Archiv der Kategorie: Lesenswertes

Peter Sloterdijk – Im Weltinnenraum des Kapitals

„Die terrestrische Globalisierung stellt nicht eine Geschichte unter vielen dar. Sie ist … das einzige Zeitstück …, das es verdient, … ‚Geschichte’ oder ‚Weltgeschichte’ zu heißen.“ (S. 28)

Die Auseinandersetzungen über die Einwanderungspolitik finden auch in der Philosophie ihren Niederschlag. Im bürgerlichen Lager erregte insbesondere der Schlagabtausch zwischen Prof. Peter Sloterdijk und Prof. Herfried Münkler für Aufsehen. Sloterdijk eröffnete den Dialog in Rahmen eines Artikels im Cicero. Münkler antwortete in DIE ZEIT, erhielt eine Reaktion und erwiederte diese. Hier sei als Kontrast der Artikel von Precht und Welzer empfohlen. Im Vergleich zu den „Alten“ zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Generationen.

Trotz dem Rauschen im Blätterwald überrascht Sloterdijks Haltung zu Migration und Grenzen nicht. Kernthesen finden sich bereits in seinem Hauptwerk zur Globalisierung – „Im Weltinnenraum des Kapitals“. Darum hier aus gegebenen Anlass die Besprechung des Buches.

Terrestrische Globalisierung

Sloterdijk unterteilt die Globalisierung in drei Phasen. In der ersten, der morphologischen Globalisierung, schufen Kartographie, Astronomie und Mathematik die Vorstellung eines einheitlichen Weltkörpers – die Kugelgestalt des Globus. Die realen Aktionen bleiben örtlich begrenzt. Erst die zweite Phase – die terrestrische Globalisierung, das Zeitalter der europäischen Kolonialreiche, bringt die globale Raumnahme. Aus der philosophischen Begehung unbekannter Orte wird reale Erkundung, Unterwerfung und Einbeziehung aller Gebiete in ein Weltsystem. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges befinden wir uns in Phase drei – der elektronischen Globalisierung. Ihr „Merkmal ist der zunehmende Vorrang der Hemmungen vor den Initiativen“ (S. 23). Die Netzwerke aus Satelliten, Flugkreuzen und Kommunikationsstationen ermöglichen eine Welt der permanenten Rückkopplung. Jeder Aktion folgt, nach einer – immer kürzeren – Verarbeitungszeit, eine starke Gegenreaktion. Einseitige Dominanz der Entwicklung oder gar die Abkopplung von Prozessen ist unmöglich.

Weltkarte aus Genua (1457)

Weltkarte aus Genua (1457)

Die Entstehung des Weltsystems

Sloterdijk gliedert das Buch in zwei Teile. Im ersten beschreibt er die Entstehung des Weltsystems. Neben der Erklärung der philosophisch-kulturellen Grundlagen dieser Entwicklung werden die Handlungsmuster und Beweggründe der „Expansionsagenten“ verdeutlicht. Diese Abenteurer, Kriminellen, Gescheiterten, Kaufleute und Gelehrte, denen die Heimat zu eng geworden, suchen ihr Heil in der Ferne. Die endlosen Kriege Europas, die sozialen und geistigen Schranken des Mittelalters sowie die ökonomischen Zwänge der Mangelgesellschaften schufen ein Heer von Entwurzelten, die jede Chance ergreifen, einem neuen Paradies entgegen zu segeln.

Sie waren risikobereiter und, nach Jahrhunderten der religiös verbrämten Konflikte, geübter in Selbstsuggestion als vorangegangene Generationen. Sie waren bereit, große ökonomische Risiken einzugehen, hohe Schulden bzw. Investitionen in „Projekte des Wahns“ zu tätigen. Die Entwicklung der modernen Bank- und Versicherungssysteme sowie die globale Expansion bedingen einander. „Die Haupttatsache der Neuzeit ist nicht, dass die Erde um die Sonne, sondern Geld um die Erde läuft.“ (S. 79) Die Geschichte der europäischen Expansion ist eigentlich die Geschichte der Ausdehnung des kapitalistischen Handels- und Wirtschaftssystems – hinaus in den „Weltinnenraum des Kapitals“.

Ausdehnung europäischer Wirtschafts- und Herrschaftssystem

Die Gelegenheit erkennend, springen Geistliche auf die auslaufenden Schiffe. Sie geben den Geldsuchenden eine höhere Weihe, rechtfertigen Zweck und Mittel. Wichtiger noch, sie binden die Expansionisten an ihre Heimat. Ohne diese Kontrolle hätten diese ihr Ziel vergessen, ihre Identität verloren – wären assimiliert worden. Die Bordgeistlichen sind elementare Voraussetzung für die „fünf Baldachine der Globalisierung“ (S. 193ff.): Christliche Religion, Entdecker-Sprache, Täterglorifizierung, wissenschaftliche Erfassung des Außenraums sowie Bindung an heimatliche Herrschaftssysteme werden zum integralen Bestandteil der europäischen Niederlassungen. Das ermöglicht eine Veränderung der Fremde und deren Einbeziehung in das europäische Wirtschafts- und Herrschaftssystem.

Rückkehrer aber haben ein neues Weltbild und verändern die Heimat. Ihre Gedanken und Erfahrungen sprengen die alte Ordnung. Trotzdem konnte Europa die Illusion der Initiative ohne Rückkopplung erhalten. Erst mit dem Ende des Dritten Reiches und seinem Weltaufteilungsplan stirbt die letzte der großen Erzählungen Europas. Das Danach in den Kolonialreichen ist Leugnung des Faktischen.

