Archiv der Kategorie: Theater

Cees Nooteboom zu Gast in Gysis Salon

Wenn Gregor Gysi, der rhetorisch versierte Fraktionsvorsitzende der LINKEN im Deutschen Bundestag, einlädt, kommen prominente Zeitgenossen gerne in seinen politischen Salon: Einmal monatlich sitzt er auf der Bühne des zu diesen Anlässen fast immer ausverkauften Deutschen Theaters in seinem gemütlichen Sessel und bringt dem Publikum in zwei kurzweiligen Stunden das Leben und Wirken von interessanten Persönlichkeiten wie Alt-Revoluzzer Daniel „Dany“ Cohn-Bendit, den gescheiterten Präsidentschaftskandidaten Peter Sodann und Gesine Schwan oder legendären Regisseuren wie Peter Zadek näher.

Manchmal sind diese Matineen höchst unterhaltsame Sternstunden, die jedes Fernsehprogramm aufpeppen könnten, wenn ein Sender sie aufzeichnen würde. Peter Scholl – Latour erklärt in seinem unnachahmlichen Stakkato – Genuschel wieder die Welt und hetzt in seinen Erinnerungen von Krisenherd zu Krisenherd. Hape Kerkeling feuert seine staubtrockenen Pointen ab und stellt Gysi die Fragen zu seinem Verhältnis zu Lafontaine, die jeden im Publikum beschäftigen, aber niemand zu stellen wagte.

Ein belesener älterer Herr blickt zurück

Als Cees Nooteboom, der bekannte niederländische Schriftsteller, in seiner knallroten Hose die Bühne betritt, wird klar: Hier haben wir es mit einem sehr unabhängigen Kopf zu tun, der auch vor modischen Experimenten nicht zurückschreckt. Man kann sich lebhaft vorstellen, wie er schon als Jugendlicher in katholischen Internaten aneckte. Nach diesem viel versprechenden Auftakt plätschert das Gespräch diesmal aber unspektakulärer dahin. Wie üblich lenkt Gysi das knapp zweistündige Gesprächi mit Hilfe seiner Karteikarten von Station zu Station der Biographie seines Gastes. Der Romanautor und Verfasser zahlreicher Reisereportagen hat hierzu einiges Interessante aus seinem reichen Erfahrungsschatz zu berichten, größere Kontroversen oder besonders mitreißende Anekdoten und Dialoge bleiben aber diesmal aus.

Der junge Bankangestellte Nooteboom schrieb das erste Kapitel eines Manuskripts, das von seinen Reisen durch Europa inspiriert war, und hatte das große Glück, dass ein älterer, unbekannter Schriftsteller davon so angetan war, dass er dem Quereinsteiger als Mentor gleich einen Vertrag bei seinem Verlag vermittelte. Philip und die Anderen wurde Ende der 1950er Jahre in den Niederlanden ein Riesenerfolg, blieb in der Bundesrepublik der Adenauer-Zeit aber nur ein Geheimtipp in Studentenkreisen, da sie das Lebensgefühl der Hauptfigur teilten. Der Roman schildert das Aufbegehren der Jugend gegen verkrustete Strukturen und Träume von einem freieren, selbstbestimmten Leben, verpackt in eine Liebesgeschichte. Erst eine Neuübersetzung des Werks durch die Nooteboom – Expertin Helga van Beuningen machte es 2003 auch in Deutschland zum Bestseller.

Die Brennpunkte werden nur gestreift

In den vergangenen Jahrzehnten bereiste Nooteboom die Brennpunkte der Weltgeschichte: Im Pariser Mai 1968 war er ebenso vor Ort wie beim Ungarn – Aufstand 1956, im Iran kurz vor dem Sturz des Schahs 1979 oder beim Fall der Berliner Mauer vor zwanzig Jahren. Er berichtete für Zeitungen und Magazine in beeindruckenden Reportagen, die noch heute lesenswert sind. Leider war der Zeitdruck aber so groß, dass der Dialog an diesen Stellen nur selten in die Tiefe gehen konnte: Die Weltgeschichte, über die der Augenzeuge sicher viel Spannendes zu erzählen gehabt hätte, rauschte im Eiltempo vorbei.

