Das Schiff

Vom Staatsschiff zum Schleuserboot

In der Ägäis „schlingert das griechische Staatsschiff“ nach der Wahl von Ministerpräsident Alexis Tsipras ins Ungewisse, das „havarierende Staatsschiff“ Italien müsse endlich Reformen realisieren, bei der Präsidentschaftswahl im Dezember 2014 entschied sich, „wer das schwankende tunesische Staatsschiff in den nächsten fünf Jahren steuern wird“ und das russische Staatsschiff hat ein „Wendemanöver in Richtung Osten“ begonnen.

Das Schiff Europa

Das Schiff Europa. Plakat Marshall-Funds 1950.

Das Schiff ist ein beliebtes Motiv, wenn es darum geht, Macht und Herrschaft zu inszenieren. In der politischen Ikonographie gehört das Schiff sicherlich zu einem der ältesten Gegenstände. Bereits in der Antike bemühte Platon in seiner Schrift Politeia (Der Staat) das Bild vom Staatsschiff als Analogie zur Polis, die der Philosophenkönig als Kapitän sicher in den richtigen, weil sicheren Hafen lenkt. Das Schiff dient seither immer wieder der Repräsentation des Staates bzw. seiner Lenkung und symbolisiert damit auch die „Geschicke und Gefährdungen des Gemeinwesens und die Probleme seiner Steuerung.“[1] Das Schiffsmotiv lässt sich weiterdenken und auf die Bürger als Besatzung übertragen. Eine andere Position ist die des Lotsen. Mit Letzterer spielte eine der bekanntesten Karikaturen, in dem sie den Rücktritt von Reichskanzler Otto von Bismarck als Abgang vom (Staats)Schiff inszeniert (s. Historie in dieser Ausgabe). „Dropping the Pilot“, im Deutschen zumeist mit „Der Lotse geht von Bord“ übersetzt, erschien 1890 in der britischen Satirezeitschrift Punch.

Bismarck tritt zurück - Kariaktur von John Tenniel

“Der Lotse geht von Bord.” Bismarck verläßt das Staatsschiff. Karikatur von John Tenniel.

Das Motiv des Schiffes stand auch für die Erschließung politischer Einflussbereiche und gerade im Zeitalter der Entdeckungen ab dem 15. Jahrhundert für eine Expansionspolitik und die Territorialisierung sogenannter „weißer Flecken“ auf der Karte.

Die bildende Kunst hat natürlich auch das Motiv des „Schriffbruchs“ in ihrem Repertoire. In entsprechenden Gemälden stehen sich Schönheit und Schrecken gegenüber, verbunden mit der Hoffnung auf eine Stabilisierung der (politischen) Verhältnisse nach dem Sturm.

Diese bisher mit dem Schiff verknüpfte Symbolik von Souveränität scheint angesichts der aktuellen Bilder von Flüchtlingsbooten nicht mehr zu greifen. Denn die Symbolik ist plötzlich eine ganz andere. Auf überfüllten Booten dominiert das Gefühl des Ausgesetztseins in der feindlichen und unzivilisierten Sphäre des Meeres. Der Glaube der Flüchtlinge, die Tausende von Dollar für die Reise in eine unbekannte Zukunft gezahlt haben, ist, dass das Staatsschiff Europa sie aufnehmen wird. Doch aus dem Staatsschiff ist eine Festung geworden. Frontex, die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Europäischen Union, hat am 1. November 2014 die Grenzschutz-Mission Triton zur Überwachung der Küstengewässer vor Italien übernommen. Während Italien nach dem Unglück von Lampedusa eine eigene Mission (Mare Nostrum) ins Leben gerufen hatte, deren knapp einjährige Bilanz ca. 140.000 gerettete Menschenleben umfasst und Italien monatlich knapp 9 Millionen Euro kostete, will die Triton-Mission mit einem Drittel des Budgets vor allem die Grenzen sichern. Mit nun 30 statt der vorher 160 Seemeilen Reichweite der Mission steht eines fest: „Noch mehr Tote sind die absehbare Folge.“[2] Das Motiv des Staatsschiffes greift dann doch wieder: In der umgekehrten Logik sind „Schiffbrüchige die von der Ordnung des Gemeinwesens Ausgeschlossenen und Ausgestoßenen.“[3]

 cayuco approached by a spanish coast guard vessel

Flüchtlingsboot vor der spanischen Küste. Im Hintergrund ein Schiff der spanischen Küstenwache.

Der Beitrag zur Rubrik “Politik im Bilde” erschien zuerst in WeltTrends Nr. 101 “Der Kurdische Knoten”. Die Autorin Anne Klinnert ist Redakteurin der Zeitschrift WeltTrends, Politikwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin,

Leseempfehlung

Fußnoten

[1] Wolff, Vera (2011): Schiff. In: Fleckner, Uwe / Warnke, Martin / Ziegler, Hendrik (Hrsg.): Handbuch der politischen Ikonographie. Beck, München, S. 326.

[2] Pro Asyl (2014): Europas Schande. „Triton“ und „Mare Nostrum“ im Vergleich.

[3] Wolf (2011), S. 326.

Bildnachweise

Abb. 1: Economic Cooperation Administration (Behörde der US-Regierung; 1950): Werbeplakat für den Marshall Funds. Gemeinfrei – Public Domain.
Abb. 2: Tenniel, John (1890): Der Lotse geht von Bord. Punch. Gemeinfrei – Public domain.
Abb. 3: Noborder Network: Cayuco approached by a spanish coast guard vessel. Creative-Commons-Lizenz Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0).

Charlie in Ägypten?

Frankreich ist nach dem grauenvoller Anschlag auf das Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Schockstarre. Zwölf Tote, darunter auch ein muslimischer Polizist, sind nach dem Anschlag einer Al Quaida-Zelle zu beklagen. Es dauerte nicht lange, bis auch das offizielle Ägypten die Tat verurteilte. „Staatspräsident Abdel Fattah al-Sissi verurteilt den Angriff auf das französische Magazin Charlie Hebdo und fordert koordinierte internationale Anstrengungen zum Kampf gegen den Terrorismus.“ hieß es aus dem ägyptischen Präsidentenpalast. Dazu sei ergänzt, dass die ägyptische Regierung schon seit längerer Zeit, und ohne größere Hilfe aus dem Ausland, zwei terroristische Vereinigungen bekämpft: Zum einen Ansar Beit Al-Maqdis, die sich ISIS anschlossen hat und sich seit dem „State of Sinai“ nennt. Und zum anderen die Muslimbrüder, denen Anschläge auf Sicherheitskräfte in Kairo vorgeworfen werden.

Ägyptischer Staatspräsident Abdel Fattah al-Sissi in Russland 2014

Abdel Fattah al-Sissi Staatsbesuch in Russland 2014

Gegen beide Organisationen wird mit harter Hand vorgegangen, sehr zum Unmut der USA, die seit der Absetzung Morsis ihre Unterstützung so gut wie eingestellt haben, und unter massiver Kritik der EU. Kairo will die Anerkennung des Kampfes gegen die Muslimbrüder als Anti-Terrorkampf und wehrt sich gegen die Wahrnehmung im Westen, es sei ein Krieg gegen einen Teil der Bevölkerung. Dass Massenverurteilungen und Todesurteile zu kritisieren sind, steht außer Frage und ob die Justiz so frei ist, wie Innenministerium und Präsidentenpalast behaupten, ist mehr als diskutabel. Allerdings sitzt die Angst, die Kontrolle über das eigene Staatsgebiet zu verlieren, sehr tief. Man fürchtet so wie Syrien zu enden. Kein Ägypter will, dass US-amerikanische Flugzeuge auf dem Sinai Angriffe fliegen oder gar den Suez-Kanal „schützen“, weil sich die Halbinsel zu einem Rückzugsort für ISIS-Kämpfer entwickelt hat.

