Archiv des Autors: Kai Kleinwächter

Über Kai Kleinwächter

Mitarbeiter der Redaktion bei WeltTrends - Zeitschrift für internationale Politik (seit 2007); Veröffentlichungen Artikel auf Telepolis - e-Zine des Heise Verlages (Seit 2011); Redaktionsleiter /e-politik.de/ in Berlin (seit 2013); Blogt auf e-politik (seit 2013) Forschungsschwerpunkte: Wirtschaftspolitik, Energiewirtschaft, globale Herausforderungen

Hieronymus Bosch (1450 – 1516) – der Unbekannte

In ’s-Hertogenbosch (heutige Niederlande) wird Hieronymus Bosch als jüngstes von fünf Kindern einer bekannten Malerfamilie geboren. Bosch folgt dieser Tradition. Später heiratet er eine Patriziertochter, verkauft/verpachtet ein Stück ihres Landes und tritt der „Bruderschaft unserer lieben Frau“ bei. Kaum mehr ist über Bosch bekannt, da weder er noch seine Familie Tagebücher, Briefe oder andere Schriften hinterließen. Nur seine Gemälde und Zeichnungen geben uns Auskunft.

Hieronymus Bosch - Portraet

Hieronymus Bosch – Portraet

Insgesamt werden ihm mindestens 25 erhaltene Werke sowie einige Zeichnungen zugerechnet.[1] Die tatsächliche Anzahl ist unbekannt. Diese Unsicherheit resultiert einerseits aus den mangelnden Aufzeichnungen sowie seiner Arbeitsstruktur. Bosch übte die Malerei als Beruf aus – nicht als Hobby. Die Auftragsarbeiten fertigte er teils in seinem Atelier, teils zusammen mit seinem Vater, Brüdern, Lehrlingen und Angestellten in der familieneigenen Werkstatt. Gemeinsames Arbeiten an Gemälden war üblich und nur selten erfolgte eine eindeutige Signierung. Die damaligen Käufer, wie beispielsweise die Gräfin Mencía de Mendoza, akzeptierten die Ideenfindung des Meisters. Ob es auch tatsächlich von ihm persönlich erarbeitet wurde, war nicht von Belang. Selbst beim einzigen Selbstporträt ist weder völlig sicher, ob es Bosch zeigt noch ob es aus seiner Hand stammt.

Dornenkroenung

Die Dornenkroenung – Stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von Hieronymus Bosch

Andererseits gestalten sich die Werkvergleiche schwierig, da die meisten Gemälde seiner Familie die Zeit nicht überdauerten. Die meisten Kunden waren Bürgerliche und Adlige. Gingen die Familien unter, verschwanden auch meist die Bilder. Fast nur die Gemälde in den Kirchen und staatlichen Gebäuden überdauerten, da diese Institutionen sie pflegten. Auch kursiert so manche Imitation seiner Werke. In den 1930er Jahren zählte die Kunstwelt noch 41 Gemälde zu den Bosch-Originalen. Erst mit den modernen Analysen des späten 20. Jahrhundert konnten viele Fälschungen aufgespürt werden. So datierten Forscher Gemälde wie die „Dornenkrönung“ oder „Ecce Homo“ anhand der Jahresringe der hölzernen Bildrahmen eindeutig auf Jahrzehnte nach dem Tode Boschs.[2]

Fußnoten
[1] Knöfel, Ulrike: Teufelskerl; spiegel 32/2016, S. 118.

[2] Fleming, Dorothee von: Jahresringe lügen nicht; Handelsblatt Wochenendausgabe 22.09.2001, S. G 3

Bildnachweise
Bild 1: Portraet Hieronymus Bosch. Lizenz: Gemeinfrei.
Bild 2: Die Dornenkrönung. Originaldatei: zeno.org. Lizenz: Gemeinfrei.

Energiewende – Grenzen des Konservatismus

von Kai Kleinwächter

Buchtitel: Unsere Zukunft – Ein Gespräch über die Welt
Autoren: Klaus Töpfer und Ranga Yogeshwar
Verlag: dtv 2013.

Aufbau und Struktur

Das Buch gibt einen über mehrere Treffen verlaufenden Dialog zwischen Prof. Dr. Klaus Töpfer und Dr. Ranga Yogeshwar wieder. Anlass war die nukleare Katastrophe in Fukushima. Entsprechend liegt der inhaltliche Schwerpunkt auf den aktuellen Herausforderungen der Energiewende, insbesondere dem (deutschen) Atomausstieg, sowie dem Spannungsfeld zwischen Ökologie und Gesellschaft. Damit verknüpfte Themenfelder wie die Sicherheitspolitik oder die „Kernschmelze des Finanzsystems“ (S. 8) werden trotz Ankündigung im Vorwort von Yogeshwar nur am Rande behandelt.

Bedingt durch den Dialogcharakter hat das Buch nur eine allgemeine thematische Struktur. Immer wieder werden „alte“ Gedanken unter verschiedenen Sichtwinkeln aufgegriffen. Durch das Weglassen von Fotos, grafischen Darstellungen und weiterführender Quellenangaben kann sich der Leser ausschließlich mit dem Text auseinandersetzen. Schade – die Gedanken hätten es verdient anschaulicher präsentiert zu werden.

Klaus Töpfer

Prof. Klaus Töpfer – Vortrag auf einer Konferenz der Heinrich-Böll-Stiftung

Positive Anregungen

Durch die Einflechtung von persönlichen Erlebnissen und Anekdoten entsteht ein leicht zu lesender und anregender Text. Inhaltlich diskutieren Töpfer und Yogeshwar eine Vielzahl von Ideen und Lösungsansätzen. Dabei zeigen sie interessante Verknüpfungen zwischen Ökologie, Ökonomie und Gesellschaft auf. Da beide Autoren auf für sie bedeutende Studien und Persönlichkeiten (Popper, Jonas, Stiglitz) eingehen, fordern sie zu einer weiteren Vertiefung geradezu heraus. Leider fehlt ein klassisches Literaturverzeichnis bzw. ein Zitationsapparat, so dass manche der interessanten Quellen nur schwer auffindbar sind.

Kritik – Geschichtslose Machtverleugnung!

Vorschläge – wie urban mobility (S. 177), Geschlossene CO2-Kreisläufe (S. 194) oder Errichtung von Eurotec, eines Netzes von Solarenergie in Südeuropa in Anlehnung an Desertec (S.106) – sind revolutionär. Leider werden konkrete Vorschläge zur Umsetzung jenseits von Ideenskizzen nicht aufgezeigt. Die Anregungen bleiben über weite Strecken allgemeinen Apellen verhaftet.

Es kommunizieren zwei konservative Denker auf bundesdeutscher Ebene, die außerhalb dieses Spektrums nicht diskutieren wollen. Systemfragen über die Grenzen des Kapitalismus werden, bis auf Appelle an eine ökologischere Konsumtion, nicht gestellt bzw. sogar ausgeschlossen. Kennzeichnend dafür sind drei Punkte:

(1) Energiewende

Wie in konservativen Strömungen üblich, beginnt für die Autoren die Energiewende mit dem Atom-Moratorium von Angela Merkel infolge von Fukushima am 11. März 2011.[1] Diese Sichtweise blendet entscheidende Aspekte aus. Es ging der Kanzlerin nicht um eine Neubewertung der Atomsicherheit. Als promovierte Atom-Physikerin kennt sie die katastrophalen Risiken dieser Technik. Vor allem aber agiert sie als Politikerin, mit einem großen Talent zur Analyse von Machtbalancen. (Eine dezidierte Gegenmeinung kommt zum Beispiel von Gerhard Schröder.)