Seinen späten Ruhm in Deutschland hat Cees Nooteboom vor allem dem „Literaturpapst“ Marcel Reich – Ranicki zu verdanken: Er bejubelte den Berlin – Roman Allerseelen im Literarischen Quartett derart enthusiastisch, dass dieser lesenswerte Roman zu einem Verkaufsschlager wurde und auch das frühere Werk Rituale von 1982 bei seiner Neuauflage im Suhrkamp-Verlag die verdiente große Aufmerksamkeit bekam.

Politikerschelte

Explizit politisch wurde es kurz vor Schluss noch einmal, als sich die beiden Diskutanten in einem vom Publikum beklatschten Statement einig waren, dass es vielen jungen Berufspolitikern an Lebenserfahrung mangelt. Sie sollten für ein Jahr mit wenig Geld nach Asien, Afrika oder Lateinamerika reisen und sich ein Bild von der Welt machen, riet Nooteboom als Fazit seines ereignisreichen Lebens.
Alles in allem war es ein netter, unterhaltsamer Vormittag. Und beim nächsten Mal wird es sicher noch lebhafter: Für den 20. Dezember hat sich der Regisseur und Aktionskünstler Christoph Schlingensief angekündigt!

Ulrich Matthes liest den Roman der Nobelpreisträgerin

Eine besondere Matinee fand an diesem kalten Wintertag im Deutschen Theater statt: Ulrich Matthes, einer der gefragtesten Sprecher von Hörbüchern und herausragendes Ensemble – Mitglied, trug einige Kapitel aus Atemschaukel, dem neuen Roman der frisch gekürten Literatur – Nobelpreisträgerin Herta Müller vor.

Die Lesung setzte mit der Deportation des Ich – Erzählers ein, der als junger Mann kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs aus Siebenbürgen in Stalins sibirische Straflager verschleppt wurde. Aus der naiven Sicht eines 17jährigen erscheint diese Aktion zunächst als kleines Abenteuer und ersehnte Befreiung aus der provinziellen Enge seiner Heimat.

In den folgenden Miniaturen entfaltet sich jedoch das ganze Grauen des Gulags von den unmenschlichen Zuständen in den Güterwaggons bis zu den Schikanen beim Morgenappell und der Brutalität der Aufseher. Herta Müller fand für diese Abgründe eindringliche Metaphern wie den in vielen Würdigungen erwähnten Hungerengel, der die Lagerinsassen quält.

Herta Müller wollte diesen Roman ursprünglich zusammen mit Oscar Pastior schreiben, der ebenso wie sie der deutschen Minderheit in Rumänien entstammt und wie sie vor dem Ceaucescu – Regime in den Westen floh. Seine Deportation zwischen 1945 und 1949 ist der historische Kern dieses Buches. Da der Büchner – Preisträger leider im Oktober 2006 starb, musste Herta Müller diesen Text alleine zu Ende bringen. Der Roman über das Leiden des Ich – Erzählers lässt sich somit als Denkmal für ihren langjährigen Weggefährten lesen.

Wer diese Lesung verpasst hat, kann Ulrich Matthes noch am 18. Dezember beim Fest für Herta Müller im Haus der Berliner Festspiele erleben. Dann werden die Autorin und ihr Verleger Michael Krüger auch persönlich anwesend sein.

Das Buch Atemschaukel

Macht die Wahrheit einsam oder wie viel Verstellung braucht die Gesellschaft?

Ein Beispiel, wie viel uns Klassiker, die bereits mehrere Jahrhunderte alt sind, heute noch zu sagen haben, ist Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Molierès Menschenfeind.
Der neue Hausregisseur des Deutschen Theaters Berlin brachte seine Regiearbeit von seiner letzten Station am Hamburger Thalia Theater mit und feierte dieses Wochenende seine Premiere an den Kammerspielen.

Ein kleiner Trick sorgt dafür, dass uns die Relevanz des Stückes noch klarer wird: Kriegenburg stützt sich auf die in kunstvollen Reimen übersetzte Fassung, die sein verstorbener Regiekollege Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens für das Schauspiel Köln 1983 erarbeiteten. Alle expliziten Hinweise auf die höfische Etikette und die Welt des Adels fehlen in dieser modernen Version.

