Archiv der Kategorie: Journalismus

Ägyptens neues Terrorgesetz

Schon seit längere Zeit ist Ägypten im Fadenkreuz des islamistischen Terrors. Seit der Machtenthebung von Präsident Mohammed Morsi stieg die Anzahl an Anschlägen rasant an. Im letztem Jahr nahm aber nicht nur die Anzahl zu, sondern auch deren Qualität. Besonders die Anschlagsserien auf die Sicherheitskräfte auf der Sinai-Halbinsel führten zu hohen Verlusten in der ägyptischen Armee, parallel dazu traf es die Hauptstadt schwer. Die letzten „Höhepunkte“ waren die Ermordung des obersten Staatsanwalts Hisham Barakat im Juli 2015, der Bombenanschlag auf das italienische Konsulat zwei Wochen später und zuletzt, am 21.08., der Autobombenanschlag auf das National Security Building in Shubra El Kheima.

Lange Zeit wurde die Muslim-Brüderschaft (MB) für Terroranschläge verantwortlich gemacht und es wurde entsprechend hart gegen die ehemalige, mittlerweile zu einer Terrororganisation erklärte, Partei vorgegangen. Massengerichtsverfahren von hunderten von Angeklagten und drakonische Strafen bis hin zur Todesstrafe waren keine Seltenheit. Mittlerweile ist aber mit der salafistischen Ansar Bayt al-Maqdis eine Organisation auf den Plan getreten, die weitaus gefährlicher ist als die, vermeintlichen, Terroristen der MB. Vor allem nachdem sie sich im Herbst letzten Jahres in State of Sinai umbenannte und sich damit de facto dem Islamischen Staat in Syrien und Irak anschloss. Auch führte das Vorgehen der Regierung in Kairo gegen den Terror zu „Kollateralschäden“ in der Bevölkerung – ungerechtfertigte Verhaftung und Gewalt der Sicherheitskräfte sind quasi an der Tagesordnung.

Karte Ägypten

Karte Ägyptens

Das massive Vorgehen gegen die Muslim-Brüderschaft wird im Ausland als ungerechtfertigt, übertrieben und nicht legal kritisiert. Aus diesen Gründen und um die Sicherheitslage in den Griff zu bekommen wurde ein neues Anti-Terrorgesetz auf den Weg gebracht, welches für Rechtssicherheit sorgen soll. Dies wurde allerdings umgehend von Seiten des ägyptischen Journalistenverbandes kritisiert. Ihm ging es vor allem um einen Paragraph der Strafzahlungen für Journalisten vorsieht, wenn sie nach Anschlägen oder Einsätzen der Polizei/Militärs den offiziellen Verlautbarungen der Regierung widersprechen. Festgelegt wurde bis zu einem Jahr Berufsverbot und Strafen von 200,000 bis 500.000 ägyptischen Pfund, umgerechnet ca. 23.000 bis 57.000€. Und dies ist noch die entschärfte Variante, ursprünglich sah der Paragraph eine zweijährige Haftstrafe vor.

In gewisser Weise ist es nachzuvollziehen wenn eine Regierung darauf beharrt, dass nur ihre offiziellen Angaben genutzt werden sollen. Hohe Opferzahlen sind, ob wahr oder nicht, Werbung für jede terroristische Organisation und erhöhen den Zulauf an Kämpfern und Unterstützern. Außerdem können solche Zahlen Panik in der Bevölkerung schüren, was auch im Sinne von Terroristen ist. Allerdings waren die Angaben der ägyptischen Regierung immer recht schwammig, wenn es überhaupt genaue Zahlen gab. Man kann durchaus von einer Deinformationskampagne sprechen und hier sollte das Informationsrecht der Bevölkerung vorgehen – was aber mit diesem Paragraphen massiv erschwert wird. Auch ist das Gesetz recht schwammig in der Definition von Terrorismus, der als „jeder Akt der die öffentliche Ordnung durch Gewalt stört“ definiert ist. Damit kann auch schon der Widerstand bei einer Verhaftung oder eine Auseinandersetzung mit den Sicherheitskräften auf einer Demonstration als ein terroristischer Akt gewertet und entsprechend bestraft werden. Die Gründung oder Führung einer terroristischen Gruppierung wird mit dem Tod oder lebenslanger Haft bestraft, die Mitgliedschaft mit bis zu 10 Jahren Haft und die Finanzierung mit bis zu 25 Jahren Haft. Allerdings ist unklar ab wann eine Gruppe eine terroristische Organisation ist und ab wann die Gründung bzw. Führung strafbar ist.