Entgrenzter Raum und Permanente Rückkopplung

Im zweiten Teil analysiert Sloterdijk das gegenwärtige System, seine Entwicklungsmuster und Prozesse. Teilaspekte der Zukunft werden benannt. Leider sind gerade diese zu kurz und wenig konkret. Die Globalisierung ist räumliche Verdichtung. Entscheidende Orte, wie Wohn- und Produktionsstätten, werden auf immer kleinerem Raum zusammengefasst. Gleichzeitig benötigt eine Reise zwischen ihnen immer weniger Zeit. Wo aber jeder Punkt in kurzer Zeit zu erreichen ist und genauso schnell wieder verlassen werden kann, gibt es keine Besonderheit der Fläche mehr. Der Raum wird bedeutungslos – alle Standorte austauschbar. Politische Konstrukte wie die Nationalstaaten verlieren damit ihre Integrationskraft. Was an ihre Stelle treten könnte, verschweigt uns Sloterdijk.

Durch die „Entgrenzung des Raumes“ entsteht eine Welt ständiger Rückkopplung. Fast jede Aktion wird durch Reaktion gestoppt. Die Ideologie der ständigen Veränderung ist letztlich ein Trugbild. Rückkopplungen sind Filter, um das Aktionspotential moderner Gesellschaften zu bändigen. So kann nur umgesetzt werden, was beherrschbar bleibt. Dieser Mechanismus ist elementar für moderne Gesellschaften, beruhen sie doch auf einer zunehmenden Kalkulation aller Risiken – volkswirtschaftlicher wie auch individueller.

Peter Sloterdijk Autor Weltinnenraum des Kapitals

Peter Sloterdijk – bei einer Buchlesung (2009)

Da die Risiken durch gesellschaftliche und technische Arrangements minimiert werden, leben auch Neoliberalisten und Terroristen nur von der Illusion einer Aktion ohne Gegenwehr. Beide vertreten rückwärtsgewandten Ideologien: Die Einen in Erinnerung an Konquistadoren, die fremdes Land für Ruhm, Kirche und Gold erobern. Die Anderen, in Anlehnung an die mit monotheistischem Eifer erfassten Nomadenstämme des 7. Jahrhunderts. Sie haben Wert als Unterhaltungselemente für die saturierte Masse im „Kristallpalast“, in dem die ständig konsumierenden, Vollkasko-versicherten und letztlich gelangweilten Menschen der Ersten Welt leben. Eine wirkliche Bedrohung oder gar Erneuerung geht von beiden nicht aus. (S. 287ff.)

Düstere Zukunft – Kristallpalast und Ausgeschlossene

Zum Ende des Buches widmet sich Sloterdijk nochmals den Beziehungen zwischen den Bewohnern des Kristallpalastes und den Ausgeschlossenen. Die us-amerikanische Gesellschaft glaubt weiterhin an die Dominanz der Initiative und verhält sich ewig gestrig. Rückkopplungen werden ihre Aktionen eindämmen. Es muss „sich nun erweisen, ob die Europäer imstande sind, sich vom Status des stillen Teilhabers US-amerikanischer Gewaltpolitik zu emanzipieren, ohne selbst den Weg zur Remilitarisierung der Beziehungen zu den Energie- und Rohstofflieferanten zu beschreiten“ (S. 390).

Auffallend sind Sloterdijks düstere Zukunftsorakel: Die Masse der Menschheit, die Bewohner der Dritten Welt, werden von den technologisch Errungenschaften der Ersten ausgeschlossen bleiben. An die Stelle der zerfallenden nationalen Demokratien treten autoritär-populistische Systeme. Nur an wenigen Stellen flammt so etwas wie eine Vision auf – die Errichtung des solaren Zeitalters, verbunden mit „Erwartungen an weltweite Friedensprozesse, an planetarischen Vermögensausgleich und Überwindung der globalen Apartheid …“ (S. 364).

Bewertung: Hervorragend denkintensiv

Sloterdijk hat eine komplexe, tiefsinnige philosophische Theorie der Globalisierung geschrieben, keine einseitig ökonomische oder geschichtliche Darstellung. Er erläutert die Veränderungen des Weltbildes der Menschheit. Entsprechend finden die relevanten Positionen bedeutender westlicher Philosophen widersprüchliche Würdigung. Es gelingt ihm, ein visionäres Gerüst für die übergreifenden Prozesse der letzten 3.000 Jahre zu schaffen. Von hohem Wert sind die vielen gedanklichen Ausflüge, Assoziationen und Pointierungen. Es gelingt dem Autor, Brücken und Verflechtungen quer durch die Jahrhunderte zu aktuellen Ereignissen aufzuzeigen. Gewollt provokante Thesen regen zum Nachdenken, Protestieren bzw. Diskutieren an.

Allerdings hat der intellektuelle Anspruch seinen Preis. Die anspruchsvolle Sprache, die bewusst auf Einfachheit verzichtet, stellt hohe Anforderungen an den Leser. Dieser Eindruck wird verstärkt durch inhaltliche Komprimierung sowie thematische Sprünge. Für die Lektüre sollte man sich Zeit nehmen, sind Fremdwörterbuch und Philosophielexikon angebracht; der Gewinn ist umso größer. Insgesamt ein hervorragendes Buch mit vielen Anregungen und zitierfähigen Aussagen zur aktuellen Politik.

Bibliographische Angaben
Sloterdijk, Peter: Im Weltinnenraum des Kapitals – Für eine philosophische Theorie der Globalisierung; Suhrkamp 2005.

Weitere Informationen
Vorträge von Peter Sloterdijk auf Seiten der Teleakademie.

Bildangaben
1. Karte aus Genua (1457): public domain.
2. Peter Sloterdijk: Bei einer Lesung aus seinem Buch Du mußt dein Leben ändern im ZKM Karlsruhe (2009). Autor: Rainer Lück; Creative Commons-Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0)

Der Beitrag erschien zuerst in WeltTrends Nr. 52 – „Deutsche Ostpolitik“ 2006, S. 151-154.