Aber die Grundfrage bleibt: Wie oft bestimmen kleine Halbwahrheiten, Lügen und Ausflüchte das Zusammenleben? Wie kann man trotz aller gesellschaftlichen Konventionen ein rückhaltlos ehrliches Leben führen, wie es Alceste vorschwebt? Er möchte sich keinen Millimeter verbiegen lassen und sagt dem Möchtegern – Dichter Oronte auf dessen drängende Nachfrage unverblümt ins Gesicht, dass er sein Sonett kitschig findet. Auch in der Liebe verlangt er absolute Aufrichtigkeit und verzeiht seiner Angebeteten nicht den geringsten Flirt, als sie mit anderen Männern kokettiert.

Autobiographischer Hintergrund dieses Stückes ist Molierès Situation am französischen Hof, als er sich immer wieder vor die Entscheidung gestellt sah, wie weit er sich auf die Rituale der höfischen Etikette, die Machtspielchen und gegenseitigen Schmeicheleien einlassen soll oder ob es ihm sein Ruhm als Dichter erlaubt, Freiräume größerer Ehrlichkeit und Ungekünsteltheit zu leben.

Kriegenburg arbeitet in seinem Stück heraus, dass jede Gesellschaft bis zu einem bestimmten Grad auf ähnlichen Mustern aufgebaut ist: Mal würde die ungeschminkte Wahrheit den anderen verletzen. Mal würde einem ein kleiner finanzieller oder beruflicher Vorteil entgehen. Alceste rebelliert jedoch dagegen und zieht am Ende für sich die Konsequenz, dass er in einer solchen Gesellschaft nicht leben kann. Er möchte sich mit seiner Geliebten Célimène in die Isolation zurückziehen. Sie verweigert diesen Wunsch, da sie nicht ohne den Kontakt mit den anderen Menschen leben möchte.

Als gelungener inszenatorischer Einfall erweisen sich die beiden Videoleinwände, die jeweils die Dialogpartner in Großaufnahme zeigen. So entstehen vor allem dichte und eindringliche Anfangspassagen.
Im Mittelteil greift Kriegenburg jedoch zu einigen Mätzchen, deren Sinn sich nicht recht erschließt: Eine Frau im Rollstuhl singt als Running gag über einen „Zigeunerjungen“, manche Partyszenen schleppen sich etwas lange hin.

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Festival „Happy Revolution“: Und der Herr schuf die Kuh

Vom 4. bis zum 21. Dezember findet im Kreuzberger Ballhaus Naunynstraße das Festival Happy Revolution – views on Iran. 30 years later mit einigen spannenden Theateraufführungen, Filmen, Diskussionen und Lesungen statt.

Zur Eröffnung feierte der Einakter Und der Herr schuf die Kuh von Abbas Maroufi seine Uraufführung. Dieses Stück schrieb der iranische Autor während seiner Haftzeit 1995 in Teheran, seit 1996 lebt und arbeitet Maroufi im Berliner Exil. Dass der Text bereits knapp anderthalb Jahrzehnte alt ist, merkt man ihm kaum an. Die erste Szene kommt einem aus dem Sommer 2009 nur allzu bekannt vor: Laute Protestrufe hallen in den Laden des Uhrmachers (Peter von Strombeck) und kehren während der ca. 70 Minuten als eine Art Hintergrundrauschen immer wieder.

Einen starken Kontrast zu dieser aufgewühlten äußeren Atmosphäre bildet die minimalistische Handlung des Dramas Und der Herr schuf die Kuh: Zwei Personen stehen sich in dem karg eingerichteten Bühnenraum gegenüber. Der Regisseur Mehdi Moinzadeh, der 1978 im Iran geboren ist und an deutschen Schauspielschulen und Theatern gelernt hat, verzichtet auf jede Form üppiger Ausschmückung und lässt den Text möglichst pur wirken.

Dementsprechend sperrig wirkt der Beginn. Ohne die Informationen aus dem Werkstattgespräch vor Beginn des Stücks wäre der Dialog zwischen dem Uhrmacher und einem dubiosen jungen Besucher, der sich als Philosoph ausgibt, schwer zugänglich. Für die Rolle des Besuchers konnte das Festival – Team Pegah Ferydoni gewinnen, die in der Rolle der frommen Yagmur in der deutsch – türkischen Patchworkfamilie der ARD – Vorabendserie Türkisch für Anfänger auf sich aufmerksam machte und im Sommer 2009 mit dem Silbernen Löwen beim Filmfestival von Venedig für ihre Hauptrolle in Women without men ausgezeichnet wurde.

