Archiv der Kategorie: Ökonomie

Peter Sloterdijk – Im Weltinnenraum des Kapitals

„Die terrestrische Globalisierung stellt nicht eine Geschichte unter vielen dar. Sie ist … das einzige Zeitstück …, das es verdient, … ‚Geschichte’ oder ‚Weltgeschichte’ zu heißen.“ (S. 28)

Die Auseinandersetzungen über die Einwanderungspolitik finden auch in der Philosophie ihren Niederschlag. Im bürgerlichen Lager erregte insbesondere der Schlagabtausch zwischen Prof. Peter Sloterdijk und Prof. Herfried Münkler für Aufsehen. Sloterdijk eröffnete den Dialog in Rahmen eines Artikels im Cicero. Münkler antwortete in DIE ZEIT, erhielt eine Reaktion und erwiederte diese. Hier sei als Kontrast der Artikel von Precht und Welzer empfohlen. Im Vergleich zu den „Alten“ zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Generationen.

Trotz dem Rauschen im Blätterwald überrascht Sloterdijks Haltung zu Migration und Grenzen nicht. Kernthesen finden sich bereits in seinem Hauptwerk zur Globalisierung – „Im Weltinnenraum des Kapitals“. Darum hier aus gegebenen Anlass die Besprechung des Buches.

Terrestrische Globalisierung

Sloterdijk unterteilt die Globalisierung in drei Phasen. In der ersten, der morphologischen Globalisierung, schufen Kartographie, Astronomie und Mathematik die Vorstellung eines einheitlichen Weltkörpers – die Kugelgestalt des Globus. Die realen Aktionen bleiben örtlich begrenzt. Erst die zweite Phase – die terrestrische Globalisierung, das Zeitalter der europäischen Kolonialreiche, bringt die globale Raumnahme. Aus der philosophischen Begehung unbekannter Orte wird reale Erkundung, Unterwerfung und Einbeziehung aller Gebiete in ein Weltsystem. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges befinden wir uns in Phase drei – der elektronischen Globalisierung. Ihr „Merkmal ist der zunehmende Vorrang der Hemmungen vor den Initiativen“ (S. 23). Die Netzwerke aus Satelliten, Flugkreuzen und Kommunikationsstationen ermöglichen eine Welt der permanenten Rückkopplung. Jeder Aktion folgt, nach einer – immer kürzeren – Verarbeitungszeit, eine starke Gegenreaktion. Einseitige Dominanz der Entwicklung oder gar die Abkopplung von Prozessen ist unmöglich.

Weltkarte aus Genua (1457)

Weltkarte aus Genua (1457)

Die Entstehung des Weltsystems

Sloterdijk gliedert das Buch in zwei Teile. Im ersten beschreibt er die Entstehung des Weltsystems. Neben der Erklärung der philosophisch-kulturellen Grundlagen dieser Entwicklung werden die Handlungsmuster und Beweggründe der „Expansionsagenten“ verdeutlicht. Diese Abenteurer, Kriminellen, Gescheiterten, Kaufleute und Gelehrte, denen die Heimat zu eng geworden, suchen ihr Heil in der Ferne. Die endlosen Kriege Europas, die sozialen und geistigen Schranken des Mittelalters sowie die ökonomischen Zwänge der Mangelgesellschaften schufen ein Heer von Entwurzelten, die jede Chance ergreifen, einem neuen Paradies entgegen zu segeln.

Sie waren risikobereiter und, nach Jahrhunderten der religiös verbrämten Konflikte, geübter in Selbstsuggestion als vorangegangene Generationen. Sie waren bereit, große ökonomische Risiken einzugehen, hohe Schulden bzw. Investitionen in „Projekte des Wahns“ zu tätigen. Die Entwicklung der modernen Bank- und Versicherungssysteme sowie die globale Expansion bedingen einander. „Die Haupttatsache der Neuzeit ist nicht, dass die Erde um die Sonne, sondern Geld um die Erde läuft.“ (S. 79) Die Geschichte der europäischen Expansion ist eigentlich die Geschichte der Ausdehnung des kapitalistischen Handels- und Wirtschaftssystems – hinaus in den „Weltinnenraum des Kapitals“.

Ausdehnung europäischer Wirtschafts- und Herrschaftssystem

Die Gelegenheit erkennend, springen Geistliche auf die auslaufenden Schiffe. Sie geben den Geldsuchenden eine höhere Weihe, rechtfertigen Zweck und Mittel. Wichtiger noch, sie binden die Expansionisten an ihre Heimat. Ohne diese Kontrolle hätten diese ihr Ziel vergessen, ihre Identität verloren – wären assimiliert worden. Die Bordgeistlichen sind elementare Voraussetzung für die „fünf Baldachine der Globalisierung“ (S. 193ff.): Christliche Religion, Entdecker-Sprache, Täterglorifizierung, wissenschaftliche Erfassung des Außenraums sowie Bindung an heimatliche Herrschaftssysteme werden zum integralen Bestandteil der europäischen Niederlassungen. Das ermöglicht eine Veränderung der Fremde und deren Einbeziehung in das europäische Wirtschafts- und Herrschaftssystem.

Rückkehrer aber haben ein neues Weltbild und verändern die Heimat. Ihre Gedanken und Erfahrungen sprengen die alte Ordnung. Trotzdem konnte Europa die Illusion der Initiative ohne Rückkopplung erhalten. Erst mit dem Ende des Dritten Reiches und seinem Weltaufteilungsplan stirbt die letzte der großen Erzählungen Europas. Das Danach in den Kolonialreichen ist Leugnung des Faktischen.

