Archiv der Kategorie: Filmkritik

Berlinale 2010: Erste Filme der Nachwuchsreihe „Perspektive Deutsches Kino“

Die neunte Ausgabe der Perspektive Deutsches Kino beginnt mit einer guten Nachricht: Drama geht auch anders. Renn, wenn du kannst heißt der Eröffnungsfilm der Reihe. Der Regisseur Dietrich Brüggemann (Absolvent der HFF „Konrad Wolf“ in Babelsberg) war 2006 mit seiner grandiosen Stilübung Neun Szenen bereits zu Gast im Programm. Jetzt hat er zusammen mit seiner Schwester, der Schauspielerin Anna Brüggemann, eine Dreiecksgeschichte entwickelt, die aus einer dramatischen Situation auch heitere und romantische Momente zieht. Die Männer in dieser Geschichte werden von Robert Gwisdek und Jacob Matschenz gespielt.

Die zweite gute Nachricht ist allmählich eine Selbstverständlichkeit im jüngsten deutschen Kino: Der Dokumentarfilm bleibt stark und wird dabei immer vielfältiger und unterhaltsamer.
Das geht besonders gut, wenn man wie die Regisseurin Saara Waasner drei kluge und selbstbewusste Prostituierte jenseits der für das Gewerbe üblichen Altersgrenze dazu bringt, frei und reflektiert über ihren Beruf und ihren Lebensalltag zu sprechen. Frauenzimmer ist ein Dokumentarfilm, der Türen öffnet.
Und während man in einem Film vom Filmemacher ganz nah zu den Protagonisten gebracht wird, macht sich in einem anderen der Filmemacher selber zum Protagonisten. Weil Jan Raiber (Filmakademie Baden-Württemberg) in Alle meine Väter seine persönliche Geschichte ins Zentrum des Films stellt, eine Geschichte, die er gar nicht beherrschen und kontrollieren kann, erlebt der Zuschauer mit dem Filmemacher manch eine Überraschung.

Ein Programm mit drei mittellangen Filmen beschäftigt sich auf höchst unterschiedliche Weise mit dem Filmemachen selbst. Glebs Film von Christian Hornung (Hochschule für bildende Künste, Hamburg) ist ein Film über einen Film, den es noch gar nicht gibt. Der Hamburger Friseur Gleb hat ihn aber schon lange im Kopf und erzählt ihn – unter der diskreten, aber genauen Beobachtung des Regisseurs – seinen Kundinnen und Kunden.
The Boy Who Wouldn`t Kill klingt nicht nur wie der Titel eines Westerns, der Film sieht auch so aus. Linus de Paoli (Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin) hat mit Pit Bukowski in der Hauptrolle eine auf allen Ebenen filmischer Effekte beeindruckend gespielte Variation über die Muster und Methoden des Genres, das immer wieder neu erfunden zu werden scheint, gedreht.
Der junge Schauspieler Sergei Moya hat nicht nur Spaß am Filmemachen, er weiß auch, wie man diesen dem Publikum vermittelt. Sein Film Hollywood Drama mit Clemens Schick und Carlo Ljubek ist eine treffsicher inszenierte und gespielte Satire auf den Traum vieler Vertreter der Generation von Filmemachern, die das Programm der Perspektive Deutsches Kino bestimmen und so lebendig machen.

„Höllenfahrt“ an der Akademie der Künste

Der Regisseur Rosa von Praunheim wurde vor kurzem in die Akademie der Künste aufgenommen und stellte aus diesem Anlass seinen neuen Film Höllenfahrt in deren Studiokino vor.

Das Enfant terrible des deutschen Kinos schuf diesmal ein sehr lehrreiches und sachliches Kaleidoskop über die Vorstellungen von Jenseits und Hölle in den verschiedenen Kulturen und Religionen. Sein Ausgangspunkt sind die eigenen Erinnerungen an seine Jugend als Meßdiener in den 1950er Jahren, als noch Angstszenarien von Fegefeuern und Höllenstrafen in den Kirchen gepredigt wurden.

An solche Drohbotschaften glauben heute natürlich nur noch die wenigsten in unserer Gesellschaft. Auf seinen Reisen zum Katholikentag oder Gesprächen mit Priestern erhält er meist sehr aufgeklärte Antworten: Der Begriff „Hölle“ wird nicht mehr als realer Ort mit einem Teufel, der das Feuer anheizt, gesehen.
Nonnen sprechen stattdessen eher von einer Metapher, die für jeden etwas anderes bedeutet. Nur Uta Ranke – Heinemann, exkommunizierte ehemalige Theologie – Professorin und Bundespräsidententochter, kann sich noch mit ihrer bekannten Wut über die Verfehlungen der katholischen Amtskirche aufregen.

Die spannendsten Passagen dieser Dokumentarreise sind Rosa von Praunheims Expeditionen zu anderen Religionen. In ausführlichen, dennoch kurzweiligen Interviews mit Geistlichen, Kulturwissenschaftlern und Soziologen spannt er einen Bogen vom mesopotamischen Gilgamesch – Epos über das Totenreich der Ägypter und Homer bis zum Judentum und zum Islam. Überraschenderweise kennt selbst der Buddhismus ähnliche Vorstellungen von Strafe zur Besserung des Menschen.

Dazwischen sind Ausflüge in die Literatur (Dantes Göttliche Komödie) und Malerei (Hieronymus Bosch) sowie kleine Spielszenen mit einer Theatergruppe eingebaut. Die Dreharbeiten wurden jedoch selbst von einem Todesfall überschattet: Die junge Schauspielerin Melek Diehl, die im Film arglos über ihre Ansichten zu Glauben und Tod spricht, wurde auf dem Heimweg von einer der Theateraufzeichnungen vor genau einem Jahr von einem Auto erfasst und verblutete am Straßenrand.

Rosa von Praunheim gelang mit Höllenfahrt ein sehr anregender kleiner Film, der seit November in ausgewählten Kinos läuft und sicher auch demnächst bei den koproduzierenden TV – Sendern ZDF und arte zu sehen sein wird.

Das anschließende Publikumsgespräch im kalten Foyer der Akademie der Künste brachte dagegen kaum neue Einsichten. Der Regisseur hielt sich zurück, so dass das Gespräch mehr zu einem zickigen Privatduell zwischen der Kultursoziologin Viola Altrichter und dem katholischen Journalisten Ingo Langner mutierte.

Die Akademie der Künste

Independent – Kino aus aller Welt: Around the world in 14 films

Bereits zum vierten Mal fand zwischen dem 27. November und dem 5. Dezember das kleine, aber feine Festival Around the world in 14 films im Kino Babylon Mitte statt. Innerhalb kurzer Zeit haben sich die Organisatoren mit ihrem Konzept einen festen Platz im Berliner Kulturkalender erobert: Kurz vor Weihnachten werden jeweils die Filmperlen vorgeführt, die das Publikum auf den renommierten Festivals von Cannes über Venedig bis Toronto faszinierten, aber noch keinen deutschen Verleih fanden.
Diese Filme werden jeweils von einem prominenten Schauspieler oder Regisseur als Paten vorgestellt.