Große Sphinx von Gizeh

Große Sphinx von Gizeh – Obelix wäre als Terrorist verhaftet worden.

Die Paragraphen scheinen sich dezidiert gegen die Muslim-Brüder zu wenden, die ursprünglich ganz legal als Partei gegründet wurden, um das harte Durchgreifen im Nachhinein gegen sie zu legitimieren, besonders nach dem Todesurteil des ehemaligen Präsidenten Mohammed Morsi. Auch das Internet, damit sind wohl in erster Linie soziale Netzwerke gemeint, wurde aufgenommen. Die nicht zu unterschätzende Rolle von Facebook und Twitter im arabischen Frühling wirken noch nach. „Aufhetzen“ oder „anstacheln“, wobei dies nicht nur „online“ gilt, zur Gewalt soll mit 5 bis 7 Jahren Gefängnis bestraft werden, wobei aber nicht definiert wird was man unter aufhetzen oder anstacheln versteht. Damit kann per se jede Handlung z.B. auf einer Demonstration als terroristisch definiert und die Handlungsfreiheit der Zivilgesellschaft beschnitten werden. Besonders kritisiert wurde der Paragraph 8 des Gesetzes, der den Sicherheitskräften die Nutzung jeglicher Gewalt zur Selbstverteidigung oder zur Verteidigung des Staates zugesteht und sie der Strafverfolgung komplett entzieht. Damit wird ihnen quasi eine Lizenz zum Töten gegeben und sie werden der Kontrolle der zivilen Gerichtsbarkeit endgültig entzogen.

Zusammengefasst gibt das neue Gesetz der Regierung ganz legal die Möglichkeit ihre Kontrolle über Journalisten und über die Zivilgesellschaft auszubauen, entzieht Polizei und Militär der öffentlichen Justiz und legitimiert im Nachhinein das harte Vorgehen gegen die Muslim-Brüderschaft. Die Frage ist nun wurde das Gesetz erlassen um, vornehmlich, das Ausland zu beruhigen und aufzuzeigen das die Anti-Terrormaßnahmen nach ägyptischen Recht legal sind oder wird versucht den unterbrochenen Demokratisierungsprozess wieder in Gang zu bringen? Für letzteres spricht die Ankündigung des neuen Wahltermins für die Parlamentswahlen, die eigentlich schon im März stattfinden sollten. Die Einschätzung des Gesetzes ist abhängig davon wie transparent die Wahlen ablaufen werden und welche Hürden für die Beteiligung festgelegt werden. Das letzte Wahlgesetz wurde immerhin vom obersten Gerichtshof als nicht verfassungskonform eingeschätzt, was auch der Grund für die abgesagten Wahlen war.

Quellen
El-Gawhary, Karim: Ägypten: „Das bringt uns zurück in die Mubarak-Zeit“, Die Presse.com, 17.08.2015.
Gehlen, Martin: Jagd auf freie Medien, Zeit-Online, 20. Februar 2014.
Grimm, Jannis: Repressionen gegen Ägyptens Zivilgesellschaft, Stiftung Wissenschaft und Politik, Stiftung Wissenschaft und Politik, SWP-Aktuell 60, Juli 2015.
Hamama, Mohamed: A licence to kill? A look at the broad protections the new anti-terrorism law gives to the police, Mada Masr, August 21, 2015.