Karte Ägyptens

Karte Ägypten

Ägypten hat jedoch nicht nur politisch auf die Anschläge reagiert. Mit der Dar Al-Ifta (dem „Haus der Rechtsprechung“) sitzt eine der höchsten Instanzen der muslimischen Rechtsprechung in Kairo. Jedoch reagierte man erst nach Erscheinen der neuen Ausgabe der „Charlie Hebdo am 14. Januar. Deren Titelbild, das erneut eine Karikatur vom Propheten Mohammed zeigt, wurde vom Dar-Al-Ifta als ein „rassistischer Akt“ gegen Muslime verurteilt. Der ägyptische Großmufti warnte, die neue Ausgabe führe zu einer neuen Welle des Hasses. Ägyptens hohe religiöse Instanz, die Al-Azhar, zu der sowohl die gleichnamige Moschee wie auch Universität gehören, bezeichnete die Titelkarikatur als „kranke Vorstellung“ und „hassvolle Sinnlosigkeit“. Man rief dazu auf, diese zu ignorieren, denn der Prophet stehe zu hoch und seine Rolle als Bringer von Menschlichkeit und Gnade sei zu groß, als dass solche Zeichnungen ihm etwas anhaben. Gleichzeitig riefen die Geistlichen der Al-Azahr die Welt auf, gegen jede Form der Bedrohung des internationalen Friedens aufzustehen. Die Reaktion der ägyptischen Geistlichen war nicht überraschend, sowohl Dar Al-Ifta wie auch die Al-Azhar haben einen gemäßigten Ruf. Es mag übertrieben sein, bei einer Karikatur von einer „Bedrohung des internationalen Friedens“ zu sprechen, aber viele ägyptische Muslime fühlen sich beleidigt. Zudem sind viele Ägypter einfach „genervt“, sich ständig für muslimische Radikale entschuldigen zu müssen. Was kann man für den Terror von Al-Quaida, ISIS oder Boko Haram?

Viel wichtiger aber als die Anschläge in Paris ist den Ägyptern die Frage, was von der „Januar-Revolution“, wie der „Arabische Frühling“ hier genannt wird, übrig geblieben ist. Die Jugend ist tief enttäuscht; die ältere Generation scheint froh zu sein, dass wieder ein „starker Mann“ an der Macht ist. Das Chaos sei beendet und Ägypten habe nun international wieder eine starke Stimme. Das Gemisch aus Angst vor dem islamischen Terror, Misstrauen gegenüber der Regierung, aber auch der Regierung gegenüber dem Volk, und der internationalen Druck ist ein gefährliches und führt zu einer angespannten und komplizierten Lage im heutigen Ägypten.

Der Brief aus Kairo erschien auch in WeltTrends Nr. 101 “Der Kurdische Knoten”.
Der Autor Marcel Bethan studierte Verwaltungswissenschaften (MA) an der Universität Potsdam. Seine Fachgebiete sind Nordafrika/Naher Osten und Sicherheitspolitik.

Bildnachweis
Bild: Titel: Abdel Fattah el-Sisi as a Field Marshal during a visit to Russia; 13. Februar 2014; Urheber: Russian Presidential Press and Information Office; Creative-Commons-Lizenz Attribution 3.0 Unported (CC BY 3.0).
Karte: Titel: Map of Egypt; Urheber: CIA – The World Factbook; Public Domain.

John Forbes Kerry, United States Secretary of State

Am 11. Januar 2015 erlebte Paris nicht nur die größte Massendemonstration seiner Geschichte, sondern auch ein Lehrstück über die Tücken symbolischer Politik. Denn neben rund 1,5 Millionen Franzosen hatten sich Spitzenpolitiker aus aller Welt im Pariser Stadtzentrum eingefunden, um an die Opfer der Anschläge auf das Satireblatt Charlie Hebdo und ein jüdisches Lebensmittelgeschäft zu erinnern. Untergehakt und in einer langen Reihe posierten unter anderem François Hollande, Angela Merkel, Benjamin Netanjahu, Mahmud Abbas und Ibrahim Keita für die Fotografen. Einer jedoch glänzte beim Auflauf der internationalen Polit-Prominenz durch Abwesenheit – US-Außenminister John Kerry. Aufgrund wichtiger Handelsgespräche mit Indien, so ließ das State Department mitteilen, sei Kerry leider verhindert – ein diplomatischer Fauxpas, der nicht nur in den Vereinigten Staaten heftig kritisiert wurde. Mit einem eilig arrangierten Solidaritätsbesuch im Élysée versuchte ein sichtlich verlegener John Kerry eine Woche später, diesen Fehler wieder auszubügeln. Auch sonst scheint es nicht ganz rund zu laufen für den hochgewachsenen Demokraten aus Massachusetts. Schon als Kerry Anfang 2013 das State Department von Hillary Clinton übernahm, galt er als „Kandidat zweiter Wahl“. Denn es war in Washington kein Geheimnis, dass Präsident Obama seine Vertraute Susan Rice als Außenministerin bevorzugt hätte. „The consensus in Washington was that Kerry was a boring if not irrelevant man stepping into what was becoming a boring, irrelevant job“, befand das US-Magazin
The Atlantic.John Kerry - St. Louis Community College 2004
Kurz nach Beginn seiner Amtszeit stürzte sich der 68. Secretary of State mit großem Einsatz in eine neue Verhandlungsrunde zwischen Israel und den Palästinensern. Nach monatelangem Hin und Her galten die Verhandlungen jedoch im Frühjahr 2014 als gescheitert, da die Regierung Netanjahu mitten in den Gesprächen den Neubau von Siedlungen in der Westbank genehmigte. Immerhin tat Kerry an diesem Punkt etwas, was seine Vorgänger sorgfältig vermieden hatten: Er wies Israel die Hauptschuld am Scheitern der Gespräche zu. Letztlich musste der langjährige Senator also wie viele Politiker vor ihm mit leeren Händen die Heimreise antreten – begleitet von verbalen Ausfällen des israelischen Verteidigungsministers Mosche Jaalon, der dem Amerikaner „unverständliche Besessenheit und messianischen Eifer“ unterstellte.
John Kerry - Rede vor dem Fulbright-Ausschuss 1971
Kerry, dem neben unerschütterlichem Selbstbewusstsein auch große Hartnäckigkeit nachgesagt wird, ließ sich von solchen Rückschlägen indes nicht irritieren. Stattdessen ging er auf Reisen und machte sich daran, seine Vorstellungen von einer activist diplomacy in die Tat umzusetzen. Gestern Jerusalem und Ramallah, heute Genf, morgen Kiew oder Moskau – John Kerry zeigte Präsenz, wann immer über die Krisenherde der Gegenwart verhandelt wurde. Freilich waren seine Vermittlungsbemühungen nur selten von Erfolg gekrönt: die Ostukraine ist von einem Waffenstillstand weit entfernt, in Teilen des Irak und Syriens hat sich der „Islamische Staat“ festgesetzt und die Syrienverhandlungen in Genf sind gescheitert. Allenfalls bei den Gesprächen über das iranische Atomprogramm gibt es zaghafte Fortschritte. Hinzu kommt, dass es Kerry trotz oder gerade wegen seiner unermüdlichen Reisetätigkeit auch im zweiten Jahr seiner Amtszeit nicht gelungen ist, ein klares Profil zu entwickeln. Außerdem haftet dem Vietnamveteranen und ehemaligem Antikriegsaktivisten seit seiner Zustimmung zur Irak-Intervention 2003 hartnäckig der Ruf an, ein außenpolitischer „Flip-Flopper“ zu sein. Gerne kritisiert wird auch sein Hang zu hochtrabenden Reden und ungeschickten Pressestatements, die seine Mitarbeiter hinterher mühsam wieder einfangen müssen. Interessanterweise lässt sich sein bislang größter diplomantischer Erfolg – die Vermittlung des Übereinkommens zur Entsorgung der syrischen Chemiewaffen in Russland – auf eine seiner (vermeintlich) unbedachten Äußerungen zurückführen.

Zugutehalten muss man Kerry, dass er innen- wie außenpolitisch unter schwierigen Bedingungen operiert. So werden außenpolitische Entscheidungen unter Präsident Obama zunehmend im Weißen Haus getroffen, während das State Department außen vor bleibt. Außerdem hat er sich unpopulären Themen wie dem Nahostkonflikt zugewandt, wo es für einen amerikanischen Außenminister traditionell wenig zu gewinnen gibt und um den seine Vorgängerin Hillary Clinton wohlweislich einen großen Bogen gemacht hatte. Optimistische Beobachter hoffen, dass Kerrys diplomatische Niederlagen eine bescheidenere, maßvolle US-Außenpolitik einleiten werden und sich damit langfristig doch noch als Erfolg erweisen. Im Augenblick bleibt von John Kerry aber eher das Bild eines erfahrenen, loyalen, seltsam getrieben wirkenden Politikers, dem bislang nicht viel gelingen will.

Der Beitrag erschien auch in WeltTrends Nr. 101 “Der Kurdische Knoten”.
Die Autorin Angela Unkrüer ist Redakteurin der Fachzeitschrift WeltTrends.