Höhepunkte dieser Woche waren der griechische Film Dogtooth und Tokyo Sonata aus Japan. Beiden Filmen gelang es auf herausragende Weise, eine hochinteressante Geschichte über den Mikrokosmos einer Familie zu erzählen, die zugleich als Parabel auf größere gesellschaftliche Entwicklungen interpretiert werden kann.

Dogtooth von Yorgos Lanthimos ist einer der ideenreichsten Filme der vergangenen Jahre, der die Zuschauer in die Parallelwelt einer Villa führt, die fast völlig von der Außenwelt abgeschottet ist. Die beiden Töchter und der Sohn müssten eigentlich längst fast erwachsen sein, benehmen sich aber meist noch wie Kleinkinder.
Der Film lebt von vielen kleinen Beobachtungen, die eindrucksvoll zeigen, wie perfekt die Realitätsverweigerung der Eltern inszeniert ist: Alle Gegenstände oder Begriffe, die eine Verbindung zur Außenwelt darstellen könnten, werden in einem Orwellschen Neusprech umbenannt: „Meer“ bezeichnet bei ihnen ein „Sofa“, „Telefon“ einen „Salzstreuer“… Als plötzlich eine Katze über den Zaun springt, schneidet der halbwüchsige Junge das Tier mit einer großen Heckenschere durch, da ihm Katzen in den väterlichen Warnungen als gefährliche Monster und Symbol der unberechenbaren Außenwelt vorgestellt wurden.
Wie in allen Diktaturen und Überwachungssystemen gärt aber auch in dieser Familie der Widerstand: Eine Angestellte aus der Firma des Patriarchen wird regelmäßig abgeholt, um mit dem Sohn zu schlafen. Diese einzige Lücke in der sonst kompletten Isolation der Familie sorgt unmerklich für Unruhe bei den Kindern: Die Fragen werden drängender, die Neugier wächst. Schließlich wagt die älteste Tochter einen Ausbruch: Sie zertrümmert ihren Eckzahn (Dogtooth), da ihre Eltern ihr eintrichterten, dass sie erst dann stark genug für die Herausforderungen der Außenwelt ist, wenn ihr titelgebender Zahn herausfällt.

Der Film funktioniert auf zwei Ebenen: als skurriles Porträt einer Familie, die sich in ein surreales, eigenes Universum eingesponnen hat, sowie als Studie über die Machtmechanismen jedes Unterdrückungsapparates mit den entsprechenden Filtern und Schranken, die jede offene Kommunikation verhindern und mit euphemistischen Begriffen die Fakten vernebeln. Dieser Film hat den Hauptpreis in der Reihe Un certain Regard des Festivals von Cannes 2009 absolut verdient!

Ähnlich stark ist auch Tokyo Sonata von Kiyoshi Kurosawa über den Zerfall einer japanischen Mittelschichtsfamilie in der weltweiten Finanzkrise. Auslöser ist die Kündigung für den Vater, dessen Job als leitender Angestellter wegrationalisiert wird, als die Firma ihre Produktion aus Kostengründen nach China verlagert. Mit sehr genauem Blick und bitteren Pointen zeigt der Film den verzweifelten Versuch der Hauptfigur, vor seiner Familie und den Bekannten das Gesicht zu wahren. Er tut so, als sei er weiter viel beschäftigt und baut mit einem Leidensgenossen und ehemaligen Kollegen eine Welt von Fassaden als erfolgreicher Manager auf, während er tatsächlich längst in der demütigenden Schlange vor dem Arbeitsmarkt angekommen ist und nur noch Putzjobs angeboten bekommt. In der Familie ist seine Autorität ebenfalls ausgehöhlt: Seine Herrschaft im Befehlston funktioniert nicht mehr. Die Söhne erfüllen sich ihre Wünsche dennoch: der eine nimmt gegen seinen Willen Klavierstunden, der andere verpflichtet sich für einen Kriegseinsatz im Irak. Die Frau ist nur noch aus Gewohnheit mit ihm zusammen, träumt sich stattdessen in abenteuerliche Erlebnisse mit einem Geiselgangster hinein, die in ihrem Aberwitz und Temporeichtum die zweite Hälfte des Films dominieren.
Auch diese Sozialstudie mit ihren treffenden Dialogen ist sehr gelungen und wurde deshalb als Vorgängerin von Dogtooth mit dem entsprechenden Preis in Cannes 2008 ausgezeichnet.

Durchaus sehenswert ist außerdem der armenische Beitrag Border. Fast ohne Worte schildert Harutyun Kachatryan die Geschichte eines Büffels, der sich im Grenzgebiet zwischen Aserbaidschan und Armenien verirrt, von Bauern eingefangen und in den Stall gesperrt wird. Immer wieder zieht es ihn zurück zu seiner Herde. Aber ihn stoppt der unüberwindliche Stacheldrahtzaun. Die stärksten Passagen dieses Films sind die langen Kamerafahrten durch ein vom Bürgerkrieg verwüstetes Land und die Trauer des Tieres, als es an der Grenze steht und jammert. Die gelungene musikalische Untermalung sagt mehr als tausend Worte. Der einzige Makel des Films ist, dass er an manchen Stellen zu lang geraten ist. Eine komprimierte Erzählstruktur hätte das Erlebnis noch eindringlicher gemacht!

Kinatay von Brillante Mendoza, einem Regisseur von den Philippinen, ist nicht jedermanns Sache und spaltete das Publikum schon im Sommer 2009, als er in Cannes für die Beste Regie ausgezeichnet wurde. In verwaschenen, düsteren Bildern zeichnet der Beitrag die Albtraumfahrt eines Killerkommandos nach: Eine korrupte Spezialeinheit der Polizei von Manila hat sich auf Drogengeschäfte verlegt. Als eine Prostituierte ihre Schulden nicht begleichen kann, wird sie mit einem Laster abtransportiert und in einem Versteck brutal abgeschlachtet. Mit diesem Begriff lässt sich auch der Filmtitel Kinatay übersetzen.

Eher zwiespältig sind auch Historias extraordinarias von Mariano Llinás aus Argentinien und Villalobos von Romuald Karmakar aus Deutschland zu bewerten. Der argentinische Film erschlägt mit seiner Länge von mehr als vier Stunden: Drei schräge Geschichten, die immer verwickelter werden und um Identitätsverlust und -wandel kreisen, aber keinerlei direkte Verbindung zueinander haben, werden erzählt. An dem Film beeindrucken seine schiere Wucht und Experimentierfreude, aber unter dem Strich bleibt wenig zurück. Erwartungen auf eine große Schlusspointe oder eine außergewöhnliche Auflösung der Handlungsstränge werden über lange Zeit aufgebaut und am Ende enttäuscht.

