrochen an. Dahinter finden sich Staaten wie Syrien oder Jordanien. Gleichzeitig nehmen die reichen Ölstaaten und Israel Spitzenplätze bei den Militärausgaben ein. Werden Nachbarn wie Armenien oder Griechenland mit einbezogen liegen sieben der zehn am stärksten militarisierten Staaten der Welt im Nahen Osten.

Militarisierung Naher Osten - Militärausgaben zum BIP, pro Einwohner Globaler Militarisierungsindex GMI

Im Vergleich mit Deutschland wird die umfassende Militarisierung überdeutlich. Die Staaten des Nahen Ostens haben einen überproportional hohen Anteil Militärausgaben am Staatshaushalt. Mehr als 13 Prozent werden für militärische Zwecke verschwendet (Deutschland knapp drei Prozent). Pro Einwohner geben sie das Doppelte für militärische Zwecke aus.

Militärausgaben in Prozent Staatshaushalt Ausgaben pro Einwohner Naher Osten Deutschland

Auf Grund der zugespitzten Konflikt- und Kriegslage, einer unterentwickelten Rüstungsindustrie aber hoher Erdöl-/Erdgas-Einnahmen importiert der Nahe Osten weltweit die meisten Rüstungsgüter. Der Rückgang des Importanteils am Waffenhandel von über 30 auf heute knapp 20 Prozent täuscht. Waffenlieferungen an und durch irreguläre Strukturen wie ISIS oder die syrischen Aufständischen gehen genauso wenig in die Statistik ein, wie die militärische Unterstützung Israels durch die USA.

Waffenimporte Naher Osten

Der Verfall des Ölpreises seit Herbst 2014 hat auch massive Auswirkungen auf die ökonomische Entwicklung der nur scheinbar stabilen Ölmonarchien der arabischen Halbinsel. Insbesondere für Saudi-Arabien ist es fraglich, ob der Staat bei anhaltender Niedrigpreise, seine Rüstungsausgaben beibehalten kann.

Quellen

Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI)
SIPRI – International Arms Transfer Database
SIPRI – Military Expenditure Database
Bonn International Center for ConverionGlobal Militarization Index

Die Metaanalyse erschien auch in WeltTrends Nr. 101 “Der Kurdische Knoten”.

Kunstwerk des Eintrages

Eugène Ferdinand Victor Delacroix (1798-1863)Sitzender Araber in Tanger
von http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

Delacroix Sitzender Araber in Tanger

Delacroix’s most influential work came in 1830 with the painting Liberty Leading the People , which for choice of subject and technique highlights the differences between the romantic approach and the neoclassical style. […]

In 1832, Delacroix traveled to Spain and North Africa, as part of a diplomatic mission to Morocco shortly after the French conquered Algeria. He went not primarily to study art, but to escape from the civilization of Paris, in hopes of seeing a more primitive culture. He eventually produced over 100 paintings and drawings of scenes from or based on the life of the people of North Africa, and added a new and personal chapter to the interest in Orientalism. Delacroix was entranced by the people and the costumes, and the trip would inform the subject matter of a great many of his future paintings. He believed that the North Africans, in their attire and their attitudes, provided a visual equivalent to the people of Classical Rome and Greece.
Quelle: www.eugenedelacroix.org Text Creative Commons License BY-NC-ND 3.0.

Welthunger-Index 2013

Das WHI-Konzept

Der Welthungerindex 2013 (WHI) stellt die globale Verbreitung des Hunger dar. Ziel ist es die Öffentlichkeit aufzuklären und so die Hunger-Bekämpfung zu stärken.
Der WHI besteht aus drei gleichwertige Indikatoren:
1. Unterernährung der gesamten Bevölkerung (Menge und Qualität der Ernährung)
2. Kindliche Unterernährung (unter fünf Jahren, Wachstumsstörungen bzw. Untergewicht)
3. Kindersterblichkeit (unter fünf Jahren)

Durch diese drei Dimensionen kann die gesamte Versorgung berücksichtigt werden. Ebenfalls verfälschen Messfehler weniger die Ergebnisse. Im Rahmen des Indes wurden 120 Länder betrachtet in den Hunger eine Rolle spielt und für die ausreichend Daten ermittelt werden konnten. Die WHI-Werte können anhand einer 100-Punkte-Skala verglichen werden, wobei 0 Punkte der beste (kein Hunger) und 100 Punkte der schlechteste Wert (“alle” leiden unter Hunger bzw. sind unterernährt) ist.