Der Autor Marcel Bethan studierte Verwaltungswissenschaften (MA) an der Universität Potsdam. Seine Fachgebiete sind Nordafrika/Naher Osten und Sicherheitspolitik.

Bildnachweis
Karte: Map of Egypt; Urheber: CIA – The World Factbook; Public Domain.
Bild: Urheber: Marcel Bethan 2015.

Macht der Bilder – Ikonen der Politik

„Die Macht der Bilder wird immer noch gefürchtet.“
Herlinde Koelbl über Ikonen in der heutigen Politik

Ein Soldat hisst im Mai 1945 die sowjetische Flagge auf dem Berliner Reichstag, ein NVA-Soldat springt am 13. August 1961 in Berlin über den Grenzstacheldraht in den Westen, ein nacktes Mädchen läuft am 8. Juni 1972 nach einem Napalmangriff nahe Saigon schreiend eine Straße entlang, ein Gefangener steht 2003 mit einer Kapuze über dem Kopf und verkabelt mit Drähten auf einer Kiste im Gefängnis von Abu Ghraib im Irak.

Folter in Abu Graib

Folter in Abu-Ghraib

Jeder kennt diese Fotos. Sie sind moderne Ikonen (russ. ikona: Kultbild der Darstellung heiliger Personen oder ihrer Geschichte), die im kollektiven Gedächtnis abgespeichert sind. Sie reduzieren die Ereignisse (Ende des Zweiten Weltkrieges, Mauerbau, Vietnamkrieg, Irakkrieg) auf ein einziges Bild. Über solche Ikonen und ihre Bildmacht sprach am 11. Mai die Fotografin Herlinde Koebl auf einer Veranstaltung der Heinrich Böll Stiftung in Berlin über Ikonen und die Bildmacht in Zeiten der Hyperöffentlichkeit. Sie wurde u. a. durch ihre Langzeitstudie „Spuren der Macht. Die Verwandlung des Menschen durch das Amt“ bekannt.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit ein Foto zur Ikone wird? Nach Koelbl müssen sie eine allgemein gültige, über den Moment hinausgehende gesellschaftliche Aussage haben, d.h. zu Symbolen für fundamentale Anliegen des Menschen werden, wie Liebe, Tod, Leid und Demut. Sie müssen eine Geschichte erzählen, starke Gefühle auslösen, sichtbar gemacht und immer wieder gezeigt werden. Angesichts der unermesslichen Produktion von Bildern in unserer heutigen Zeit stellt sich die Frage, ob in der Politik überhaupt noch Bilder erzeugt werden, die dieses Potential haben. Die Gleichzeitigkeit von Ereignis, Sendung und Sehen eines Bildes haben den Blick flüchtiger werden lassen, so Koelbl. Politische Bildikonen entstehen daher seltener. Dennoch wird die Macht der Bilder von Militär, Politik und Wirtschaft noch immer gefürchtet. Um sie zu kontrollieren, wird die Bildproduktion gezielt gesteuert.

Seit dem Vietnamkrieg weiß die Politik um die Macht der Bilder. Die Veröffentlichung von Informationen und Fotos über das Massaker von Mỹ Lai hatte maßgeblichen Einfluss auf die öffentliche Meinung in den USA und half, den Krieg zu beenden, so Koelbl. Diesen Fehler wollte man im 1. Irak- und im Afghanistankrieg nicht begehen, sodass nur wenige Journalisten zugelassen wurden. Im Ergebnis blieben vor allem technische Bilder dieser Kriege im Gedächtnis. Da den Medien (und den Militärs) diese Art der Berichterstattung nicht ausreichte, gibt es seit dem 2. Irakkriegembedded journalists“, die einer kämpfenden Militäreinheit zugewiesen werden.