Bei Villalobos war der Kinosaal komplett ausverkauft, da dieser Film als Hommage an den DJ Ricardo Vilalobos gedacht war, so dass seine Fans aus dem Berghain in Scharen herpilgerten. Der Film ist aber tatsächlich nur für diese spezielle Zielgruppe eingefleischter Fans: In zu langen, ungeschnittenen Passagen redet Villalobos über Gott und die Welt, oft mehr naiv, als mit Tiefgang, sowie über seine Arbeitsweise und buchstäblich fast jedes Detail in seinem Tonstudio. Dementsprechend leerten sich manche Reihen recht schnell.

Das Niveau des Festivals war insgesamt wieder sehr hoch, so dass zu hoffen ist, dass Sponsoren wie das Auswärtige Amt auch eine Jubiläums – Auflage im kommenden Jahr ermöglichen. Ein echter Flop war nur der russische Beitrag Everbody dies but me, der in all seiner Banalität den Alltag von Teenagerinnen in einem Moskauer Vorort portraitierte und dabei nie eine interessante Idee oder einen neuen Zugang zum Thema entwickelte.

Die Website des Festivals Around the world in 14 films

Berlinale 2010: Ehrenbären für Hanna Schygulla und Wolfgang Kohlhaase

Im Jubiläumsjahr 2010 widmet die 60. Berlinale ihre Hommage zwei Filmkünstlern, die über Jahrzehnte hinweg auf unterschiedliche Weise das deutsche Nachkriegskino maßgeblich beeinflusst haben.

Hanna Schygulla und Wolfgang Kohlhaase stehen beide gleichermaßen für Erneuerung und Aufbruch – im Westen und im Osten Deutschlands. Hanna Schygullas Name ist untrennbar mit den Filmen Rainer Werner Fassbinders verbunden. Wolfgang Kohlhaase schlug bereits in seinen ersten gemeinsamen Arbeiten mit dem Regisseur Gerhard Klein eine für die DEFA neue Richtung ein“, kommentiert Berlinale-Direktor Dieter Kosslick die Ehrung.

Anlässlich der Hommage werden Wolfgang Kohlhaase am 17. Februar und Hanna Schygulla am 18. Februar 2010 mit dem Goldenen Ehrenbären für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. Eine Auswahl von je fünf Filmen begleitet die Hommage.

Hanna Schygulla kam durch Rainer Werner Fassbinder 1967 zum Münchner Action-Theater und spielte zwischen 1969 und 1980 in 20 seiner Filme. Im Rahmen der Hommage wird Rio das Mortes (1970/71) gezeigt, ein rares Frühwerk, das Utopien und Lebensgefühl der siebziger Jahre mit bizarrer Komik einfängt. Späte Fassbinder-Filme wie Die Ehe der Maria Braun (1978/79), für den sie 1979 in Berlin den Silbernen Bären erhielt, und Lili Marleen (1980/81) begründeten vor allem in den USA Schygullas Ruf als „Nachfolgerin der Dietrich“. Sie galt als Fassbinders Muse; durch ihn wurde sie zu einer Ikone des Neuen Deutschen Films und international zu „der Schygulla“. Sie arbeitete mit namhaften deutschen Regisseurinnen und Regisseuren wie Reinhard Hauff, Volker Schlöndorff, Margarethe von Trotta und Wim Wenders. Nach Fassbinders frühem Tod drehte sie mit internationalen Regiegrößen wie Jean-Luc Godard, Carlos Saura, Ettore Scola und Andrzej Wajda. Für die Rolle der Eugenia in Marco Ferreris Storia di Piera (Die Geschichte der Piera, 1982/83) wurde sie 1983 in Cannes als beste Darstellerin ausgezeichnet. Nach längerer Pause ist die seit 1981 in Paris lebende Künstlerin auch wieder in deutschen Filmen zu sehen – zuletzt in Fatih Akins Auf der anderen Seite (2006/07). Schygullas Vielseitigkeit zeigt sich nicht zuletzt auch in eigenen Bühnenprojekten und Regiearbeiten: ihre Traumprotokolle (1976/2005) haben Eingang in die Sammlung des MoMA gefunden und sind Teil eines Programms mit Videoarbeiten, die Hanna Schygulla realisiert hat und in Berlin präsentieren wird.

Der in Berlin geborene, heute 78jährige Drehbuchautor und Regisseur Wolfgang Kohlhaase hat das Filmschaffen der DEFA stark geprägt. Er gehört zu jenen ostdeutschen Filmkünstlern, die auch nach dem Fall der Mauer in der Branche erfolgreich blieben. Kohlhaase pflegte die langjährige partnerschaftliche Zusammenarbeit mit Gerhard Klein, Konrad Wolf und Frank Beyer. Später schrieb er für Regisseure wie Bernhard Wicki und Volker Schlöndorff, in jüngster Zeit für Andreas Dresen. Seine ersten Kinoerfolge hatte Kohlhaase, gemeinsam mit Gerhard Klein, mit den berühmten „Berlin-Filmen“. Aus Arbeiten wie Berlin – Ecke Schönhauser (Gerhard Klein, 1956/57) sprechen Begeisterung für den Neorealismus und ein Sinn für soziale Realität. Sie gehören zu den ersten authentischen Gegenwartsfilmen der DEFA und brachten eine neue Tonlage in die Kinos der DDR. Das Leben in der geteilten und nun wieder vereinten Stadt Berlin durchzieht Kohlhaases Werk seither wie ein roter Faden, der bis zu Sommer vorm Balkon (Andreas Dresen, 2004/05) reicht. Eine zweite Konstante, die Beschäftigung mit dem deutschen Faschismus und seinen Folgen, führte ihn mit Konrad Wolf zusammen, mit dem er vier Filme realisierte. Bei Wolfs letzter Arbeit, Solo Sunny (1978 – 80), der 1980 auf der Berlinale einen Silbernen Bären gewann, war der Autor Kohlhaase erstmals auch Co-Regisseur. Einem anderen Kohlhaase-Film, Der Aufenthalt (Frank Beyer, 1982/83), blieb die Berlinale-Teilnahme seinerzeit verwehrt: nach einem Einspruch der polnischen Regierung zog die DDR den Film, der die Geschichte eines deutschen Soldaten in einem polnischen Gefängnis am Ende des Krieges erzählt, zurück.

„In Wolfgang Kohlhaase findet sich der seltene Fall eines Autoren, dessen Name stets in einem Atemzug mit dem des Regisseurs genannt wird. Das Gespür für Authentizität in seinen Figuren wie in seinen Geschichten, seine lakonische, sehr ökonomische Sprache und seine feine Ironie sind ein Glücksfall für das deutsche Kino. Mit Hanna Schygulla ehren wir eine Darstellerin, die, von Fassbinder in seinen frühen Filmen als Anti-Star inszeniert, mit ihrem sinnlichen Spiel und ihrer gefühlvollen Stimme zu einer der aufregendsten europäischen Schauspielerinnen wurde“, erklärt Dr. Rainer Rother, Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek, die die Hommage verantwortet.