Hunger auf der Welt nach Ländern, WHI 2013

Globale, regionale und nationale Trends

Zwischen 2010 und 2012 waren weltweit 870 Millionen Menschen unterernährt. Dennoch liegt ein positiver Trend vor. Seit 1990 sank der WHI global betrachtet von 20,8 auf 13,8 Punkte. Aber auf regionaler Ebene sind jedoch drastische Unterschiede erkennbar. Insgesamt konnten 90 Länder ihre WHI-Werte seit 1990 senken. Die drei „erfolgreichsten“ Länder sind Kuwait, Vietnam und Thailand. Die drei „schlechtesten“ Länder liegen in Afrika südlich der Sahara. In 19 Ländern liegen die WHI-Werte immer noch bei „gravierend“ oder „sehr ernst“.

Insbesondere in zwei Regionen ist Hunger aber weiterhin endemisch.
In Südasien (v.a. Indien, Pakistan) erreichte 2013 den weltweit höchsten WHI-Wert. Soziale Ungleichheiten, schlechter Ernährungszustand, geringes Bildungsniveau und der niedrige gesellschaftliche Status der Frau sorgen dort sowohl für Mangelernährung der Kinder als auch für eine Erschwerung der Verbesserung der Werte.
Afrika südlich der Sahara konnte sich durch die Beendung der Bürgerkriege stabilisieren, Wirtschaftswachstum erzielen und Fortschritte bei der Bekämpfung von Krankheiten (v.a. AIDS) erreichen. Die Kindersterblichkeit sank und eine verbesserte gesundheitliche Versorgung liegt vor. Dennoch hat Afrika südlich der Sahara mit 19,2 Punkten den zweithöchsten WHI-Wert 2013.

Hunger nach Regionen in der Welt 1990-2013

Resilienz und Unterversorgung

Ursachen für die schlechten Werte sind oft eine Vielzahl sich verstärkende Ursachen: soziale Ungleichheiten, politische Konflikte, Naturkatastrophen … Vielmals lassen kurzfristige Krisen viele Menschen in dauerhafte Armut stürzen, weil sie keine Widerstandsfähigkeit (Resilienz) besitzen und damit ihre Vulnerabilität gegenüber diesen zu groß ist.
An dieser Stelle greift das Konzept der Resilienz. In desen Rahmen wird eine dauerhafte Existenzsicherung unterstützt und Unterversorgung bekämpft. Unterversorgung kann eine tägliche Kalorienaufnahme von weniger als 1800 Kalorien bedeuten. Darüberhinaus geht es aber auch um eine ausreichende Protein-, Vitamin- und Mineralstoffversorgung. Resilienz wird nicht nur als Rückkehr zum Ausgangszustand beschrieben. Im weiteren Verständnis ist es eine Erhöhung der Reaktionsfähigkeit auf (dauerhafte) Krisenerscheinungen, wie zum Beispiel dem Klimawandel. Diese Definition beruht auf drei Kapazitäten je nach Ausmaß der Krise:
1. Absorptionskapazität (Aufbau von “Puffern” um die Schocks zu überwinden)
2. Anpassungskapazität (selektive Anpassung an die neue Umwelt)
3. Transformationskapazität (grundlegende Veränderung der Gesellschaft)