Das Kammerspiel entspinnt sich als langes Gespräch zwischen den beiden Figuren, sie umschleichen sich und sprechen zunächst über scheinbar alltägliche Probleme. Es wird deutlich, dass der alte Uhrmacher früher ein politischer Aktivist war, aber von der Stagnation des Mullah – Regimes tief enttäuscht ist und sich ganz ins Private und seinen kleinen Handwerksbetrieb zurückgezogen hat. Das Drama steuert jedoch auf ein überraschendes Finale zu, dessen Ausgang hier deshalb nicht verraten werden soll. Aber selbst in seiner Schlussepisode bleibt der Abend bewusst vieldeutig und lässt Raum für verschiedene Interpretationen.

Einen Hinweis auf eine explizit politische Intention des Stückes gibt der Autor Maroufi im Programmheft: „Wenn Sie im Iran leben, können Sie sich noch so sehr ins Private zurückziehen, wie Sie wollen. Das System wird Sie in die politischen Geschehnisse verwickeln, ohne dass Sie sich aus ihnen befreien können. Und zwar in erster Linie deshalb, weil das Regime sich entsetzlich vor der Bevölkerung fürchtet.“

In den kommenden Wochen werden weitere Stimmen der iranischen Opposition zu hören sein: Am 12. Dezember wird beispielsweise die bekannte deutsch – iranische Schauspielerin Jasmin Tabatabai aus dem im Iran verbotenen Buch Opium von Shiva Arastuie lesen.

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Nazi – Satire „Sein oder Nichtsein“ als unterhaltsame, schrille Komödie

Neben Charlie Chaplins Der große Diktator gibt es eine weitere brillante Abrechnung mit dem Nazi – Regime: Ernst Lubitsch drehte 1942 in Hollywood die bitterböse Satire Sein oder Nichtsein, die damals eher zwiespältig aufgenommen wurde, heute aber längst als Filmklassiker etabliert ist.

Viele deutsche Juden erkannten die Gefahr des Naziterrors leider erst sehr spät. Sofern sie es auf oft abenteuerlichen Wegen noch ins Exil schafften, hatten sie es dort schwer, Fuß zu fassen. Sprachliche und kulturelle Barrieren waren zu überwinden. Viele große Künstler und Schriftsteller mussten sich mühsam über Wasser halten. Ganz anders erging es dem Regisseur Ernst Lubitsch: Nach ersten Erfolgen mit Historienfilmen und netten Komödien lockte ihn die damals aufblühende Filmindustrie nach Hollywood. Bereits 1922 nahm er erste Angebote an und konnte sich in den USA fest etablieren. Über die Jahre konnte er internationale Kassenerfolge feiern und seine Kunst intelligenter politischer Komödien so sehr verfeinern, dass sein Name in diesem Genre bis heute Maßstäbe setzt.

Diesen biographischen Hintergrund muss man sich bewusst machen, wenn man sich mit dem Werk auseinandersetzt. Lubitsch fühlt sich den Nazis und ihrem grölenden Auftreten weit überlegen und zeichnet sie in dieser Satire als tumbe Militaristen, die relativ einfach zu übertölpeln sind und nur in Kategorien von Befehl und Gehorsam denken. Beim Filmstart in den USA wenige Monate nach dem Angriff auf Pearl Harbor und dem Eingreifen in den 2. Weltkrieg stieß dieser Film deshalb teilweise auf Unverständnis: Wie kann man mitten im Krieg eine vergnügliche Satire drehen? Unterschätzt man den Feind nicht mit solchen Charakterisierungen?

Aus heutiger Sicht zeigt sich aber: Dieser Film ist eine gelungene Abrechnung mit dem Regime. Deshalb nahm ihn die Bundeszentrale für politische Bildung mittlerweile in ihren Kanon auf. In einer wilden Mischung aus Agententhriller, Theaterparodie, Verwechslungskomödie und Ehekrise führt eine Theatergruppe im besetzten Polen die Nazis und den Doppelagenten Professor Silewski an der Nase herum. Zwar stellen sich ihnen durch dumme Zufälle immer neue Hindernisse in den Weg, die sie aber mit Erfindungsgeist und Schauspielkunst souverän meistern.