Entgrenzter Raum und Permanente Rückkopplung

Im zweiten Teil analysiert Sloterdijk das gegenwärtige System, seine Entwicklungsmuster und Prozesse. Teilaspekte der Zukunft werden benannt. Leider sind gerade diese zu kurz und wenig konkret. Die Globalisierung ist räumliche Verdichtung. Entscheidende Orte, wie Wohn- und Produktionsstätten, werden auf immer kleinerem Raum zusammengefasst. Gleichzeitig benötigt eine Reise zwischen ihnen immer weniger Zeit. Wo aber jeder Punkt in kurzer Zeit zu erreichen ist und genauso schnell wieder verlassen werden kann, gibt es keine Besonderheit der Fläche mehr. Der Raum wird bedeutungslos – alle Standorte austauschbar. Politische Konstrukte wie die Nationalstaaten verlieren damit ihre Integrationskraft. Was an ihre Stelle treten könnte, verschweigt uns Sloterdijk.

Durch die „Entgrenzung des Raumes“ entsteht eine Welt ständiger Rückkopplung. Fast jede Aktion wird durch Reaktion gestoppt. Die Ideologie der ständigen Veränderung ist letztlich ein Trugbild. Rückkopplungen sind Filter, um das Aktionspotential moderner Gesellschaften zu bändigen. So kann nur umgesetzt werden, was beherrschbar bleibt. Dieser Mechanismus ist elementar für moderne Gesellschaften, beruhen sie doch auf einer zunehmenden Kalkulation aller Risiken – volkswirtschaftlicher wie auch individueller.

Peter Sloterdijk Autor Weltinnenraum des Kapitals

Peter Sloterdijk – bei einer Buchlesung (2009)

Da die Risiken durch gesellschaftliche und technische Arrangements minimiert werden, leben auch Neoliberalisten und Terroristen nur von der Illusion einer Aktion ohne Gegenwehr. Beide vertreten rückwärtsgewandten Ideologien: Die Einen in Erinnerung an Konquistadoren, die fremdes Land für Ruhm, Kirche und Gold erobern. Die Anderen, in Anlehnung an die mit monotheistischem Eifer erfassten Nomadenstämme des 7. Jahrhunderts. Sie haben Wert als Unterhaltungselemente für die saturierte Masse im „Kristallpalast“, in dem die ständig konsumierenden, Vollkasko-versicherten und letztlich gelangweilten Menschen der Ersten Welt leben. Eine wirkliche Bedrohung oder gar Erneuerung geht von beiden nicht aus. (S. 287ff.)

Düstere Zukunft – Kristallpalast und Ausgeschlossene

Zum Ende des Buches widmet sich Sloterdijk nochmals den Beziehungen zwischen den Bewohnern des Kristallpalastes und den Ausgeschlossenen. Die us-amerikanische Gesellschaft glaubt weiterhin an die Dominanz der Initiative und verhält sich ewig gestrig. Rückkopplungen werden ihre Aktionen eindämmen. Es muss „sich nun erweisen, ob die Europäer imstande sind, sich vom Status des stillen Teilhabers US-amerikanischer Gewaltpolitik zu emanzipieren, ohne selbst den Weg zur Remilitarisierung der Beziehungen zu den Energie- und Rohstofflieferanten zu beschreiten“ (S. 390).

Auffallend sind Sloterdijks düstere Zukunftsorakel: Die Masse der Menschheit, die Bewohner der Dritten Welt, werden von den technologisch Errungenschaften der Ersten ausgeschlossen bleiben. An die Stelle der zerfallenden nationalen Demokratien treten autoritär-populistische Systeme. Nur an wenigen Stellen flammt so etwas wie eine Vision auf – die Errichtung des solaren Zeitalters, verbunden mit „Erwartungen an weltweite Friedensprozesse, an planetarischen Vermögensausgleich und Überwindung der globalen Apartheid …“ (S. 364).

Bewertung: Hervorragend denkintensiv

Sloterdijk hat eine komplexe, tiefsinnige philosophische Theorie der Globalisierung geschrieben, keine einseitig ökonomische oder geschichtliche Darstellung. Er erläutert die Veränderungen des Weltbildes der Menschheit. Entsprechend finden die relevanten Positionen bedeutender westlicher Philosophen widersprüchliche Würdigung. Es gelingt ihm, ein visionäres Gerüst für die übergreifenden Prozesse der letzten 3.000 Jahre zu schaffen. Von hohem Wert sind die vielen gedanklichen Ausflüge, Assoziationen und Pointierungen. Es gelingt dem Autor, Brücken und Verflechtungen quer durch die Jahrhunderte zu aktuellen Ereignissen aufzuzeigen. Gewollt provokante Thesen regen zum Nachdenken, Protestieren bzw. Diskutieren an.

Allerdings hat der intellektuelle Anspruch seinen Preis. Die anspruchsvolle Sprache, die bewusst auf Einfachheit verzichtet, stellt hohe Anforderungen an den Leser. Dieser Eindruck wird verstärkt durch inhaltliche Komprimierung sowie thematische Sprünge. Für die Lektüre sollte man sich Zeit nehmen, sind Fremdwörterbuch und Philosophielexikon angebracht; der Gewinn ist umso größer. Insgesamt ein hervorragendes Buch mit vielen Anregungen und zitierfähigen Aussagen zur aktuellen Politik.