Nur zwei Wochen nach Fukushima fand in Baden-Württemberg die Landtagswahl statt. Die Grünen gingen aus dieser als stärkste Kraft hervor. In einem Kernland der CDU bildeten sie zusammen mit der SPD eine Regierung inklusive grünem Ministerpräsidenten. Am Horizont taucht das Szenario des Machtverlustes im Bund auf – wie bei der Regierung Kohl Ende der 1990er Jahre. Hier ist in der Analyse eher dem Kabarettisten Volker Pispers zu folgen: „Wenn die CDU gewonnen hätte, wären die Anlagen innerhalb eines Tages wieder angefahren worden.“

Das Motiv „Macht“ kommt bei Töpfer und Yogeshwar nicht vor. Der angebotene Erklärung „Fukushima führte zu einen Umdenken, denn wenn es nicht mal die Japaner hinbekommen…“ überzeugt nicht. Nur konsequent ist dann, dass
– eine historische Tiefe von mehr als 100 Jahren Umweltbewegung nicht besprochen wird;
– Erfolge der (linken) Umwelt- und Friedensbewegung, wie die Verhinderung der Inbetriebnahme des Kugelhaufenreaktors, nur am Rande erwähnt werden;
– der im Jahr 2000 durch Rot-Grün mit Zustimmung der Energiekonzerne beschlossene Atomausstieg keine Berücksichtigung findet;
– die Aufkündigung dieses Konsenses und der Versuch von Schwarz-Gelb, die Atompolitik wieder zu beleben nur in folgendem Satz abgehandelt wird: „denn gerade ein halbes Jahr zuvor hatte [die schwarz-gelbe Regierung] die Laufzeiten für die Reaktoren verlängert. Die politische Realität hätte es geradezu gefordert, in der Praxis mit dem Atomstrom wie politisch mehrheitlich entschieden weiterzumachen.“ (S. 75)

Dr. Ranga Yogeshwar

Dr. Ranga Yogeshwar – Porträt

(2) Keine (Jugend-)Alternativen

Mehrfach konstatieren die Autoren, dass von der heutigen Jugend keine Durchbrüche zu erwarten sind. „Die jungen Menschen von heute scheinen viel stärker konsumorientiert zu sein.“ (S. 171) Die neuen linken und rechten Jugendbewegungen werden von den Autoren negiert. Mit den „Aussteigern“, die Containern, sich dem (kapitalistischen) Arbeitsmarkt entziehen etc., können sie nichts anfangen. Beide Gesprächspartner spüren jedoch, dass von den verbleibenden Angepassten keine Impulse kommen.

Die Ablehnung von Alternativen wird am deutlichsten sichtbar bei der Diskussion der Finanz- und Umweltkrise. Töpfer: „Wir brauchen Wachstum um die massiv aufgehäuften Schulden abzubauen. […] Kann man [Schulden] abschreiben? Das kann man nicht, man muss sie abarbeiten.“ (S. 223) Das bereits mehr als ein Jahr vor dem Gespräch Island in einer Volksabstimmung das Gegenteil beschloss und selbst neoliberale Ökonomen und der IWF Schuldenschnitte für Südeuropa fordern, nehmen beide nicht zur Kenntnis.

(3) Staatslenkung zum Wohl der Konzerne

Zu dieser „Alternativlosigkeit“ passt, dass die deutliche Mehrheit der aufgezählten Beispiele sich an den großen Konzernen orientiert. Neue Techniken von Siemens, BASF oder auch VW sollen die Rettung bringen. Harten Maßnahmen des Staates gegen diese, wird mit dem Verweis auf Arbeitsplätze eine Absage erteilt. Yogeshwar weist darauf hin, dass bei Energieprojekten auf die „Vorschläge der Energieexperten“ (S. 190) gehört werden sollte. Dieser zutiefst autoritären Haltung entspricht Töpfers Plädoyer für mehr „Elder statesmen“ (S.156), die mit einer „Basta“-Politik (S. 72) richtige, aber unbequeme Entscheidungen, wie NATO-Raketen-Doppelbeschluss (S. 73) und Hartz IV (S. 74) durchsetzen können.

Freiheit nur so lange, wie die Technik der Konzerne verwendet und der Markt, zum Beispiel durch Ausbau des CO2-Handel (S. 140), gestärkt werden. Neue Eigentums- und Wirtschaftsformen wie Genossenschaften oder sharing-economy finden kaum Berücksichtigung. Immerhin äußern sich beide Autoren mehrfach positiv über Kommunen und Stadtwerke. (u.a. S. 204)

Zu dieser Haltung passt, dass alle Anregungen zur Besteuerung der Reichen (Sondersteuern auf Luxusgüter, Erbschafts- und Vermögenssteuern etc.) nicht diskutiert werden. Stattdessen die bekannten Forderungen an die Bürger, nach weniger Konsum und nach Bezahlung der konzerngetriebenen Energiepreise (Stichwort: „Intelligent Metering“; S. 111). Das findet seinen Höhepunkt im biederen Loblied von Yogeshwar auf seinen indischen Großvater, der obwohl sehr reich immer so bescheiden war. (S. 115)

4. Weiterdenken – Weiterprotestieren

Die Publikation regt nicht nur zum Weiterdenken, sondern vor allem zum Protest an. In diesem Sinne ein produktives Buch. Durch die Lektüre wird dem Leser bewusst, dass es im rechts-demokratischen Spektrum Verbündete für ökologische Veränderungen gibt. Gleichzeitig zeigt sich, wie begrenzt deren Veränderungsbereitschaft ist, wenn es um das Herrschaftssystem geht. Neue Wege, aber nur solange, wie sich nicht die Machtfrage stellt.

Bildnachweis

Bild 1: Foto Klaus Töpfer: Autor: Stephan Röhl, Konferenz: Countdown to Copenhagen – Heinrich Böll Stiftung 2009 Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic.
Bild 2: Foto Ranga Yogeshwar; Autor: Ranga Yogeshwar; Privatbestand; Creative Commons Attribution-Share Alike 3.0 Germany.

Kunstwerk des Eintrages

Lucas Cranach der Ältere (1472 – 1553) – Das goldene Zeitalter
Das goldene Zeitalter Quelle: Public domain. Wikimedia.

Peter Sloterdijk – Im Weltinnenraum des Kapitals

„Die terrestrische Globalisierung stellt nicht eine Geschichte unter vielen dar. Sie ist … das einzige Zeitstück …, das es verdient, … ‚Geschichte’ oder ‚Weltgeschichte’ zu heißen.“ (S. 28)

Die Auseinandersetzungen über die Einwanderungspolitik finden auch in der Philosophie ihren Niederschlag. Im bürgerlichen Lager erregte insbesondere der Schlagabtausch zwischen Prof. Peter Sloterdijk und Prof. Herfried Münkler für Aufsehen. Sloterdijk eröffnete den Dialog in Rahmen eines Artikels im Cicero. Münkler antwortete in DIE ZEIT, erhielt eine Reaktion und erwiederte diese. Hier sei als Kontrast der Artikel von Precht und Welzer empfohlen. Im Vergleich zu den „Alten“ zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Generationen.

Trotz dem Rauschen im Blätterwald überrascht Sloterdijks Haltung zu Migration und Grenzen nicht. Kernthesen finden sich bereits in seinem Hauptwerk zur Globalisierung – „Im Weltinnenraum des Kapitals“. Darum hier aus gegebenen Anlass die Besprechung des Buches.

Terrestrische Globalisierung

Sloterdijk unterteilt die Globalisierung in drei Phasen. In der ersten, der morphologischen Globalisierung, schufen Kartographie, Astronomie und Mathematik die Vorstellung eines einheitlichen Weltkörpers – die Kugelgestalt des Globus. Die realen Aktionen bleiben örtlich begrenzt. Erst die zweite Phase – die terrestrische Globalisierung, das Zeitalter der europäischen Kolonialreiche, bringt die globale Raumnahme. Aus der philosophischen Begehung unbekannter Orte wird reale Erkundung, Unterwerfung und Einbeziehung aller Gebiete in ein Weltsystem. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges befinden wir uns in Phase drei – der elektronischen Globalisierung. Ihr „Merkmal ist der zunehmende Vorrang der Hemmungen vor den Initiativen“ (S. 23). Die Netzwerke aus Satelliten, Flugkreuzen und Kommunikationsstationen ermöglichen eine Welt der permanenten Rückkopplung. Jeder Aktion folgt, nach einer – immer kürzeren – Verarbeitungszeit, eine starke Gegenreaktion. Einseitige Dominanz der Entwicklung oder gar die Abkopplung von Prozessen ist unmöglich.

Weltkarte aus Genua (1457)

Weltkarte aus Genua (1457)

Die Entstehung des Weltsystems

Sloterdijk gliedert das Buch in zwei Teile. Im ersten beschreibt er die Entstehung des Weltsystems. Neben der Erklärung der philosophisch-kulturellen Grundlagen dieser Entwicklung werden die Handlungsmuster und Beweggründe der „Expansionsagenten“ verdeutlicht. Diese Abenteurer, Kriminellen, Gescheiterten, Kaufleute und Gelehrte, denen die Heimat zu eng geworden, suchen ihr Heil in der Ferne. Die endlosen Kriege Europas, die sozialen und geistigen Schranken des Mittelalters sowie die ökonomischen Zwänge der Mangelgesellschaften schufen ein Heer von Entwurzelten, die jede Chance ergreifen, einem neuen Paradies entgegen zu segeln.