Kunstwerk des Eintrages

Diego Rodríguez de Silva y Velázquez (1599-1660) Christoph Kolumbus präsentiert den Katholischen Majestäten die Neue Welt
von http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG
Diego Velazquez - Christoph Kolumbus präsentiert den Katholischen Majestäten die Neue Welt

Welthunger-Index 2013

Das WHI-Konzept

Der Welthungerindex 2013 (WHI) stellt die globale Verbreitung des Hunger dar. Ziel ist es die Öffentlichkeit aufzuklären und so die Hunger-Bekämpfung zu stärken.
Der WHI besteht aus drei gleichwertige Indikatoren:
1. Unterernährung der gesamten Bevölkerung (Menge und Qualität der Ernährung)
2. Kindliche Unterernährung (unter fünf Jahren, Wachstumsstörungen bzw. Untergewicht)
3. Kindersterblichkeit (unter fünf Jahren)

Durch diese drei Dimensionen kann die gesamte Versorgung berücksichtigt werden. Ebenfalls verfälschen Messfehler weniger die Ergebnisse. Im Rahmen des Indes wurden 120 Länder betrachtet in den Hunger eine Rolle spielt und für die ausreichend Daten ermittelt werden konnten. Die WHI-Werte können anhand einer 100-Punkte-Skala verglichen werden, wobei 0 Punkte der beste (kein Hunger) und 100 Punkte der schlechteste Wert („alle“ leiden unter Hunger bzw. sind unterernährt) ist.

Hunger auf der Welt nach Ländern, WHI 2013

Globale, regionale und nationale Trends

Zwischen 2010 und 2012 waren weltweit 870 Millionen Menschen unterernährt. Dennoch liegt ein positiver Trend vor. Seit 1990 sank der WHI global betrachtet von 20,8 auf 13,8 Punkte. Aber auf regionaler Ebene sind jedoch drastische Unterschiede erkennbar. Insgesamt konnten 90 Länder ihre WHI-Werte seit 1990 senken. Die drei „erfolgreichsten“ Länder sind Kuwait, Vietnam und Thailand. Die drei „schlechtesten“ Länder liegen in Afrika südlich der Sahara. In 19 Ländern liegen die WHI-Werte immer noch bei „gravierend“ oder „sehr ernst“.

Insbesondere in zwei Regionen ist Hunger aber weiterhin endemisch.
In Südasien (v.a. Indien, Pakistan) erreichte 2013 den weltweit höchsten WHI-Wert. Soziale Ungleichheiten, schlechter Ernährungszustand, geringes Bildungsniveau und der niedrige gesellschaftliche Status der Frau sorgen dort sowohl für Mangelernährung der Kinder als auch für eine Erschwerung der Verbesserung der Werte.
Afrika südlich der Sahara konnte sich durch die Beendung der Bürgerkriege stabilisieren, Wirtschaftswachstum erzielen und Fortschritte bei der Bekämpfung von Krankheiten (v.a. AIDS) erreichen. Die Kindersterblichkeit sank und eine verbesserte gesundheitliche Versorgung liegt vor. Dennoch hat Afrika südlich der Sahara mit 19,2 Punkten den zweithöchsten WHI-Wert 2013.

Hunger nach Regionen in der Welt 1990-2013

Resilienz und Unterversorgung

Ursachen für die schlechten Werte sind oft eine Vielzahl sich verstärkende Ursachen: soziale Ungleichheiten, politische Konflikte, Naturkatastrophen … Vielmals lassen kurzfristige Krisen viele Menschen in dauerhafte Armut stürzen, weil sie keine Widerstandsfähigkeit (Resilienz) besitzen und damit ihre Vulnerabilität gegenüber diesen zu groß ist.
An dieser Stelle greift das Konzept der Resilienz. In desen Rahmen wird eine dauerhafte Existenzsicherung unterstützt und Unterversorgung bekämpft. Unterversorgung kann eine tägliche Kalorienaufnahme von weniger als 1800 Kalorien bedeuten. Darüberhinaus geht es aber auch um eine ausreichende Protein-, Vitamin- und Mineralstoffversorgung. Resilienz wird nicht nur als Rückkehr zum Ausgangszustand beschrieben. Im weiteren Verständnis ist es eine Erhöhung der Reaktionsfähigkeit auf (dauerhafte) Krisenerscheinungen, wie zum Beispiel dem Klimawandel. Diese Definition beruht auf drei Kapazitäten je nach Ausmaß der Krise:
1. Absorptionskapazität (Aufbau von „Puffern“ um die Schocks zu überwinden)
2. Anpassungskapazität (selektive Anpassung an die neue Umwelt)
3. Transformationskapazität (grundlegende Veränderung der Gesellschaft)

Stärken und Herausforderungen des Resilienz- Konzeptes

Zunächst bedarf es einer Einigung über die Definition von Resilienz. Erst dann können die Akteure der Entwicklungsarbeit gemeinsam mit der Regierung Widerstandsfähigkeit als dauerhaftes politisches Ziel integrieren und die Regierung in die Entwicklung mit einbeziehen.
Weiterhin müssen Nothilfe und Entwicklungsarbeiten eng mit einander verbunden werden. Jedoch darf hier das eigentliche Ziel von Nothilfe nicht verdeckt werden. Das heißt, Nothilfe muss primär kurzfristige Unterstützung bei Krisensituationen leisten. Diese Unterstützung sollte aber dem Aufbau von dauerhafter Widerstandsfähigkeit der Menschen gegen Krisen dienen. Diese kann allerdings nur unter Berücksichtigung des Kontextes der Menschen aufgebaut werden.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Agrapolitik, da die meiste Armut in ländlichen Gebieten herrscht. In Hati zum Beispiel konnten landwirtschaftliche Maßnahmen wie die Errichtung von Bewässerungssystemen eine dauerhafte Verbesserung der Ernährungssicherheit bewirken.
Resilienz konzentriert sich dabei auf die soziale und lokale Dynamik und umfasst verschiedene Ebenen. Durch diese Komplexität ist die Etablierung sehr aufwendig. Bangladesch und Malawi sind jedoch Beispiele dafür, dass durch dieses dynamische multidimensionale Resilienz-Konzept angepasste, wirksame Lösungen gefunden werden.