Bibliographische Angaben
Sloterdijk, Peter: Im Weltinnenraum des Kapitals – Für eine philosophische Theorie der Globalisierung; Suhrkamp 2005.

Weitere Informationen
Vorträge von Peter Sloterdijk auf Seiten der Teleakademie.

Bildangaben
1. Karte aus Genua (1457): public domain.
2. Peter Sloterdijk: Bei einer Lesung aus seinem Buch Du mußt dein Leben ändern im ZKM Karlsruhe (2009). Autor: Rainer Lück; Creative Commons-Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0)

Der Beitrag erschien zuerst in WeltTrends Nr. 52 – „Deutsche Ostpolitik“ 2006, S. 151-154.

Kunstwerk des Eintrages

Diego Rodríguez de Silva y Velázquez (1599-1660) Christoph Kolumbus präsentiert den Katholischen Majestäten die Neue Welt
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Diego Velazquez - Christoph Kolumbus präsentiert den Katholischen Majestäten die Neue Welt

Militarisierung Naher Osten

von Kai Kleinwächter

Der arabische Raum ist im Umbruch. Bürgerkrieg, Interventionen und wirtschaftlicher Niedergang kennzeichnen die Region. Diese Entwicklung ist auch Folge der seit den 1980er Jahren zunehmenden Militarisierung dieses Raumes. Auf die Region „Naher Osten“ entfallen über 8 Prozent der weltweiten Militärausgaben gegenüber 4,7 Prozent der Weltbevölkerung. Während die EU und Lateinamerika ihre Rüstungsausgaben senkten, steigen sie im Nahen Osten seit Mitte der 1990er Jahre deutlich an.

Militarisierung Naher Osten
Die Region am östlichen Mittelmeerraum ist hochgradig militarisiert. Israel „führt“ seit zwei Jahrzehnten den „Global Militarization Index“ fast ununterbrochen an. Dahinter finden sich Staaten wie Syrien oder Jordanien. Gleichzeitig nehmen die reichen Ölstaaten und Israel Spitzenplätze bei den Militärausgaben ein. Werden Nachbarn wie Armenien oder Griechenland mit einbezogen liegen sieben der zehn am stärksten militarisierten Staaten der Welt im Nahen Osten.

Militarisierung Naher Osten - Militärausgaben zum BIP, pro Einwohner Globaler Militarisierungsindex GMI
Im Vergleich mit Deutschland wird die umfassende Militarisierung überdeutlich. Die Staaten des Nahen Ostens haben einen überproportional hohen Anteil Militärausgaben am Staatshaushalt. Mehr als 13 Prozent werden für militärische Zwecke verschwendet (Deutschland knapp drei Prozent). Pro Einwohner geben sie das Doppelte für militärische Zwecke aus.

Militärausgaben in Prozent Staatshaushalt Ausgaben pro Einwohner Naher Osten Deutschland
Auf Grund der zugespitzten Konflikt- und Kriegslage, einer unterentwickelten Rüstungsindustrie aber hoher Erdöl-/Erdgas-Einnahmen importiert der Nahe Osten weltweit die meisten Rüstungsgüter. Der Rückgang des Importanteils am Waffenhandel von über 30 auf heute knapp 20 Prozent täuscht. Waffenlieferungen an und durch irreguläre Strukturen wie ISIS oder die syrischen Aufständischen gehen genauso wenig in die Statistik ein, wie die militärische Unterstützung Israels durch die USA.

Waffenimporte Naher Osten

Der Verfall des Ölpreises seit Herbst 2014 hat auch massive Auswirkungen auf die ökonomische Entwicklung der nur scheinbar stabilen Ölmonarchien der arabischen Halbinsel. Insbesondere für Saudi-Arabien ist es fraglich, ob der Staat bei anhaltender Niedrigpreise, seine Rüstungsausgaben beibehalten kann.

Quellen

Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI)
SIPRI – International Arms Transfer Database
SIPRI – Military Expenditure Database
Bonn International Center for ConverionGlobal Militarization Index

Die Metaanalyse erschien auch in WeltTrends Nr. 101 „Der Kurdische Knoten“.

Kunstwerk des Eintrages

Eugène Ferdinand Victor Delacroix (1798-1863)Sitzender Araber in Tanger
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Delacroix Sitzender Araber in Tanger

Delacroix’s most influential work came in 1830 with the painting Liberty Leading the People , which for choice of subject and technique highlights the differences between the romantic approach and the neoclassical style. […]

In 1832, Delacroix traveled to Spain and North Africa, as part of a diplomatic mission to Morocco shortly after the French conquered Algeria. He went not primarily to study art, but to escape from the civilization of Paris, in hopes of seeing a more primitive culture. He eventually produced over 100 paintings and drawings of scenes from or based on the life of the people of North Africa, and added a new and personal chapter to the interest in Orientalism. Delacroix was entranced by the people and the costumes, and the trip would inform the subject matter of a great many of his future paintings. He believed that the North Africans, in their attire and their attitudes, provided a visual equivalent to the people of Classical Rome and Greece.
Quelle: www.eugenedelacroix.org Text Creative Commons License BY-NC-ND 3.0.