Werner Herzog wird Jurypräsident der Berlinale 2010

Werner Herzog, einer der bedeutendsten Filmemacher des Autorenkinos, wird Jury-Präsident der 60. Internationalen Filmfestspiele Berlin.

Als eine der einflussreichsten Persönlichkeiten des Neuen Deutschen Films prägte er eine ganze Ära von Filmschaffenden. In seiner knapp 50jährigen Filmkarriere schuf Herzog über 50 Filme, neben den bekannten Spielfilmen stehen dabei ebenso beeindruckende dokumentarische Arbeiten. Zudem machte er sich als Opernregisseur, Autor, Produzent und Schauspieler einen Namen und engagiert sich mit seiner Rogue Film School für den Filmnachwuchs. Das TIME Magazin wählte Werner Herzog 2009 zu einer der 100 einflussreichsten Personen weltweit.

„Werner Herzogs Filme zeugen von der künstlerischen Kraft des Kinos. Ich freue mich, dass wir diesen herausragenden Regisseur als Jury-Präsidenten für unser 60. Jubiläum gewinnen konnten“, sagt Berlinale-Direktor Dieter Kosslick.

Bereits für sein Spielfilmdebüt Lebenszeichen (1968) wurde er mit dem Silbernen Bären für den Besten Erstlingsfilm auf der Berlinale 1968 und mit dem Deutschen Filmpreis als Bester Erster Film ausgezeichnet. Herzogs Werk umfasst neben internationalen Spielfilmen wie Aguirre, der Zorn Gottes (1972), Jeder für sich und Gott gegen alle (Spezialpreis der Jury 1975 in Cannes), Nosferatu–Phantom der Nacht (1979), Fitzcarraldo (1982, Silberne Palme in Cannes für die beste Regie), Cobra Verde (1987) und Rescue Dawn (2006) auch zahlreiche Dokumentarfilme, darunter Grizzly Man (2005) und Encounters at the End of the World (2007), für den er 2009 eine Oscar-Nominierung erhielt. Über seine Zusammenarbeit mit Klaus Kinski, der in fünf seiner Filme die Hauptrolle spielte, drehte er 1999 den Dokumentarfilm Mein liebster Feind. Seit Mitte der 80er Jahre widmet sich Werner Herzog auch der Oper und inszenierte unter anderem bei den Bayreuther Festspielen und an der Mailänder Scala, außerdem hat er in den vergangenen Jahren auch zunehmend als Schauspieler gearbeitet, u.a. in Harmony Korines Julien Donkey Boy (1999).

Werner Herzog wurde mit zahlreichen Auszeichnungen großer internationaler Filmfestivals geehrt. Bei der Berlinale präsentierte er 1968 Lebenszeichen und 1979 Nosferatu–Phantom der Nacht im Wettbewerb. Zuletzt war er 2009 mit zwei Filmen im Wettbewerb der Filmfestspiele in Venedig: My Son, My Son, What Have Ye Done (2009) und Bad Lieutenant: Port of Call New Orleans (2009).

60 Jahre Berlinale – Retrospektive im Jahr 2010

1960 lief im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele Berlin ein Film, der mit allen filmischen Konventionen brach und die Kritiker sprachlos machte. Mit A bout de souffle (Außer Atem, Frankreich 1959/60) gelang dem jungen Godard nicht nur der internationale Durchbruch − der Einzug der Nouvelle Vague stellt rückblickend auch einen der markantesten Wendepunkte in der Geschichte des Festivals dar. Mit einem Streifzug durch 60 Jahre Berlinale-Vergangenheit bringt die Retrospektive PLAY IT AGAIN …! Entdeckungen von einst auf die große Leinwand zurück und wirft exemplarisch Schlaglichter auf die Entwicklung des Festivals: von den ersten Dekaden, die im Zeichen des Kalten Kriegs standen, über die Öffnung für Filme aus sozialistischen Ländern bis hin zum Ende der politischen Teilung Europas, das das Festival vor rund 20 Jahren aus dem Balanceakt zwischen kultureller Offenheit und politischer Einflussnahme befreite. In den 1980er und 90er Jahren hatte sich die Berlinale als Plattform für das osteuropäische und asiatische Kino etabliert und in jüngster Vergangenheit stellte sie verstärkt deutsche Filme gleichberechtigt neben internationale Produktionen.

Die Retrospektive präsentiert die Vielfalt des Festivals mit rund 40 Filmen aus den Sektionen Wettbewerb, Forum, Panorama sowie Generation. Zusammengestellt hat das Programm der renommierte britische Filmkritiker David Thomson: „Ein Festival wie die Berlinale zeigt, wie umstrittene Filme von gestern zu den Klassikern von heute wurden. Daneben stelle ich Filme, die auch heute noch überraschen und provozieren, und freue mich auf angeregte Diskussionen in Berlin”, kommentiert der in den USA lebende Kurator seine Auswahl. Raritäten aus den Pionierjahren des Festivals wie Il Cristo proibito von Curzio Malaparte (Der verbotene Christus, Italien 1950/51), Fröken Julie von Alf Sjöberg (Fräulein Julie, Schweden 1950/51) und Ikiru von Akira Kurosawa (Einmal wirklich leben, Japan 1952) treffen auf Filme aus der jüngsten Dekade wie Niels Arden Oplevs Drømmen (Der Traum, Dänemark/Großbritannien 2005/06), eine ergreifende Vater-Sohn-Geschichte nicht nur für die junge Generation, und Paul Thomas Andersons Magnolia (USA 1999), der 2000 mit einem Goldenen Berliner Bären ausgezeichnet wurde. „Interessiert hat uns der Blick von außen: Welche Filme repräsentieren für den versierten Filmkenner David Thomson die Festivalgeschichte? Welche Filme sind in seiner persönlichen Erinnerung prägend gewesen? Seine Auswahl ist ein spannender Blick auf die Filmgeschichte“, sagt Berlinale-Direktor Dieter Kosslick.

„Von außergewöhnlicher Brisanz waren jene Filme, die die Festivalroutine aus politischen oder ästhetischen Gründen aus den Fugen geraten ließen und dadurch besonders im Gedächtnis geblieben sind“, ergänzt Rainer Rother, Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek und Leiter der Retrospektive.