Stärken und Herausforderungen des Resilienz- Konzeptes

Zunächst bedarf es einer Einigung über die Definition von Resilienz. Erst dann können die Akteure der Entwicklungsarbeit gemeinsam mit der Regierung Widerstandsfähigkeit als dauerhaftes politisches Ziel integrieren und die Regierung in die Entwicklung mit einbeziehen.
Weiterhin müssen Nothilfe und Entwicklungsarbeiten eng mit einander verbunden werden. Jedoch darf hier das eigentliche Ziel von Nothilfe nicht verdeckt werden. Das heißt, Nothilfe muss primär kurzfristige Unterstützung bei Krisensituationen leisten. Diese Unterstützung sollte aber dem Aufbau von dauerhafter Widerstandsfähigkeit der Menschen gegen Krisen dienen. Diese kann allerdings nur unter Berücksichtigung des Kontextes der Menschen aufgebaut werden.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Agrapolitik, da die meiste Armut in ländlichen Gebieten herrscht. In Hati zum Beispiel konnten landwirtschaftliche Maßnahmen wie die Errichtung von Bewässerungssystemen eine dauerhafte Verbesserung der Ernährungssicherheit bewirken.
Resilienz konzentriert sich dabei auf die soziale und lokale Dynamik und umfasst verschiedene Ebenen. Durch diese Komplexität ist die Etablierung sehr aufwendig. Bangladesch und Malawi sind jedoch Beispiele dafür, dass durch dieses dynamische multidimensionale Resilienz-Konzept angepasste, wirksame Lösungen gefunden werden.

Resilienz wird als Maßstab der Widerstandsfähigkeit der Menschen gegenüber Krisen betrachtet. Menschen sollten den Krisen standhalten, sie bewältigen und darüberhinaus weiterhin Fortschritte machen können. Dies kann unter Umständen auch eine radikale Veränderung der Gesellschaft bedeuten. Nur so kann der positive Trend des WHIs weiter verstärkt werden.

Quellen Welthungerreport

Greber, Headey et al.: Welthunger-Index 2013 Herausforderung Hunger – Widerstandsfähigkeit stärken, Ernährung sichern; Bonn/Washington, DC/Dublin.
Interaktive Landkarte für den Welthungerindex 2013.

Logo der bbw Hochschule
Frau Luisa Brinker studiert an der bbw Hochschule. Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kurses Grundlagen der Volkswirtschaftslehre.

Si tacuisses,…

In ihrer Kolumne kritisiert Sibylle Berg auf Spiegel Online das mangelnde Engagement “deutscher Intellektueller” im Angesicht der Bedrohung jüdischer Menschen in Europa und Deutschland als Nebenwirkung des aktuellen Krieges in Gaza. Nach dem Lesen der Kolumne kann man aber auf den Gedanken kommen, dass es vielleicht gar nicht so schlecht ist, wenn die “deutschen Intellektuellen” schweigen. Denn gerade bei einem so sensiblen Thema gilt eben nicht das Prinzip “Der Wille zählt für´s Werk”. Gerade Intellektuelle, zu denen ja durchaus auch Kolumnenschreiberinnen zählen, haben durch ihre publizistische Arbeit erheblichen Einfluss darauf, wie gesellschaftliche Probleme diskursiv aufgearbeitet werden – und da ist die Kolumne von Frau Berg nicht unbedingt hilfreich, wenn man davon ausgeht, dass Sprache nicht nur Denken ausdrückt, sondern zugleich Denken formt.

Problematisch ist schon die Kategorie der “deutschen Intellektuellen”. Wer ist denn damit gemeint? Intellektuelle die in Deutschland leben, publizieren und arbeiten oder nur Intellektuelle die in der fünfzehnten Generation einen deutschen Schäferhund oder Dackel ihr eigen nennen? Abgesehen mal von dieser Problematik erscheint mir der Vorwurf, das Intellektuelle in Deutschland die Frage des Antisemitismus nicht thematiseren würden, etwas fragwürdig. Nach landläufigem Verständnis sind Intellektuelle Menschen, die “wissenschaftlich, künstlerisch, religiös, literarisch oder journalistisch [sic!] tätig” sind, “dort ausgewiesene Kompetenzen erworben” haben “und in öffentlichen Auseinandersetzungen kritisch oder affirmativ Position” [Wikipedia] beziehen. Und nach meinem Dafürhalten ist zumindest von Journalistinnen und Journalisten in den vergangenen Wochen so einiges kritisch zu dem Thema gesagt worden – das zeigt auch schon eine kurze Suchmaschienenabfrage. Natürlich kann man über die Qualität einer Stellungnahmen streiten, doch wann kann man das nicht? So bleibt aber der Eindruck bestehen, dass für Frau Berg der Vorwurf des Schweigens der “deutschen Intellektuellen” vor allem eine rhetorische Volte ist, um den eigenen Diskursbeitrag aufzuwerten… andere “Intellektuelle” benutzen dazu mit Vorliebe den Popanz des “medialen Schweigekartells”.