Bildnachweis
Bild 1: Titel: 2004 Democratic Presidential Candidate Senator John Kerry (D-MA) at a primary rally in St. Louis; Urheber: Thomas True; Creative-Commons-Lizenz „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“.
Bild 2: Titel: John Kerry during his speech to the Fulbright Commission 1971; Gemeinfrei nach PD-USGOV.

Militarisierung Naher Osten

Der arabische Raum ist im Umbruch. Bürgerkrieg, Interventionen und wirtschaftlicher Niedergang kennzeichnen die Region. Diese Entwicklung ist auch Folge der seit den 1980er Jahren zunehmenden Militarisierung dieses Raumes. Auf die Region „Naher Osten“ entfallen über 8 Prozent der weltweiten Militärausgaben gegenüber 4,7 Prozent der Weltbevölkerung. Während die EU und Lateinamerika ihre Rüstungsausgaben senkten, steigen sie im Nahen Osten seit Mitte der 1990er Jahre deutlich an.

Militarisierung Naher Osten

Die Region am östlichen Mittelmeerraum ist hochgradig militarisiert. Israel „führt“ seit zwei Jahrzehnten den „Global Militarization Index“ fast ununterbrochen an. Dahinter finden sich Staaten wie Syrien oder Jordanien. Gleichzeitig nehmen die reichen Ölstaaten und Israel Spitzenplätze bei den Militärausgaben ein. Werden Nachbarn wie Armenien oder Griechenland mit einbezogen liegen sieben der zehn am stärksten militarisierten Staaten der Welt im Nahen Osten.

Militarisierung Naher Osten - Militärausgaben zum BIP, pro Einwohner Globaler Militarisierungsindex GMI

Im Vergleich mit Deutschland wird die umfassende Militarisierung überdeutlich. Die Staaten des Nahen Ostens haben einen überproportional hohen Anteil Militärausgaben am Staatshaushalt. Mehr als 13 Prozent werden für militärische Zwecke verschwendet (Deutschland knapp drei Prozent). Pro Einwohner geben sie das Doppelte für militärische Zwecke aus.

Militärausgaben in Prozent Staatshaushalt Ausgaben pro Einwohner Naher Osten Deutschland

Auf Grund der zugespitzten Konflikt- und Kriegslage, einer unterentwickelten Rüstungsindustrie aber hoher Erdöl-/Erdgas-Einnahmen importiert der Nahe Osten weltweit die meisten Rüstungsgüter. Der Rückgang des Importanteils am Waffenhandel von über 30 auf heute knapp 20 Prozent täuscht. Waffenlieferungen an und durch irreguläre Strukturen wie ISIS oder die syrischen Aufständischen gehen genauso wenig in die Statistik ein, wie die militärische Unterstützung Israels durch die USA.

Waffenimporte Naher Osten

Der Verfall des Ölpreises seit Herbst 2014 hat auch massive Auswirkungen auf die ökonomische Entwicklung der nur scheinbar stabilen Ölmonarchien der arabischen Halbinsel. Insbesondere für Saudi-Arabien ist es fraglich, ob der Staat bei anhaltender Niedrigpreise, seine Rüstungsausgaben beibehalten kann.

Quellen

Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI)
SIPRI – International Arms Transfer Database
SIPRI – Military Expenditure Database
Bonn International Center for ConverionGlobal Militarization Index

Die Metaanalyse erschien auch in WeltTrends Nr. 101 “Der Kurdische Knoten”.

Kunstwerk des Eintrages

Eugène Ferdinand Victor Delacroix (1798-1863)Sitzender Araber in Tanger
von http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

Delacroix Sitzender Araber in Tanger

Delacroix’s most influential work came in 1830 with the painting Liberty Leading the People , which for choice of subject and technique highlights the differences between the romantic approach and the neoclassical style. […]

In 1832, Delacroix traveled to Spain and North Africa, as part of a diplomatic mission to Morocco shortly after the French conquered Algeria. He went not primarily to study art, but to escape from the civilization of Paris, in hopes of seeing a more primitive culture. He eventually produced over 100 paintings and drawings of scenes from or based on the life of the people of North Africa, and added a new and personal chapter to the interest in Orientalism. Delacroix was entranced by the people and the costumes, and the trip would inform the subject matter of a great many of his future paintings. He believed that the North Africans, in their attire and their attitudes, provided a visual equivalent to the people of Classical Rome and Greece.
Quelle: www.eugenedelacroix.org Text Creative Commons License BY-NC-ND 3.0.

Welthunger-Index 2013

Das WHI-Konzept

Der Welthungerindex 2013 (WHI) stellt die globale Verbreitung des Hunger dar. Ziel ist es die Öffentlichkeit aufzuklären und so die Hunger-Bekämpfung zu stärken.
Der WHI besteht aus drei gleichwertige Indikatoren:
1. Unterernährung der gesamten Bevölkerung (Menge und Qualität der Ernährung)
2. Kindliche Unterernährung (unter fünf Jahren, Wachstumsstörungen bzw. Untergewicht)
3. Kindersterblichkeit (unter fünf Jahren)

Durch diese drei Dimensionen kann die gesamte Versorgung berücksichtigt werden. Ebenfalls verfälschen Messfehler weniger die Ergebnisse. Im Rahmen des Indes wurden 120 Länder betrachtet in den Hunger eine Rolle spielt und für die ausreichend Daten ermittelt werden konnten. Die WHI-Werte können anhand einer 100-Punkte-Skala verglichen werden, wobei 0 Punkte der beste (kein Hunger) und 100 Punkte der schlechteste Wert (“alle” leiden unter Hunger bzw. sind unterernährt) ist.

Hunger auf der Welt nach Ländern, WHI 2013

Globale, regionale und nationale Trends

Zwischen 2010 und 2012 waren weltweit 870 Millionen Menschen unterernährt. Dennoch liegt ein positiver Trend vor. Seit 1990 sank der WHI global betrachtet von 20,8 auf 13,8 Punkte. Aber auf regionaler Ebene sind jedoch drastische Unterschiede erkennbar. Insgesamt konnten 90 Länder ihre WHI-Werte seit 1990 senken. Die drei „erfolgreichsten“ Länder sind Kuwait, Vietnam und Thailand. Die drei „schlechtesten“ Länder liegen in Afrika südlich der Sahara. In 19 Ländern liegen die WHI-Werte immer noch bei „gravierend“ oder „sehr ernst“.

Insbesondere in zwei Regionen ist Hunger aber weiterhin endemisch.
In Südasien (v.a. Indien, Pakistan) erreichte 2013 den weltweit höchsten WHI-Wert. Soziale Ungleichheiten, schlechter Ernährungszustand, geringes Bildungsniveau und der niedrige gesellschaftliche Status der Frau sorgen dort sowohl für Mangelernährung der Kinder als auch für eine Erschwerung der Verbesserung der Werte.
Afrika südlich der Sahara konnte sich durch die Beendung der Bürgerkriege stabilisieren, Wirtschaftswachstum erzielen und Fortschritte bei der Bekämpfung von Krankheiten (v.a. AIDS) erreichen. Die Kindersterblichkeit sank und eine verbesserte gesundheitliche Versorgung liegt vor. Dennoch hat Afrika südlich der Sahara mit 19,2 Punkten den zweithöchsten WHI-Wert 2013.