Resilienz wird als Maßstab der Widerstandsfähigkeit der Menschen gegenüber Krisen betrachtet. Menschen sollten den Krisen standhalten, sie bewältigen und darüberhinaus weiterhin Fortschritte machen können. Dies kann unter Umständen auch eine radikale Veränderung der Gesellschaft bedeuten. Nur so kann der positive Trend des WHIs weiter verstärkt werden.

Quellen Welthungerreport

Greber, Headey et al.: Welthunger-Index 2013 Herausforderung Hunger – Widerstandsfähigkeit stärken, Ernährung sichern; Bonn/Washington, DC/Dublin.
Interaktive Landkarte für den Welthungerindex 2013.

Bildnachweis:
Bild 1 und 2: Greber, Headey et al: Welthunger-Indes 2013 Herausforderung Hunger. Bonn: Welthungerhilfe 2014.

Logo der bbw Hochschule
Frau Luisa Brinker studiert an der bbw Hochschule. Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kurses Grundlagen der Volkswirtschaftslehre.

World Drug Report – Entwicklung Drogenmarkt

von Kai Kleinwächter

Pünktlich zum „Weltdrogentag“ (offiziell: International Day Against Drug Abuse and Illicit Trafficking) dem 26. Juni erschien der diesjährige World Drug Report. Diesen Gedenktag führte die Generalversammlung der UN am 26.Dezember 1987 im Rahmen der Resolution 42/112 ein. Die Verknüpfung von Erinnerungstag inkl. eigener Homepage sowie jährlichem Motto – „Make health your ’new high‘ in life, not drugs“ – und der Herausgabe des Themenberichts besteht seit dem ersten Report von 1997. Herausgeber ist das United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC).

Das UNODC ging 1997 aus zwei anderen Organisationen hervor und beschäftigt sich mit allen Formen der internationalen Kriminalität. Schwerpunkte sind illegale Drogen, Geldwäsche und Terrorismus. Zentrale Aufgabe ist laut Selbstdarstellung die Unterstützung nationaler und internationale Rechtssysteme sowie die Stärkung von Sicherheitsorganen. Dafür führt die Organisation auf internationaler Ebene die Daten zur Entwicklung der Kriminalität zusammen und wertet sie aus.

Gliederung Bericht

Eingangs erfolgt eine Analyse der Marktentwicklung bei den klassischen illegalen Drogen – Cannabis, Opiate, Kokain und Amphetamine. In der abschließenden verkürzten Statistik (ausführlich im Internet) erfolgt eine detaillierte Auflistung, insbesondere über die Entwicklung des Konsums und die Menge beschlagnahmter Drogen. Dabei fällt auf, dass die Daten nur einer begrenzten Harmonisierung unterliegen und die Datenqualität außerhalb der westlichen OECD-Staaten deutlich abfällt.

Im zweiten Teil behandeln die Berichte ein Schwerpunktthema – dieses Jahr „neue psycho-aktive Substanzen“. Die UNODC versteht darunter bewusstseinsverändernde Stoffe die nicht vom Abkommen über Betäubungsmittel (1961) bzw. der Konvention über psychotrope Substanzen (1972) erfasst sind. Entsprechend entsteht eine große Gruppe sehr unterschiedlicher Substanzen über künstlich hergestellte „klassische“ Wirkstoffe (z.B. synthetisiertes Cannabis), legale Medikamente (z.B. Ketamin) bis hin zu Jahrhunderte-alter Drogen außerhalb der westlichen Welt (z.B. Khat).

Grenzen des Denkens

Die unkonkrete Definition führt mehr in die Irre als eine Handlungs- und Analyse-Grundlage zu liefern. Dahinter steht aber das Phänomen, dass neue“ Drogen insbesondere chemisch erzeugte die klassischen verdrängen. Die jetzigen Verfolgungsstrategien, ausgerichtet auf Bekämpfung des Drogenanbaus in Entwicklungsländern sowie die Kontrolle von Handelswegen und Grenzen, laufen zunehmend ins Leere. Große Teile des Berichts offenbaren eine strukturelle Hilflosigkeit – Art und Umfang des Konsums weitgehend unbekannt, Wirkmechanismen und Gesundheitsfolgen teilweise bis nicht bekannt, chemische Zusammensetzung auf Grund sehr schneller Veränderung kaum erfassbar … . Die Herausbildung eines Drogenmarktes des 21. Jahrhunderts entzieht sich den Denk- und Rezeptionsmustern einer Behörde die ihren geistigen Ursprung in der Shanghaier Opiumkonferenz von 1909 sieht. Wobei dies nicht nur ein Problem auf internationaler Ebene ist.

Problematische Geldgeber

Ein nicht unerheblicher Teil der Probleme resultiert aus der Struktur der UNODC. Obwohl das Büro ein offizieller Teil der UN ist, erfolgt die Finanzierung zu über 90 Prozent auf Grund von freiwilligen Spenden der Mitglieder. Von diesen Spenden fließen nur 3 Prozent in das allgemeine Budget. 97 Prozent werden gezielt für einzelne Programme bzw. Aktivitäten vergeben und können nur dafür verwendet werden. Entsprechend groß ist der nationale Einfluss auf die Organisation. Dies zeigt sich besonders ihrer programmatischen Ausrichtung.