Die frühere Wirkungsstätte Ernst Lubitschs, das Deutsche Theater Berlin, wo er zu Beginn des 20. Jahrhunderts einige Jahre als Schauspieler auftrat, brachte diesen Film nun auf die Bühne. Der Schweizer Gastregisseur Rafael Sanchez stützte sich dabei auf die Adaption von Nick Whitby, die sich sehr nah am Originaldrehbuch des Films orientierte.

So ist auch dieser Theaterabend von schnellen Szenenwechseln, giftig – funkelnden Pointen und mancher Karikatur auf die Nazis geprägt. Leider treiben der Regisseur und die Darsteller es an einigen Stellen aber einen Tick zu weit. Die gelungene Satire wirkt dann schnell etwas zu überdreht und wenn Bernd Moss in die Rolle des Schauspielers Josef Tura schlüpft, überschreitet er manchmal den schmalen Grat zur grotesken Überzeichnung. Etwas albern wirkt auch der aufblasbare Gummi – Reichsadler, der über dem Büro des Naziführers Erhard (sehr komisch gespielt von Jörg Gudzuhn) prangt.

Trotz einiger Ausrutscher entsteht ein unterhaltsamer Theaterabend. Während einige Kritiken nach der Premiere abfällig von Boulevardtheater schrieben, erntete das Stück aus dem Publikum viele Lacher und freundlichen Applaus. Der Inszenierung fehlt sicher der Tiefgang großer Tragödien, aber für Anlässe wie Silvester ist sie ein guter Tipp. An dem Abend steht Sein oder Nichtsein gleich zweimal auf dem Spielplan des Deutschen Theaters. Und anschließend kann man sich dann gleich als ersten Vorsatz für das neue Jahr 2010 vornehmen, das Original auf DVD anzusehen. Wie so oft schlägt nämlich auch hier das Original die Kopie.

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„Hamlet“ mit Schauspielstudenten: Applaus und Buhrufe

Die Studenten der renommierten Schauspielschule HFS Ernst Busch erhalten jedes Jahr die Gelegenheit, in einer Inszenierung am Deutschen Theater Berlin ihr Können zu zeigen. Diesmal wählten sie zusammen mit dem Hausregisseur Andreas Kriegenburg den Shakespeare – Klassiker Hamlet aus.

Schon beim Blick auf das Bühnenbild wird klar, dass dieser Abend weit von der Ästhetik der berühmten, traditionellen Aufführungen dieses Stücks entfernt ist: Die gesamte Bühne der Kammerspiele ist mit umgedrehten Holzkisten übersät. Wenn man genauer hinsieht, kann man auch erkennen, wie sich die Schauspieler bereits vor Beginn des Stücks in den Kisten eingezwängt haben.

Der erste Auftritt gehört Aenne Schwartz als Rosencrantz und Marco Portmann als Guildenstern: Mit Clownsbemalung und wirren langen Haaren tauchen sie aus ihren Kisten auf und begrüßen das Publikum als Conferéncières, die in einer Mischung aus der Sesamstraßen – Figur Oscar in seiner Mülltonne und den beiden Opis auf dem Balkon der Muppet – Show die Handlung erklären, neue Szenen ankündigen und teilweise auch ins Spiel eingreifen. Neben der erfahrenen Ensemble – Schauspielerin Natali Seelig in der Rolle der Gertrud, der zugedröhnten Mutter Hamlets, ernten die beiden Studenten die meisten Lacher.

Dieses Konzept, aus der blutigen Tragödie eine vergnügliche Komödie für die junge Zielgruppe zu machen, geht aber nur teilweise auf: Wenn sich Michael Schweighöfer, der im DT – Ensemble mit seinem langen Bart und Übergewicht seit Jahren auf die Rolle des kauzigen Alten abonniert ist, in seinen Kalauern vergaloppiert, verdrehen viele im Publikum nur die Augen. Deshalb halten sich zur Pause Buhrufe und Applaus die Waage. Immerhin dürfen Rosencrantz und Guildenstern beim Wiederbeginn erleichtert feststellen, dass trotz einiger frei gewordener Plätze die meisten Zuschauer geblieben sind.