Sie waren risikobereiter und, nach Jahrhunderten der religiös verbrämten Konflikte, geübter in Selbstsuggestion als vorangegangene Generationen. Sie waren bereit, große ökonomische Risiken einzugehen, hohe Schulden bzw. Investitionen in „Projekte des Wahns“ zu tätigen. Die Entwicklung der modernen Bank- und Versicherungssysteme sowie die globale Expansion bedingen einander. „Die Haupttatsache der Neuzeit ist nicht, dass die Erde um die Sonne, sondern Geld um die Erde läuft.“ (S. 79) Die Geschichte der europäischen Expansion ist eigentlich die Geschichte der Ausdehnung des kapitalistischen Handels- und Wirtschaftssystems – hinaus in den „Weltinnenraum des Kapitals“.

Ausdehnung europäischer Wirtschafts- und Herrschaftssystem

Die Gelegenheit erkennend, springen Geistliche auf die auslaufenden Schiffe. Sie geben den Geldsuchenden eine höhere Weihe, rechtfertigen Zweck und Mittel. Wichtiger noch, sie binden die Expansionisten an ihre Heimat. Ohne diese Kontrolle hätten diese ihr Ziel vergessen, ihre Identität verloren – wären assimiliert worden. Die Bordgeistlichen sind elementare Voraussetzung für die „fünf Baldachine der Globalisierung“ (S. 193ff.): Christliche Religion, Entdecker-Sprache, Täterglorifizierung, wissenschaftliche Erfassung des Außenraums sowie Bindung an heimatliche Herrschaftssysteme werden zum integralen Bestandteil der europäischen Niederlassungen. Das ermöglicht eine Veränderung der Fremde und deren Einbeziehung in das europäische Wirtschafts- und Herrschaftssystem.

Rückkehrer aber haben ein neues Weltbild und verändern die Heimat. Ihre Gedanken und Erfahrungen sprengen die alte Ordnung. Trotzdem konnte Europa die Illusion der Initiative ohne Rückkopplung erhalten. Erst mit dem Ende des Dritten Reiches und seinem Weltaufteilungsplan stirbt die letzte der großen Erzählungen Europas. Das Danach in den Kolonialreichen ist Leugnung des Faktischen.

Entgrenzter Raum und Permanente Rückkopplung

Im zweiten Teil analysiert Sloterdijk das gegenwärtige System, seine Entwicklungsmuster und Prozesse. Teilaspekte der Zukunft werden benannt. Leider sind gerade diese zu kurz und wenig konkret. Die Globalisierung ist räumliche Verdichtung. Entscheidende Orte, wie Wohn- und Produktionsstätten, werden auf immer kleinerem Raum zusammengefasst. Gleichzeitig benötigt eine Reise zwischen ihnen immer weniger Zeit. Wo aber jeder Punkt in kurzer Zeit zu erreichen ist und genauso schnell wieder verlassen werden kann, gibt es keine Besonderheit der Fläche mehr. Der Raum wird bedeutungslos – alle Standorte austauschbar. Politische Konstrukte wie die Nationalstaaten verlieren damit ihre Integrationskraft. Was an ihre Stelle treten könnte, verschweigt uns Sloterdijk.

Durch die „Entgrenzung des Raumes“ entsteht eine Welt ständiger Rückkopplung. Fast jede Aktion wird durch Reaktion gestoppt. Die Ideologie der ständigen Veränderung ist letztlich ein Trugbild. Rückkopplungen sind Filter, um das Aktionspotential moderner Gesellschaften zu bändigen. So kann nur umgesetzt werden, was beherrschbar bleibt. Dieser Mechanismus ist elementar für moderne Gesellschaften, beruhen sie doch auf einer zunehmenden Kalkulation aller Risiken – volkswirtschaftlicher wie auch individueller.

Peter Sloterdijk Autor Weltinnenraum des Kapitals

Peter Sloterdijk – bei einer Buchlesung (2009)

Da die Risiken durch gesellschaftliche und technische Arrangements minimiert werden, leben auch Neoliberalisten und Terroristen nur von der Illusion einer Aktion ohne Gegenwehr. Beide vertreten rückwärtsgewandten Ideologien: Die Einen in Erinnerung an Konquistadoren, die fremdes Land für Ruhm, Kirche und Gold erobern. Die Anderen, in Anlehnung an die mit monotheistischem Eifer erfassten Nomadenstämme des 7. Jahrhunderts. Sie haben Wert als Unterhaltungselemente für die saturierte Masse im „Kristallpalast“, in dem die ständig konsumierenden, Vollkasko-versicherten und letztlich gelangweilten Menschen der Ersten Welt leben. Eine wirkliche Bedrohung oder gar Erneuerung geht von beiden nicht aus. (S. 287ff.)

Düstere Zukunft – Kristallpalast und Ausgeschlossene

Zum Ende des Buches widmet sich Sloterdijk nochmals den Beziehungen zwischen den Bewohnern des Kristallpalastes und den Ausgeschlossenen. Die us-amerikanische Gesellschaft glaubt weiterhin an die Dominanz der Initiative und verhält sich ewig gestrig. Rückkopplungen werden ihre Aktionen eindämmen. Es muss „sich nun erweisen, ob die Europäer imstande sind, sich vom Status des stillen Teilhabers US-amerikanischer Gewaltpolitik zu emanzipieren, ohne selbst den Weg zur Remilitarisierung der Beziehungen zu den Energie- und Rohstofflieferanten zu beschreiten“ (S. 390).

Auffallend sind Sloterdijks düstere Zukunftsorakel: Die Masse der Menschheit, die Bewohner der Dritten Welt, werden von den technologisch Errungenschaften der Ersten ausgeschlossen bleiben. An die Stelle der zerfallenden nationalen Demokratien treten autoritär-populistische Systeme. Nur an wenigen Stellen flammt so etwas wie eine Vision auf – die Errichtung des solaren Zeitalters, verbunden mit „Erwartungen an weltweite Friedensprozesse, an planetarischen Vermögensausgleich und Überwindung der globalen Apartheid …“ (S. 364).

Bewertung: Hervorragend denkintensiv

Sloterdijk hat eine komplexe, tiefsinnige philosophische Theorie der Globalisierung geschrieben, keine einseitig ökonomische oder geschichtliche Darstellung. Er erläutert die Veränderungen des Weltbildes der Menschheit. Entsprechend finden die relevanten Positionen bedeutender westlicher Philosophen widersprüchliche Würdigung. Es gelingt ihm, ein visionäres Gerüst für die übergreifenden Prozesse der letzten 3.000 Jahre zu schaffen. Von hohem Wert sind die vielen gedanklichen Ausflüge, Assoziationen und Pointierungen. Es gelingt dem Autor, Brücken und Verflechtungen quer durch die Jahrhunderte zu aktuellen Ereignissen aufzuzeigen. Gewollt provokante Thesen regen zum Nachdenken, Protestieren bzw. Diskutieren an.

Allerdings hat der intellektuelle Anspruch seinen Preis. Die anspruchsvolle Sprache, die bewusst auf Einfachheit verzichtet, stellt hohe Anforderungen an den Leser. Dieser Eindruck wird verstärkt durch inhaltliche Komprimierung sowie thematische Sprünge. Für die Lektüre sollte man sich Zeit nehmen, sind Fremdwörterbuch und Philosophielexikon angebracht; der Gewinn ist umso größer. Insgesamt ein hervorragendes Buch mit vielen Anregungen und zitierfähigen Aussagen zur aktuellen Politik.

Bibliographische Angaben
Sloterdijk, Peter: Im Weltinnenraum des Kapitals – Für eine philosophische Theorie der Globalisierung; Suhrkamp 2005.

Weitere Informationen
Vorträge von Peter Sloterdijk auf Seiten der Teleakademie.

Bildangaben
1. Karte aus Genua (1457): public domain.
2. Peter Sloterdijk: Bei einer Lesung aus seinem Buch Du mußt dein Leben ändern im ZKM Karlsruhe (2009). Autor: Rainer Lück; Creative Commons-Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0)

Der Beitrag erschien zuerst in WeltTrends Nr. 52 – „Deutsche Ostpolitik“ 2006, S. 151-154.