Barack Obama und sein Militärstab betrachten die Exekution Osama-bin-Ladens

Barack Obama und sein Militärstab beobachten die Exekution Osama-bin-Ladens

Die Entstehung von Ikonen erfolgt nicht geplant, sondern ist häufig dem Zufall und der Intuition des Fotografen überlassen. Will die Politik auf diesen Prozess Einfluss nehmen, muss sie Anzahl und Urheber der Bilder deutlich verringern. Ein Beispiel, bei dem diese Strategie zu 100 Prozent aufgegangen sei, so Koelbl, ist das eine Foto, welches von der Tötung Osama bin Ladens – deren Verlauf und Umstände derzeit durch Enthüllungen des US-Journalisten Seymour Hersh infrage gestellt werden – im Mai 2011 im kollektiven Gedächtnis verbleiben wird: Präsident Obama, Vizepräsident Joe Biden und Hillary Clinton sitzen im Situation Room des Weißen Hauses und schauen gebannt auf einen Bildschirm, den der Betrachter nicht sehen kann. Das Foto blendet die Folgen der staatlich angeordneten Tötung völlig aus und versetzt uns in sichere Distanz zum Geschehen. Es dient somit nicht der Vermittlung von Fakten, sondern der Inszenierung, Legitimation und Sicherung der Macht. Schließlich gilt mit Antoine de Saint-Exupéry „Jedes starke Bild wird Wirklichkeit“.

Der Beitrag zur Rubrik „Politik im Bilde“ erschien zuerst in WeltTrends Nr. 104 “Goodbye Neutralität?”. Die Autorin Anne Klinnert ist Redakteurin der Zeitschrift WeltTrends, Politikwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin.

Aktuell zum Thema
Wenn sich politisch-ökonomische Situationen zuspitzen, entstehen aus ihnen neue machtvolle Bilder. Derzeit sind es die Bilder des toten Flüchtlings-Jungen am Stand von Bodrum (Türkei). Es könnte ebenfals zu einer „Ikone“ werden.

Bildnachweis
Bild 1: AbuGhraib Abuse- Standing on Box. Public Domain.
Bild 2: Obama and Biden await updates on bin Laden – Public Domain. Auf Wikipedia finden sich auch die Beschreibungen der Personen auf dem Photo.

Demokratische (IT)-Gesellschaft

Dieser Beitrag ist eine Replik auf einen Artikel von Felix Bartels: Der lange Arm von Bitterfeld.
Herr Bartels veröffentlichte diesen sowohl auf seinen Blog als auch in der Zeitung neues deutschland vom 28. März 2015.

1. Entwicklung irreversibel
Die „gute“ alte Zeit des Papiers ist Vergangenheit. Konservative Teile der Gesellschaft weinen ihr noch nach – aber die Mehrheit der Jugend hat entschieden. Sie liest und schreibt digital. Wer sie erreichen will, muss ihr in das Internet mit seinen E-Books, Blog-Post und Instant-Messages folgen. Gesellschaftliche Diskurse außerhalb des digitalen Netzes verlieren mit dem Generationswechsel an Stellenwert. Ein Publikum jenseits kleiner Zirkel der Selbstbespaßung wird ohne dieses Medium nicht mehr erreicht.

Online Ranking Medienunternehmen

2. Machtverlust der Verlagszensoren
Zum Glück schwächt sich mit dem Aufstieg der neuen Techniken die Zensur klassischer Medienunternehmen, genannt Verlage und ihrer Lektoren-Söldner, ab. Die Vorab-Aussortierung von Werken unter kommerziellen aber auch ideologischen Aspekten wird geringer. Die Publikation in einem Verlag stellt nur noch eine Option neben Selfpublishing, Social-Media-Plattformen sowie Blogs dar.

3. Wandlung der Gatekeeper
Die Torwächter verschwinden nicht. Die Gewichtungen – Rankings – der Suchmaschinen und die Filter der Sozialen Netzwerke stellen alte Selektion im neuen Gewand dar. Auch die begrenzte Zeit der Nutzer angesichts einer Informationsüberflutung führt zu einer Ausblendung einer wachsenden Anzahl von Werken. Das Geschäftsmodell der Medienkonzerne verändert sich. Nicht mehr Fremd-Auswahl steht im Zentrum sondern Erstellung durch Nutzer und Verlinkung vielfältiger Inhalte. Alles unterliegt einer Speicherung, um, wenn es für Leser und Profiteure relevant wird, verfügbar zu sein. Die Breite des Angebots und damit auch die Varianten der Partizipation erweitern sich.