0-Toleranz-Politik

Ganz im Gegensatz zu den Programmen anderer UN-Organisationen bsp. der WHO spielen in den Programmen der UNODC legale Drogen (Tabak, Alkohol, Medikamente …) keine Rolle. Die UN-Behörde fokussiert sich auf Kriminalität und damit auf die Instrumente der Sicherheitsapparate. Entsprechend vertritt sie im Kern eine 0-Toleranz-Politik. Ein Recht auf Rausch wird nicht mal thematisiert. Diese Haltung änderte sich auch durch die selbst verordnete Denkpause (2008-2010) nicht wirklich. Es gibt nun Studien mit der WHO, die eine Stärkung sozialer und gesundheitspolitischer Maßnahmen bei partieller Abschwächung der Kriminalisierung erwägen. Allerdings sind diese nicht über den Status von Diskussionspapieren hinausgekommen und finden keine Erwähnung in den offiziellen Leitberichten wie dem „World Drug Report“.

Teil der einseitig repressiven Haltung ist die weitgehende Ignorierung aller Programme zur Eindämmung der negative Folgen von Drogenmissbrauch jenseits von Kriminalisierung, Werbekampagnen oder Entzug. Ob geschützte Drogenräume, Verteilung kostenloses Spitzbesteck, die Abgabe reines Heroin/Kokain … alles indiskutabel. Gleichzeitig werden die sozialen-politische Ursachen der Drogennutzung als auch von Produktion und Vertrieb nur am Rande behandelt.

Legalisierung Cannabis USA

Ein interessantes Beispiel ist die seit einigen Jahren fortschreitende Legalisierung von Cannabis in einigen Bundesstaaten der USA. Diese Entwicklung findet zwar Erwähnung, aber es erfolgt keine Einordnung in einen größeren Kontext. Die Beschreibung endet mit einem Hinweis, dass Besitz, Anbau sowie Vertrieb nach US-Bundesgesetzen immer noch strafbar ist. In weiteren Text wird dann dezidiert auf eine mögliche Ausweitung des Drogenkonsums durch fallende Preise hingewiesen.

Bei aller Kritik verschafft diese jährlich aktualisierte und inzwischen Jahrzehnte zurückreichende Informationsquelle einen einmaligen Überblick über die internationale Entwicklung des Drogenmarktes. Zumal die Entwicklung zumindest bei den klassischen Drogen über den Zeitraum der letzten 100 Jahre aufbereitet wird. Gleichzeitig basieren die Berichte auf einer Vielzahl aktueller, primär internetbasierter Quellen der relevanten staatlichen Institutionen, Programme und Wissenschaftler. Der Drogen-Report ist ein erstklassiger Fundus für weitere wissenschaftliche Arbeiten.

Die gekürzte Besprechung erschien bei WeltTrends – Zeitschrift für internationale Politik,
Ausgabe 91: Thema Kriminelle Welt: Annotation World Drug Report

Kunstwerk des Eintrages

Daumier, HonoréReise durch China: Raucher und Schnupfer
von http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

Doumier - Gemälde - Reise durch China: Raucher und Schnupfer

Nordstream – Akteursnetzwerke der Energiewirtschaft

von Kai Kleinwächter

Sander, Michael: Deutsch-russische Beziehungen im Gassektor. Wirtschaftliche Rahmenbedingungen, Interorganisationsnetzwerke und die Verhandlungen zur Nord Stream Pipeline. Nomos, Baden-Baden 2012, S. 264. Inhaltsverzeichnis

Der Autor legt mit seiner 2010 abgeschlossenen Doktorarbeit eine der wenigen deutschsprachigen Monografien zum Erdgasprojekt Nord Stream vor. Schwerpunkte der Studie sind eine umfassende Beschreibung des Projektverlaufs von 1998 bis 2008 sowie die detaillierte Analyse der das Projekt umgebenden institutionellen Netzwerke. Der Autor konzentriert sich auf die Konzerne E.ON, Wintershall/BASF und Gazprom sowie die deutsche und die russische Regierung. Er vergleicht sowohl die Interessen als auch die Verflechtungen zwischen den Akteuren anhand einer quantitativen Auswertung offizieller deutscher und russischer Dokumente – u. a. Koalitionsverträge und Geschäftsberichte.

Dieses Vorgehen ermöglicht prägnante Analysen sowohl der Machtmechanismen und Akteursnetzwerke des Energiesektors innerhalb beider Staaten als auch der transnationalen Verflechtungen. So wird dezidiert die schwache politische Positionierung von E.ON sowie von RWE in Bezug auf Russland aufgezeigt und damit das Scheitern der Konzerne im post-sowjetischen Raum vorweggenommen.

Ebenfalls beleuchtet er den gleichzeitigen Erfolg von Wintershall. Eigentlich ist diese Firma, von den drei betrachteten Energiekonzernen, die politisch schwächste in Deutschland. Aber ihre Vernetzung nach Russland überragt die anderen deutlich – in Qualität und Quantität. Auch hat Wintershall etwas zu bieten, dass weder E.ON noch RWE auf Dauer erfüllten: Sie beteiligt sich nicht an geopolitischen Strategien gegen Russland. Die anderen beiden Konzerne finanzierten auch Projekte wie die Nabucco-Pipeline oder Häfen zur Anlandung von flüssigem Erdgas. Die russische Elite nimmt solche Projekte als Bedrohung nationaler Interssen wahr und bremst die Konzerne systematisch aus.
Leider bleibt Sander auf einer Ebene der abstrakten institutionellen Verflechtung stehen. Die konkrete Nennung von Entscheidern wäre interessant gewesen.

Die beachtenswerte Analyse leidet unter der lieblosen, vermutlich kostensparenden Erstellung des Buches. Die ohne Gestaltungselemente auskommende Monografie entspricht dem Prototyp einer Bleiwüste. Auch beinhaltet sie nur rudimentäre Angaben zu den Primärdaten der quantitativen Netzwerkanalyse. Besonders im Vergleich mit Sanders Beiträgen in der Zeitschrift Osteuropa-Wirtschaft fallen die dort enthaltenen detaillierteren Analysen mitsamt Grafiken und Tabellen auf. Als Grundlagenliteratur zu Nord Stream sowie der deutschen und russischen Energiesektoren ist Sanders Buch allerdings nachdrücklich zu empfehlen.