Die Komik, die teilweise in den Klamauk kippt, drängt die Figur des Titelhelden Hamlet etwas an den Rand:
Auch Thomas Halles Gesicht ist in Clownsfarben bemalt, aber bei ihm weisen die Mundwinkel als einzigem nach unten. Im fröhlichen Schnattern des restlichen dänischen Hofstaats kommt seine grübelnde Melancholie etwas kurz.

An der Inszenierung werden vor allem Englisch – Abiturklassen ihre Freude haben, die das verstaubte Stück mal in einer anderen Version mit fast gleichaltrigen Hauptdarstellern sehen können. Das grauköpfige Stammpublikum der Abonnenten blieb mit zwiespältigen Eindrücken zurück oder ging schon zur Pause nach Hause.

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7 % Hamlet: Assoziationen zu einem Klassiker

Die Box des Deutschen Theaters ist ein Ort für Experimente: Auf der kleinen Bühne inszenierte Monika Gintersdorfer mit dem Schauspieler Bernd Moss und dem ivorischen Choreographen Franck Edmond Yao eine Performance, deren Titel 7 % Hamlet neugierig machte.

Die Regisseurin, die als Tochter eines österreichischen Paares in Peru geboren ist, arbeitet seit längerem mit dem durchtrainierten Künstler Yao von der Elfenbeinküste zusammen: Dieses kosmopolitische Duo spielt regelmäßig auf freien Bühnen wie den Berliner Sophiensaelen oder Kampnagel in Hamburg. Nach einer sehr freien Othello – Bearbeitung versuchen sie sich diesmal an Hamlet.

Ein Drama, das jeder kennt. Zentrale Passagen wie „Sein oder Nichtsein“ können auch viele einordnen, die selten bis nie ins Theater gehen. An diesem Abend wird dieses Zitat nur verfremdet vorgetragen, nämlich auf Französisch.

Ansonsten bleibt wenig von dem klassischen Shakespeare – Drama übrig: Wie der Titel schon ankündigt, maximal 7 %. In den Proben entwickelte das Team seinen eigenen Zugang zum Stoff. Die Schauspieler führen ein langes Gespräch über afrikanische Mystik, Geisterarmeen an der Elfenbeinküste, den Zusammenhalt und die starke Bindung an das Heimatdorf sowie vor allem über Frauen, die ein Problem sind. Yao gestikuliert auf Französisch, sein Partner Moss, der kurzfristig für Maren Eggert eingesprungen ist, übernimmt die deutsche Übersetzung.

Das alles ist teilweise ganz unterhaltsam, zum Teil aber auch etwas banal. Viele Gesichter im Publikum bleiben ratlos. Gegen Ende nimmt die Performance noch mal direkter auf die Figur des Hamlet Bezug. Yo sieht ihn als Mensch der besten, der dritten Kategorie, derjenigen die kluge Pläne schmieden und sich mit analytischem Geschick durchsetzen. Eine überraschende Einschätzung, da Hamlet doch sonst oft als Zauderer gesehen wird.

Ein ungewöhnlicher Abend, der sich von Assoziation zu Assoziation hangelt, und häufig mehr um Afrika als um Hamlet kreist.

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Hape Kerkeling zu Gast in Gregor Gysis Salon

Die Intendanten und die Hausregisseure des Deutschen Theaters Berlin wechselten in der Vergangenheit mehrmals, einige der Konstanten ist aber die Gesprächsreihe Gregor Gysi trifft Zeitgenossen: Ein Mal im Monat lädt der Fraktionsvorsitzende der LINKEN im Deutschen Bundestag Prominente aus Politik, Kultur und Gesellschaft ein.

Fast immer ergeben sich unterhaltsame Gespräche über die Biographie des Gastes, die wenig bekannte Hintergründe beleuchten. Fast immer ist das Deutsche Theater Berlin zu dieser Matinee ausverkauft.

Dieses Mal war jedoch im Foyer kaum noch ein Durchkommen möglich: Zu lang wand sich die Schlange derer, die noch auf Restkarten hofften. Kein Wunder bei der Popularität des aktuellen Gastes: Der derzeit wohl beste deutsche Komiker und Entertainer Hape Kerkeling versprach einen munteren Schlagabtausch mit dem scharfzüngigen Politiker.

