Salvador Dalí – Drogen und Wahn

von Kai Kleinwächter

Letzten Donnerstag besichtigte ich die Salvador Dalí Ausstellung in Berlin. Die bizarre Kunstwelt Dalís bewegt, gibt vielfältige Denkanstöße und wirft Fragen auf:

War der Künstler drogeninspiriert und wahngeleitet?

1. Antwort: Arbeitspensum

Die Größe des Werkes von Dalí besteht auch darin, dass er eine erstaunliche Vielfalt von Techniken, Materialien, Stilen und Präsentationsformen nutzte – Kaltnadelradierungen auf Kupferplatten („Gretchen“, „Reiter und Tod“), Ölfarben („Junges Mädchen am Fenster“*), Skulpturen aus verschiedensten Materialien („surrealistischer Engel“), Filme („Destino“) … Das trotzdem „Dalí“ erkennbar bleibt, zeugt vom Niveau seines Könnens.
Dahinter stehen Arbeitsintensität und Disziplin. Beides zerfällt im Rausch. Dalí ging nur wenig zu Feierlichkeiten, sprach Alkohol als auch Essen nicht übermäßig zu und führte ein extrem arbeitsreiches Leben. Die mit dem Reichtum ab den späten 1950er Jahren erbauten Traumschlösser für sich und seine Frau waren Rückzugsorte – keine Plätze orgiastischer Veranstaltungen.

2. Antwort: Freie Assoziation

Zentral für gestalterische Leistungen sind Kreativitätstechniken. Beispielsweise entwickelten Dalí und Luis Buñuel durch die Technik des „automatischen Schreibens“ das Skript zum Kurzfilm „Ein andalusischer Hund“. Eine prägnante Beschreibung des Entstehungsprozesses findet sich im ansprechendem Begleitheftchen zur Ausstellung.
Um mit diesen Techniken des Geistes Neues hervorbringen, muss sich der Schaffende von gesellschaftlich „aufgezwungenen“ Gedankengängen befreien. Dazu zählt nicht nur der simple Bruch mit gesellschaftlichen Tabus. Im Gegenteil, wer nur gegen etwas kämpft, ist dessen Sklave. Oder: Feuchte Porno-Romane emanzipieren keine Frauen.

Drogen zerstören Kreativ-Prozesse. Die durch sie hervorgerufenen Impressionen lassen sich nicht lenken und bestehen vor allem aus langweiligen Wiederholungen. Die Antwort einer „Ausweitung des Konsums“ führt dann zum Verfall des Menschen. Nicht er steuert die Drogen, sondern diese ihn. Ein Künstler der mit Drogen seinen Assoziationen nachhelfen muss, beerdigt seine Innovationskraft.

3. Antwort Ideenaufnahme

Dalí entwickelte vor allem zwei „Techniken“ der Ideenaufnahme.

Einerseits umgab er sich gezielt mit inspirierenden Menschen – Picasso, Freud, Stefan Zweig, Mary Phelps Jacob … Es zählten aber auch Menschen dazu, die ihm (unkreative) Arbeiten abnahmen. Damit erhielt er Zeit sich um seine Kunst zu kümmern. Vor allem seine Frau Elena Diakonova übernahm lange die Tätigkeiten eines Managers, PR-Beraters und „Lektoraten“. Ihr Anteil an seiner Kunst ist – wie bei vielen Künstlern, bei denen die Frauen als „Musen“ abgetan werden – nicht zu unterschätzen.
Ab den 1960er Jahren beschäftigte das Ehepaar Dalí Manager für den Vertrieb der Merchandising-Artikel. Die durch professionelles Marketing vorangetriebene heftig kritisierte „Kommerzialisierung“ Dalís war keine Fehlentwicklung, sondern brachte seine Kunst voran und trug wesentlich zu seiner Berühmtheit bei. Moderne Gesellschaften sind Massengesellschaften. Entsprechend bleiben die, die für alle Schichten der Bevölkerung wirken und nicht nur für selbsternannte Eliten.