Aufsehen erregte beispielsweise 1976 Nagisa Oshimas Ai no corrida (Im Reich der Sinne, Japan/Frankreich 1975/76): Nach der ersten Vorstellung des Films wurde die Kopie von der Staatsanwaltschaft beschlagnahmt, und gegen den Leiter des Internationalen Forums des Jungen Films, Ulrich Gregor, wurde Anklage wegen „Verbreitung von Pornographie“ erhoben. Ebenfalls für Aufruhr sorgte 1979 Michael Ciminos Antikriegsdrama The Deer Hunter (Die durch die Hölle gehen, USA 1978). Als der Film trotz sowjetischen Protests im Wettbewerb gezeigt wurde, zogen mehrere sozialistische Länder ihre Filme aus dem Programm zurück, und ihre Delegationen reisten ab.

Zu David Thomsons Auswahl gehören auch Höhepunkte des europäischen Autorenkinos wie Werner Herzogs Spielfilmdebüt Lebenszeichen (BRD 1967/68) und Alain Tanners melancholisch-subtiler Film Dans la ville blanche (In der weißen Stadt, Schweiz/Polen 1982/83) sowie cineastische Glanzpunkte aus Asien wie Zhang Yimous Hong gaoliang (Rotes Kornfeld, 1987/88), der 1988 als erster Film aus der Volksrepublik China zu internationalen Festivalehren kam und mit einem Goldenen Berliner Bären ausgezeichnet wurde. Das komplette Filmprogramm der Retrospektive PLAY IT AGAIN …! wird Mitte Januar auf www.berlinale.de und www.deutsche-kinemathek.de veröffentlicht.

Die Filmvorführungen der Retrospektive finden im CinemaxX am Potsdamer Platz und im Zeughauskino statt. Das Filmprogramm wird durch eine Veranstaltungsreihe in der Deutschen Kinemathek ergänzt. Das Buch zur Retrospektive mit einem einleitenden Essay von David Thomson und zahlreichen Fotos erscheint als zweisprachige Ausgabe (deutsch und englisch) der Reihe „FilmHeft” im Berliner Verlag Bertz + Fischer. Ein umfangreicher Datenteil dokumentiert die zur Aufführung kommenden Filme mit detaillierten filmografischen Angaben und zeitgenössischen Festival-Kritiken. Die Retrospektive und die Publikation werden von der Deutschen Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen verantwortet.

WCF – Spotlight – Festival im Kino Hackesche Höfe

Der Berlinale – Direktor Dieter Kosslick eröffnete in seiner gewohnt launigen Art ein kleines, aber feines Festival: Der World Cinema Fund feiert seinen fünften Geburtstag und stellt zehn ausgewählte Filme von jungen, von dieser Institution geförderten Regisseuren aus Regionen, die im internationalen Kino oft zu kurz kommen, wie Lateinamerika, Asien, Afrika oder dem Nahen Osten vor.

Eigentlich sollte anschließend der Kameramann Michael Ballhaus eine Laudatio halten. Wegen seiner Erkrankung sprang kurzfristig der deutsch – türkische Regisseur Fatih Akin ein, der mit Gegen die Wand auf der Berlinale 2004 seinen Durchbruch feierte und statt der üblichen getragenen Festworte kurze Anekdoten über einen kurdischen Freund und Kollegen improvisierte. Daran zeigte sich, wie wichtig derartige Fördermittel sind, wenn man nicht erleben will, dass die Familie zur Finanzierung ein Haus verkaufen muss.

Zur Feier des Tages wurde anschließend Claudia Llosas Film La teta asustada präsentiert, der unter dem Titel Eine Perle Ewigkeit ab dem heutigen Donnerstag bundesweit in 30 Kinos starten wird. Leider konnte die peruanische Regisseurin und Nichte des Schriftstellers Mario Vargas Llosa nicht anwesend sein, da am selben Tag ihr Kind zur Welt kam.

La teta asustada gewann völlig überraschend den Goldenen Bären bei der Berlinale 2009. Wie schon in mehreren Jahren zuvor war auch diese Jury – Entscheidung nicht ganz nachvollziehbar. Im Wettbewerb liefen doch einige reifere und künstlerisch interessantere Filme als dieses zweite Werk der jungen Regisseurin, das wohl kaum den Weg über einige Programmkinos hinaus finden wird.

Der Film behandelt das Schicksal einer traumatisierten Frau: Fausta (Magaly Solier) hat die Angst ihrer Mutter vererbt bekommen, die während der bürgerkriegsartigen Wirren zwischen Regierungstruppen und der maoistischen Terrororganisation Leuchtender Pfad wie so viele Frauen in den vergangenen Jahrzehnten vergewaltigt wurde. In den knapp 90 Minuten folgt die Kamera Faustas Leidensweg, die nach dem Tod ihrer Mutter dringend Geld für die Überführung und das Begräbnis in ihrem Heimatdorf braucht und deshalb als Dienstmädchen bei einer reichen Pianistin in der Stadt arbeitet. Immer wieder beginnt sie zu bluten: Sobald sie unter Stress gerät, brechen ihre seelischen Wunden auf und das Blut tropft aus ihrer Nase.

Ein sehr bedrückender Film, in dem äußerlich wenig passiert und der sich ganz auf die Hauptdarstellerin Magaly Solier konzentriert. Ein Film, über dem das Trauma, das gleich in der ersten Szene in einem Lied verarbeitet wird, wie ein Leichentuch liegt, wie die Süddeutsche Zeitung treffend formulierte.

Die Website zum Film

Am zweiten Festivaltag stellte Raya Martin von den Philippinen seinen Beitrag Independencia vor, der bereits auf dem renommierten Festival in Cannes lief. In getragenem Erzählduktus und Schwarz – Weiß – Farben taucht der Film tief in die Geschichte dieses südostasiatischen Landes ein: Ende des 19. Jahrhunderts wagten die Einheimischen einen Aufstand gegen die knapp 300 Jahre währende Kolonialherrschaft der Spanier. Die proklamierte Unabhängigkeit wurde aber international nicht anerkannt. Nach einem mehrjährigen Krieg, der ca. 1 Million Tote forderte, besetzten die USA das Land zwischen 1902 und 1942. Diese Okkupation schildert der Regisseur im anschließenden Publikumsgespräch als noch grausamer. Die USA werden auf dem Inselstaat heute deshalb sehr ambivalent gesehen: einerseits sind die damaligen Wunden noch spürbar, andererseits ist der amerikanische Lifestyle mit seinen Exportprodukten sehr tief in der Gesellschaft verankert. Außerdem nutzen die USA bis heute dort wichtige Militärstützpunkte.

Independencia schildert das Leben einer Frau, die mit ihrem Sohn vor den anrückenden US – Truppen in den Dschungel flüchtet. Die Ästhetik dieser Bilder ist sehr ungewohnt, da sie sich am Stil der philippinischen Filmproduktion der 1920er Jahre orientiert, mit der sich der Vater des jungen Regisseurs wissenschaftlich befasste und von der heute nur noch wenige Werke erhalten sind.
Die melancholische Grundstimmung des Films mündet in einen aufkommenden Tropensturm und die Eroberung des Urwald – Rückzugsortes durch die amerikanischen Truppen. Die Hauptfiguren sterben, der Jüngste springt von der Klippe in den Tod. Dennoch beharrte der Regisseur darauf, dass es ein lustiger Film sei und kicherte während der Fragerunde oft.