Welthunger-Index 2013

Das WHI-Konzept

Der Welthungerindex 2013 (WHI) stellt die globale Verbreitung des Hunger dar. Ziel ist es die Öffentlichkeit aufzuklären und so die Hunger-Bekämpfung zu stärken.
Der WHI besteht aus drei gleichwertige Indikatoren:
1. Unterernährung der gesamten Bevölkerung (Menge und Qualität der Ernährung)
2. Kindliche Unterernährung (unter fünf Jahren, Wachstumsstörungen bzw. Untergewicht)
3. Kindersterblichkeit (unter fünf Jahren)

Durch diese drei Dimensionen kann die gesamte Versorgung berücksichtigt werden. Ebenfalls verfälschen Messfehler weniger die Ergebnisse. Im Rahmen des Indes wurden 120 Länder betrachtet in den Hunger eine Rolle spielt und für die ausreichend Daten ermittelt werden konnten. Die WHI-Werte können anhand einer 100-Punkte-Skala verglichen werden, wobei 0 Punkte der beste (kein Hunger) und 100 Punkte der schlechteste Wert („alle“ leiden unter Hunger bzw. sind unterernährt) ist.

Hunger auf der Welt nach Ländern, WHI 2013

Globale, regionale und nationale Trends

Zwischen 2010 und 2012 waren weltweit 870 Millionen Menschen unterernährt. Dennoch liegt ein positiver Trend vor. Seit 1990 sank der WHI global betrachtet von 20,8 auf 13,8 Punkte. Aber auf regionaler Ebene sind jedoch drastische Unterschiede erkennbar. Insgesamt konnten 90 Länder ihre WHI-Werte seit 1990 senken. Die drei „erfolgreichsten“ Länder sind Kuwait, Vietnam und Thailand. Die drei „schlechtesten“ Länder liegen in Afrika südlich der Sahara. In 19 Ländern liegen die WHI-Werte immer noch bei „gravierend“ oder „sehr ernst“.

Insbesondere in zwei Regionen ist Hunger aber weiterhin endemisch.
In Südasien (v.a. Indien, Pakistan) erreichte 2013 den weltweit höchsten WHI-Wert. Soziale Ungleichheiten, schlechter Ernährungszustand, geringes Bildungsniveau und der niedrige gesellschaftliche Status der Frau sorgen dort sowohl für Mangelernährung der Kinder als auch für eine Erschwerung der Verbesserung der Werte.
Afrika südlich der Sahara konnte sich durch die Beendung der Bürgerkriege stabilisieren, Wirtschaftswachstum erzielen und Fortschritte bei der Bekämpfung von Krankheiten (v.a. AIDS) erreichen. Die Kindersterblichkeit sank und eine verbesserte gesundheitliche Versorgung liegt vor. Dennoch hat Afrika südlich der Sahara mit 19,2 Punkten den zweithöchsten WHI-Wert 2013.

Hunger nach Regionen in der Welt 1990-2013

Resilienz und Unterversorgung

Ursachen für die schlechten Werte sind oft eine Vielzahl sich verstärkende Ursachen: soziale Ungleichheiten, politische Konflikte, Naturkatastrophen … Vielmals lassen kurzfristige Krisen viele Menschen in dauerhafte Armut stürzen, weil sie keine Widerstandsfähigkeit (Resilienz) besitzen und damit ihre Vulnerabilität gegenüber diesen zu groß ist.
An dieser Stelle greift das Konzept der Resilienz. In desen Rahmen wird eine dauerhafte Existenzsicherung unterstützt und Unterversorgung bekämpft. Unterversorgung kann eine tägliche Kalorienaufnahme von weniger als 1800 Kalorien bedeuten. Darüberhinaus geht es aber auch um eine ausreichende Protein-, Vitamin- und Mineralstoffversorgung. Resilienz wird nicht nur als Rückkehr zum Ausgangszustand beschrieben. Im weiteren Verständnis ist es eine Erhöhung der Reaktionsfähigkeit auf (dauerhafte) Krisenerscheinungen, wie zum Beispiel dem Klimawandel. Diese Definition beruht auf drei Kapazitäten je nach Ausmaß der Krise:
1. Absorptionskapazität (Aufbau von „Puffern“ um die Schocks zu überwinden)
2. Anpassungskapazität (selektive Anpassung an die neue Umwelt)
3. Transformationskapazität (grundlegende Veränderung der Gesellschaft)

Stärken und Herausforderungen des Resilienz- Konzeptes

Zunächst bedarf es einer Einigung über die Definition von Resilienz. Erst dann können die Akteure der Entwicklungsarbeit gemeinsam mit der Regierung Widerstandsfähigkeit als dauerhaftes politisches Ziel integrieren und die Regierung in die Entwicklung mit einbeziehen.
Weiterhin müssen Nothilfe und Entwicklungsarbeiten eng mit einander verbunden werden. Jedoch darf hier das eigentliche Ziel von Nothilfe nicht verdeckt werden. Das heißt, Nothilfe muss primär kurzfristige Unterstützung bei Krisensituationen leisten. Diese Unterstützung sollte aber dem Aufbau von dauerhafter Widerstandsfähigkeit der Menschen gegen Krisen dienen. Diese kann allerdings nur unter Berücksichtigung des Kontextes der Menschen aufgebaut werden.
Eine zentrale Rolle spielt dabei die Agrapolitik, da die meiste Armut in ländlichen Gebieten herrscht. In Hati zum Beispiel konnten landwirtschaftliche Maßnahmen wie die Errichtung von Bewässerungssystemen eine dauerhafte Verbesserung der Ernährungssicherheit bewirken.
Resilienz konzentriert sich dabei auf die soziale und lokale Dynamik und umfasst verschiedene Ebenen. Durch diese Komplexität ist die Etablierung sehr aufwendig. Bangladesch und Malawi sind jedoch Beispiele dafür, dass durch dieses dynamische multidimensionale Resilienz-Konzept angepasste, wirksame Lösungen gefunden werden.