4. Freiheit der Autoren
Diese Vielfalt öffnet für Rezipienten und Kreative neue Freiheiten wie auch neue Herausforderungen. Insbesondere der Prozess der Werkerstellung wird komplexer. Den E-Books oder Blogeinträgen Seele zu geben, sie zu gestalten und ihnen Einzigartigkeit zu verleihen, erfordert neue Fähigkeiten. Die Trennung zwischen Text, Grafiken/Bildern, Videos und Musik hebt sich auf. Die Ausdrucksmöglichkeiten potenzieren sich. Der Bleiwüsten-Autor erreicht immer weniger Publikum, da er in den Strukturen des Papierzeitalters denkt und schafft. Neue, zwischen den Medien wandelnde Gestalter dominieren. Einer Anforderung, der viele Autoren nicht gewachsen sind. Aber sollen wir „Künstlern“ nachtrauern, die mit dem Ruf „Früher war alles besser“, sich wandelnden Zeiten, neuartigen Kommunikationstechniken und letztlich neuem Denken verweigern?

5. Publikumsignoranz der Geldeliten
Erfolgreiche Autoren waren oft Persönlichkeiten, die sich aktiv in die Gesellschaft einbrachten, vielfältige Formen der Kunst ausprobierten und den Genüssen des Weltverkehrs frönten. Dazu gehört sich an Mäzene, Lobbygruppen und dem Publikum auszurichten. Gesellschaftliche Irrelevanz füllt den Kühlschrank nicht. Wer kann die Fahne der Unkorrumpierbarkeit schon hochhalten? Hauptsächlich die Kinder des Geld-Adels.

6. Demokratisierung der Kommunikation
Die digitale Technik erleichtert die Erstellung, Speicherung und Verbreitung jedweder Information. Insbesondere die finanziell-materiellen Hürden sinken deutlich. Dadurch gelingt eine Öffnung gesellschaftlicher Diskurse. Nicht nur Eliten sondern auch breite Schichten der Bevölkerung können teilhaben und selbst erschaffen. Das ist eine der revolutionärsten Umwälzung der neuen Medien. Die etablierten gesellschaftlichen Filter wie Geld, Status und Herkunft verlieren an Bedeutung. Die „professionellen“ Autoren der etablierten Eliten sehen sich einer „Laien“-Konkurrenz der Mittel- und Unterschichten ausgesetzt, der sie partiell unterliegen. Wirtschaftlich und politisch erfolgreich ist, was die Menschen konsumieren, nicht das, was selbsternannte Eliten für wichtig halten. In der Vor-Internet-Welt stellte sich dieses Problem nicht. Es dominierten die Werke der Mächtigen. Jetzt existieren sichtbare und wirkmächtige Alternativen. Die Möglichkeit einer breiten Partizipation entsteht. Ein neuartiger Aufbruch, ein andersartiger “Bitterfelder Weg“, der gestärkt werden sollte.

Kunstwerk des Eintrages
Francisco José de Goya y Lucientes (1746-1828)Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer
von http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

Goya - Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer

„Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ ist die bekannteste Radierung Francisco de Goyas.
[…] Im vom Krieg mit dem napoleonischen Frankreich zerrütteten Spanien der vorletzten Jahrhundertwende war die Frage von Brisanz, ob die „Abwesenheit“ der Vernunft oder der Traum vollkommener Vernunft mehr Unheil anrichtete. […] Quelle: Nehrkorn, Stefan: Goyas Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer. 78. Sitzung der HUMBOLDT-GESELLSCHAFT BERLIN am 16.03.99; Humboldt Gesellschaft.