Hunger nach Regionen in der Welt 1990-2013

Resilienz und Unterversorgung

Ursachen für die schlechten Werte sind oft eine Vielzahl sich verstärkende Ursachen: soziale Ungleichheiten, politische Konflikte, Naturkatastrophen … Vielmals lassen kurzfristige Krisen viele Menschen in dauerhafte Armut stürzen, weil sie keine Widerstandsfähigkeit (Resilienz) besitzen und damit ihre Vulnerabilität gegenüber diesen zu groß ist.
An dieser Stelle greift das Konzept der Resilienz. In desen Rahmen wird eine dauerhafte Existenzsicherung unterstützt und Unterversorgung bekämpft. Unterversorgung kann eine tägliche Kalorienaufnahme von weniger als 1800 Kalorien bedeuten. Darüberhinaus geht es aber auch um eine ausreichende Protein-, Vitamin- und Mineralstoffversorgung. Resilienz wird nicht nur als Rückkehr zum Ausgangszustand beschrieben. Im weiteren Verständnis ist es eine Erhöhung der Reaktionsfähigkeit auf (dauerhafte) Krisenerscheinungen, wie zum Beispiel dem Klimawandel. Diese Definition beruht auf drei Kapazitäten je nach Ausmaß der Krise:
1. Absorptionskapazität (Aufbau von “Puffern” um die Schocks zu überwinden)
2. Anpassungskapazität (selektive Anpassung an die neue Umwelt)
3. Transformationskapazität (grundlegende Veränderung der Gesellschaft)

Stärken und Herausforderungen des Resilienz- Konzeptes

Zunächst bedarf es einer Einigung über die Definition von Resilienz. Erst dann können die Akteure der Entwicklungsarbeit gemeinsam mit der Regierung Widerstandsfähigkeit als dauerhaftes politisches Ziel integrieren und die Regierung in die Entwicklung mit einbeziehen.
Weiterhin müssen Nothilfe und Entwicklungsarbeiten eng mit einander verbunden werden. Jedoch darf hier das eigentliche Ziel von Nothilfe nicht verdeckt werden. Das heißt, Nothilfe muss primär kurzfristige Unterstützung bei Krisensituationen leisten. Diese Unterstützung sollte aber dem Aufbau von dauerhafter Widerstandsfähigkeit der Menschen gegen Krisen dienen. Diese kann allerdings nur unter Berücksichtigung des Kontextes der Menschen aufgebaut werden.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Agrapolitik, da die meiste Armut in ländlichen Gebieten herrscht. In Hati zum Beispiel konnten landwirtschaftliche Maßnahmen wie die Errichtung von Bewässerungssystemen eine dauerhafte Verbesserung der Ernährungssicherheit bewirken.
Resilienz konzentriert sich dabei auf die soziale und lokale Dynamik und umfasst verschiedene Ebenen. Durch diese Komplexität ist die Etablierung sehr aufwendig. Bangladesch und Malawi sind jedoch Beispiele dafür, dass durch dieses dynamische multidimensionale Resilienz-Konzept angepasste, wirksame Lösungen gefunden werden.

Resilienz wird als Maßstab der Widerstandsfähigkeit der Menschen gegenüber Krisen betrachtet. Menschen sollten den Krisen standhalten, sie bewältigen und darüberhinaus weiterhin Fortschritte machen können. Dies kann unter Umständen auch eine radikale Veränderung der Gesellschaft bedeuten. Nur so kann der positive Trend des WHIs weiter verstärkt werden.

Quellen Welthungerreport

Greber, Headey et al.: Welthunger-Index 2013 Herausforderung Hunger – Widerstandsfähigkeit stärken, Ernährung sichern; Bonn/Washington, DC/Dublin.
Interaktive Landkarte für den Welthungerindex 2013.

Logo der bbw Hochschule
Frau Luisa Brinker studiert an der bbw Hochschule. Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kurses Grundlagen der Volkswirtschaftslehre.

Si tacuisses,…

In ihrer Kolumne kritisiert Sibylle Berg auf Spiegel Online das mangelnde Engagement “deutscher Intellektueller” im Angesicht der Bedrohung jüdischer Menschen in Europa und Deutschland als Nebenwirkung des aktuellen Krieges in Gaza. Nach dem Lesen der Kolumne kann man aber auf den Gedanken kommen, dass es vielleicht gar nicht so schlecht ist, wenn die “deutschen Intellektuellen” schweigen. Denn gerade bei einem so sensiblen Thema gilt eben nicht das Prinzip “Der Wille zählt für´s Werk”. Gerade Intellektuelle, zu denen ja durchaus auch Kolumnenschreiberinnen zählen, haben durch ihre publizistische Arbeit erheblichen Einfluss darauf, wie gesellschaftliche Probleme diskursiv aufgearbeitet werden – und da ist die Kolumne von Frau Berg nicht unbedingt hilfreich, wenn man davon ausgeht, dass Sprache nicht nur Denken ausdrückt, sondern zugleich Denken formt.

Problematisch ist schon die Kategorie der “deutschen Intellektuellen”. Wer ist denn damit gemeint? Intellektuelle die in Deutschland leben, publizieren und arbeiten oder nur Intellektuelle die in der fünfzehnten Generation einen deutschen Schäferhund oder Dackel ihr eigen nennen? Abgesehen mal von dieser Problematik erscheint mir der Vorwurf, das Intellektuelle in Deutschland die Frage des Antisemitismus nicht thematiseren würden, etwas fragwürdig. Nach landläufigem Verständnis sind Intellektuelle Menschen, die “wissenschaftlich, künstlerisch, religiös, literarisch oder journalistisch [sic!] tätig” sind, “dort ausgewiesene Kompetenzen erworben” haben “und in öffentlichen Auseinandersetzungen kritisch oder affirmativ Position” [Wikipedia] beziehen. Und nach meinem Dafürhalten ist zumindest von Journalistinnen und Journalisten in den vergangenen Wochen so einiges kritisch zu dem Thema gesagt worden – das zeigt auch schon eine kurze Suchmaschienenabfrage. Natürlich kann man über die Qualität einer Stellungnahmen streiten, doch wann kann man das nicht? So bleibt aber der Eindruck bestehen, dass für Frau Berg der Vorwurf des Schweigens der “deutschen Intellektuellen” vor allem eine rhetorische Volte ist, um den eigenen Diskursbeitrag aufzuwerten… andere “Intellektuelle” benutzen dazu mit Vorliebe den Popanz des “medialen Schweigekartells”.

Problematischer aber als die dubiose Kategorie der “deutschen Intellektuellen” und die Imaginierung deren Schweigens zum Problem des Antisemitismus ist die Basis von Frau Bergs Empörung über die aktuellen antisemitischen Vorkommnisse – ihre Empörung entspringt aus Betroffenheit und nicht aus einem Prinzip. Nun könnte man sagen, dass Betoffenheit nicht das schlechteste ist, doch wie Frau Berg mit ihrer Kolumne sehr gut, wenn auch wohl unintendiert, illustriert entspringt Betroffenheit in der Regel daraus, sich selbst im anderen wiederzuerkennen. Und die Kriterien dafür können dann doch schon sehr volatil sein, sodass das Menschsein auch schon Mal erst an dritter Stelle hinter “Nachbarn, Steuerzahler” rangieren kann – für manchen vielleicht sogar erst daraus erwächst. Noch schwerwiegender ist jedoch, dass die Betroffenheits-Empörung eben vor allem daraus entspringt, potentiell selbst betroffen sein zu können und damit das Risiko besteht, dass, wenn dieses Potential nicht besteht, es eben auch keine Empörung über Angriffe und Anfeindungen auf andere Menschen gibt. Aus diesem Grund sollte Betroffenheit immer nur der Einstieg in weitergehende Reflektionen sein, bei denen nach meinem Dafürhalten idealerweise am Ende die Erkenntnis stehen sollte, dass ich mich nicht unbedingt weitergehend in einem anderen Menschen wiedererkennen muss, sondern das sein Menschsein und grundlegenden Prinzipien der Menschlichkeit es sind, die mich mich empören lassen, wenn er oder sie als vermeintliche Repräsentanten einer Gruppe, zu deren Zugehörigkeit ihnen die Entscheidungshoheit  diskursiv entzogen ist und sie somit zumindest teilweise entindividualisiert werden, auf die eine oder andere Art und Weise angefeindet werden. Diese Abstraktionsarbeit zu leisten, ist für mich eine wichtige Aufgabe von Intellektuellen und damit auch von Journalistinnen und Journalisten und wäre es auch für Frau Berg in ihrer Kolumne gewesen. Leider hat sie diese nur ungenügend erledigt.

Auch deshalb noch eine kleine Empfehlung zum Schluss: Die Homepage des Forschungsprojekts “Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit” des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielfeld. Hier wird deutlich, dass Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Homophobie etc. jeweils konkrete Ausformungen diskursiver Reaktionen von Gruppen und Individuen auf tatsächliche oder vermeintliche gesellschaftliche Missstände sind.

Der Autor Hassan Metwally bloggt auch auf „Meine LINKE“.

Die Rückkehr des hässlichen Deutschen

Die Welt ist gerade in einer ihrer friedlichsten Phasen der Geschichte. Nirgends Krieg, Mord, Vertreibung. Es gibt einfach nirgends Probleme. Das ist natürlich absoluter Schwachsinn, aber man könnte im Anbetracht des heißdiskutierten Gaucho-Tanzes der deutschen Nationalmannschaft beim Siegerempfang vor dem Brandenburger Tor genau auf diesen Gedanken kommen. Was war da verwerfliches passiert, dass seit nun mehr als zwei Tage lang die deutsche Medienlandschaft in Atem hält?