Kerkeling präsentierte sich dabei sehr authentisch von seiner nachdenklichen und ernsten Seite, sprach über seine Privatreligion, eine Mischung aus Buddhismus und Bergpredigt, seine Sorge über latente Homophobie auch in Zeiten offen homosexueller Spitzenpolitiker wie Wowereit, von Beust und Westerwelle sowie über seine große Krise in den 1990er Jahren, als plötzlich der Erfolg ausblieb und Hape Kerkeling angeblich schon zum Heilpraktiker umsatteln wollte.

Was dem Publikum damit entgangen wäre, zeigte ein Blick auf die Perlen, die inzwischen TV – Klassiker sind, mit denen Kerkeling in der Sendung Total normal seinen Durchbruch feierte: Der Staatsbesuch als falsche Königin Beatrix, die Parodie auf zeitgenössische Musik im Hurz – Konzert oder die Bambi – Verleihung.

Auch in diesem Gespräch stellte Kerkeling noch mal klar: In einigen Jahren ab dem 50. Geburtstag soll mit den Bühnenauftritten Schluss sein, weil er fürchtet, dann nicht mehr schlagfertig genug zu sein.
Die Figur des penetranten Lokaljournalisten Horst Schlämmer will er schon früher einmotten.

Die größte Heiterkeit im Publikum kam auf, als sich Kerkeling dazu bekannte, bei der Bundestagswahl SPD gewählt zu haben, und die beiden in einem Wortgefecht über die Krise dieser Partei und die Zukunft des Duos Gysi und Lafontaine spekulierten.

In der nächsten Ausgabe dieses politischen Salons wird der niederländische Schriftsteller Cees Nooteboom zu Gast sein.

Jeder Mensch hat seinen Zerreisspunkt

Für Andreas Kriegenburg lag die Messlatte aus mehreren Gründen sehr hoch:

Erstens sollte er, den der neue Intendant Ulrich Khuon als seinen Hausregisseur von der gemeinsamen letzten Station am Hamburger Thalia – Theater mitgebracht hatte, die Eröffnungspremiere am Deutschen Theater Berlin inszenieren. Medien und Publikum waren gespannt, welchen Ton das neue Team anschlagen und welchen Stil es pflegen würde.

Zweitens wagte er sich an einen Stoff, der bereits einmal von Meistern ihres Fachs kongenial adaptiert wurde: Die Novelle Herz der Finsternis von Joseph Conrad war die Vorlage für Francis Ford Coppolas Apocalypse Now mit einem diabolischen Auftritt von Marlon Brando als dem Wahnsinn verfallener General Kurtz.

Drittens musste er versuchen, an seine eigenen Erfolge anzuknüpfen. Er ist seit Jahren regelmäßiger Gast beim Berliner Theatertreffen und wurde zuletzt für seine Bearbeitung von Franz Kafkas Prozess an den Münchener Kammerspielen von der Kritik fast einhellig gerühmt und vom Publikum beklatscht.

Fast zwangsläufig bleibt die Inszenierung von Herz der Finsternis hinter diesen Ansprüchen zurück und wirkt an manchen Stellen unfertig. An der Bühnenrampe steht Natali Seelig und erschlägt die Zuschauer als Erzählerin mit Wortkaskaden, die eine abenteuerliche Schiffsfahrt durch das Zentralafrika der Kolonialzeit schildern. Davon lenken aber im Hintergrund immer wieder ihre Mitspieler ab, die herumwuseln, Requisiten hin- und herschleppen und sich gegenseitig mit Lehm beschmieren. Nach der Pause greifen sie noch stärker in die Erzählhandlung ein und beschreiben als Chor den Angriff Einheimischer auf das Schiff.

Der Tenor vieler Kritiken war einhellig: Die Handlung wird mehr bebildert als wirklich mit theatralischen Mitteln so aufgeführt, dass sie die Zuschauer wirklich berühren könnte.

Als Kapitän Marlow, der Erzähler, am Ende in der Urwaldfestung des Generals Kurtz ankommt, bleibt das Grauen als Schlüsselzitat dieses Showdowns in den Worten von Markwart Müller – Elmau mehr Behauptung als Erfahrung.