Si tacuisses,…

In ihrer Kolumne kritisiert Sibylle Berg auf Spiegel Online das mangelnde Engagement “deutscher Intellektueller” im Angesicht der Bedrohung jüdischer Menschen in Europa und Deutschland als Nebenwirkung des aktuellen Krieges in Gaza. Nach dem Lesen der Kolumne kann man aber auf den Gedanken kommen, dass es vielleicht gar nicht so schlecht ist, wenn die “deutschen Intellektuellen” schweigen. Denn gerade bei einem so sensiblen Thema gilt eben nicht das Prinzip “Der Wille zählt für´s Werk”. Gerade Intellektuelle, zu denen ja durchaus auch Kolumnenschreiberinnen zählen, haben durch ihre publizistische Arbeit erheblichen Einfluss darauf, wie gesellschaftliche Probleme diskursiv aufgearbeitet werden – und da ist die Kolumne von Frau Berg nicht unbedingt hilfreich, wenn man davon ausgeht, dass Sprache nicht nur Denken ausdrückt, sondern zugleich Denken formt.

Problematisch ist schon die Kategorie der “deutschen Intellektuellen”. Wer ist denn damit gemeint? Intellektuelle die in Deutschland leben, publizieren und arbeiten oder nur Intellektuelle die in der fünfzehnten Generation einen deutschen Schäferhund oder Dackel ihr eigen nennen? Abgesehen mal von dieser Problematik erscheint mir der Vorwurf, das Intellektuelle in Deutschland die Frage des Antisemitismus nicht thematiseren würden, etwas fragwürdig. Nach landläufigem Verständnis sind Intellektuelle Menschen, die “wissenschaftlich, künstlerisch, religiös, literarisch oder journalistisch [sic!] tätig” sind, “dort ausgewiesene Kompetenzen erworben” haben “und in öffentlichen Auseinandersetzungen kritisch oder affirmativ Position” [Wikipedia] beziehen. Und nach meinem Dafürhalten ist zumindest von Journalistinnen und Journalisten in den vergangenen Wochen so einiges kritisch zu dem Thema gesagt worden – das zeigt auch schon eine kurze Suchmaschienenabfrage. Natürlich kann man über die Qualität einer Stellungnahmen streiten, doch wann kann man das nicht? So bleibt aber der Eindruck bestehen, dass für Frau Berg der Vorwurf des Schweigens der “deutschen Intellektuellen” vor allem eine rhetorische Volte ist, um den eigenen Diskursbeitrag aufzuwerten… andere “Intellektuelle” benutzen dazu mit Vorliebe den Popanz des “medialen Schweigekartells”.

Problematischer aber als die dubiose Kategorie der “deutschen Intellektuellen” und die Imaginierung deren Schweigens zum Problem des Antisemitismus ist die Basis von Frau Bergs Empörung über die aktuellen antisemitischen Vorkommnisse – ihre Empörung entspringt aus Betroffenheit und nicht aus einem Prinzip. Nun könnte man sagen, dass Betoffenheit nicht das schlechteste ist, doch wie Frau Berg mit ihrer Kolumne sehr gut, wenn auch wohl unintendiert, illustriert entspringt Betroffenheit in der Regel daraus, sich selbst im anderen wiederzuerkennen. Und die Kriterien dafür können dann doch schon sehr volatil sein, sodass das Menschsein auch schon Mal erst an dritter Stelle hinter “Nachbarn, Steuerzahler” rangieren kann – für manchen vielleicht sogar erst daraus erwächst. Noch schwerwiegender ist jedoch, dass die Betroffenheits-Empörung eben vor allem daraus entspringt, potentiell selbst betroffen sein zu können und damit das Risiko besteht, dass, wenn dieses Potential nicht besteht, es eben auch keine Empörung über Angriffe und Anfeindungen auf andere Menschen gibt. Aus diesem Grund sollte Betroffenheit immer nur der Einstieg in weitergehende Reflektionen sein, bei denen nach meinem Dafürhalten idealerweise am Ende die Erkenntnis stehen sollte, dass ich mich nicht unbedingt weitergehend in einem anderen Menschen wiedererkennen muss, sondern das sein Menschsein und grundlegenden Prinzipien der Menschlichkeit es sind, die mich mich empören lassen, wenn er oder sie als vermeintliche Repräsentanten einer Gruppe, zu deren Zugehörigkeit ihnen die Entscheidungshoheit  diskursiv entzogen ist und sie somit zumindest teilweise entindividualisiert werden, auf die eine oder andere Art und Weise angefeindet werden. Diese Abstraktionsarbeit zu leisten, ist für mich eine wichtige Aufgabe von Intellektuellen und damit auch von Journalistinnen und Journalisten und wäre es auch für Frau Berg in ihrer Kolumne gewesen. Leider hat sie diese nur ungenügend erledigt.