Eigentlich nicht viel. Fünf frischgebackene Weltmeister angeführt von Miro Klose singen mehr angeschäkert als nüchtern in gebückter Haltung „So gehen die Gauchos, die Gauchos die gehen so“, um dann die Arme hochzureißen und so jubelnd wie schief „So gehen die Deutschen, die Deutschen die gehen so“ zu krakeelen. Mit Gauchos meinte man natürlich den argentinischen Finalgegner, auch wenn man seit Gerd Rubenbauers Ende als Sportreporter dieses Synonym für Argentinier kaum noch gehört hat. Damit könnte diese Geschichte zu Ende sein. Eine Randnotiz einer Siegesfeier, der man bestimmt auch viel Schlechtes vorwerfen kann. Eine dümmliche Inszenierung zum Beispiel. Peinliche Gesangseinlagen auch. Ja, selbst das Gaucho-Lied (das eigentlich gar nicht Gaucho-Lied heißt) ist so einfallslos und unlustig wie (Achtung!) alt und angestaubt. 2008 wurde der „Gaucho-Tanz“ schon mal auf der Fanmeile von der DFB-Elf intoniert. Nur mit Spanien. Also ist es eigentlich ein „Spanien-Tanz“. Oder so. Nun ja. Auch das ist eigentlich keine sonderlich interessante Geschichte. Zumindest nicht, wenn man Gesehenes und Gehörtes einzuordnen in der Lage gewesen wäre.

Leider war das nicht der Fall. Die Presse, allen voran die taz, überschlug sich und schäumte vor Wut. Ines Pohl, deren Chefredakteurin, twitterte „na nun doch noch das wahre Gesicht“. Welches sie meinte, blieb sie schuldig zu erklären. Egal, #gauchogate war geboren. Ein zweifelsohne dämliches und unkreatives Hashtag, aber da mittlerweile jeder Shitstorm mit einem –gate am Ende versehen zu müssen scheint, auch nicht sonderlich überraschend. Dann ging es Schlag auf Schlag. Spiegel Online mischte mit, der Tagesspiegel in Form von Malte Lehming, selbst die FAZ und die konservative Welt.
„Respektlosigkeit!“, wurde geschrien wie geschrieben. Oder war das schon Rassimus? Ein Superlativ jagte das nächste. Der Skandal war geboren.

Endlich ein Skandal!

Endlich, könnte man vermuten. Es ist, als hätten die Redaktionen diverser Medien Stoßgebete in den Himmel gejagt für diesen Moment der scheinbaren Entgleisung. „Hah. Wir wussten es schon immer! Das ist kein fröhlicher Partypatriotismus. Da ist er wieder der hässlicher Deutsche!“, werden sie vielleicht in den Redaktionsräumen gerufen haben. Vielleicht auch nicht. Zumindest fällt auf, dass diese 30 Sekunden dankbar aufgenommen wurden, als hätte man auf sie förmlich gewartet. Doch kaum jemand kam auf die Idee zu hinterfragen, woher das Lied kommt, warum es so viele kennen und es auch noch mitsingen und –tanzen. Das bringt einen natürlich zu der Frage, wo die schreibende Zunft und all jene, die auch ihre sehr spezielle Meinung des da Vorgefallenen haben, in den letzten Jahren waren. Vielleicht spielt das auch gar keine Geige. #gauchogate war da und nur das zählte für nicht wenige.

Es scheint, als hätte sich endlich bahngebrochen, was in vielen seit Anfang dieser WM geschlummert hat. „Seht ihr. Das ist alles kein Spaß! Fußball ist rassistisch und nationalistisch. Und wenn schon Fußball an sich nicht, dann wenigstens Deutschland! Wie kann man einen Gegner verhöhnen? Mit dieser unseren Geschichte?“
Oder so ähnlich. In der amerikanischen Presse wurde nach dem WM-Sieg spekuliert, ob die Deutschen aus ihrem permanenten Selbstzweifel und ihrer schier grenzenlosen Skepsis nicht sehr viel Kraft ziehen. Vielleicht ist da was dran. Vielleicht auch nicht. Was im Zuge von #gauchogate auffällt, ist, dass einige meinen, dass übersteigerter Selbsthass die richtige Antwort ist – inklusive Abgrenzung zu „denen“ (Deutsche, Kartoffeln, Fußballfans, hier bitte einen Wunschbegriff eintragen) und eigenem Überlegenheitsgefühl. Man hätte es schließlich schon immer gewusst und sowieso und überhaupt hätte man den Durchblick.

Was wurde vor der WM nicht vor dem so genannten Partypatriotismus gewarnt. Der sei gefährlich, weil er zu Nationalismus wird – so zumindest die Begründung. Auf Facebook entstanden extra Seiten, um die Auswüchse zu zeigen. Getreu dem Motto: Wehret den Anfängen“ und damit mit absoluter Daseinsberechtigung.
Doch dann passierte relativ wenig. Gefühlt hingen seit der WM 2006 im eigenen Land nie so wenige schwarz-rot-goldene Fahnen an Autos, in Fenstern und an Balkonen – während internationaler Fußballturniere wohl gemerkt. Alles war irgendwie so schrecklich unaufgeregt im Vergleich zu vorherigen Turnieren. Die Lose der Vorrundengruppe waren schwer. Und Deutschland ist seit jeher ein Land der Nörgler. Das Vorrundenaus kommt – da waren sich viele sicher. Dann kam alles irgendwie doch anders. Die Nationalmannschaft spielte mal schön, mal clever, mal kämpferisch. Und die Spieler selbst? Loben das Land Brasilien, die tollen Menschen, die Herzlichkeit der im Vorfeld genug geschundenen Gastgeber. Und auch die von ihr besiegten Gegner wurden in den Arm genommen, in Interviews gelobt und ermutigt. Man zeigte Verständnis. Seit dem Viertelfinale zeigte sich dann, dass die Mannschaft durchaus auch spielerisch diesen Weltmeistertitel verdient haben könnte. Und sie bot Kritikern und Selbsthassern keinerlei Angriffsfläche.

Was fehlt ist Gelassenheit – was zählt ist Selbstgerechtigkeit

Das machte einige wohl nervös. Jungpolitiker diverser Parteien warnten auf einmal vor zu viel Jubel und zu viel Deutschland – also vor denen, die dann mit ihren Steuerabgaben irgendwann deren Politikerleben finanzieren. Auf den Watch-Seiten verwischten die Grenzen zwischen wirklich widerlichem Faschismus, unreflektierten besoffenen Idioten und eigentlich harmlosem Zeug in schwarz-rot-gold.
Rassismus und Nationalismus damit erklären zu wollen, dass man feiernde Menschen in dusseliger schwarz-rot-golder Verkleidung zeigt, ist nicht sonderlich hilfreich, da widerlicher Rassismus und wirklicher Nationalismus relativiert werden. Sachliche Diskussionen darüber wurden aber kaum geführt.
Jetzt kam das Halbfinale gegen Brasilien. 7:1. Eine Demütigung nie dagewesenen Ausmaßes. Eine historische Schmach. Und die DFB-Elf? Tröstete auf dem Platz, entschuldigte sich gar für das Dargebotene und wünschte dem Gegner Glück für die Zukunft. Faireren Sportsgeist gab es lange nicht mehr. Die Mannschaft hatte Würde und spielerische Klasse bewiesen. Sie hat zudem einen Haufen demütiger Typen in ihren Reihen, die darüber hinaus großartige Fußballer von Weltrang sind. Dieser deutschen Mannschaft ab diesem Halbfinale nicht den Titelgewinn zu wünschen, war aus sportlicher wie sportsmännischer Sicht eigentlich unmöglich.

Außer für die ewigen Nörgler und Selbsthasser. Brasilien hätte den Titel verdient, weil das Land so arm ist und so voller Entbehrungen, sagten die einen. Und dieser zum Himmel stinkende Pathos vor den meisten Spielen? Nebensächlich. Und überhaupt: warum dann den Titel nicht Costa Rica geben? Oder sogar Nordkorea? Befragen wir vor WMs doch einfach weltweit Leute, wo es ihnen am gefühlt beschissensten geht und geben ihnen einen Pokal für die weltbeste Fußballmannschaft …
Dann eben Argentinien – die sind ja wirtschaftlich so arg gebeutelt, sagten die anderen. Die martialische Sprache der argentinischen Presse und das Verhöhnen des Erzrivalen aus Brasilien? Ach, nicht so wichtig.
Ist egal, wer ihn gewinnt; Hauptsache nicht Scheißdeutschland, sagten die Selbsthasser.
Ab hier zeigte sich nun wirklich, dass er doch wieder da war: der hässliche Deutsche. Nur die, die ihn überall suchten, merkten nicht, dass sie schon lange zu ihm geworden waren, bevor Miroslav Klose vor dem Brandenburger Tor mehr krächzte als sang, wie Gauchos und Deutsche denn nun so gingen.