Problematischer aber als die dubiose Kategorie der “deutschen Intellektuellen” und die Imaginierung deren Schweigens zum Problem des Antisemitismus ist die Basis von Frau Bergs Empörung über die aktuellen antisemitischen Vorkommnisse – ihre Empörung entspringt aus Betroffenheit und nicht aus einem Prinzip. Nun könnte man sagen, dass Betoffenheit nicht das schlechteste ist, doch wie Frau Berg mit ihrer Kolumne sehr gut, wenn auch wohl unintendiert, illustriert entspringt Betroffenheit in der Regel daraus, sich selbst im anderen wiederzuerkennen. Und die Kriterien dafür können dann doch schon sehr volatil sein, sodass das Menschsein auch schon Mal erst an dritter Stelle hinter “Nachbarn, Steuerzahler” rangieren kann – für manchen vielleicht sogar erst daraus erwächst. Noch schwerwiegender ist jedoch, dass die Betroffenheits-Empörung eben vor allem daraus entspringt, potentiell selbst betroffen sein zu können und damit das Risiko besteht, dass, wenn dieses Potential nicht besteht, es eben auch keine Empörung über Angriffe und Anfeindungen auf andere Menschen gibt. Aus diesem Grund sollte Betroffenheit immer nur der Einstieg in weitergehende Reflektionen sein, bei denen nach meinem Dafürhalten idealerweise am Ende die Erkenntnis stehen sollte, dass ich mich nicht unbedingt weitergehend in einem anderen Menschen wiedererkennen muss, sondern das sein Menschsein und grundlegenden Prinzipien der Menschlichkeit es sind, die mich mich empören lassen, wenn er oder sie als vermeintliche Repräsentanten einer Gruppe, zu deren Zugehörigkeit ihnen die Entscheidungshoheit  diskursiv entzogen ist und sie somit zumindest teilweise entindividualisiert werden, auf die eine oder andere Art und Weise angefeindet werden. Diese Abstraktionsarbeit zu leisten, ist für mich eine wichtige Aufgabe von Intellektuellen und damit auch von Journalistinnen und Journalisten und wäre es auch für Frau Berg in ihrer Kolumne gewesen. Leider hat sie diese nur ungenügend erledigt.

Auch deshalb noch eine kleine Empfehlung zum Schluss: Die Homepage des Forschungsprojekts “Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit” des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielfeld. Hier wird deutlich, dass Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Homophobie etc. jeweils konkrete Ausformungen diskursiver Reaktionen von Gruppen und Individuen auf tatsächliche oder vermeintliche gesellschaftliche Missstände sind.

Der Autor Hassan Metwally bloggt auch auf „Meine LINKE“.

Die Rückkehr des hässlichen Deutschen

Die Welt ist gerade in einer ihrer friedlichsten Phasen der Geschichte. Nirgends Krieg, Mord, Vertreibung. Es gibt einfach nirgends Probleme. Das ist natürlich absoluter Schwachsinn, aber man könnte im Anbetracht des heißdiskutierten Gaucho-Tanzes der deutschen Nationalmannschaft beim Siegerempfang vor dem Brandenburger Tor genau auf diesen Gedanken kommen. Was war da verwerfliches passiert, dass seit nun mehr als zwei Tage lang die deutsche Medienlandschaft in Atem hält?