Auch deshalb noch eine kleine Empfehlung zum Schluss: Die Homepage des Forschungsprojekts “Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit” des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung der Universität Bielfeld. Hier wird deutlich, dass Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit, Homophobie etc. jeweils konkrete Ausformungen diskursiver Reaktionen von Gruppen und Individuen auf tatsächliche oder vermeintliche gesellschaftliche Missstände sind.

Der Autor Hassan Metwally bloggt auch auf „Meine LINKE“.

Die Zukunft des Journalismus

Tom Rosenstiel spricht über die Stärken und Schwächen von Journalismus im Internet. Er fordert eine Debatte über die Werte des traditionellen Journalismus und setzt sich für einen Perspektivenwechsel ein. Unbedingt sehenswert!

Tom Rosenstiel, Director of Pew Research Center’s Project for Excellence in Journalism, on the Future of News at Minnesota Public Radio. Recorded November 16, 2009. (Youtube Video)

Journalismus im Internet

„Ergänzung statt Konkurrenz“ – auf diese knappe Formel lassen sich die Ergebnisse einer Studie über „Journalismus im Internet“ bringen, die am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster durchgeführt wurde.

Wird der Journalismus im Internet überflüssig? Bisher haben die Redaktionen von Presse und Rundfunk alleine darüber entschieden, welche Nachrichten veröffentlicht werden. Durch Weblogs, Twitter und soziale Netzwerke hat nun jeder einen Zugang zur Öffentlichkeit. Wie das offene Medium Internet den Journalismus verändert, ist in dem zweijährigen Forschungsprojekt am Institut für Kommunikationswissenschaft der Universität Münster untersucht worden.

Im Rahmen der Studie wurden 183 Internetredaktionen aus Deutschland befragt. Damit haben sich 44 Prozent aller ermittelten Redaktionen an der Erhebung beteiligt. Zuvor wurden rund 1.200 Internetangebote inhaltsanalytisch ausgewertet.

Die erweiterte Partizipation ist nur ein Merkmal des Internets, das den Journalismus beeinflusst. „Technisierung“ lautet ein anderes Stichwort: Google News und andere Suchmaschinen haben die Nachrichtenauswahl automatisiert. Die Ergebnisse der Studie lassen allerdings vermuten, dass weder partizipative noch technische Angebote den beruflich ausgeübten Journalismus verdrängen.

„Ergänzung statt Konkurrenz“ – auf diese Formel lassen sich die Ergebnisse der Studie bringen. Im Kernbereich des Internetjournalismus dominieren nach wie vor die Online-Angebote der traditionellen Massenmedien. Nur wenige partizipative Angebote erfüllen journalistische Mindestanforderungen. Weblogs und Nutzerplattformen stellen insgesamt lediglich fünf Prozent der als journalistisch identifizierten Internetangebote. Auch die Zahl der Nachrichtensuchmaschinen, Portale und weiteren Nur-Internetangebote ist hier noch überschaubar.