Aber es war zu spät. Die Presse hatte ihren Skandal und viele Verzweifelte, die darauf schon vier Wochen warten mussten, konnten sich nun endlich auf die eigenen Schultern klopfen. Es zeigt sich daran allerdings weniger, dass Deutschland ein Land voller notorischer Faschos ist, sondern wohl eher, dass zu viele Leute ihre Relevanz damit zu rechtfertigen versuchen, in dem sie am lautesten schreien. Dazu noch Wörter wie Skandal, Nazi, historische Schuld und (hier beliebiges Wort einsetzen) packen und schon meint man, die Deutungshoheit über alle möglichen Sachen zu haben.
Recherche? Wozu! Sachliche Diskussion? Zwecklos, da ihr ja eh alle doof (oder respektlos oder noch besser: Nazis) seid! Und DFB-Präsident Niersbach muss sich wegen eines Allerwelts-Stadion-Liedes auch noch schriftlich entschuldigen, um die Medienmeute zu beruhigen, die wie von Tollwut getrieben immer weiter macht.

Man könnte meinen, dass Deutschland in den Stunden nach diesem „Gaucho-Tanz“ zu einem paranoiden selbstgerechten Haufen mutierte. Prompt wurde mit Bildern wahlweise marschierender deutscher Kriegsgefangener oder Nazis im Stechschritt mit der Bildunterschrift „So gehen die Deutschen“ gekontert. Das hätte alles durchaus satirischen Witz transportieren können. Es wäre mit satirischem Augenzwinkern sogar witziger gewesen als der „Gaucho-Tanz“ selbst. Zwischen den Zeilen las man aber nur Verbitterung über die eigene Nichtberücksichtigung in den letzten vier Wochen. So wie kleine Kinder manchmal sein können. Nur dass diese in den seltensten Fällen noch anmerken, dass sie es ja schon immer gewusst hätten und überhaupt und sowieso: ihr seid alle doof/Nazis/Kartoffeln/Deutsche/Partypatrioten – was auch immer. Eine Provokation der Provokation willen. Diskussion unerwünscht. Aber warum dann überhaupt diese olle Weltkriegsrhetorik? War es nicht gerade bei dieser WM positiv herauszustellen, dass die weltweite Presse so wenige Vergleiche mit Blitzkriegen und Panzern wie seit eh und je nicht mehr angestellt hat?!

Ein wahres Gesicht wofür?

Ja, tatsächlich: der hässliche Deutsche war zurück in einer Piefigkeit wie man sie sonst nur in Schrebergärten über Zäune gelehnt findet. Hier hatte er eine neue Spielwiese: das Internet. Aber vielleicht ist auch das Internet der Schlüssel des Ganzen. Bei der Jagd nach immer größeren Klickzahlen, Followern und Likes ist es vielleicht kühl berechnend wahlweise Skandale zu produzieren oder sein Fähnchen in den Wind zu hängen.

Was auch immer der wirkliche Grund sein möge: gegenüber der Nationalmannschaft ist diese oberlehrerhafte Kampagne wegen angeblicher Respektlosigkeit einfach nur daneben. Zum einen, wenn man sieht welch multikulturelle Truppe da am Dienstag auf der Bühne stand. Zum anderen, wenn man versucht vier tolle Wochen Fairness und Sportlichkeit auf 30 Sekunden Stadionliedgut runterzubrechen.
Also wer zeigte denn nun laut Ines Pohl sein wahres Gesicht? Die Mannschaft? Das ganze Land? Vielleicht sogar die Medien und all die Empörten? Und was ist dieses wahre Gesicht überhaupt? Und wieso verurteilt man Allgemeinerungen mit Allgemeinerungen?

Wenn man wirklich in sich geht, wird man erkennen, dass #gauchogate überhaupt kein Skandal ist, sondern nur um des Selbstwillens einiger weniger zu einem gemacht wurde – mangels Gelassenheit und aufgrund großer Selbstgerechtigkeit. #gauchogate erzählt damit mehr über den Zustand dieses Landes und dessen Medienlandschaft, als es sich die, die sich über diesen vermeintlichen Eklat aufregen und ihn mittragen, vorstellen.

Weitere Artikel des Autors Christian Schlodder auf e-Politik.

Vollkommener Markt – praxisfern

Die Annahmen neo-liberaler / monetaristischer Wirtschaftswissenschaften beruhen auf der Idee des sogenannten „vollkommenen Marktes“. Darunter verstehen ihre Anhänger einen idealen Markt auf dem sich alle Marktteilnehmer ausschließlich am (Gleichgewichts-)Preis orientieren. In Folge dessen bildet sich ein stabiles Marktgleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, das bis auf Ausnahmen (z.B. natürliche Monopole) dem volkswirtschaftlichen Optimum entspricht. Die „perfekten“ Märkte schaffen also angeblich das höchste Maß volkswirtschaftlicher Wohlfahrt. Hinterfragen wir dieses Konstrukt.

1. Aspekte des Vollkommenen Marktes
2. Bewertung des Vollkommenen Marktes (nächster Blogeintrag)
3. Börse als Illusion eines Vollkommenen Marktes (nächster Blogeintrag)

Teil 1: Aspekte des Vollkommenen Marktes

Dieses Denkgebäude geht zurück auf die neoklassischen Theorien des 19. Jahrhunderts. Insbesondere das Bild des nach Léon Walras benannten (neutralen) walras´schen Auktionators, setzte sich durch. Walras und andere Theoretiker der Grenznutzenschule begründeten damit zentrale Instrumente und Ansichten der heutigen ökonometrischen Volkswirtschaftslehre. Im Rahmen dieser Traditionslinie begründen sich volkswirtschaftliche Prozesse vor allem mikro-ökonomisch. Das heißt, die Gesamtentwicklung der Volkswirtschaft wird mathematisch aus dem (mikro)-Verhalten der einzelnen Wirtschaftssubjekte hergeleitet. Da alle Akteure den gleichen „rationalen“ Annahmen folgen, genügt es dabei, das Verhalten nur einiger weniger zu berechnen.

Denkschulen der Volkswirtschaftslehre seit dem 19. Jahrhundert

Ein vollkommener Markt muss dabei mehrere Kriterien idealtypisch erfüllen. Je stärker der betrachtete Markt davon abweicht, umso mehr ist er laut Theorie als „unvollkommen“ anzusehen. Der Markt ist dann durch Instabilitäten (Schocks, Spekulationsblasen…) bzw. Ungleichgewichte (Insolvenzen, Arbeitslosigkeit, Überproduktion…) gekennzeichnet. Das Ergebnis gilt dann als volkswirtschaftlich nicht-optimal.

Modell Merkmale vollkommenen Markt

Je nach Theorie und Wissenschaftler variieren die Merkmale eines vollkommenen Marktes. Am gebräuchlichsten sind:

1. Vollständige Transparenz

Alle Marktteilnehmer besitzen absolute vollständige Informationen über das gesamte Marktgeschehen – auch über die anderen Akteure im Markt. Dieses Wissen erstreckt sich nicht nur auf die Gegenwart. Auch die Entwicklung der Zukunft muss bekannt sein. Ansonsten würden sich bei den einzelnen Marktteilnehmern unterschiedliche Zukunftserwartungen herausbilden. Das daraus resultierende verschiedenartige Verhalten beendet die Gleichartigkeit der Marktteilnehmer. Ein stabiler Gleichgewichtspreis könnte sich nicht mehr bilden.

2. Keine (zeitlichen, örtlichen, personellen…) Präferenzen

Die Marktteilnehmer behandeln sich gegenseitig als auch die gehandelten Güter gleich. Es existieren also keine Argumente bei dem einem oder dem anderen zu (ver-)kaufen. Der einzige eventuelle „Vorteil“ den ein Marktteilnehmer hat ist der (Ver-)Kaufspreis. Dieser bestimmt alleine die Entscheidungen. Grundlage dafür ist auch, dass alle Marktteilnehmer gleich „ticken“. Sie unterschieden sich nicht anhand ihrer Vorlieben, Erwartungen, Fähigkeiten … und orientieren sich alleine am Preis. Ein Markt voller gleichartiger auf Gewinn- bzw. Nutzenmaximierung ausgerichteter Menschen als homo oeconomicus.