Resilienz wird als Maßstab der Widerstandsfähigkeit der Menschen gegenüber Krisen betrachtet. Menschen sollten den Krisen standhalten, sie bewältigen und darüberhinaus weiterhin Fortschritte machen können. Dies kann unter Umständen auch eine radikale Veränderung der Gesellschaft bedeuten. Nur so kann der positive Trend des WHIs weiter verstärkt werden.

Quellen Welthungerreport

Greber, Headey et al.: Welthunger-Index 2013 Herausforderung Hunger – Widerstandsfähigkeit stärken, Ernährung sichern; Bonn/Washington, DC/Dublin.
Interaktive Landkarte für den Welthungerindex 2013.

Bildnachweis:
Bild 1 und 2: Greber, Headey et al: Welthunger-Indes 2013 Herausforderung Hunger. Bonn: Welthungerhilfe 2014.

Logo der bbw Hochschule
Frau Luisa Brinker studiert an der bbw Hochschule. Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kurses Grundlagen der Volkswirtschaftslehre.

Vollkommener Markt – praxisfern

von Kai Kleinwächter

Die Annahmen neo-liberaler / monetaristischer Wirtschaftswissenschaften beruhen auf der Idee des sogenannten „vollkommenen Marktes“. Darunter verstehen ihre Anhänger einen idealen Markt auf dem sich alle Marktteilnehmer ausschließlich am (Gleichgewichts-)Preis orientieren. In Folge dessen bildet sich ein stabiles Marktgleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, das bis auf Ausnahmen (z.B. natürliche Monopole) dem volkswirtschaftlichen Optimum entspricht. Die „perfekten“ Märkte schaffen also angeblich das höchste Maß volkswirtschaftlicher Wohlfahrt. Hinterfragen wir dieses Konstrukt.

1. Aspekte des Vollkommenen Marktes
2. Bewertung des Vollkommenen Marktes (nächster Blogeintrag)
3. Börse als Illusion eines Vollkommenen Marktes (nächster Blogeintrag)

Teil 1: Aspekte des Vollkommenen Marktes

Dieses Denkgebäude geht zurück auf die neoklassischen Theorien des 19. Jahrhunderts. Insbesondere das Bild des nach Léon Walras benannten (neutralen) walras´schen Auktionators, setzte sich durch. Walras und andere Theoretiker der Grenznutzenschule begründeten damit zentrale Instrumente und Ansichten der heutigen ökonometrischen Volkswirtschaftslehre. Im Rahmen dieser Traditionslinie begründen sich volkswirtschaftliche Prozesse vor allem mikro-ökonomisch. Das heißt, die Gesamtentwicklung der Volkswirtschaft wird mathematisch aus dem (mikro)-Verhalten der einzelnen Wirtschaftssubjekte hergeleitet. Da alle Akteure den gleichen „rationalen“ Annahmen folgen, genügt es dabei, das Verhalten nur einiger weniger zu berechnen.

Denkschulen der Volkswirtschaftslehre seit dem 19. Jahrhundert
Ein vollkommener Markt muss dabei mehrere Kriterien idealtypisch erfüllen. Je stärker der betrachtete Markt davon abweicht, umso mehr ist er laut Theorie als „unvollkommen“ anzusehen. Der Markt ist dann durch Instabilitäten (Schocks, Spekulationsblasen…) bzw. Ungleichgewichte (Insolvenzen, Arbeitslosigkeit, Überproduktion…) gekennzeichnet. Das Ergebnis gilt dann als volkswirtschaftlich nicht-optimal.

Modell Merkmale vollkommenen Markt
Je nach Theorie und Wissenschaftler variieren die Merkmale eines vollkommenen Marktes. Am gebräuchlichsten sind:

1. Vollständige Transparenz

Alle Marktteilnehmer besitzen absolute vollständige Informationen über das gesamte Marktgeschehen – auch über die anderen Akteure im Markt. Dieses Wissen erstreckt sich nicht nur auf die Gegenwart. Auch die Entwicklung der Zukunft muss bekannt sein. Ansonsten würden sich bei den einzelnen Marktteilnehmern unterschiedliche Zukunftserwartungen herausbilden. Das daraus resultierende verschiedenartige Verhalten beendet die Gleichartigkeit der Marktteilnehmer. Ein stabiler Gleichgewichtspreis könnte sich nicht mehr bilden.

2. Keine (zeitlichen, örtlichen, personellen…) Präferenzen

Die Marktteilnehmer behandeln sich gegenseitig als auch die gehandelten Güter gleich. Es existieren also keine Argumente bei dem einem oder dem anderen zu (ver-)kaufen. Der einzige eventuelle „Vorteil“ den ein Marktteilnehmer hat ist der (Ver-)Kaufspreis. Dieser bestimmt alleine die Entscheidungen. Grundlage dafür ist auch, dass alle Marktteilnehmer gleich „ticken“. Sie unterschieden sich nicht anhand ihrer Vorlieben, Erwartungen, Fähigkeiten … und orientieren sich alleine am Preis. Ein Markt voller gleichartiger auf Gewinn- bzw. Nutzenmaximierung ausgerichteter Menschen als homo oeconomicus.