„Weblogs und Redaktionen beobachten sich gegenseitig, sie übernehmen Themen und kommentieren einander“, beschreibt Prof. Dr. Christoph Neuberger, der Leiter des Forschungsprojekts, die Beziehung. So ließ sich nachweisen, dass rund drei Viertel der Internetredaktionen in Weblogs recherchieren, sie suchen vor allem nach Themenideen. 99 Prozent der Redaktionen nutzen die Enzyklopädie Wikipedia, und zwar in erster Linie als Nachschlagewerk (83 Prozent). Ihre Zuverlässigkeit schätzen sie als hoch ein.

Die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierte Studie ergab, dass viele Redaktionen mit den Möglichkeiten der Nutzerbeteiligung experimentieren. So gestatten zwei Fünftel der befragten Anbieter ihren Nutzern, redaktionelle Beiträge zu kommentieren. Auch „Web 2.0“-Anwendungen werden in das Angebot integriert: 55 Prozent der Angebote verfügen über Weblogs, Videoblogs oder Podcasts. Differenziert ermittelt wurde, in welchem Maße das technische Potenzial des Internets bei der Gestaltung der Internetangebote ausgeschöpft wird. Erforscht wurde auch, welche Konsequenzen die Nutzerbeteiligung hat.

Die Projektergebnisse zeigen, dass im Internet Marktgrenzen weiter gezogen werden als in den traditionellen Medien. Für Tageszeitungen, Publikumszeitschriften und Rundfunkanbieter stammen die wichtigsten Konkurrenten überwiegend nicht mehr aus dem Ursprungsmarkt. Auch im Internet setzen Qualitätsmedien die Maßstäbe: „Spiegel Online“ wird von 61 Prozent der Befragten als Vorbild für die eigene Arbeit angegeben.

Zwar droht der professionelle Journalismus durch die neuen Anbieter im Internet nicht ersetzt zu werden, dennoch hat er ein gravierendes Problem: Werbekunden und Leser wandern ins Internet ab. Journalistische Websites erzielen hohe Reichweiten, aber das Publikum zeigt bisher keine Zahlungsbereitschaft. Vor allem die Tageszeitungen spüren den Wettbewerbsdruck, der vom Internet ausgeht. Der Journalismus, diesen Schluss lassen die Ergebnisse zu, gerät dadurch in ein Dilemma: Einerseits muss er sich im Internet engagieren, andererseits fehlt ihm dort ein Geschäftsmodell.

Das Forschungsprojekt „Journalismus im Internet“ (Laufzeit: 2006-2008) wurde von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) finanziert. Die Leitung hatte Christoph Neuberger, Professor für Kommunikationswissenschaft an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. Als wissenschaftliche Mitarbeiter waren Christian Nuernbergk und Melanie Rischke an der Studie beteiligt. Das zum Projektabschluss erscheinende Buch „Journalismus im Internet“ (VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden) umfasst neben den Ergebnissen des DFG-Projekts auch Gastbeiträge zum Thema, darunter eine auf Internetjournalisten bezogene Sonderauswertung der repräsentativen Befragung „Journalismus in Deutschland II“.

Quelle: idw

Ist Qualitätsjournalismus im Internet nicht finanzierbar?

Dr. Robert Mayer-Lucht (u.a. Carta.info) interviewte den Journalisten Markus Peichl am Rande der LeadAwards-Jurysitzung Ende Januar. In dem Interview äussert sich Peichl (zu Recht) eher skeptisch zu der Frage der möglichen Refinanzierung von Qualitätsjournalismus im Internet. Auch er sieht bisher kaum Modelle der reinen Finanzierung nur durch Content.

Markus Peichl: „Ich bin skeptisch, was Modelle für den Qualitätsjournalismus im Netz angeht.“ from Carta on Vimeo.

Peichl ist seit 2003 Redaktionsleiter und Producer der ARD-Talksendung Beckmann. Außerdem leitet er seit 2002 die LeadAcademy für Mediendesign, die sich für die Förderung von Qualität im Print- und Online-Markt einsetzt, und den LeadAward vergibt.