3. Homogenität (und beliebige Teilbarkeit) der Güter

Um die ersten beiden Merkmale zu erfüllen, müssen alle gehandelten Güter völlig identisch sind. Entsprechend liegt der Informationsbedarf niedrig. Die geforderte beliebige Teilbarkeit bedeutet einen konstanten Stückpreis. Es gibt keine Mengenrabatte etc. Akteure die genug Ressourcen besitzen um größere Mengen auf einen Schlag umzusetzen, erhalten keinen strukturellen Vorteil. Diese Möglichkeit entspräche einer Präferenz auf Grund der Größe. Auch dürfen Güter nicht so groß bzw. teuer sein, dass eine größte Anzahl von Marktteilnehmern nicht mehr mit ihnen handeln könnte.

4. Unverzügliche Reaktion aller Wirtschaftssubjekte

Die Marktteilnehmer reagieren sofort auf jede Veränderung – vor allem auf Preisschwankungen. Durch die Annahme der vollständigen Transparenz ist jeder Akteur über die Veränderung (im Voraus) informiert. Ebenfalls hat niemand gebundene Ressourcen bzw. versunkende Kosten die verhindern, dass Pläne umgestellt werden können. Vertragliche, emotionale … Bindungen an vergangene Entscheidungen existieren ebenfalls nicht. Es zählt nur der gegenwärtige Preis. Dieser wird damit zu einem „Datum“. Zu einer bestimmten Zeit gilt ein bestimmter Preis.

Ein „Punktmarkt“ impliziert, dass alle Entscheidungen an einem „Ort“ getroffen werden. Nur so lässt sich verhindern das einzelne Akteure Vorteile (Präferenzen) erlangen. In der Vorstellung des vollkommenden Marktes finden alle relevanten Transaktionen gleichzeitig statt. Gesteuert durch eine neutrale Institution. Die Theorie bemüht hier die Vorstellung einer Auktion bzw. das Bild des neutralen Auktionators. Man kommt zusammen, allen sind die verkauften Gegenstände bekannt, es wird geboten, einer erhält den Zuschlag, der Markt ist beendet. Woher dieser Auktionator kommt, seine Ressourcen nimmt oder warum er keine eigenen Interessen hat – beantwortet die Theorie nicht. Es wird axiomatisch postuliert

5. Polypol – keine Marktmacht – keine Ausbeutung

Kein Marktteilnehmer darf in der Lage sein den Preis zu seinen Gunsten zu beeinflussen – zum Beispiel auf Grund seiner Größe. Alle Beteiligten sind entsprechend nur Preisnehmer. Erst die Gesamtheit der Entscheidungen beeinflusst den Preis. Der einzelne Akteur passt sich dem „Datums-Preis“ an, in dem er die produzierten bzw. nachgefragten Mengen ändert (Mengenanpasser).

Damit besitzt auf einem vollkommenen Markt kein Akteur dominante Marktmacht bzw. die Fähigkeit andere Teilnehmer auszubeuten. Unter Ausbeutung versteht die Volkswirtschaftslehre die Durchsetzung von „Renteneinkommen“ – also Einkommen ohne entsprechende Leistung. Am Markt bedeutet die Durchsetzung von Renteneinkommen ein überhöhtes Preisniveau, das oberhalb der realen Produktionskosten liegt. Das Markteinkommen wird zugunsten der Rentenbezieher umverteilt. Im Rahmen des vollkommenen Marktes gibt es solches Einkommen nicht. Die langfristigen Gewinne entsprechen einem kalkulatorischen Unternehmerlohn. Diese Form des Marktes wird als Polypol bezeichnet. Viele kleine Anbieter stehen vielen kleinen Nachfragern gegenüber.

Darstellung Marktformen - Polypol Oligopol Monopol

6. Keine Eingriffe des Staates

Da der Markt sich selbstständig reguliert ist im Rahmen dieser Theorie ein Eingriff des Staates nicht nur nicht notwendig sondern abzulehnen. Die Selbststeuerung erzeugt das beste Ergebnis von selbst. Durch einen Eingriff kann es nur genauso werden – niemals besser.

(Fortsetzung der Begriffserläuterung folgt in Teil 2.)

Kunstwerk des Eintrages

Jan Victors (1619 1679) – Quacksalber auf dem Markt
von http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

Bild Jan Victors Quacksalber auf dem Markt

This painting was painted about 1650 but the style and manner of presentation are those of an earlier period. This was the beginning of the great period of middle-class genre painting when artists were developing a style quite different from Victor’s over-familiar anecdotical approach.

The market-place is in fact limited to the quack’s table with an awning over it, and the group of simple people crowding round the stall. The church and houses round the market-square are outlined behind the group of onlookers and the village street with figures can be seen in the distance. The peasant sitting barefooted, one of his shoes discarded beside him, the charlatan in his finery, and the colourful company of villagers around them are characters in an anecdotical story which is indeed worthy of the painter’s brush. Victors was a pupil of Rembrandt, and his figures are clearly derivative but they are smooth and superficial compared with the character studies of the great master.
Emil Krén and Daniel Marx – Web Galary of Arts

Sport und Kapital

Bayern München ist wieder Meister – diesmal im Basketball. Und wie fast immer, wenn der FC Bayern München in einem nationalen Turnier triumphiert, wird er im Vorfeld und auch hinterher mit Anfeindungen aus allen Teilen der Republik überschüttet. Besonders dabei ist, dass ein Großteil der Kritik am FCB ein Musterbeispiel für regressive bzw. verkürzte Kapitalismuskritik ist.

Besonders die Fußballer sehen sich immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, die Dominanz in der Bundesliga sei lediglich zusammengekauft. Weiter aufgeladen wird dies mit der Behauptung, dass die Einkäufe von Spielern wie Lewandowskie oder Götze weniger auf die Spieler selbst, als auf die Schwächung ihres bisherigen Vereins zielt. Und ehrlicherweise wird auch der fanatischste Bayern-Ultra wohl kaum bestreiten wollen, dass es dem FC Bayern München wie kaum einem anderen deutschen (Fußball-)Verein gelungen ist, finanziellen Erfolg in sportlichen Erfolg umzumünzen.

Was die meisten Gegner aber oft nur zu gerne vergessen, dass die finanzielle gute Situation des FCB zu einem großen Teil selbst auf sportlichem Erfolg beruht. Und hier genau zeigt sich auch die Verkürzung der Kritik am bayrischen Erfolg. Es ist eben keine moralische Korrumpierung des Fußball, wenn er professionell betrieben wird, dass Erfolg Geld bringt und Geld wiederum Erfolge. Es mag sportlich weniger spannend sein als eine Liga, in denen das Leistungsgefälle weniger stark ist, doch moralisch verwerflich ist es nicht – und intellektuell ist es auch nicht besonders ehrlich den FC Bayern München dafür anzufeinden, dass er das Spiel Profifußball bzw. Profisport, wo eben nicht nur „entscheidend is auf´m Platz“ gilt, besser spielt als die anderen deutschen Vereine, wenn man nicht zugleich das System des Profifußballs bzw. des Profisports in Frage stellt. Das gleiche gilt gesamtgesellschaftlich für die Kritik an einzelnen ökonomischen Akteuren, wenn man nicht zugleich bereit ist, dass grundsätzliche System in Frage zu stellen. Aber im Fußball wie im Leben gilt nach wie vor viel zu oft: Ein klares Feindbild gibt dem (Spiel-)Tag Struktur.

Der Autor Hassan Metwally bloggt auch auf „Meine LINKE“.

Human Development Report – 20 Jahre

Zum Bericht über die menschliche Entwicklung

Autor: Martin Müller

Viele Politiker und Volkswirte setzten im 20. Jahrhundert menschliche Entwicklung und die Steigerung des gesellschaftlichen Wohlstands mit wirtschaftlichem Wachstum gleich. Mit der Einführung des „Berichtes über die menschliche Entwicklung“ im Jahre 1990, gelang es den beiden Hauptautoren, Mahbub ul Haq und Amartya Kumar Sen, eine neue Sichtweise auf dieses Problem zu etablieren.