3. Homogenität (und beliebige Teilbarkeit) der Güter

Um die ersten beiden Merkmale zu erfüllen, müssen alle gehandelten Güter völlig identisch sind. Entsprechend liegt der Informationsbedarf niedrig. Die geforderte beliebige Teilbarkeit bedeutet einen konstanten Stückpreis. Es gibt keine Mengenrabatte etc. Akteure die genug Ressourcen besitzen um größere Mengen auf einen Schlag umzusetzen, erhalten keinen strukturellen Vorteil. Diese Möglichkeit entspräche einer Präferenz auf Grund der Größe. Auch dürfen Güter nicht so groß bzw. teuer sein, dass eine größte Anzahl von Marktteilnehmern nicht mehr mit ihnen handeln könnte.

4. Unverzügliche Reaktion aller Wirtschaftssubjekte

Die Marktteilnehmer reagieren sofort auf jede Veränderung – vor allem auf Preisschwankungen. Durch die Annahme der vollständigen Transparenz ist jeder Akteur über die Veränderung (im Voraus) informiert. Ebenfalls hat niemand gebundene Ressourcen bzw. versunkende Kosten die verhindern, dass Pläne umgestellt werden können. Vertragliche, emotionale … Bindungen an vergangene Entscheidungen existieren ebenfalls nicht. Es zählt nur der gegenwärtige Preis. Dieser wird damit zu einem „Datum“. Zu einer bestimmten Zeit gilt ein bestimmter Preis.

Ein „Punktmarkt“ impliziert, dass alle Entscheidungen an einem „Ort“ getroffen werden. Nur so lässt sich verhindern das einzelne Akteure Vorteile (Präferenzen) erlangen. In der Vorstellung des vollkommenden Marktes finden alle relevanten Transaktionen gleichzeitig statt. Gesteuert durch eine neutrale Institution. Die Theorie bemüht hier die Vorstellung einer Auktion bzw. das Bild des neutralen Auktionators. Man kommt zusammen, allen sind die verkauften Gegenstände bekannt, es wird geboten, einer erhält den Zuschlag, der Markt ist beendet. Woher dieser Auktionator kommt, seine Ressourcen nimmt oder warum er keine eigenen Interessen hat – beantwortet die Theorie nicht. Es wird axiomatisch postuliert

5. Polypol – keine Marktmacht – keine Ausbeutung

Kein Marktteilnehmer darf in der Lage sein den Preis zu seinen Gunsten zu beeinflussen – zum Beispiel auf Grund seiner Größe. Alle Beteiligten sind entsprechend nur Preisnehmer. Erst die Gesamtheit der Entscheidungen beeinflusst den Preis. Der einzelne Akteur passt sich dem „Datums-Preis“ an, in dem er die produzierten bzw. nachgefragten Mengen ändert (Mengenanpasser).

Damit besitzt auf einem vollkommenen Markt kein Akteur dominante Marktmacht bzw. die Fähigkeit andere Teilnehmer auszubeuten. Unter Ausbeutung versteht die Volkswirtschaftslehre die Durchsetzung von „Renteneinkommen“ – also Einkommen ohne entsprechende Leistung. Am Markt bedeutet die Durchsetzung von Renteneinkommen ein überhöhtes Preisniveau, das oberhalb der realen Produktionskosten liegt. Das Markteinkommen wird zugunsten der Rentenbezieher umverteilt. Im Rahmen des vollkommenen Marktes gibt es solches Einkommen nicht. Die langfristigen Gewinne entsprechen einem kalkulatorischen Unternehmerlohn. Diese Form des Marktes wird als Polypol bezeichnet. Viele kleine Anbieter stehen vielen kleinen Nachfragern gegenüber.

Darstellung Marktformen - Polypol Oligopol Monopol

6. Keine Eingriffe des Staates

Da der Markt sich selbstständig reguliert ist im Rahmen dieser Theorie ein Eingriff des Staates nicht nur nicht notwendig sondern abzulehnen. Die Selbststeuerung erzeugt das beste Ergebnis von selbst. Durch einen Eingriff kann es nur genauso werden – niemals besser.

(Fortsetzung der Begriffserläuterung folgt in Teil 2.)

Kunstwerk des Eintrages

Jan Victors (1619 1679) – Quacksalber auf dem Markt
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Bild Jan Victors Quacksalber auf dem Markt

This painting was painted about 1650 but the style and manner of presentation are those of an earlier period. This was the beginning of the great period of middle-class genre painting when artists were developing a style quite different from Victor’s over-familiar anecdotical approach.

The market-place is in fact limited to the quack’s table with an awning over it, and the group of simple people crowding round the stall. The church and houses round the market-square are outlined behind the group of onlookers and the village street with figures can be seen in the distance. The peasant sitting barefooted, one of his shoes discarded beside him, the charlatan in his finery, and the colourful company of villagers around them are characters in an anecdotical story which is indeed worthy of the painter’s brush. Victors was a pupil of Rembrandt, and his figures are clearly derivative but they are smooth and superficial compared with the character studies of the great master.
Emil Krén and Daniel Marx – Web Galary of Arts

Sport und Kapital

Bayern München ist wieder Meister – diesmal im Basketball. Und wie fast immer, wenn der FC Bayern München in einem nationalen Turnier triumphiert, wird er im Vorfeld und auch hinterher mit Anfeindungen aus allen Teilen der Republik überschüttet. Besonders dabei ist, dass ein Großteil der Kritik am FCB ein Musterbeispiel für regressive bzw. verkürzte Kapitalismuskritik ist.