Die beeindruckendsten Passagen der Inszenierung sind die Auftritte überdimensionaler schwarzer Puppen, die an langen Fäden hängen und das Bedrohungspotenzial einer Fahrt ins Herz der Finsternis am besten versinnbildlichen. „Jeder Mensch hat seinen Zerreisspunkt“ lautet ein berühmtes Zitat, das sich durch den Abend zieht. Die existentielle Wucht solcher Sätze, die sich im Spiel von Marlon Brando in seiner dunklen Höhle mit Fackeln aus abgeschlagenen Köpfen übertrug, war bei der Inszenierung von Andreas Kriegenburg und John von Düffel, der den Text für die Bühne bearbeitete, nur selten spürbar.
Aber solche liebevoll gestalteten Details wie die beschriebenen Puppen behalten in jedem Fall ihren Reiz.

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Woyzeck mit Tom Waits – Songs

Georg Büchners Fragment Woyzeck hat eine kuriose, steile Karriere hinter sich: Der junge Schriftsteller hatte in seiner Streitschrift Der Hessische Landbote gegen die ungerechten Verhältnisse der restaurativen Epoche gewettert. Als er wegen seiner revolutionären Gedanken und Aktionen verfolgt wurde, brachte er 1836 in wenigen Monaten kurz vor seinem frühen Tod dieses Drama zu Papier. Damals hätte er wohl selbst nicht geglaubt, dass sich sein Text zu einer der meist gespielten Säulen des Repertoires deutscher Bühnen entwickeln würde.

Im Zentrum des Stückes stehen die ständigen Erniedrigungen, unter denen der Soldat Woyzeck leidet. Der berühmte Kritiker Alfred Kerr brachte sein Schicksal treffend auf den Punkt: „Woyzeck ist der Mensch, auf dem alle rumtrampeln. Somit ein Behandelter, nicht ein Handelnder.“ Moritz Grove verkörpert bei seinem Debüt am Deutschen Theater Berlin diese verängstigte Kreatur: Mit hochgezogenen Schultern stolpert er von einer Schikane zur nächsten, hetzt zwischendurch immer wieder atemlos durch eine Art Amphitheater: Das Hamsterrad, aus dem er nicht entkommen kann.

Sein Gegenpol ist Christoph Franken: Auch er ein neues Gesicht auf den Berliner Bühnen, der in der Rolle des bis zum Ekel selbstgefälligen Tambourmajors aufgeht und mit seinem gehässigen Lachen Akzente setzt.

Zwischen den beiden Männern steht Marie: Sie wirkt zunächst wie die Unschuld vom Lande und ist die Geliebte von Woyzeck. Sobald sie aber die Chance eines gesellschaftlichen Aufstiegs wittert, wirft sie sich dem Tambourmajor in die Arme. Das muss sie mit einem Mord aus Eifersucht bezahlen, zu dem sich Woyzeck nach all seinen Niederlagen getrieben fühlt. Die Marie verkörpert Maren Eggert, die bereits mehrfach mit wichtigen Preisen ausgezeichnet wurde und einem größeren Publikum auch als Psychologin Frieda Jung im Kieler Tatort bekannt ist.

Diese Schauspielhandlung wird immer wieder durch schräge Auftritte seltsamer Figuren unterbrochen, die das Publikum zunächst irritieren. Vor allem aber werden die Szenen mit den Songs unterlegt, die der US – Musiker Tom Waits im Jahr 2000 komponierte, als er zusammen mit dem Regisseur Robert Wilson eine moderne Version des Woyzeck am Kopenhagener Theater inszenierte.

Auf diese Text- und Musikfassung stützt sich Jorinde Dröse, die in Berlin ebenfalls noch ein recht unbeschriebenes Blatt ist, aber bereits einige Erfahrungen als Regieassistentin und Regisseurin in anderen Städten gesammelt hat.

Der altbekannte Stoff, der schon fast zu häufig auf den Bühnen zu sehen ist, bekommt durch die schönen Lieder, die von der Band und den Schauspielern vorgetragen werden, eine interessanten Dreh. Somit entsteht ein recht kurzweiliger, solider Theaterabend, der vom Publikum mit freundlichem Applaus bedacht wurde.

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