Eigentlich nicht viel. Fünf frischgebackene Weltmeister angeführt von Miro Klose singen mehr angeschäkert als nüchtern in gebückter Haltung „So gehen die Gauchos, die Gauchos die gehen so“, um dann die Arme hochzureißen und so jubelnd wie schief „So gehen die Deutschen, die Deutschen die gehen so“ zu krakeelen. Mit Gauchos meinte man natürlich den argentinischen Finalgegner, auch wenn man seit Gerd Rubenbauers Ende als Sportreporter dieses Synonym für Argentinier kaum noch gehört hat. Damit könnte diese Geschichte zu Ende sein. Eine Randnotiz einer Siegesfeier, der man bestimmt auch viel Schlechtes vorwerfen kann. Eine dümmliche Inszenierung zum Beispiel. Peinliche Gesangseinlagen auch. Ja, selbst das Gaucho-Lied (das eigentlich gar nicht Gaucho-Lied heißt) ist so einfallslos und unlustig wie (Achtung!) alt und angestaubt. 2008 wurde der „Gaucho-Tanz“ schon mal auf der Fanmeile von der DFB-Elf intoniert. Nur mit Spanien. Also ist es eigentlich ein „Spanien-Tanz“. Oder so. Nun ja. Auch das ist eigentlich keine sonderlich interessante Geschichte. Zumindest nicht, wenn man Gesehenes und Gehörtes einzuordnen in der Lage gewesen wäre.

Leider war das nicht der Fall. Die Presse, allen voran die taz, überschlug sich und schäumte vor Wut. Ines Pohl, deren Chefredakteurin, twitterte „na nun doch noch das wahre Gesicht“. Welches sie meinte, blieb sie schuldig zu erklären. Egal, #gauchogate war geboren. Ein zweifelsohne dämliches und unkreatives Hashtag, aber da mittlerweile jeder Shitstorm mit einem –gate am Ende versehen zu müssen scheint, auch nicht sonderlich überraschend. Dann ging es Schlag auf Schlag. Spiegel Online mischte mit, der Tagesspiegel in Form von Malte Lehming, selbst die FAZ und die konservative Welt.
„Respektlosigkeit!“, wurde geschrien wie geschrieben. Oder war das schon Rassimus? Ein Superlativ jagte das nächste. Der Skandal war geboren.

Endlich ein Skandal!

Endlich, könnte man vermuten. Es ist, als hätten die Redaktionen diverser Medien Stoßgebete in den Himmel gejagt für diesen Moment der scheinbaren Entgleisung. „Hah. Wir wussten es schon immer! Das ist kein fröhlicher Partypatriotismus. Da ist er wieder der hässlicher Deutsche!“, werden sie vielleicht in den Redaktionsräumen gerufen haben. Vielleicht auch nicht. Zumindest fällt auf, dass diese 30 Sekunden dankbar aufgenommen wurden, als hätte man auf sie förmlich gewartet. Doch kaum jemand kam auf die Idee zu hinterfragen, woher das Lied kommt, warum es so viele kennen und es auch noch mitsingen und –tanzen. Das bringt einen natürlich zu der Frage, wo die schreibende Zunft und all jene, die auch ihre sehr spezielle Meinung des da Vorgefallenen haben, in den letzten Jahren waren. Vielleicht spielt das auch gar keine Geige. #gauchogate war da und nur das zählte für nicht wenige.

Es scheint, als hätte sich endlich bahngebrochen, was in vielen seit Anfang dieser WM geschlummert hat. „Seht ihr. Das ist alles kein Spaß! Fußball ist rassistisch und nationalistisch. Und wenn schon Fußball an sich nicht, dann wenigstens Deutschland! Wie kann man einen Gegner verhöhnen? Mit dieser unseren Geschichte?“
Oder so ähnlich. In der amerikanischen Presse wurde nach dem WM-Sieg spekuliert, ob die Deutschen aus ihrem permanenten Selbstzweifel und ihrer schier grenzenlosen Skepsis nicht sehr viel Kraft ziehen. Vielleicht ist da was dran. Vielleicht auch nicht. Was im Zuge von #gauchogate auffällt, ist, dass einige meinen, dass übersteigerter Selbsthass die richtige Antwort ist – inklusive Abgrenzung zu „denen“ (Deutsche, Kartoffeln, Fußballfans, hier bitte einen Wunschbegriff eintragen) und eigenem Überlegenheitsgefühl. Man hätte es schließlich schon immer gewusst und sowieso und überhaupt hätte man den Durchblick.