Kunstwerk des Eintrages

Diego Rodríguez de Silva y Velázquez (1599-1660) Christoph Kolumbus präsentiert den Katholischen Majestäten die Neue Welt
von http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG
Diego Velazquez - Christoph Kolumbus präsentiert den Katholischen Majestäten die Neue Welt

Außenpolitik Skandinaviens

von Kai Kleinwächter

Innerer Frieden – Äußere Sicherheit

Auf der aktuellen Sicherheitskonferenz der NATO in München stehen viele Themen über Syrien/Irak, Nordafrika als auch die Ukraine auf der Agenda. Fragmente eines Feuerings um Europa aus gescheiterten „Demokratisierungs“-Projekte der NATO-Staaten. Gleichzeitig führt Nordeuropa eine Debatte um eine mögliche Neuausrichtung seiner Außen- und Sicherheitspolitik. Kernfrage ist ein möglicher Beitritt Schwedens und Finnlands zur NATO.

Das Militär hat in den skandinavischen Ländern wie in Deutschland nur geringe wirtschaftliche Bedeutung. Gemessen an der Wirtschaftskraft wenden diese Länder einen ähnlichen Ressourcenumfang für die äußere Sicherheit aus. Lediglich bei den Ausgaben pro Einwohner gemessen in US-$ liegen sie vor Deutschland. Dies ist aber mehr ein Ausdruck der starken Außenwährung als der von real höheren Ausgaben.

Militärausgaben Skandinavien - Deutschland 2014Die skandinavischen Volkswirtschaften haben zusammen 26 Mio. Einwohner. Durchschnittlich geben sie nur 1,3 Prozent ihrer Wirtschaftskraft für militärische Zwecke aus. Entsprechend liegt ihr Anteil an den europäischen Militärausgaben zusammen bei ca. sechs Prozent. Das entspricht etwa der Hälfte des deutschen Militärbudgets. Damit haben die nordischen Staaten einen höhere Militäranteil als ihrem Bevölkerungsanteil an Europa entspricht. Die Ursache liegt in der deutlich höheren Wirtschaftskraft pro Einwohner. So erwirtschaftet beispielsweise Norwegen ca. 52.000 € (2013) pro Einwohner – mehr als das 1,7fache von Deutschland.

Militärausgaben Europa 2014Trotz der begrenzten Militäretats haben die skandinavischen Staaten eine hoch-moderne Rüstungsindustrie aufgebaut. Würde Skandinavien als ein Land gewertet wären die Exporte von 2010-2014 mit 3,8 Mrd. US-$ gleichauf mit der Ukraine. Damit sind die nordischen Staaten der neunt-größte Exporteur weltweit. Deutschland mit einer dreimal so großen Bevölkerung exportierte im gleichen Zeitraum Waffen im Wert von 7,4 Mrd. US-$. Noch stärker als Deutschland liefern die Skandinavier vor allem Hochtechnologie. So entfallen in Schweden über 75 Prozent der Rüstungsexporte auf das Kampfflugzeug Gripen sowie Sensoren- und Raketensysteme. Aus Sicht der NATO eine interessante Ergänzung.

In allen internationalen Rankings erreicht Skandinavien Spitzenpositionen – egal ob wirtschaftliche, demokratische oder ökologische Indikatoren herangezogen werden. Besonders bei den sozialen Indikatoren liegen diese Staaten immer unter den weltweit führenden. Der innere Frieden trägt entscheidend zur außenpolitischen Stabilität bei.

Skandinaviens internationale Position 2015Diesen inneren Frieden nutzen die Staaten um nachhaltig auf eine Entspannung nach außen zu wirken. So übererfüllen Norwegen und Schweden die Zielmarke der UN, dass mindestens 0,7 Prozent der eigenen Wirtschaftskraft für Entwicklungshilfe bereitgestellt werden soll. Deutschland hingegen liegt deutlich abgeschlagen bei ca. 0,4 Prozent des BNE.

Entwicklungshilfe OECD-Staaten 2014Skandinavien etablierte mit die friedlichsten und wohlhabensten Gesellschaften weltweit. Dies konnte auch gelingen, weil die Ausgaben für militärische Güter und außenpolitische Abenteuer bisher weitgehend vermieden wurden. Allerdings zeigen nicht nur die Wahlerfolge konservativer bis rechter Parteien eine zunehmende Spaltung des politischen Systems. Die in der Bevölkerung und der Mittelschicht dominierenden Sozialdemokratie inkl. starken pazifistischen Traditionen gerät in Bedrängnis. Große Bereiche der „alten“ Eliten insb. Adel, Militär und der Exportindustrie sind konservativ-atlantisch eingestellt. Sie befürworten eine Anlehnung an die USA bzw. NATO. Ausdruck findet Entsprechende Beteiligung an Einsätzen der NATO zum Beispiel in Afghanistan.

Bisher stellten insbesondere die neutralen Staaten Schweden und Finnland eine Pufferzone zu Russland. Es ist zu befürchten, dass durch den Beitritt nicht nur dieser Puffer wegfällt, sondern auch mehr Mittel in den militärischen Sektor fließen. Eine weitere Schwächung alternativer Strategien der Gesellschaftspolitik. Es ist zu hoffen, dass die friedlichen Kräfte sich weiterhin in diesen Ländern durchsetzen.

Weitere Informationen
In WeltTrends-Heft 104 „Sicherheit in Skandinavien“ analysieren führender Wissenschaftler der Friedens- und Konfliktforschung die Außenbeziehungen der Skandinavischen Staaten. In dem Heft findet sich auch eine gekürzte Fassung des vorliegenden Beitrages.

Quellen
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) (Hrsg.): ODA-Zahlen – Geber im Vergleich 2014; 2016.
Institute for Economics and Peace (Hrsg.): Global Peace Index (GPI) 2015; 2015.
Kleinwächter, Kai: NATO – Militärbudgets im Widerstreit; telepolis 2015.
Social Progressive Imperativ (Hrsg.): Social Progress Index (SPI) 2015; 2015.
Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI) (Hrsg.): Military Expenditure Database 2015; 2016.
United Nations (Hrsg.): Human Development Report (HDR) 2015; 2015.

Kunstwerk des Eintrages
Hugo Simberg (1873-1917) – Kuoleman puutarha (Im Garten des Todes)
public domain – Originaldatei auf wikimedia commons.

Hugo Simberg - Kuoleman puutarha - Im Garten des Todes

„The Garden of Death“ shows skeletal figures dressed in black robes, gently tending strange, scraggy flowers. Simberg has given us an explanation of the background to the work. According to him, the garden of death is where souls go before being admitted to heaven. The plants symbolise human souls that are awaiting their future fate in this humble form.

The figure of death in the foreground welcomes the viewer into the labyrinthine garden. This is a necessary stopping place – it is the only way to go through. In the background, a road leads further away into the distance. The prosaic quality of the scene is emphasised by a watering can and a towel hanging from a hook.
Quelle: The Other World of Hugo SimbergThe Garden of Death

Nukleares Wettrüsten reloaded?

von Kai Kleinwächter

Anfang Februar 2015 beriet die Nukleare Planungsgruppe der NATO angesichts der Konfliktlage mit Russland zu Fragen der Kernwaffenrüstung und einer Überarbeitung der Nukleardoktrin. Damit steht eine Umkehrung des bisherigen Rüstungstrends zu befürchten. Standen Mitte der 1980er Jahre noch mehr als 60.000 einsatzbereite Kernsprengköpfe zur nuklearen Kriegsführung bereit, reduzierten die Kernwaffenmächte ihre Arsenale seitdem auf knapp über 10.000.
Einsatzfähige Sprengköpfe weltweit 1945 - 2013
In den Beständen der USA und Russlands befinden sich ca. 90 Prozent der weltweiten Nuklearwaffen. Beide Staaten verfügen darüber hinaus noch über tausende eingelagerte Sprengköpfe – zur Modernisierung bestimmt oder demontiert bzw. zur Vernichtung vorgesehen. Unabhängige Daten über deren Einsatzfähigkeit liegen nicht vor. Friedensforscher schätzen diese „Schattenarsenale“ ähnlich hoch wie die aktiven Bestände. Die Reduzierungen betreffen im Wesen die Großmächte. Die kleinen Nuklearstaaten wie Frankreich halten eine „Minimalabschreckung“ aufrecht.
Kernsprengkoepfe USA - Russland
Die Angst vor einem möglichen Krieg gegen die NATO-Staaten ist mehr als unbegründet. Außer Russland im nuklearen Bereich erreicht kein Staat die militärischen Kapazitäten der NATO. So umfassen die NATO-Rüstungsausgaben 55 bis 65 Prozent des weltweiten Militärbudgets. Unter Einbeziehung von Partnern wie Israel und Japan steigt der Anteil auf über 70 Prozent. Die überhöhten Rüstungsausgaben der NATO-Staaten werden besonders im Vergleich mit den BRIC-Staaten deutlich. Zusammen stellen diese ca. 20 Prozent des weltweiten Militäretats. Den Hauptanteil trägt dabei China – dessen Budget inzwischen ca. 170 Mrd. US-Dollar beträgt. Das entspricht ungefähr der Ausgabensumme von Großbritannien, Frankreich und Deutschland bei einer siebenfach größeren Bevölkerung. Überdimensioniert bleibt der Rüstungsetat der USA mit über 600 Mrd. Dollar.
Ruestungsausgaben NATO - BRICS

Quellen
Bulletin of the Atomic-Scientists (Hrsg.): Global nuclear weapons stockpiles, 1945 – 2013; 2013.
SIPRI (Hrsg.): Military Expenditure Database; Abgerufen 2015.