Ein Höhepunkt des WCF – Spotlights war Ajami am dritten Festivaltag. An dieser Produktion ist allein schon die Herkunft des Regie – Duos bemerkenswert: Der Palästinenser Scandar Copti arbeitete mit seinem israelischen Kollegen Yaron Shani zusammen. Dem zweistündigen Film merkt man an, dass viel Geld und Sachverstand investiert wurden: Neben dem WCF kofinanzierten ihn auch die israelische Regierung, arte und das Kleine Fernsehspiel des ZDF.

Es ist teilweise etwas schwierig, in der komplexen Konstruktion aus fünf Kapiteln den Überblick zu behalten, deren Erzählstränge in Rückblenden und Querverweisen immer wieder aufeinander Bezug nehmen, neue Exkurse starten und schließlich in einem blutigen Finale sowie einem meditativen, ernüchterten Fazit eines Hauptdarstellers münden. Die Handlung fokussiert sich zunächst auf Clanrivalitäten in Ajami, dem titelgebenden Stadtbezirk Jaffas, der arabischen Nachbarstadt von Tel Aviv. Um seine Schuld zu begleichen verstrickt sich der junge Omar in Drogengeschäfte und Schießereien mit der israelischen Polizei.

Die Gewaltspirale dieses Films funktioniert als Thriller, kann aber auch als Parabel auf den Nahost – Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern gesehen werden, der schon seit Jahrzehnten genauso verfahren erscheint wie die Lage der Figuren dieses Films. Wie sie sich auch entscheiden: Sie verstricken sich nur immer tiefer in Gewalt.
Der Film sorgte bereits bei seiner Präsentation auf dem Festival von Cannes im Mai 2009 für Furore, wurde in fünf Kategorien mit dem wichtigsten israelischen Filmpreis ausgezeichnet und soll im März 2010 auch in deutschen Kinos starten.

Mit dem Nahost – Konflikt befasst sich auch der palästinensische Film Paradise Now, der bei seiner Premiere 2005 wegen der kritischen Auseinandersetzung mit dem heißen Eisen der Selbstmordattentate für Schlagzeilen sorgte, worüber wir ausführlich berichteten.

Etwas schwächer war der Abschlussbeitrag Pandora´s Box der jungen Türkin Yesim Ustaoglu. sie schildert in ihrem Familiendrama, wie schwer sich die erwachsenen Kinder damit tun, als sich ihre Mutter wegen Altersdemenz in ihrem Bergdorf nicht mehr allein zurecht findet. Sie sind in der Metropole Istanbul viel zu sehr mit ihren Karrieren, ihren Affären, ihrem Stress mit dem Ehemann oder einfach nur ihrem alternativen Selbstverwirklichungstrip beschäftigt, als dass sie sich um die gebrechliche Mutter kümmern könnten. Als sie sie in ein Heim abschieben wollen, nimmt sie der rebellische Enkel mit zurück in ihr Bergdorf: Er findet als einziger Zugang zu der Frau.
Der Film lebt vor allem von der schauspielerischen Leistung der bereits 91jährigen Französin Tsilla Chelton, für die sie zuletzt auf den Festivals von San Sebastian und Manila mit dem Preis als beste Hauptdarstellerin ausgezeichnet werde.

Berlinale: Präsentation von 10 internationalen Filmen vom 4. – 7. November

Zusammen mit der Kulturstiftung des Bundes zeigt der Berlinale World Cinema Fund anlässlich seines fünften Geburtstages, welche außergewöhnlichen Filme bisher durch die Förderung des WCF entstanden sind. Diese Filme, die bei internationalen Festivals und in einigen Ländern der Welt im Kino gelaufen sind, sollen nun dem Berliner Publikum und Cineasten, die sich für ganz besondere Filme interessieren, gezeigt werden: starke, authentische Geschichten aus Lateinamerika, Afrika, dem Nahen/Mittleren Osten und Zentral- und Südostasien sowie innovative visuelle Konzepte – künstlerisch anspruchsvoll und international erfolgreich zugleich.

Der WCF hat 10 herausragende Filme nach Berlin eingeladen und freut sich, sie vom 4.-7.11.2009 im Rahmen des WCF Spotlights „Filme, die anstecken“ in den Hackeschen Höfen zu zeigen.

4.11. Mittwoch
20 Uhr
Eröffnung des WCF–Spotlight
mit Hortensia Völckers (künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes) und Dieter Kosslick (Intendant der Internationalen Filmfestspiele Berlin)
Laudator: Michael Ballhaus
Ehrengäste: Salif Traoré (Regisseur, Mali), Raya Martin (Regisseur, Philippinen), Kiko Goifman (Regisseur, Brasilien)

Preview:
Eine Perle Ewigkeit
Peru 2009
100 Minuten / Original mit deutschen Untertiteln
Regie: Claudia Llosa; Produzenten: Wanda Vision, Oberon Cinematográfica, Vela Films
Deutscher WCF-Partner: The Match Factory
Deutscher Verleih: Neue Visionen

Eine Perle Ewigkeit ist die Geschichte eines Erwachens, einer Befreiung und einer Freiheitssuche. Zwischen Erinnern und Vergessen begleitet der Zuschauer Fausta auf einer hypnotisierenden Reise durch eine Welt voller Sagen, Mythen und Geheimnisse.

5.11. Donnerstag

18 Uhr
Faro – Göttin des Wassers
Mali 2007
97 Minuten / Original mit deutschen Untertiteln
Regie: Salif Traoré; Produzenten: Sarama Films, P.A.V. Communication, Boréal Films, Bärbel Mauch Film
Deutscher Verleih: Arsenal

Gäste: Salif Traoré (Regisseur), Bärbel Mauch (Produzentin)

Der unehelich geborene Zanga ist als Kind aus seinem Dorf vertrieben worden. Nach vielen Jahren kehrt er dorthin zurück, um herauszufinden, wer sein Vater ist. Innerhalb der Chronik eines Dorfes bringt uns der Film die im Wandel begriffenen ländlichen Regionen Afrikas näher.

20 Uhr
Independencia
Philippinen 2009
77 Minuten / Original mit englischen Untertiteln
Regie: Raya Martin; Produzenten: Cinematografica, Atopic, Razor Film

Gäste: Raya Martin (Regisseur), Gerhard Meixner & Roman Paul (Produzenten)
Vorgestellt von Robert Thalheim

Philippinen, Anfang des 20. Jhd.: Eine Mutter und ihr Sohn fliehen vor den nahenden amerikanischen Besatzern in den Urwald, um dort zu überleben. Eines Tages findet der Sohn eine verwundete Frau und nimmt sie mit nach Hause. Jahre vergehen, und die Familie lebt isoliert von dem in den Städten herrschenden Chaos. Doch dann bedroht ein heftiger Sturm ihre Existenz, und auch die amerikanischen Besatzer kommen näher und näher.