Besonders die Fußballer sehen sich immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, die Dominanz in der Bundesliga sei lediglich zusammengekauft. Weiter aufgeladen wird dies mit der Behauptung, dass die Einkäufe von Spielern wie Lewandowskie oder Götze weniger auf die Spieler selbst, als auf die Schwächung ihres bisherigen Vereins zielt. Und ehrlicherweise wird auch der fanatischste Bayern-Ultra wohl kaum bestreiten wollen, dass es dem FC Bayern München wie kaum einem anderen deutschen (Fußball-)Verein gelungen ist, finanziellen Erfolg in sportlichen Erfolg umzumünzen.

Was die meisten Gegner aber oft nur zu gerne vergessen, dass die finanzielle gute Situation des FCB zu einem großen Teil selbst auf sportlichem Erfolg beruht. Und hier genau zeigt sich auch die Verkürzung der Kritik am bayrischen Erfolg. Es ist eben keine moralische Korrumpierung des Fußball, wenn er professionell betrieben wird, dass Erfolg Geld bringt und Geld wiederum Erfolge. Es mag sportlich weniger spannend sein als eine Liga, in denen das Leistungsgefälle weniger stark ist, doch moralisch verwerflich ist es nicht – und intellektuell ist es auch nicht besonders ehrlich den FC Bayern München dafür anzufeinden, dass er das Spiel Profifußball bzw. Profisport, wo eben nicht nur „entscheidend is auf´m Platz“ gilt, besser spielt als die anderen deutschen Vereine, wenn man nicht zugleich das System des Profifußballs bzw. des Profisports in Frage stellt. Das gleiche gilt gesamtgesellschaftlich für die Kritik an einzelnen ökonomischen Akteuren, wenn man nicht zugleich bereit ist, dass grundsätzliche System in Frage zu stellen. Aber im Fußball wie im Leben gilt nach wie vor viel zu oft: Ein klares Feindbild gibt dem (Spiel-)Tag Struktur.

Der Autor Hassan Metwally bloggt auch auf „Meine LINKE“.

Human Development Report – 20 Jahre

Zum Bericht über die menschliche Entwicklung

Autor: Martin Müller

Viele Politiker und Volkswirte setzten im 20. Jahrhundert menschliche Entwicklung und die Steigerung des gesellschaftlichen Wohlstands mit wirtschaftlichem Wachstum gleich. Mit der Einführung des „Berichtes über die menschliche Entwicklung“ im Jahre 1990, gelang es den beiden Hauptautoren, Mahbub ul Haq und Amartya Kumar Sen, eine neue Sichtweise auf dieses Problem zu etablieren.

Kernstück der beim United Nations Development Programme (UNDP) publizierten Analyse ist der Human Development Index (HDI). Konstruiert wurde dieser in Konkurrenz zum, als Vergleich häufig herangezogenen Bruttosozialprodukt. Als Berechnungsgrundlage dienen drei Indikatoren:

1. die durchschnittliche Lebenserwartung
2. das Bildungsniveau
3. das Einkommen.

Aus diesen statistischen Angaben bildet die UNDP jeweils einen separaten Index. Zu beachten ist, dass für deren Berechnung, die Maximal- und Minimalwerte jährlich neu festgelegt werden. Grundlage dafür sind die in dem entsprechenden Jahr ermittelten Daten der Länder. Aus dem oben genannten „Unter“-Indizes wird ein Gesamtindex als Mittelwert berechnet – der HDI. Auf Grundlage der errechneten Werte ordnen sich die Länder in eine Rangliste. Die oberen 25 Prozent gelten als Länder mit sehr hoher menschlicher Entwicklung, die untersten 25 Prozent sind Länder mit niedriger menschlicher Entwicklung.

Schon zur Zeit seiner Einführung hatte der HDI nicht den Anspruch eine allumfassende Indexzahl zu sein. Die Autoren waren sich bewusst, dass der HDI nicht jeden Aspekt für den unterschiedlichen Entwicklungsstand der einzelnen Länder und Regionen beinhalten konnte. Sie verstanden ihn als flexibles Analyseinstrument.

HDI und seine Komponenten der Ungleichheit

Mit dem Bericht 2010 wurde der HDI-Ansatz um drei Aspekte erweitert. Der IHDI ist ein Index der die Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft mit einbezieht. Dadurch sinkt der HDI global im Durchschnitt um 22 Prozent. Am wenigsten davon betroffen sind die Tschechische Republik (sechs Prozent) und am umfassendsten Mosambik (45 Prozent). Des Weiteren neigen unterentwickelte Länder eher zur Ungleichheit, als hochentwickelte. Am stärksten von diesem Phänomen betroffen sind die Länder Afrikas südlich der Sahara.

Der zweite neu eingeführte Aspekt ist die geschlechterspezifische Ungleichheit. Dieser misst den Grad der Diskriminierung von Frauen und Mädchen im Gesundheits-, Bildungs- und Arbeitssektor und stellt die Unterschiede bei der Verteilung von Errungenschaften der menschlichen Entwicklung für Frauen und Männer differenziert dar. Die prozentualen Verluste am HDI liegen zwischen 17 und 85 Prozent bei den unterschiedlichen Ländern. Unterentwickelte Länder neigen auch in dieser Kategorie dazu, schlechter abzuschneiden.