Kunstwerk des Eintrages

Antoine Coypel (1661 – 1722) – Democritus.

Antoine Cypel - Democritus„Der griechische Philosoph Demokrit (460 – 371 v.Chr.) lehnte die Meinung ab, Materie sei unendlich fein unterteilbar, und postulierte Atome als kleinstmögliche Materieteilchen. Seine Atome sind massive Körper in unendlich vielen unterschiedlichen Formen: eckig, rund, glatt, rau, regelmäßig und unregelmäßig. Alle Objekte – Erde, Luft, Wasser, Feuer, Pflanze, Tier oder Mensch – sind aus unterschiedlichen Atomarten zusammengesetzt. „Nur scheinbar hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süß oder bitter. In Wirklichkeit gibt es nur Atome und den leeren Raum.“ Auch die Seele besteht aus Seelenatomen, die sich nach dem Tod verstreuen und sich einer neugeborenen Seele anschließen können.“

Quellen
Bild: Wikimedia Commons – gemeinfrei.
Zitat: Johann Christian Lotter: Kosmologie für eilige – Atom; 2006.

Demokratische (IT)-Gesellschaft

Dieser Beitrag ist eine Replik auf einen Artikel von Felix Bartels: Der lange Arm von Bitterfeld.
Herr Bartels veröffentlichte diesen sowohl auf seinen Blog als auch in der Zeitung neues deutschland vom 28. März 2015.

1. Entwicklung irreversibel
Die „gute“ alte Zeit des Papiers ist Vergangenheit. Konservative Teile der Gesellschaft weinen ihr noch nach – aber die Mehrheit der Jugend hat entschieden. Sie liest und schreibt digital. Wer sie erreichen will, muss ihr in das Internet mit seinen E-Books, Blog-Post und Instant-Messages folgen. Gesellschaftliche Diskurse außerhalb des digitalen Netzes verlieren mit dem Generationswechsel an Stellenwert. Ein Publikum jenseits kleiner Zirkel der Selbstbespaßung wird ohne dieses Medium nicht mehr erreicht.

Online Ranking Medienunternehmen

2. Machtverlust der Verlagszensoren
Zum Glück schwächt sich mit dem Aufstieg der neuen Techniken die Zensur klassischer Medienunternehmen, genannt Verlage und ihrer Lektoren-Söldner, ab. Die Vorab-Aussortierung von Werken unter kommerziellen aber auch ideologischen Aspekten wird geringer. Die Publikation in einem Verlag stellt nur noch eine Option neben Selfpublishing, Social-Media-Plattformen sowie Blogs dar.

3. Wandlung der Gatekeeper
Die Torwächter verschwinden nicht. Die Gewichtungen – Rankings – der Suchmaschinen und die Filter der Sozialen Netzwerke stellen alte Selektion im neuen Gewand dar. Auch die begrenzte Zeit der Nutzer angesichts einer Informationsüberflutung führt zu einer Ausblendung einer wachsenden Anzahl von Werken. Das Geschäftsmodell der Medienkonzerne verändert sich. Nicht mehr Fremd-Auswahl steht im Zentrum sondern Erstellung durch Nutzer und Verlinkung vielfältiger Inhalte. Alles unterliegt einer Speicherung, um, wenn es für Leser und Profiteure relevant wird, verfügbar zu sein. Die Breite des Angebots und damit auch die Varianten der Partizipation erweitern sich.

4. Freiheit der Autoren
Diese Vielfalt öffnet für Rezipienten und Kreative neue Freiheiten wie auch neue Herausforderungen. Insbesondere der Prozess der Werkerstellung wird komplexer. Den E-Books oder Blogeinträgen Seele zu geben, sie zu gestalten und ihnen Einzigartigkeit zu verleihen, erfordert neue Fähigkeiten. Die Trennung zwischen Text, Grafiken/Bildern, Videos und Musik hebt sich auf. Die Ausdrucksmöglichkeiten potenzieren sich. Der Bleiwüsten-Autor erreicht immer weniger Publikum, da er in den Strukturen des Papierzeitalters denkt und schafft. Neue, zwischen den Medien wandelnde Gestalter dominieren. Einer Anforderung, der viele Autoren nicht gewachsen sind. Aber sollen wir „Künstlern“ nachtrauern, die mit dem Ruf „Früher war alles besser“, sich wandelnden Zeiten, neuartigen Kommunikationstechniken und letztlich neuem Denken verweigern?

5. Publikumsignoranz der Geldeliten
Erfolgreiche Autoren waren oft Persönlichkeiten, die sich aktiv in die Gesellschaft einbrachten, vielfältige Formen der Kunst ausprobierten und den Genüssen des Weltverkehrs frönten. Dazu gehört sich an Mäzene, Lobbygruppen und dem Publikum auszurichten. Gesellschaftliche Irrelevanz füllt den Kühlschrank nicht. Wer kann die Fahne der Unkorrumpierbarkeit schon hochhalten? Hauptsächlich die Kinder des Geld-Adels.

6. Demokratisierung der Kommunikation
Die digitale Technik erleichtert die Erstellung, Speicherung und Verbreitung jedweder Information. Insbesondere die finanziell-materiellen Hürden sinken deutlich. Dadurch gelingt eine Öffnung gesellschaftlicher Diskurse. Nicht nur Eliten sondern auch breite Schichten der Bevölkerung können teilhaben und selbst erschaffen. Das ist eine der revolutionärsten Umwälzung der neuen Medien. Die etablierten gesellschaftlichen Filter wie Geld, Status und Herkunft verlieren an Bedeutung. Die „professionellen“ Autoren der etablierten Eliten sehen sich einer „Laien“-Konkurrenz der Mittel- und Unterschichten ausgesetzt, der sie partiell unterliegen. Wirtschaftlich und politisch erfolgreich ist, was die Menschen konsumieren, nicht das, was selbsternannte Eliten für wichtig halten. In der Vor-Internet-Welt stellte sich dieses Problem nicht. Es dominierten die Werke der Mächtigen. Jetzt existieren sichtbare und wirkmächtige Alternativen. Die Möglichkeit einer breiten Partizipation entsteht. Ein neuartiger Aufbruch, ein andersartiger “Bitterfelder Weg“, der gestärkt werden sollte.

Kunstwerk des Eintrages
Francisco José de Goya y Lucientes (1746-1828)Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer
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Goya - Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer

„Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ ist die bekannteste Radierung Francisco de Goyas.
[…] Im vom Krieg mit dem napoleonischen Frankreich zerrütteten Spanien der vorletzten Jahrhundertwende war die Frage von Brisanz, ob die „Abwesenheit“ der Vernunft oder der Traum vollkommener Vernunft mehr Unheil anrichtete. […] Quelle: Nehrkorn, Stefan: Goyas Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer. 78. Sitzung der HUMBOLDT-GESELLSCHAFT BERLIN am 16.03.99; Humboldt Gesellschaft.

Militarisierung Naher Osten

von Kai Kleinwächter

Der arabische Raum ist im Umbruch. Bürgerkrieg, Interventionen und wirtschaftlicher Niedergang kennzeichnen die Region. Diese Entwicklung ist auch Folge der seit den 1980er Jahren zunehmenden Militarisierung dieses Raumes. Auf die Region „Naher Osten“ entfallen über 8 Prozent der weltweiten Militärausgaben gegenüber 4,7 Prozent der Weltbevölkerung. Während die EU und Lateinamerika ihre Rüstungsausgaben senkten, steigen sie im Nahen Osten seit Mitte der 1990er Jahre deutlich an.