Was wurde vor der WM nicht vor dem so genannten Partypatriotismus gewarnt. Der sei gefährlich, weil er zu Nationalismus wird – so zumindest die Begründung. Auf Facebook entstanden extra Seiten, um die Auswüchse zu zeigen. Getreu dem Motto: Wehret den Anfängen“ und damit mit absoluter Daseinsberechtigung.
Doch dann passierte relativ wenig. Gefühlt hingen seit der WM 2006 im eigenen Land nie so wenige schwarz-rot-goldene Fahnen an Autos, in Fenstern und an Balkonen – während internationaler Fußballturniere wohl gemerkt. Alles war irgendwie so schrecklich unaufgeregt im Vergleich zu vorherigen Turnieren. Die Lose der Vorrundengruppe waren schwer. Und Deutschland ist seit jeher ein Land der Nörgler. Das Vorrundenaus kommt – da waren sich viele sicher. Dann kam alles irgendwie doch anders. Die Nationalmannschaft spielte mal schön, mal clever, mal kämpferisch. Und die Spieler selbst? Loben das Land Brasilien, die tollen Menschen, die Herzlichkeit der im Vorfeld genug geschundenen Gastgeber. Und auch die von ihr besiegten Gegner wurden in den Arm genommen, in Interviews gelobt und ermutigt. Man zeigte Verständnis. Seit dem Viertelfinale zeigte sich dann, dass die Mannschaft durchaus auch spielerisch diesen Weltmeistertitel verdient haben könnte. Und sie bot Kritikern und Selbsthassern keinerlei Angriffsfläche.

Was fehlt ist Gelassenheit – was zählt ist Selbstgerechtigkeit

Das machte einige wohl nervös. Jungpolitiker diverser Parteien warnten auf einmal vor zu viel Jubel und zu viel Deutschland – also vor denen, die dann mit ihren Steuerabgaben irgendwann deren Politikerleben finanzieren. Auf den Watch-Seiten verwischten die Grenzen zwischen wirklich widerlichem Faschismus, unreflektierten besoffenen Idioten und eigentlich harmlosem Zeug in schwarz-rot-gold.
Rassismus und Nationalismus damit erklären zu wollen, dass man feiernde Menschen in dusseliger schwarz-rot-golder Verkleidung zeigt, ist nicht sonderlich hilfreich, da widerlicher Rassismus und wirklicher Nationalismus relativiert werden. Sachliche Diskussionen darüber wurden aber kaum geführt.
Jetzt kam das Halbfinale gegen Brasilien. 7:1. Eine Demütigung nie dagewesenen Ausmaßes. Eine historische Schmach. Und die DFB-Elf? Tröstete auf dem Platz, entschuldigte sich gar für das Dargebotene und wünschte dem Gegner Glück für die Zukunft. Faireren Sportsgeist gab es lange nicht mehr. Die Mannschaft hatte Würde und spielerische Klasse bewiesen. Sie hat zudem einen Haufen demütiger Typen in ihren Reihen, die darüber hinaus großartige Fußballer von Weltrang sind. Dieser deutschen Mannschaft ab diesem Halbfinale nicht den Titelgewinn zu wünschen, war aus sportlicher wie sportsmännischer Sicht eigentlich unmöglich.

Außer für die ewigen Nörgler und Selbsthasser. Brasilien hätte den Titel verdient, weil das Land so arm ist und so voller Entbehrungen, sagten die einen. Und dieser zum Himmel stinkende Pathos vor den meisten Spielen? Nebensächlich. Und überhaupt: warum dann den Titel nicht Costa Rica geben? Oder sogar Nordkorea? Befragen wir vor WMs doch einfach weltweit Leute, wo es ihnen am gefühlt beschissensten geht und geben ihnen einen Pokal für die weltbeste Fußballmannschaft …
Dann eben Argentinien – die sind ja wirtschaftlich so arg gebeutelt, sagten die anderen. Die martialische Sprache der argentinischen Presse und das Verhöhnen des Erzrivalen aus Brasilien? Ach, nicht so wichtig.
Ist egal, wer ihn gewinnt; Hauptsache nicht Scheißdeutschland, sagten die Selbsthasser.
Ab hier zeigte sich nun wirklich, dass er doch wieder da war: der hässliche Deutsche. Nur die, die ihn überall suchten, merkten nicht, dass sie schon lange zu ihm geworden waren, bevor Miroslav Klose vor dem Brandenburger Tor mehr krächzte als sang, wie Gauchos und Deutsche denn nun so gingen.

