Flucht als Chance – Die Wanderratten von Heinrich Heine

Ein Kommentar von Neo Dunkelmann

Seit über 1.500 Jahren sind wellenartige Ein- und Auswanderungen nach und aus Europa, nach und aus den deutschen Landen, Lebensnormalität der Völker. Die Entwicklung des Kulturkreises, der Nationen und der Staaten Europas werden anhaltend geprägt von tiefen demografischen Veränderungen – Durchmischung, Integration und Assimilation.

Hauptereignisse: Völkerwanderung (4.-6. Jahrhundert); Bildung und Zerfall des Frankenreiches – dem alten Kerneuropa (5.-9. Jh.); Ostbesiedlung (10.-14. Jh.); Kreuzzüge in und außerhalb Europas (11.-13. Jh.); die Mongolenstürme (13./17. Jh.); nach  Ausrottung von 30 bis 50 Prozent der Bevölkerung Mitteleuropas im Dreißigjährigen Krieg (1618-48), Massenzuwanderung in die deutschen Länder; weltweite Kolonisation und durch sie verursachte Migrantenströme (seit dem 15. Jh.); Auswanderung in die USA (18./19. Jahrhundert); und dann das katastrophensatte 20. Jahrhundert: millionenfache Umsiedlung, Vertreibung und Zuwanderung nach den zwei großen europäischen (Welt)Kriegen.

Die Geschichte geht weiter. Eine neue Völkerflucht aus dem „Süden“ nimmt Fahrt auf.Hauptursachen waren und sind der existenzielle Mangel und der Verlust sozialökonomischer Lebensbedingungen durch äußere Einflüsse und Eigenverschulden, durch Kriege, Klimawandel und menschliches Versagen. Die dadurch verursachten Migrationsprozesse waren immer konfliktreich und schmerzlich zwischen Einheimischen und Zugewanderten. Sie brachten über mehrere Generationen reichende Integrationsprobleme, Verteilungskonflikte, im Extremfall Bürgerkriege. Letztlich führten aber Aufklärung, Humanismus und Produktivität zum Gedeih Europas. Der exklusiv hohe Entwicklungs- und Lebensstandard dieser Halbinsel im Westen des Großkontinents Eurasien ist mit der Dynamik, Mobilität und Kreativität ihrer Bevölkerung, mit Flucht und Vertreibung, vor allem aber mit Ankommen und Hilfe, Respekt und Toleranz verbunden. Die Flüchtlingsströme des 21. Jahrhunderts bergen gewaltige Chancen und Risiken für Europa und Deutschland.

Heinrich Heine Porträt von Moritz Oppenheim

Porträt Heinrich Heine von Moritz Oppenheim (1831)

Dichter und Denker aller Epochen haben sich diesen Entwicklungen gestellt. Mit feinem Geist und spitzer Feder haben sie die Zeitumbrüche erspürt und aufgezeichnet, volksaufklärend gewirkt. Ihr Hohn und Spott entblößt die spießbürgerlichen Reaktionäre. Lassen wir einen außergewöhnlich Begabten und Wirkmächtigen – Heinrich Heine – mit Blick auf die gegenwärtige Situation in und um Deutschland zu Wort kommen.

Die Wanderratten

Es gibt zwei Sorten Ratten:
Die hungrigen und satten.
Die satten bleiben vergnügt zu Haus,
Die hungrigen aber wandern aus.

Sie wandern viele tausend Meilen,
Ganz ohne Rasten und Weilen,
Gradaus in ihrem grimmigen Lauf,
Nicht Wind noch Wetter hält sie auf.

Sie klimmen wohl über die Höhen,
Sie schwimmen wohl durch die Seen;
Gar manche ersäuft oder bricht das Genick,
Die Lebenden lassen die Toten zurück.

Auf der Flucht

Auf der Flucht

Es haben diese Käuze
Gar fürchterliche Schnäuze;
Sie tragen die Köpfe geschoren egal,
Ganz radikal, ganz rattenkahl.

Die radikale Rotte
Weiß nichts von einem Gotte.
Sie lassen nicht taufen ihre Brut,
Die Weiber sind Gemeindegut.

Der sinnliche Rattenhaufen,
Er will nur fressen und saufen,
Er denkt nicht, während er säuft und frisst,
Dass unsre Seele unsterblich ist.

So eine wilde Ratze,
Die fürchtet nicht Hölle, nicht Katze;
Sie hat kein Gut, sie hat kein Geld
Und wünscht aufs neue zu teilen die Welt.

Die Wanderratten, o wehe!
Sie sind schon in der Nähe.
Sie rücken heran, ich höre schon
Ihr Pfeifen – die Zahl ist Legion.

O wehe! Wir sind verloren,
Sie sind schon vor den Toren!
Der Bürgermeister und Senat,
Sie schütteln die Köpfe, und keiner weiß Rat.

Die Aktionäre

Die Aktionäre

Die Bürgerschaft greift zu den Waffen,
Die Glocken läuten die Pfaffen.
Gefährdet ist das Palladium
Des sittlichen Staats, das Eigentum.

Nicht Glockengeläute, nicht Pfaffengebete,
Nicht hochwohlweise Senatsdekrete,
Auch nicht Kanonen, viel Hundertpfünder,
Sie helfen Euch heute, Ihr lieben Kinder!

Heut helfen Euch nicht die Wortgespinste
Der abgelebten Redekünste.
Man fängt nicht Ratten mit Syllogismen,
Sie springen über die feinsten Sophismen.

Im hungrigen Magen Eingang finden
Nur Suppenlogik mit Knödelgründen,
Nur Argumente von Rinderbraten,
Begleitet mit Göttinger Wurst-Zitaten.

Ein schweigender Stockfisch, in Butter gesotten,
Behaget den radikalen Rotten
Viel besser als ein Mirabeau
Und alle Redner seit Cicero.

(Heinrich Heine, 1797-1856)


Bildangaben
Bild 1: Porträt Heinrich Heine. Public Domain.
Bild 2 + 3: Künstler: Theophile Alexandre Steinlen. „Die Flucht“ und „Aktionäre„. Beide Zeichnungen von http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

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