Militarisierung Naher Osten
Die Region am östlichen Mittelmeerraum ist hochgradig militarisiert. Israel „führt“ seit zwei Jahrzehnten den „Global Militarization Index“ fast ununterbrochen an. Dahinter finden sich Staaten wie Syrien oder Jordanien. Gleichzeitig nehmen die reichen Ölstaaten und Israel Spitzenplätze bei den Militärausgaben ein. Werden Nachbarn wie Armenien oder Griechenland mit einbezogen liegen sieben der zehn am stärksten militarisierten Staaten der Welt im Nahen Osten.

Militarisierung Naher Osten - Militärausgaben zum BIP, pro Einwohner Globaler Militarisierungsindex GMI
Im Vergleich mit Deutschland wird die umfassende Militarisierung überdeutlich. Die Staaten des Nahen Ostens haben einen überproportional hohen Anteil Militärausgaben am Staatshaushalt. Mehr als 13 Prozent werden für militärische Zwecke verschwendet (Deutschland knapp drei Prozent). Pro Einwohner geben sie das Doppelte für militärische Zwecke aus.

Militärausgaben in Prozent Staatshaushalt Ausgaben pro Einwohner Naher Osten Deutschland
Auf Grund der zugespitzten Konflikt- und Kriegslage, einer unterentwickelten Rüstungsindustrie aber hoher Erdöl-/Erdgas-Einnahmen importiert der Nahe Osten weltweit die meisten Rüstungsgüter. Der Rückgang des Importanteils am Waffenhandel von über 30 auf heute knapp 20 Prozent täuscht. Waffenlieferungen an und durch irreguläre Strukturen wie ISIS oder die syrischen Aufständischen gehen genauso wenig in die Statistik ein, wie die militärische Unterstützung Israels durch die USA.

Waffenimporte Naher Osten

Der Verfall des Ölpreises seit Herbst 2014 hat auch massive Auswirkungen auf die ökonomische Entwicklung der nur scheinbar stabilen Ölmonarchien der arabischen Halbinsel. Insbesondere für Saudi-Arabien ist es fraglich, ob der Staat bei anhaltender Niedrigpreise, seine Rüstungsausgaben beibehalten kann.

Quellen

Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI)
SIPRI – International Arms Transfer Database
SIPRI – Military Expenditure Database
Bonn International Center for ConverionGlobal Militarization Index

Die Metaanalyse erschien auch in WeltTrends Nr. 101 „Der Kurdische Knoten“.

Kunstwerk des Eintrages

Eugène Ferdinand Victor Delacroix (1798-1863)Sitzender Araber in Tanger
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Delacroix Sitzender Araber in Tanger

Delacroix’s most influential work came in 1830 with the painting Liberty Leading the People , which for choice of subject and technique highlights the differences between the romantic approach and the neoclassical style. […]

In 1832, Delacroix traveled to Spain and North Africa, as part of a diplomatic mission to Morocco shortly after the French conquered Algeria. He went not primarily to study art, but to escape from the civilization of Paris, in hopes of seeing a more primitive culture. He eventually produced over 100 paintings and drawings of scenes from or based on the life of the people of North Africa, and added a new and personal chapter to the interest in Orientalism. Delacroix was entranced by the people and the costumes, and the trip would inform the subject matter of a great many of his future paintings. He believed that the North Africans, in their attire and their attitudes, provided a visual equivalent to the people of Classical Rome and Greece.
Quelle: www.eugenedelacroix.org Text Creative Commons License BY-NC-ND 3.0.

Vollkommener Markt – praxisfern

von Kai Kleinwächter

Die Annahmen neo-liberaler / monetaristischer Wirtschaftswissenschaften beruhen auf der Idee des sogenannten „vollkommenen Marktes“. Darunter verstehen ihre Anhänger einen idealen Markt auf dem sich alle Marktteilnehmer ausschließlich am (Gleichgewichts-)Preis orientieren. In Folge dessen bildet sich ein stabiles Marktgleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, das bis auf Ausnahmen (z.B. natürliche Monopole) dem volkswirtschaftlichen Optimum entspricht. Die „perfekten“ Märkte schaffen also angeblich das höchste Maß volkswirtschaftlicher Wohlfahrt. Hinterfragen wir dieses Konstrukt.

1. Aspekte des Vollkommenen Marktes
2. Bewertung des Vollkommenen Marktes (nächster Blogeintrag)
3. Börse als Illusion eines Vollkommenen Marktes (nächster Blogeintrag)

Teil 1: Aspekte des Vollkommenen Marktes

Dieses Denkgebäude geht zurück auf die neoklassischen Theorien des 19. Jahrhunderts. Insbesondere das Bild des nach Léon Walras benannten (neutralen) walras´schen Auktionators, setzte sich durch. Walras und andere Theoretiker der Grenznutzenschule begründeten damit zentrale Instrumente und Ansichten der heutigen ökonometrischen Volkswirtschaftslehre. Im Rahmen dieser Traditionslinie begründen sich volkswirtschaftliche Prozesse vor allem mikro-ökonomisch. Das heißt, die Gesamtentwicklung der Volkswirtschaft wird mathematisch aus dem (mikro)-Verhalten der einzelnen Wirtschaftssubjekte hergeleitet. Da alle Akteure den gleichen „rationalen“ Annahmen folgen, genügt es dabei, das Verhalten nur einiger weniger zu berechnen.

Denkschulen der Volkswirtschaftslehre seit dem 19. Jahrhundert
Ein vollkommener Markt muss dabei mehrere Kriterien idealtypisch erfüllen. Je stärker der betrachtete Markt davon abweicht, umso mehr ist er laut Theorie als „unvollkommen“ anzusehen. Der Markt ist dann durch Instabilitäten (Schocks, Spekulationsblasen…) bzw. Ungleichgewichte (Insolvenzen, Arbeitslosigkeit, Überproduktion…) gekennzeichnet. Das Ergebnis gilt dann als volkswirtschaftlich nicht-optimal.

Modell Merkmale vollkommenen Markt
Je nach Theorie und Wissenschaftler variieren die Merkmale eines vollkommenen Marktes. Am gebräuchlichsten sind:

1. Vollständige Transparenz

Alle Marktteilnehmer besitzen absolute vollständige Informationen über das gesamte Marktgeschehen – auch über die anderen Akteure im Markt. Dieses Wissen erstreckt sich nicht nur auf die Gegenwart. Auch die Entwicklung der Zukunft muss bekannt sein. Ansonsten würden sich bei den einzelnen Marktteilnehmern unterschiedliche Zukunftserwartungen herausbilden. Das daraus resultierende verschiedenartige Verhalten beendet die Gleichartigkeit der Marktteilnehmer. Ein stabiler Gleichgewichtspreis könnte sich nicht mehr bilden.

2. Keine (zeitlichen, örtlichen, personellen…) Präferenzen

Die Marktteilnehmer behandeln sich gegenseitig als auch die gehandelten Güter gleich. Es existieren also keine Argumente bei dem einem oder dem anderen zu (ver-)kaufen. Der einzige eventuelle „Vorteil“ den ein Marktteilnehmer hat ist der (Ver-)Kaufspreis. Dieser bestimmt alleine die Entscheidungen. Grundlage dafür ist auch, dass alle Marktteilnehmer gleich „ticken“. Sie unterschieden sich nicht anhand ihrer Vorlieben, Erwartungen, Fähigkeiten … und orientieren sich alleine am Preis. Ein Markt voller gleichartiger auf Gewinn- bzw. Nutzenmaximierung ausgerichteter Menschen als homo oeconomicus.

3. Homogenität (und beliebige Teilbarkeit) der Güter

Um die ersten beiden Merkmale zu erfüllen, müssen alle gehandelten Güter völlig identisch sind. Entsprechend liegt der Informationsbedarf niedrig. Die geforderte beliebige Teilbarkeit bedeutet einen konstanten Stückpreis. Es gibt keine Mengenrabatte etc. Akteure die genug Ressourcen besitzen um größere Mengen auf einen Schlag umzusetzen, erhalten keinen strukturellen Vorteil. Diese Möglichkeit entspräche einer Präferenz auf Grund der Größe. Auch dürfen Güter nicht so groß bzw. teuer sein, dass eine größte Anzahl von Marktteilnehmern nicht mehr mit ihnen handeln könnte.