Die gekürzte Besprechung erschien bei WeltTrends – Zeitschrift für internationale Politik,
Ausgabe 91: Thema Kriminelle Welt: NordStream.pdf

Glückel von Hameln (1646 – 1724)

von Kai Kleinwächter

Letzte Woche besuchte ich mit einem Freund die Ausstellung: Die ganze Wahrheit … was Sie schon immer über Juden wissen wollten – im jüdischen Museum Berlin.

Sehr interessant – bekannte Elemente (religiöse Symbole, Religionsfragen/-orte, in der Öffentlichkeit stehende Juden bzw. mit jüdischen Symbolen spielende, wie Justin Bieber …) werden neu zusammengestellt und modern aufgearbeitet, inkl. moderner Medien. Grundlage der Ausstellung ist ein fragender, jüdischer Humor.

So dürfen die Besucher mit Jetons über die Eigenschaften von Juden abstimmen
– tierlieb, geschäftstüchtig …
Die meisten Chips befanden sich in den Säulen mit den üblichen Klischees.
Wie verhalte ich mich jetzt?
Installation ignorieren?
Den Chip bewusst in eine andere Säule legen – als Gegenmeinung?
Bestätigung der Vorurteile – als symbolische Mahnung, es gibt noch Antisemitismus?

Eine andere gute Idee – „Juden in Vitrinen“ (Selbstbezeichnung des Museums)
Ein Jude (m/w) sitzt in einem offenen Glaskasten. Darauf die Aufforderung – „Ask me, I´m jewish.“
Man redet mit ihm – Politik, Religion, Judentum/Deutschland, die Fahrradtour entlang des Wannsee…
Gespräche die interessant sind, bereichern, haften bleiben.

Nach der Sonderausstellung sahen wir uns noch die anderen Teile des jüdischen Museums an. Sehr, sehr viel Interessantes und Spannendes – unbedingt anzusehen!
(Ein Tipp – der Garten/Park hinter dem Museum eignet sich prima zum Abschalten für zwischendurch.)

Besonders faszinierend der Ausstellungsbereich zu Glikl bas Judah Leib (Glückel von Hameln). Sie – Juwelen-Händlerin/Geldverleiherin, Jüdin, Witwe, 12 Kinder – führte von 1691 bis 1719 Tagebuch. Lange Zeit im Familienbesitz verschollen, übersetzt 1910 Bertha Pappenheim, Gründerin des Jüdischen Frauenbundes, das Werk ins Hochdeutsche (Originalsprache jiddisch).

Damit wird Glückel von Hameln zu einer Zeugin der Geschichte, wie Peter Hagendorf. Ihr Tagebuch gibt Einblick in das Denken, die Religion, den Alltag von Juden und Nicht-Juden.
Aber auch die Wirtschaft am Beginn der Neuzeit kommt uns durch sie näher. Mehrmals geht Glückel von Hameln bankrott, schafft wieder Vermögen – mit Ehrlichkeit, Beziehungsnetzwerken, emsiger Arbeit und gutem Geschäftssinn. Vier Grundlagen (damaliger) Kaufmannsgeschäfte.
Rechtsunsicherheit, volkswirtschaftlicher Kapitalmangel und strukturelle Diskriminierung bedeuteten trotz großer Erfolgeauch die Möglichkeit schneller Abstürze. Sicherheit versprach letztlich nur Gott und die eigene Familie. Damit wird auch für Kaufleute Heiratspolitik zur Geschäftspolitik. Mit ihrer Hilfe werden Kontakte geknüpft, Handelsnetze aufgebaut, Geschäfte eingefädelt und realisiert.
Liebe? Nein – es ging um Absicherung der (Groß-)Familie, des Geschäftes und – wie bei allen – um das Seelenheil.

Das Tagebuch ist eine echte Empfehlung, auch durch das hochinteressante Vorwort von Viola Roggenkamp. Sprache, Duktus, Erzählweise im Tagebuch sind ungewohnt – entsprechen der damaligen Zeit. Sie geben so tiefere Einblicke als manch Geschichtsbuch.

Links:
https://www.facebook.com/jmberlin
http://www.jmberlin.de/main/DE/01-Ausstellungen/02-Sonderaustellungen/2013/ganze-wahrheit.php

Empfehlung:
Die Memoiren der Glückel von Hameln
ISBN-13: 978-3407221698

Autor Kai Kleinwächter

Internet & Gesellschaft Collaboratory: Google will reden

Das Logo von Collaboratory als googletypische Beta-Version, hier bewusst gewählt

Google ist in Vergangenheit häufig für fehlende Transparenz und zu wenig Dialog mit Internetnutzern kritisiert worden. So hat man bei Google zwar fleissig Daten über die digitalen Bürgerinnen und Bürger gesammelt, aber nur selten die gesellschaftliche Debatte gesucht um über den Einfluss und die Veränderungen in einer vernetzten Welt, in der Google eine große Rolle spielt, offen zu reden. Der Grund für den schweigenden Riesen lag wahrscheinlich auch in einem der Erfolgsfaktoren von Google. Die hohe Innovationsgeschwindigkeit und die Strategie die Internetnutzer trotz Beta-Stadium immer wieder vor vollendete Tatsachen zu setzten (siehe z.B. das viel beachtete Google Buzz), hat in der schier unendlichen Wachstumsphase, viel bewirkt ist aber nicht mehr angemessen und eher kontraproduktiv, sobald eine Organisation wie Google fast unumgänglich wird. Die aktuelle Google Streetview-Debatte zeigt dabei schön die negativen Auswirkungen der Strategie. Die Debatte geht dabei voll am Thema vorbei und ob Google jetzt Daten von (Update: und in) Funknetzwerken sammelt oder nicht ändert nichts an den Grundproblemen der digitalen Gesellschaft mit dem Thema Datenschutz und Media Litracy, vorallem bei jüngeren Netzbewohnern und vor allem in Deutschland.