Aber es war zu spät. Die Presse hatte ihren Skandal und viele Verzweifelte, die darauf schon vier Wochen warten mussten, konnten sich nun endlich auf die eigenen Schultern klopfen. Es zeigt sich daran allerdings weniger, dass Deutschland ein Land voller notorischer Faschos ist, sondern wohl eher, dass zu viele Leute ihre Relevanz damit zu rechtfertigen versuchen, in dem sie am lautesten schreien. Dazu noch Wörter wie Skandal, Nazi, historische Schuld und (hier beliebiges Wort einsetzen) packen und schon meint man, die Deutungshoheit über alle möglichen Sachen zu haben.
Recherche? Wozu! Sachliche Diskussion? Zwecklos, da ihr ja eh alle doof (oder respektlos oder noch besser: Nazis) seid! Und DFB-Präsident Niersbach muss sich wegen eines Allerwelts-Stadion-Liedes auch noch schriftlich entschuldigen, um die Medienmeute zu beruhigen, die wie von Tollwut getrieben immer weiter macht.

Man könnte meinen, dass Deutschland in den Stunden nach diesem „Gaucho-Tanz“ zu einem paranoiden selbstgerechten Haufen mutierte. Prompt wurde mit Bildern wahlweise marschierender deutscher Kriegsgefangener oder Nazis im Stechschritt mit der Bildunterschrift „So gehen die Deutschen“ gekontert. Das hätte alles durchaus satirischen Witz transportieren können. Es wäre mit satirischem Augenzwinkern sogar witziger gewesen als der „Gaucho-Tanz“ selbst. Zwischen den Zeilen las man aber nur Verbitterung über die eigene Nichtberücksichtigung in den letzten vier Wochen. So wie kleine Kinder manchmal sein können. Nur dass diese in den seltensten Fällen noch anmerken, dass sie es ja schon immer gewusst hätten und überhaupt und sowieso: ihr seid alle doof/Nazis/Kartoffeln/Deutsche/Partypatrioten – was auch immer. Eine Provokation der Provokation willen. Diskussion unerwünscht. Aber warum dann überhaupt diese olle Weltkriegsrhetorik? War es nicht gerade bei dieser WM positiv herauszustellen, dass die weltweite Presse so wenige Vergleiche mit Blitzkriegen und Panzern wie seit eh und je nicht mehr angestellt hat?!

Ein wahres Gesicht wofür?

Ja, tatsächlich: der hässliche Deutsche war zurück in einer Piefigkeit wie man sie sonst nur in Schrebergärten über Zäune gelehnt findet. Hier hatte er eine neue Spielwiese: das Internet. Aber vielleicht ist auch das Internet der Schlüssel des Ganzen. Bei der Jagd nach immer größeren Klickzahlen, Followern und Likes ist es vielleicht kühl berechnend wahlweise Skandale zu produzieren oder sein Fähnchen in den Wind zu hängen.

Was auch immer der wirkliche Grund sein möge: gegenüber der Nationalmannschaft ist diese oberlehrerhafte Kampagne wegen angeblicher Respektlosigkeit einfach nur daneben. Zum einen, wenn man sieht welch multikulturelle Truppe da am Dienstag auf der Bühne stand. Zum anderen, wenn man versucht vier tolle Wochen Fairness und Sportlichkeit auf 30 Sekunden Stadionliedgut runterzubrechen.
Also wer zeigte denn nun laut Ines Pohl sein wahres Gesicht? Die Mannschaft? Das ganze Land? Vielleicht sogar die Medien und all die Empörten? Und was ist dieses wahre Gesicht überhaupt? Und wieso verurteilt man Allgemeinerungen mit Allgemeinerungen?

Wenn man wirklich in sich geht, wird man erkennen, dass #gauchogate überhaupt kein Skandal ist, sondern nur um des Selbstwillens einiger weniger zu einem gemacht wurde – mangels Gelassenheit und aufgrund großer Selbstgerechtigkeit. #gauchogate erzählt damit mehr über den Zustand dieses Landes und dessen Medienlandschaft, als es sich die, die sich über diesen vermeintlichen Eklat aufregen und ihn mittragen, vorstellen.

Weitere Artikel des Autors Christian Schlodder auf e-Politik.