4. Unverzügliche Reaktion aller Wirtschaftssubjekte

Die Marktteilnehmer reagieren sofort auf jede Veränderung – vor allem auf Preisschwankungen. Durch die Annahme der vollständigen Transparenz ist jeder Akteur über die Veränderung (im Voraus) informiert. Ebenfalls hat niemand gebundene Ressourcen bzw. versunkende Kosten die verhindern, dass Pläne umgestellt werden können. Vertragliche, emotionale … Bindungen an vergangene Entscheidungen existieren ebenfalls nicht. Es zählt nur der gegenwärtige Preis. Dieser wird damit zu einem „Datum“. Zu einer bestimmten Zeit gilt ein bestimmter Preis.

Ein „Punktmarkt“ impliziert, dass alle Entscheidungen an einem „Ort“ getroffen werden. Nur so lässt sich verhindern das einzelne Akteure Vorteile (Präferenzen) erlangen. In der Vorstellung des vollkommenden Marktes finden alle relevanten Transaktionen gleichzeitig statt. Gesteuert durch eine neutrale Institution. Die Theorie bemüht hier die Vorstellung einer Auktion bzw. das Bild des neutralen Auktionators. Man kommt zusammen, allen sind die verkauften Gegenstände bekannt, es wird geboten, einer erhält den Zuschlag, der Markt ist beendet. Woher dieser Auktionator kommt, seine Ressourcen nimmt oder warum er keine eigenen Interessen hat – beantwortet die Theorie nicht. Es wird axiomatisch postuliert

5. Polypol – keine Marktmacht – keine Ausbeutung

Kein Marktteilnehmer darf in der Lage sein den Preis zu seinen Gunsten zu beeinflussen – zum Beispiel auf Grund seiner Größe. Alle Beteiligten sind entsprechend nur Preisnehmer. Erst die Gesamtheit der Entscheidungen beeinflusst den Preis. Der einzelne Akteur passt sich dem „Datums-Preis“ an, in dem er die produzierten bzw. nachgefragten Mengen ändert (Mengenanpasser).

Damit besitzt auf einem vollkommenen Markt kein Akteur dominante Marktmacht bzw. die Fähigkeit andere Teilnehmer auszubeuten. Unter Ausbeutung versteht die Volkswirtschaftslehre die Durchsetzung von „Renteneinkommen“ – also Einkommen ohne entsprechende Leistung. Am Markt bedeutet die Durchsetzung von Renteneinkommen ein überhöhtes Preisniveau, das oberhalb der realen Produktionskosten liegt. Das Markteinkommen wird zugunsten der Rentenbezieher umverteilt. Im Rahmen des vollkommenen Marktes gibt es solches Einkommen nicht. Die langfristigen Gewinne entsprechen einem kalkulatorischen Unternehmerlohn. Diese Form des Marktes wird als Polypol bezeichnet. Viele kleine Anbieter stehen vielen kleinen Nachfragern gegenüber.

Darstellung Marktformen - Polypol Oligopol Monopol

6. Keine Eingriffe des Staates

Da der Markt sich selbstständig reguliert ist im Rahmen dieser Theorie ein Eingriff des Staates nicht nur nicht notwendig sondern abzulehnen. Die Selbststeuerung erzeugt das beste Ergebnis von selbst. Durch einen Eingriff kann es nur genauso werden – niemals besser.

(Fortsetzung der Begriffserläuterung folgt in Teil 2.)

Kunstwerk des Eintrages

Jan Victors (1619 1679) – Quacksalber auf dem Markt
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Bild Jan Victors Quacksalber auf dem Markt

This painting was painted about 1650 but the style and manner of presentation are those of an earlier period. This was the beginning of the great period of middle-class genre painting when artists were developing a style quite different from Victor’s over-familiar anecdotical approach.

The market-place is in fact limited to the quack’s table with an awning over it, and the group of simple people crowding round the stall. The church and houses round the market-square are outlined behind the group of onlookers and the village street with figures can be seen in the distance. The peasant sitting barefooted, one of his shoes discarded beside him, the charlatan in his finery, and the colourful company of villagers around them are characters in an anecdotical story which is indeed worthy of the painter’s brush. Victors was a pupil of Rembrandt, and his figures are clearly derivative but they are smooth and superficial compared with the character studies of the great master.
Emil Krén and Daniel Marx – Web Galary of Arts

Bildung – Relativierung der USA

von Kai Kleinwächter

Ziele, Strategien sowie die Wahl der Mittel staatlicher Außenpolitik basieren auf den Werten und Denkmodellen der nationalen Eliten. Wesentlich für deren Herausbildung sind die Prägungen durch das akademische Bildungssystem. Fundamentale Verschiebungen in diesem, zeigen entsprechend langfristige Veränderungen der außenpolitischen Parameter an.

Seit den 1960er Jahren hat sich die Anzahl der deutschen Studierenden mehr als verzehnfacht. Parallel dazu stieg auch der Anzahl Studierenden anderer Nationalitäten auf inzwischen über 280.000. Damit erhöhte sich ihr Anteil von sechs Prozent in den 1980er Jahren auf gegenwärtig 10-12 Prozent.

Mit dieser enormen Expansion und Internationalisierung des Bildungssystem geht eine zunehmende Relativierung der Bedeutung der USA einher. Inzwischen kommen 82 Prozent der ausländischen Studierenden aus Europa und Asien. Aus den USA und Kanada stammt inzwischen nur noch ein marginaler Anteil von ca. zwei Prozent.

Auslaendische Studierende in Deutschland Wintersemester 2012-2013Dieses Verhältnis setzt sich bei den gegenwärtig 200.000 Promovenden in Deutschland fort. Nur noch ein Prozent ist aus Nord- und Südamerika – etwas mehr als aus Afrika. Es dominieren europäische und asiatische Länder.

Bildungsausländer an deutschen Hochschulen

Die USA profitierten auch nicht von der deutlich wachsenden deutschen Studentenschaft im Ausland. 1994 wählten 22 Prozent diese als Zielort, gegenwärtig nur noch 7 Prozent. Ähnlich verlief die Entwicklung bei den Auslandspraktika. Zwar absolvierten 2012 zehn Prozent der Studenten ein Praktikum in den USA, aber die absoluten Zahlen stagnieren seit Ende der 1990er Jahre.

Deutsche Studierende im AuslandDie umfassende us-amerikanische Prägung deutscher Eliten über das Bildungssystem der Nachkriegsjahrzehnte geht seit Ende der 1980er Jahre kontinuierlich zurück. Inzwischen dominieren anteilig die Mitgliedsstaaten der EU. Gleichzeitig gewinnen Länder wie die Türkei, China, Indien und Russland an Bedeutung. Die Netzwerke der Eliten-Bildung in Deutschland folgen damit der ökonomisch-politischen Relativierung der USA bei Aufstieg Eurasiens.

Quellen zum deutschen Bildungssystem

HIS, DAAD (Hrsg.): Entwicklung der Auslandsmobilität deutscher Studierender 1963 – 2011; Hannover 2011.
Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Bildung und Kultur – Studierende an Hochschulen Wintersemester 2012/2013; Wiesbaden: Fachserie 11 Reihe 4.1.
Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Deutsche Studierende im Ausland ab 1994; Wiesbaden.
Statistisches Bundesamt (Hrsg.): Promovierende in Deutschland 2010; Wiesbaden 2012.

Die Metaanalyse erschien bei WeltTrends – Zeitschrift für internationale Politik,
Ausgabe 95: Thema USA und Wir.
Eine umfassende Analyse erschien in Telepolis – e-zine des Heise Verlages.

Kunstwerk des Eintrages

William Hogarth (1697 – 1764)Amoretten beim Studium der Natur.
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Bild William Hogarth Amoretten beim Studium der Natur

Arbeitsmarkt – Stand – Entwicklung

von Kai Kleinwächter
Update Statistiken: 20.06.2016

Morgen, am 1. April 2014, veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit die neuesten Zahlen zur Entwicklung des deutschen Arbeitsmarktes. Darin wird wieder von Belebung und Fortschritten zu hören sein. Allerdings beruhen diese Einschätzungen auf eher kurzfristigen statistischen Daten. Eine realistische Betrachtung des Arbeitsmarktes muss tiefgründiger in die Vergangenheit schauen. Dabei zeigt sich, dass die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland in vier Phasen verlief.