Jetzt hat Google Deutschland auf die Kritik an der Offenheit sowie dem fehlenden Dialog reagiert und vor einigen Wochen eine Art Multistakeholder Think-Tank gestartet in dem Themen rund um Netzpolitik offen diskutiert werden sollen. Das Collaboratory ist im ersten Ansatz ein Expertenkreis, der Akteure aus Wissenschaft, Verbänden, Daten- und Verbraucherschutz sowie aus Internetunternehmen zusammenbringt. Die Gruppe wurde von Google’s Policy Team ins Leben gerufen und soll sich intensiv mit alle Beteiligten mit den Fragen rund um das Internet und die Bedeutung für die moderne Gesellschaft beschäftigen. Selbst gestecktes Ziel ist es, „gemeinsam an Lösungsansätzen zu gesellschaftlichen Fragen rund um das Internet zu arbeiten.“

Die erste Initiative ist eine Umfrage zu „Internet, Gesellschaft und Innovationskultur“. In Zusammenarbeit mit einem interessanten Line-Up an Experten wurde diese Umfrage erstellt. Diese soll ausgewertet und die Ergebnisse am ersten „Collaboratory“-Abend Mitte Mai mit Politikern und staatlichen Experten thematisiert werden.

Es bleibt abzuwarten, welche Ziele Google mit dem Dialog genau verfolgt und ob man dem Anspruch „Lösungsansätzen zu gesellschaftlichen Fragen rund um das Internet zu (er)arbeiten“ gerecht werden kann. Wir sollten aber dringend mit Google darüber reden!

Mehr im Google Blog einen Post zum Thema.

NRW-Wahlkampf: Internet ist noch nicht wahlentscheidend

Studie der Universität Hohenheim belegt: Bedeutung des Internets für politische Meinungsbildung im Wahlkampf ist überraschend gering.
Trotz aller Web 2.0-Aktivitäten der Wahlkämpfer: Das Internet wird den geringsten Beitrag leisten, um NRWs künftigen Regierungschef zu küren. Zu dieser Prognose kommt Prof. Dr. Thorsten Quandt vom Lehrstuhl für interaktive Medien- und Onlinekommunikation der Universität Hohenheim nach sorgfältiger Analyse des Online-Wahlkampfes der vergangenen Bundestagswahl. Demnach bleiben Fernsehen und Zeitung bislang die wichtigste Informationsquelle der Wähler.

Ohne Blogs, YouTube-Kanäle und Facebook-Profile scheinen Politiker und Parteien gar nicht mehr auszukommen – so der aktuelle Eindruck, den Kommunikationswissenschaftler Prof. Dr. Quandt im Landtagswahlkampf von Nordrhein-Westfalen erneut bestätigt sieht. „Vor diesem Hintergrund wollten wir analysieren, was vom Internetwahlkampf wirklich übrig bleibt, wenn sich der Hype einmal gelegt hat“, so seine Motivation, den Online-Wahlkampf der jüngsten Bundestagswahl einmal mit den Ergebnissen zu vergleichen.

Für Wahlkampfstrategen fallen die Ergebnisse eher ernüchternd aus:

1. Trotz hoher Internetabdeckung informiert sich nur ein Drittel der Bevölkerung online über den Wahlkampf.

2. Als Hauptinformationsquelle nennen die Wähler das Fernsehen (52%) und die Zeitung (22%). Das Internet folgt erst an dritter Stelle mit 13 %, jedoch vor dem Radio (11%).

3. Wichtigste Informationsquelle im Netz sind Nachrichten auf Portalseiten, gefolgt vom Internet-Angebot der Massenmedien. Foren, Blogs und Soziale Netzwerke folgen erst an letzter Stelle.

4. Anders als in den USA: Dort nutzen 2/3 das Netz, um sich im Wahlkampf auf dem Laufenden zu halten. Soziale Netzwerke werden dreimal so intensiv zur Meinungsbildung vor der Wahl genutzt, wie hierzulande.

5. Foren, Blogs und Sozialen Netzwerken sind zwar Schlusslicht, wahlkampfstrategisch jedoch noch der beste Weg, politisch desinteressierte Online-User zu erreichen.

6. Aber: da sich die meisten User in Foren, Blogs und Sozialen Netzwerken passiv verhalten, kann eine vergleichsweise kleine Gruppe hier sehr leicht die Meinungsführerschaft an sich ziehen.

7. Die vergleichsweise hohe Zahl junger Online-User lässt jedoch vermuten, dass die Bedeutungssteigerung des Internets noch bevorsteht.

Grundlage der jetzt veröffentlichten Analyse ist eine repräsentative Befragung von 1.000 Wahlberechtigten durch das Meinungsforschungsinstitut Forsa von Dezember 2009 durchgeführt. Der Termin einige Wochen – nach der Bundestagswahl erlaubt, im Nachhinein eine Bilanz zu ziehen, und ermöglicht gleichzeitig den Vergleich mit einer von der Universität Princeton im Dezember 2008, nach der amerikanischen Präsidentenwahl, durchgeführten Repräsentativbefragung (Pew Internet and American Life Project 2008).

Quelle: idw

DuMont macht Netzeitung dicht

Eigentlich war es ja schon seit einiger Zeit erwartet worden, aber seit gestern ist es amtlich. Der Kölner Verlag M. DuMont Schauberg stellt die netzeitung zum 31. Dezember ein. In der offiziellen Pressemitteilung heißt es: «Aus wirtschaftlichen Gründen wird das bisherige Konzept einer Internetzeitung mit eigener Redaktion zum 31. Dezember 2009 aufgegeben. Aus diesem Grund wird sämtlichen Mitarbeitern in Kürze betriebsbedingt gekündigt werden. Bestehende vertragliche Verpflichtungen der Internetzeitung werden noch im 1. Quartal 2010 erfüllt. Es wird geplant, zukünftig die Netzeitung als automatisiertes Nachrichtenportal zu nutzen. Die NZ-Teletextaktivitäten sind davon unberührt und sollen in Zukunft eine stärkere Rolle in der Gruppe spielen.