Kernstück der beim United Nations Development Programme (UNDP) publizierten Analyse ist der Human Development Index (HDI). Konstruiert wurde dieser in Konkurrenz zum, als Vergleich häufig herangezogenen Bruttosozialprodukt. Als Berechnungsgrundlage dienen drei Indikatoren:

1. die durchschnittliche Lebenserwartung
2. das Bildungsniveau
3. das Einkommen.

Aus diesen statistischen Angaben bildet die UNDP jeweils einen separaten Index. Zu beachten ist, dass für deren Berechnung, die Maximal- und Minimalwerte jährlich neu festgelegt werden. Grundlage dafür sind die in dem entsprechenden Jahr ermittelten Daten der Länder. Aus dem oben genannten „Unter“-Indizes wird ein Gesamtindex als Mittelwert berechnet – der HDI. Auf Grundlage der errechneten Werte ordnen sich die Länder in eine Rangliste. Die oberen 25 Prozent gelten als Länder mit sehr hoher menschlicher Entwicklung, die untersten 25 Prozent sind Länder mit niedriger menschlicher Entwicklung.

Schon zur Zeit seiner Einführung hatte der HDI nicht den Anspruch eine allumfassende Indexzahl zu sein. Die Autoren waren sich bewusst, dass der HDI nicht jeden Aspekt für den unterschiedlichen Entwicklungsstand der einzelnen Länder und Regionen beinhalten konnte. Sie verstanden ihn als flexibles Analyseinstrument.

Human Development Report - Abzuege nach Regionen durch Ungleichheit

Mit dem Bericht 2010 wurde der HDI-Ansatz um drei Aspekte erweitert. Der IHDI ist ein Index der die Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft mit einbezieht. Dadurch sinkt der HDI global im Durchschnitt um 22 Prozent. Am wenigsten davon betroffen sind die Tschechische Republik (sechs Prozent) und am umfassendsten Mosambik (45 Prozent). Des Weiteren neigen unterentwickelte Länder eher zur Ungleichheit, als hochentwickelte. Am stärksten von diesem Phänomen betroffen sind die Länder Afrikas südlich der Sahara.

Der zweite neu eingeführte Aspekt ist die geschlechterspezifische Ungleichheit. Dieser misst den Grad der Diskriminierung von Frauen und Mädchen im Gesundheits-, Bildungs- und Arbeitssektor und stellt die Unterschiede bei der Verteilung von Errungenschaften der menschlichen Entwicklung für Frauen und Männer differenziert dar. Die prozentualen Verluste am HDI liegen zwischen 17 und 85 Prozent bei den unterschiedlichen Ländern. Unterentwickelte Länder neigen auch in dieser Kategorie dazu, schlechter abzuschneiden.

Der dritte neu eingeführte Maßstab ist der der mehrdimensionalen Armut. Hierbei wird eine dreidimensionale Untersuchung durchgeführt: Wie hoch ist die Anzahl der unter Entbehrungen leidenden Armen, an wie vielen Entbehrungen leiden arme Haushalte und welcher Ethnizität sind die Armen zuzuordnen. Dieser Index wird nur in 104 Ländern ermittelt. Laut dieser Untersuchung leben 1,7 Mrd. Menschen in mehrdimensionaler Armut. Das ist ein Drittel der Bevölkerung dieser Länder. Hierbei handelt es sich nicht nur um Armut aus Einkommensgründen, sondern auch um beschränkten Zugang zum Gesundheits- und Bildungsbereich. Die meisten dieser, von mehrdimensionaler Armut betroffenen Menschen leben in Südasien und Afrika.

Die Forschungen zum HDI brachten seit 1990 wichtige Erkenntnisse zu Tage. So konnte ein viel schwächerer Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Wachstum und der Verbesserung im Gesundheits- und Bildungsbereich nachgewiesen werden, als vermutet. Dies führte zu nachhaltigen Veränderungen bei der Planung von Entwicklungsprogrammen.

Vergleich des Standes der menschlichen Entwicklung

Vergleicht man den Stand der menschlichen Entwicklung innerhalb der letzten Jahrzehnte, ist festzustellen, dass sich das Leben der Menschen weltweit deutlich verbessert hat. Der HDI stieg von 1970 bis in die Gegenwart um 41 Prozent und von 1990 an um 18 Prozent. Fast alle Länder profitierten von dieser Entwicklung, nur in drei Staaten sank der Wert im Vergleich zu 1970 – DR Kongo, Sambia und Simbabwe. Die geringsten Fortschritte erzielten die Länder der ehemaligen UdSSR und die Afrikas südlich der Sahara. Hierbei gilt zu beachten, dass einige der ehemaligen Sowjetrepubliken insbesondere im Gesundheitswesen starke Rückschritte verzeichneten. In Afrika wirkt sich vor allem die HIV-Epidemie negativ auf den HDI aus.

„Gewinner“ der letzten Jahre sind die aufstrebenden Wirtschaftsnationen Asiens. Sie verbesserten ihren HDI-Wert durch umfassende Steigerung des Einkommens der Bevölkerung. Jedoch gibt es auch Länder wie Nepal, die zwar eine deutliche Steigerung ihres HDI-Wertes erreichen, aber kaum Einkommenssteigerungen verzeichnen konnten. Diese Länder erzielten vor allem Fortschritte in den Bereichen Bildung und Gesundheit.

Human Development Report - Entwicklungsstand Weltregionen

Dies untermauert die These, dass wirtschaftlicher Fortschritt nicht gleichbedeutend mit menschlicher Entwicklung ist. Bis heute steigt das Einkommen in den reichen Ländern deutlich schneller, als in den Armen. Trotzdem kann beim HDI eine Annäherung der unterentwickelten Länder an die hochentwickelten konstatiert werden. Diese wurden vor allem durch Fortschritte in den Bereichen Bildung und Gesundheit erreicht. Dort bewirken selbst überschaubare Investitionen sowie moderate politische und strukturelle Anpassungen große Fortschritte. Zu dieser positiven Entwicklung trägt auch die bessere Gleichstellung von Männern und Frauen im Bildungswesen bei.

Den Fortschritt der menschlichen Entwicklung ganz von der Steigerung der Einkommen und damit von dem wirtschaftlichen Wachstum abzukoppeln, wäre jedoch zu radikal. Sowohl bei der Bildung, wie auch im Gesundheitswesen gibt es Grenzen, die allein durch strukturelle oder politische Anpassung nicht überwunden werden können. Hier ist eine breite Einkommenssteigerung der Bevölkerung von Nöten. Diese kann nur durch wirtschaftliche Entwicklung und angemessene Verteilungsgerechtigkeit in der Gesellschaft erreicht werden. Nur so erhalten Menschen die notwendigen Ressourcen, die es ihnen ermöglichen, ihr Leben freier zu gestalten und ihre Bedürfnisse besser zu befriedigen.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es schwierig ist Konzepte, die in einem Land funktioniert haben, auf andere Länder zu übertragen. Darum ist es für die Zukunft wichtig, sich explizit den konkreten Herausforderungen des betroffenen Landes zu stellen. Nur so kann eine kontinuierliche Verbesserung der Lebensumstände der Menschen erreicht werden, um das noch immer deutliche Nord-Süd-Gefälle zwischen Industrie- und Entwicklungsländern zu überwinden. Ein wesentlicher Ansatz wäre die Bekämpfung der bereits erwähnten Ungleichheit und Diskriminierung der Frauen. Mit der Erweiterung des HDI 2010 verdeutlichte das UNDP diese Problemstellungen nachdrücklich.

Quellen zum Human Development Report

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V.: Bericht über die menschliche Entwicklung 2010 – Kurzfassung, Berlin 2010.
United Nations Development Programme: Human Development Report 2013 Technical notes, New York 2013.
United Nations Development Programme: Human Development Report 2010, New York 2010.
United Nations Development Programme: Human Development Report 1990, New York 1990.

Logo bbw-Hochschule

Martin Müller studiert Immobilienmanagement (Bachelor) an der bbw Hochschule. Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kurses Grundlagen der Volkswirtschaftslehre.

Kunstwerk des Eintrages

Albrecht Dürer (1471 – 1528)Kain erschlägt Abel
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Bild Albrecht Dürer - Kain erschlaegt Abel

Die Erniedrigung des Menschen durch den Menschen ist so alt wie unsere Geschichte selbst. Armut entsteht vor allem da wo sich einzelne aus Egoismus an anderen bereichern. Wie Kain der seinen Bruder Abel aus Neid erschlägt.