22 Uhr
Liverpool
Argentinien 2008
84 Minuten / Original mit englischen Untertiteln
Regie: Lisandro Alonso; Produzenten: Slot Machine, Fortuna Films, 4L, Black Forest Films, Eddie Saeta

Zwanzig Jahre lang hat Farrell als Seemann gearbeitet, sich in die Bewusstlosigkeit getrunken, die Frauen bezahlt, mit denen er geschlafen hat, keine Freunde gehabt. Als er nun von seinem Frachter an seinen Geburtsort in der südlichsten Stadt Argentiniens zurückkehrt, entdeckt er, dass seine Mutter tatsächlich noch lebt und dass es ein weiteres Familienmitglied gibt.

6.11. Freitag

18 Uhr
Hamaca Paraguaya
Paraguay 2006
78 Minuten / Original mit deutschen Untertiteln
Regie: Paz Encina; Produzenten: Slot Machine, Fortuna Films, ARTE France Cinema, New Crowned Hope, Lita Stantic, Silencio Cine, Wanda Vision, Black Forest Films

Es ist schon Herbst und es ist immer noch heiß – die Hitze vergeht nicht. In einem abgelegenen Ort in Paraguay wartet ein ältliches Bauernpaar auf ihren Sohn, der sie verließ, um in den Chaco-Krieg zu ziehen. Sie warten auch auf den angekündigten Regen, aber er kommt nicht; und auf den Wind, der nicht kommt; und darauf, dass die Hitze endlich vergeht; sie warten darauf, dass der Hund aufhört zu bellen, doch er hört nie auf. Sie warten auf bessere Zeiten.

20 Uhr
The Wind Journeys
Kolumbien 2009
117 Minuten / Original mit englischen Untertiteln
Regie: Ciro Guerra; Produzenten: Ciudad Lunar, Cine-Ojo Films, Razor Film, Volya Films

Gäste: Marciano Martínez (Hauptdarsteller), Gerhard Meixner und Roman Paul (Produzenten)
Vorgestellt von Hannes Stöhr

Nach dem Tod seiner Frau schwört der begnadete alte Musiker Ignacio, sein Akkordeon nie wieder anzurühren. Zusammen mit dem jungen Fermin und einem Esel begibt er sich auf die Reise in den Norden Kolumbiens, um sein legendäres, aber auch verfluchtes Akkordeon zurück zu seinem ehemaligen Lehrer Guerro zu bringen. Ihr beschwerlicher Weg führt Ignacio und Fermin durch die verschiedenen (musikalischen) Landschaften Kolumbiens, und immer wieder muss Ignacio „noch ein letztes Mal“ zu seinem Akkordeon greifen…

22 Uhr
Ajami
Israel & Palestina 2009
120 Minuten / Original mit deutschen Untertiteln
Regie: Yaron Shani, Scandar Copti; Produzenten: Inosan, Twenty Twenty Vision
Deutscher Verleih: Neue Visionen

Schicksal, Schuld, Rache und die unauflösliche Spirale aus Hoffnung, Glück und Gewalt werden in einer virtuosen Dramaturgie ineinander verwoben, die dem Zuschauer ein fesselndes und überwältigendes Kinoerlebnis verschafft. Dem israelisch-palästinensischen Regie-Duo gelang ein moderne Opus mit so intimen wie panoramischen Einsichten in die Tragik menschlicher Existenz.

7.11. Samstag

18 Uhr
Paradise Now 
Palästina 2005
91 Minuten / Original mit deutschen Untertiteln
Regie: Hany Abu-Assad; Produzenten: Augustus Film, Razor Film, Lumen Films, Lama Films
Deutscher Verleih: Constantin Film

Die Palästinenser Khaled und Saïd sind seit ihrer Kindheit gute Freunde. Jetzt hat man sie dazu bestimmt, sich als Selbstmordattentäter in Tel Aviv in die Luft zu sprengen. Doch dann verläuft die Aktion nicht wie geplant: Die beiden Freunde verlieren sich aus den Augen. Getrennt und auf sich allein gestellt müssen sie ihr jeweils eigenes Schicksal meistern und am Ende eine erneute Entscheidung über Leben oder Tod fällen.

20 Uhr
Pandora’s Box
Türkei 2008
112 Minuten / Original mit deutschen Untertiteln
Regie: Yesim Ustaoglu; Produzenten: Ustaoglu Film, Silkroad Production, Les Petites Lumières, Stromboli Pictures, The Match Factory
Deutscher Verleih: Kairos Film

Gäste: Yesim Ustaoglu (Regisseurin), Serkan Cakarer (Produzent)
Vorgestellt von Emily Atef

Großmutter Nusret lebt in einem kleinen Bergdorf am Schwarzen Meer, doch als sie eines Tages verwirrt in den Bergen gefunden wird, ist schnell klar, dass ihre drei erwachsenen Kinder, die in Istanbul leben, sie in der Stadt aufnehmen müssen. Doch alle drei haben kaum Zeit für die alte Frau, denn sie sind zu dicht in ihr eigenes Leben eingebunden. Nur der rebellische Enkel findet Zugang zu seiner Großmutter und beschließt, die alte Frau aus dem Heim zu entführen, in dem sie untergebracht wurde. Eine Großstadtgeschichte aus Istanbul, die jedoch ganz universell in jeder Metropole dieser Welt spielen könnte.

22 Uhr
Filmphobia
Brasilien 2008
80 Minuten / Original mit englischen Untertiteln
Regie: Kiko Goifman; Produzenten: Paleo TV e Plateau Produções, Autentika Films

Gast: Kiko Goifman (Regisseur)

Ein Filmregisseur will einen Dokumentarfilm über Phobien drehen. Dazu konfrontiert er Betroffene mit ihrer Phobie – in ausgeklügelten Installationen – denn nur so bekommt man deren wahres Bild. Ein Film über Angst in der heutigen Gesellschaft.

Eintrittspreise
7,50 € / bzw. ermäßigt mit Gildepass, Berlin Card und KBB-Ausweis

Berlinale 2010: Restaurierte Fassung von Metropolis

Fritz Langs Originalfassung von Metropolis von 1927 kehrt bei den 60. Internationalen Filmfestspielen Berlin 2010 auf die Kinoleinwand zurück. In einer Galavorstellung am 12. Februar 2010 im Friedrichstadtpalast wird die von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung restaurierte Fassung des Stummfilmklassikers 83 Jahre nach dessen Uraufführung ihre Premiere feiern. Nach der Originalpartitur von Gottfried Huppertz wird die Aufführung vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Leitung von Dirigent Frank Strobel begleitet. Zur Premiere wird Kulturstaatsminister Bernd Neumann kommen.