Entwicklung Arbeitslosenquote Deutschland 1950-2015

1950 – 1960: Anhaltender Rückgang

Der Arbeitsmarkt war Anfang der 1950er Jahre gekennzeichnet durch eine hohe Massenarbeitslosigkeit. Die Ursachen lagen in den Nachwirkungen des II. Weltkrieg sowie der Zuwanderung von Deutschen aus Osteuropa und dem Balkan. Allerdings ging die Arbeitslosigkeit in Folge des Wirtschaftsaufschwunges rasch zurück. Die Anzahl der Arbeitslosen sank bis 1960 von mehr als 1,8 Millionen auf unter 300.000. Dabei fiel die Quote 1959 erstmals unter die drei Prozent Marke.

1960 – 1973: Vollbeschäftigung

Die Höhe der Arbeitslosenquote pendelte in dieser Phase meist zwischen ein und zwei Prozent. Von 1960 bis 1973 registrierten die Arbeitsstatistiken die historisch niedrigsten Werte. Im Jahr 1965 waren sogar weniger als 150.000 Menschen offiziell arbeitslos gemeldet. Das entsprach einer Quote von 0,7 Prozent. Selbst in Folge der Wirtschaftskrise 1967 stieg die Anzahl der Arbeitslosen nicht über 500.000. Die Bundesregierung reagierte auf die Überbeschäftigung des Produktionsfaktors mit einer gezielten Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte. Von 1955 bis 1968 schloss die BRD Anwerbeabkommen mit neun Staaten (Italien, Spanien, Griechenland, Türkei, Marokko, Südkorea, Portugal, Tunesien, Jugoslawien). Heutige Schätzungen gehen von einer damaligen netto Arbeitsmigration von ungefähr 2,6 Millionen Menschen aus.

1974 – 2005: Anstieg strukturelle Massenarbeitslosigkeit

Innerhalb von zwei Jahren nach der ersten Erdölkrise stieg die Anzahl der Arbeitslosen von 270.000 auf über eine Million. Der Arbeitsmarkt ist seitdem durch eine strukturelle (Massen-)Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Die Anzahl der Arbeitslosen, als auch die Quote stiegen kontinuierlich. In Folge entwickelten sich mit jedem Jahrzehnt höhere Schwellenwerte, unter die die Arbeitslosigkeit nicht mehr absinkt. Dabei nimmt die Anzahl der Arbeitslosen schneller zu, als die der Erwerbstätigen. Entsprechend steigt die Arbeitslosenquote ebenfalls kontinuierlich an.

Arbeitsmarktschwellen Deutschland 1960-2015

Ab 2006: Stabilisierung bei Zunahme sozialer Probleme

Den bisher höchsten Wert erreichte die Arbeitslosigkeit im Jahr 2005 mit durchschnittlich 4,8 Mio. Arbeitslosen. Ohne wirtschafts-politische Gegenmaßnahmen hätte sich wahrscheinlich eine neue Schwelle am Arbeitsmarkt mit mindestens vier Mio. Arbeitslosen bzw. einer Mindestquote von acht Prozent etabliert. Besonders in Ostdeutschland, wo die Arbeitslosigkeit stabil um die 20 Prozent lag, manifestierten sich erhebliche volkswirtschaftliche und soziale Problemlagen. Damit stand und steht bis heute die Frage, wie viel Arbeitslosigkeit und damit Armut bzw. Abhängigkeit vom Sozialstaat das politische System in Deutschland dauerhaft ertragen kann?

Regionale Arbeitslosenquote Deutschland 1991 - 2015Spätestens gegen Ende der 1990er Jahre wuchs der sozial-politische Druck, einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern. Die wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Schröder-Regierung – Stichwort „Agenda 2010“ – sollten eine Antwort formulieren. Sie waren im Kern eine radikale Fortschreibung der monetaristischen Konzepte, die seit den 1980er Jahren in Deutschland an Einfluss gewannen. Alternative Ansätze setzten sich nicht durch.

Mit der Implementierung der Reformen geht die Arbeitslosigkeit seit nun fast zehn Jahren kontinuierlich zurück. Gleichzeitig konnte die Zahl der Erwerbstätigen um ca. drei Millionen erhöht werden. Allerdings dürfen die Erfolge dieser Wirtschaftspolitik nicht überbewertet werden. Die Absenkung wurde erkauft mit sozialen Härten. Hier ist es wichtig die Effekte der viel diskutierten „Hartz-Gesetze“ nicht singulär zu betrachten. Sie entfalten ihre Wirkung durch ein Zusammenspiel mit weiteren wirtschaftspolitischen Maßnahmen.

So erfolgte parallel zu einer deutlichen Absenkung der realen Sozialleistungen, der Aufbau eines umfassenden Niedriglohnsektors. Gleichzeitig übten die Ausweitung der Zeitarbeit, die Öffnung des Arbeitsmarktes nach Osteuropa und die seit den 1990er forcierte Zerschlagung der Flächentarife, erheblicher Druck auf die Löhne aus. Damit entstand eine bis heute anhaltende Lohnspreizung, die mit einer flächendeckenden Absenkung der Arbeitsentgelte einhergeht. Insbesondere das untere Drittel der Bevölkerung verdient gegenwärtige weniger als Mitte der 1990er Jahre.

Trotz der sozialen Ungleichgewichte erreichten die Maßnahmen bisher nur eine Rückführung der Arbeitslosigkeit auf das Niveau von Anfang der 1990er Jahre. Neue sozio-demographische Daten lassen die Herausbildung einer neuen Schwelle bei um die drei Millionen Arbeitslosen vermuten. Die aktuelle Politik stößt damit an Systemgrenzen.

Sinkende Arbeitsstunden

Interessanterweise haben die seit fast drei Dekaden praktizierten Wirtschaftskonzepte bisher nicht zu einer Zunahme der volkswirtschaftlichen Arbeitsstunden geführt. Im Gegenteil, die durchschnittliche Arbeitszeit nimmt seit den 1960er Jahren kontinuierlich ab. Inzwischen liegt sie bei durchschnittlich 30 Stunden pro Woche (Vollzeit: 38 Stunden; Teilzeit: 15 Stunden).

Gleistete Arbeitsstunden Erwerbstätige Deutschland 1960-2014Eine Absenkung der durchschnittlichen Stundenzahl ohne entsprechenden Lohnausgleich – der bis in die 1980er Jahre stattfand – bedeutet real eine deutliche Verschlechterung der Einkommen breiter Kreise der Bevölkerung. Armut trotz Arbeit wird damit von einem Randphänomen zur Massenerscheinung. Ebenfalls zeigt die Statistik deutlich, dass trotzdem ein erheblicher Anteil des Arbeitskräfteangebotes volkswirtschaftlich nicht genutzt wird. Hier ist kritisch zu hinterfragen, was die Zahlen zur Beschäftigungslage dann realistischerweise aussagen.

[Zusatz: Diese Entwicklung – Absenkung Stundenzahl ohne Lohnausgleich – ist nicht auf Deutschland begrenzt – hier das Beispiel Österreich. Die im verlinkten Artikel genannten absoluten Zahlen sind nur bedingt mit denen für Deutschland vergleichbar. Für eine Harmonisierung sollten Datenbanken von EUROSTAT oder der OECD genutzt werden.]

Quellen für Statistik Arbeitsmarkt

Sozialpolitik aktuell (Hrsg.): Datensammlung Arbeitsmarkt; Universität Duisburg Lehrstuhl Prof. Dr. Gerhard Bäcker.
Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.): Arbeitslosigkeit im Zeitverlauf; Februar 2016.
IAB (Hrsg.): Zeitreihe – Daten Arbeitszeiten 1991 – 2014; Nürnberg: 2015.
IAB (Hrsg.): Durchschnittliche Arbeitszeit der beschäftigten Arbeitnehmer und ihre Komponenten 1970 – 2012; Nürnberg: 2013.

Kunstwerk des Eintrages

François-André Vincent (1746 – 1816)La Leçon de Labourage.

Bild Francois Vincent - La Lecon de Labourage„Ein wunderschönes Bild in physiokratischer Lehre. Ein Landwirt – ganz im Stile der älteren emblematischen Symbolisierung von „Labor“ und mit Handstellung des Schöpfers in Michelangelos „Erschaffung Adams“ – unterrichtet einen Knaben aus der sterilen Klasse in der Führung eines Pfluges, den allein die Vertreter der produktiven Klasse – der Landwirtschaft – wirklich zu führen wissen.“
Prof. Klaus Türk – Archiv Bilder der Arbeit