Andererseits lehnte sich Dalí immer wieder an berühmte Künstler und Werke an. Er ist angeregt von Hieronymus Bosch wie auch von Dürer und Velasquez. In der Dalí-Ausstellung finden sich „versteckte“ Bezüge zu diesen Malern. Die Entdeckung lohnt sich. Gleichzeitig zeigt die Ausstellung brillant, wie intensiv Dalí zeitlose und gegenwärtige Gedankenwelten nutzt und verfremdet – „Alice im Wunderland“, „Die göttliche Komödie“, „Tristan und Isolde“, „Faust“, Silbermedaillen für Olympia, Adenauer und Israel sowie „Hitler Masturbierend“*…

Damit gelingt es sowohl Liebhabern anderer Kunstströmungen als auch weniger Kunstinteressierten leichter in Dalís-Werk einzutauchen. Modern ausgedrückt nutzte er andere Marken, um den Wert und das Interesse an der Supermarke „Dalí“ zu steigern.

Unbestritten helfen (Alltags-)Drogen bei der Kontaktaufnahme mit Menschen. Aber unter Drogeneinfluss können Impulse von anderen Menschen kaum „gespürt“ werden. Man ist sich und der Droge genug – vereinsamt und verkümmert. Übertriebener Drogengenuss schreckt gerade Leistungsträger ab. Die Kooperationspartner Dalís wollten und erhielten kommerziellen Erfolg, künstlerische Weiterentwicklung oder sozialen Status. Ein Drogenkranker wäre hier gescheitert.

Zusammenfassung

Vielfältigste Kontakte und das Einlassen auf andere Symbolwelten – letztlich auf Marken – versorgten Dalí mit unterschiedlichsten Ideen. Aus diesen entstanden durch Kreativitätstechniken, durch Verdichtung, Neukombination und Verfeinerung immer neue Assoziationen. Intensivste Arbeit und künstlerische Weiterentwicklung schaffen ein geniales Werke. Aus dieser Vielfalt bildete sich ein qualitativ hochwertiges Extrakt – das künstlerische Erbe Dalís.

Nahm Dalí Drogen? Als Mensch – vielleicht, ist aber uninteressant.
Als Künstler – nein. Sie hätten sein künstlerisches Schaffen beendet.
Dalí formulierte einst: „Ich nehme keine Drogen. Ich bin die Droge.“

War Dalí „Wahn-sinnig“?
Ja! … Und deshalb ist er einer der Größten im Olymp der Kunst!

Ein Besuch der Ausstellung ist lohnend.

* Diese Werke sind leider nicht Bestandteil der Ausstellung ;(

Kunstwerk des Eintrages

Hieronymus Bosch (1450-1516): Baum-Mensch in einer Landschaft
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Gemälde Hieronymus Bosch - Baum-Mensch in einer Landschaft

3 Gedanken zu „Salvador Dalí – Drogen und Wahn

  1. Pa Bue

    An seinem Umgang mit dem Wort Drogen lässt sich ablesen, dass sich der Autor mit diesem spezifischen Thema in keinster bis überaus geringer Weise beschäftigt hat.
    Dass ein Salvador Dali diese nicht nötig hatte, steht ausser Frage.

    bedenkliche Grüße

    Antworten
    1. joko

      Der kritische Pessimismus des Kommentatores wiederspiegelt Unzufriedenheit. Ich sehe ein angehmes Bild wofuer schon ein kleine Einfuehrung entfesselt. Das wort droge ist und die moral lautet Beiläufig uninteressant. Sie kann nichts was der Kuenstler schaffen moechte. Das hat der Autor der bemueht, von Dalis Zitat zu vermitteln in wenigen Worten, eben ein Gedanke. Damit moechte ich ein wenig verteitigen und etwas loben. Phil. was wer noetig hat und nicht. Ist mutmassung die zu irrglaube fuehrt, dashalb das zitat. Man merkt das die erde lehrer braucht.

      Antworten
  2. Pingback: Hieronymus Bosch – Kriegsdämonen und Friedensutopie - Feuilleton - Magazin - e-politik.de

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