Zeitgleich zur Berlinale findet am 12. Februar die Uraufführung in Frankfurt am Main statt, die Vorstellung in der Alten Oper wird von dem Staatsorchester Braunschweig unter Leitung von Helmut Imig begleitet.

Über Jahrzehnte hinweg galten entscheidende Teile des Films, dessen Restaurierung von 2001 als erster Film in das UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen wurde, als verschollen. Durch den sensationellen Fund eines 16-mm-Negativs in Buenos Aires 2008 und die aktuelle Restaurierung kann Metropolis in der ursprünglichen, um mehr als 30 Minuten längeren Fassung, nahezu vollständig restauriert gezeigt werden.

„Kaum ein anderer deutscher Film hat die Filmgeschichte so bewegt und geprägt wie Fritz Langs Metropolis. Es ist eine besondere Freude und Ehre, dass wir die restaurierte Originalfassung dieses legendären und stilbildenden Filmklassikers beim 60. Festivaljubiläum präsentieren können“ sagt Berlinale-Direktor Dieter Kosslick.

„Der Film Metropolis ist einer der Klassiker der Filmgeschichte, der Maßstäbe für die gesamte Filmkunst weltweit gesetzt hat. Die UNESCO hat auch aus diesem Grund Metropolis als ersten Film überhaupt in das Register “Memory of the World“ aufgenommen. Er steht symbolisch für die Tradition und die hohe Qualität des deutschen Filmerbes, dessen Bewahrung für uns einen hohen Stellenwert besitzt. Deshalb war es mir sehr wichtig, die Vervollständigung von Metropolis zu ermöglichen und damit eine große Lücke im Filmerbe Deutschlands zu schließen. Die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung wird vom BKM deswegen bei der Restaurierung des Stummfilmklassikers Metropolis mit einer Förderung von rund 200.000 Euro unterstützt“, sagt Kulturstaatsminister Bernd Neumann.

Bis zum heutigen Tag fasziniert Metropolis und beeinflusst auch aktuelle Filmschaffende. Zum Mythos des Klassikers hat sicherlich beigetragen, dass man dank der vielen überlieferten Quellen über Jahrzehnte hinweg von der längeren Fassung wusste, von der aber keine Kopie aufzufinden war. Bis zum Fund von Buenos Aires blieben entscheidende Teile von Metropolis – in einer Länge von nahezu 30 Minuten – trotz zahlreicher Recherchen durch Generationen von Filmhistorikern und Archivaren verschollen. So musste auch die Restaurierung der Murnau-Stiftung und ihrer damaligen Partner vor wenigen Jahren – bei der es erstmals gelang, Metropolis in bis dahin nicht bekannter fotografischer Güte zu präsentieren – unvollständig bleiben.

Die Verstümmelung des Monumentalfilmes hatte unmittelbar nach seiner Premiere am 10. Januar 1927 im Berliner Ufa-Palast am Zoo begonnen. Die von der Filmprüfstelle mit einer Länge von 4189 Metern genehmigte Fassung lief dort vier Monate ohne Erfolg, weshalb die Ufa den Film zurückzog und eine deutlich gekürzte Fassung mit einer Länge von 3241 Metern für den landesweiten Kinostart im Sommer 1927 herstellte.

„Der über Jahrzehnte nie aufgegebene Wunsch und die unermüdlichen Anstrengungen, Fritz Langs unwiederbringlich verloren geglaubte Originalfassung von Metropolis zu restaurieren, stehen symbolisch für die Verpflichtung der Murnau-Stiftung, unser reiches filmisches Erbe zu pflegen und für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Mit der Restaurierung und Wiederaufführung von Metropolis geht nun ein Traum in Erfüllung“, so Eberhard Junkersdorf, Kuratoriumsvorsitzender der Murnau-Stiftung.

Seit ihrer Gründung vor 43 Jahren setzt sich die Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung für den Erhalt, die Pflege und die Zugänglichmachung eines Großteils des deutschen Filmerbes von herausragender kultur- und filmhistorischer Bedeutung vom Beginn der Laufbilder bis zum Anfang der 1960er Jahre, nämlich 2000 Stummfilme, 1000 Tonfilme und rund 3000 Kurzfilme (Werbe-, Kultur-, Dokumentarfilme), ein. Darunter finden sich neben Metropolis die großen Klassiker des deutschen Kinos wie Das Cabinet des Dr. Caligari, Die Nibelungen, Der blaue Engel, Die Drei von der Tankstelle, Münchhausen, Große Freiheit Nr. 7 und Helden.

Abschluss der 9. Französischen Filmwoche

Am Schlusstag der 9. Französischen Filmwoche präsentierten Gustave Kervern und Benoît Delépine die Groteske Louise hires a Contract Killer: Mitten in der strukturschwachen französischen Provinz schließt eine Fabrik. Die transsexuelle Louise und ihre Kolleginnen empören sich über die geringe Abfindung und beschließen, das Geld zusammenzulegen, um damit einen Profi – Killer für die Liquidierung ihres Chefs anzuheuern. Daraufhin dreht der Plot immer wildere Kapriolen: Der vermeintliche Experte entpuppt sich als schrulliger Stümper. Statt selbst abzudrücken überredet er Todkranke, als letzten Akt den bösen Kapitalisten umzubringen. Leider stoßen Louise und der Auftragsmörder bei ihrem Rachefeldzug auf einige Hürden: In der globalisierten Weltwirtschaft lässt sich der eigentliche Verantwortliche nicht so leicht ausmachen. Das schrille Roadmovie führt sie aus der Picardie über Brüssel bis nach Jersey, das für seine Briefkastenfirmen bekannt ist.

Ein sehr eigenwilliger Film voll bitterer und anarchischer Komik, der die Wut von Belegschaften, deren Standorte wegrationalisiert werden, auf unkonventionelle Weise thematisiert. Der Film ist voll skurriler Ideen, schafft es aber trotzdem, einen klaren roten Faden zu behalten.

Außerdem stellte Sylvie Verheyde ihren Film Stella vor: Darin verarbeitet sie autobiographische Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend zwischen zwei Milieus. Die Eltern arbeiten in einer schäbigen Bar, der Alkohol fließt in Strömen, die Stimmung ist rau und um die heranwachsende Tochter kümmert sich kaum jemand. Stella schlägt sich mehr schlecht als recht an einem Gymnasium in einem gutbürgerlichen Viertel durch. Die Lehrer der 1970er Jahre pflegen einen autoritären Unterrichtsstil, Stellas Schulleistungen sacken ab, bis sie Freundschaft mit der Balzac – Leserin und Klassenkameradin Gladys schließt und langsam Fuß fasst.

Der Film ist über weite Strecken etwas zu langatmig und betulich. Ein deutlicher Kontrast zur Rasanz von Louise hires a Contract Killer. Aber gerade solche stilistischen Gegensätze machen den Reiz von Filmfestivals aus.