Wir bedauern die für die Mitarbeiter mit der Entscheidung verbundenen Härten. In der derzeitigen Form ist die Internetzeitung wirtschaftlich aber nicht zu betreiben.»

Wahlsieger SPD?!?

Die gestrigen Landtagswahlen haben das Land ganz schön durcheinander gewirbelt – aber warum es mal wieder nur noch Sieger gibt…
Ein Brief von Franz Müntefering.

„Das war ein spannender Tag gestern: Drei Landtagswahlen, eine Kommunalwahl.

Es zeigt sich: Dramatische Verluste bei der Union, Schwarz-Gelb wird nicht gewollt. Und wir gewinnen im Ruhrgebiet und große Städte in Nordrhein-Westfalen zurück. Das sind gute Zeichen.

Die SPD ist sich ihrer Verantwortung bewusst: Im Saarland und in Thüringen sind wir in entscheidender Position. Heiko Maas und Christoph Matschie stehen als Ministerpräsidenten bereit. Sie suchen die Zusammenarbeit mit den Grünen und sprechen mit den Linken als mögliche weitere Koalitionspartner. Sie wollen in ihren Ländern ein Höchstmaß an sozialdemokratischer Politik durchsetzen.

Klar ist auch: Auf Bundesebene wird es keinerlei Zusammenarbeit mit der Linkspartei geben. Das gilt.

Bei CDU/CSU steigt die Nervosität. Gestern war Frau Merkel den ganzen Abend nicht zu hören und nicht zu sehen. Eigentlich wollte sie sich dem Wahlkampf verweigern, die Menschen mit schönen Bildern einlullen. Doch das reicht nicht, wie man bei Althaus und Müller gesehen hat. Sagen, wofür man steht. Für die eigenen Konzepte werben – das ist Wahlkampf, das gehört zur Demokratie dazu, davor kann man sich nicht drücken.

Wir haben zu Beginn des Jahres in vielen Städten Deutschlands mit den Menschen gesprochen, wie das neue Jahrzehnt aussehen soll. Wir haben dann im Frühsommer mit unserem Regierungsprogramm klar gesagt, wofür wir stehen. Frank-Walter Steinmeier hat seinen Deutschland-Plan vorgelegt: Mit mutigen Ideen für morgen und entschlossenem Handeln jetzt. Und heute starten wir in Hannover mit einer großen Kundgebung in die heiße Phase des Wahlkampfes.

Jetzt gilt es zu kämpfen. Noch 27 Tage. Mehr Atomkraft, Studiengebühren, weniger Sozialstaat, kein Mindestlohn – dafür stehen CDU, FDP und CSU.

Helft alle mit, denn es geht um die Richtung: Die SPD kämpft für gute Löhne für gute Arbeit. Für sichere Energie. Für gebührenfreie Bildung. Für ökonomischen Erfolg und ökologische Vernunft und soziale Gerechtigkeit. Für Toleranz. Dafür stehen wir und deshalb wollen wir ins Kanzleramt: Am 27. September mit Frank-Walter Steinmeier.“

Neues zum Mindestlohn

Auch in der Wirtschaftskrise sind in wichtigen europäischen Ländern die Mindestlöhne leicht gestiegen, zeigt eine aktuelle Auswertung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der Hans-Böckler-Stiftung. Sie leisten einen Beitrag, die Wirtschaft zu stabilisieren.

20 von 27 EU-Ländern haben einen gesetzlichen Mindestlohn. In Westeuropa liegt die für alle Arbeitnehmer verbindliche Lohnuntergrenze meist über 8,40 Euro. In Luxemburg liegt der Mindestlohn sogar knapp unter zehn (genau 9,73) Euro, in Frankreich knapp unter neun (8,82) Euro. Eine Ausnahme bildet nur Großbritannien, wo der Mindestlohn von 5,73 Pfund umgerechnet 6,41 Euro beträgt – eine Folge des niedrigen Wechselkurses. Dies geht aus der aktuellen Bestandsaufnahme des WSI-Mitarbeiters Dr. Thorsten Schulten hervor.

In den meisten Ländern stiegen die Mindestlöhne zuletzt am 1. Januar. Frankreich, die Niederlande und Luxemburg haben die gesetzliche Verdienstuntergrenze seitdem jedoch ein weiteres Mal angehoben. In Großbritannien ist die nächste Erhöhung zum 1. Oktober bereits beschlossen.

„In der Krise leisten die Mindestlöhne einen wichtigen Beitrag zur Stabilität von Lohneinkommen und wirken zugleich als Deflationsbremse“, sagt Forscher Schulten. Allerdings wirkten sich Wirtschaftskrise und zunehmende Arbeitslosigkeit in zahlreichen Ländern auch auf die Mindestlohnentwicklung aus. Die jüngsten Erhöhungen seien daher oft geringer ausgefallen. In einigen Ländern gab es seit mehr als einem Jahr keine Anhebung; in Irland wird sogar über eine Senkung des Mindestlohnniveaus diskutiert. „Das hätte jedoch ökonomisch fatale Folgen und würde dazu beitragen, die Krise weiter zu verschärfen“, sagt Schulten.

Dänemark, Schweden, Finnland, Deutschland, Österreich, Italien und Zypern haben bislang keinen gesetzlichen Mindestlohn. Die meisten dieser Länder verfügen aber über „funktionale Äquivalente, die ihnen eine hohe Tarifbindung sichern und damit ein weitgehend funktionierendes System tarifvertraglicher Mindestlohnsicherung möglich machen“. Nur für Deutschland gelte dies nicht, so Schulten.

Quelle: Boeckler Impuls