Der dritte neu eingeführte Maßstab ist der der mehrdimensionalen Armut. Hierbei wird eine dreidimensionale Untersuchung durchgeführt: Wie hoch ist die Anzahl der unter Entbehrungen leidenden Armen, an wie vielen Entbehrungen leiden arme Haushalte und welcher Ethnizität sind die Armen zuzuordnen. Dieser Index wird nur in 104 Ländern ermittelt. Laut dieser Untersuchung leben 1,7 Mrd. Menschen in mehrdimensionaler Armut. Das ist ein Drittel der Bevölkerung dieser Länder. Hierbei handelt es sich nicht nur um Armut aus Einkommensgründen, sondern auch um beschränkten Zugang zum Gesundheits- und Bildungsbereich. Die meisten dieser, von mehrdimensionaler Armut betroffenen Menschen leben in Südasien und Afrika.

Die Forschungen zum HDI brachten seit 1990 wichtige Erkenntnisse zu Tage. So konnte ein viel schwächerer Zusammenhang zwischen wirtschaftlichen Wachstum und der Verbesserung im Gesundheits- und Bildungsbereich nachgewiesen werden, als vermutet. Dies führte zu nachhaltigen Veränderungen bei der Planung von Entwicklungsprogrammen.

Vergleich des Standes der menschlichen Entwicklung

Vergleicht man den Stand der menschlichen Entwicklung innerhalb der letzten Jahrzehnte, ist festzustellen, dass sich das Leben der Menschen weltweit deutlich verbessert hat. Der HDI stieg von 1970 bis in die Gegenwart um 41 Prozent und von 1990 an um 18 Prozent. Fast alle Länder profitierten von dieser Entwicklung, nur in drei Staaten sank der Wert im Vergleich zu 1970 – DR Kongo, Sambia und Simbabwe. Die geringsten Fortschritte erzielten die Länder der ehemaligen UdSSR und die Afrikas südlich der Sahara. Hierbei gilt zu beachten, dass einige der ehemaligen Sowjetrepubliken insbesondere im Gesundheitswesen starke Rückschritte verzeichneten. In Afrika wirkt sich vor allem die HIV-Epidemie negativ auf den HDI aus.

„Gewinner“ der letzten Jahre sind die aufstrebenden Wirtschaftsnationen Asiens. Sie verbesserten ihren HDI-Wert durch umfassende Steigerung des Einkommens der Bevölkerung. Jedoch gibt es auch Länder wie Nepal, die zwar eine deutliche Steigerung ihres HDI-Wertes erreichen, aber kaum Einkommenssteigerungen verzeichnen konnten. Diese Länder erzielten vor allem Fortschritte in den Bereichen Bildung und Gesundheit.

Human Development Report - Entwicklungsstand Weltregionen

Dies untermauert die These, dass wirtschaftlicher Fortschritt nicht gleichbedeutend mit menschlicher Entwicklung ist. Bis heute steigt das Einkommen in den reichen Ländern deutlich schneller, als in den Armen. Trotzdem kann beim HDI eine Annäherung der unterentwickelten Länder an die hochentwickelten konstatiert werden. Diese wurden vor allem durch Fortschritte in den Bereichen Bildung und Gesundheit erreicht. Dort bewirken selbst überschaubare Investitionen sowie moderate politische und strukturelle Anpassungen große Fortschritte. Zu dieser positiven Entwicklung trägt auch die bessere Gleichstellung von Männern und Frauen im Bildungswesen bei.

Den Fortschritt der menschlichen Entwicklung ganz von der Steigerung der Einkommen und damit von dem wirtschaftlichen Wachstum abzukoppeln, wäre jedoch zu radikal. Sowohl bei der Bildung, wie auch im Gesundheitswesen gibt es Grenzen, die allein durch strukturelle oder politische Anpassung nicht überwunden werden können. Hier ist eine breite Einkommenssteigerung der Bevölkerung von Nöten. Diese kann nur durch wirtschaftliche Entwicklung und angemessene Verteilungsgerechtigkeit in der Gesellschaft erreicht werden. Nur so erhalten Menschen die notwendigen Ressourcen, die es ihnen ermöglichen, ihr Leben freier zu gestalten und ihre Bedürfnisse besser zu befriedigen.

Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es schwierig ist Konzepte, die in einem Land funktioniert haben, auf andere Länder zu übertragen. Darum ist es für die Zukunft wichtig, sich explizit den konkreten Herausforderungen des betroffenen Landes zu stellen. Nur so kann eine kontinuierliche Verbesserung der Lebensumstände der Menschen erreicht werden, um das noch immer deutliche Nord-Süd-Gefälle zwischen Industrie- und Entwicklungsländern zu überwinden. Ein wesentlicher Ansatz wäre die Bekämpfung der bereits erwähnten Ungleichheit und Diskriminierung der Frauen. Mit der Erweiterung des HDI 2010 verdeutlichte das UNDP diese Problemstellungen nachdrücklich.

Quellen zum Human Development Report

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen e.V.: Bericht über die menschliche Entwicklung 2010 – Kurzfassung, Berlin 2010.
United Nations Development Programme: Human Development Report 2013 Technical notes, New York 2013.
United Nations Development Programme: Human Development Report 2010, New York 2010.
United Nations Development Programme: Human Development Report 1990, New York 1990.

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Martin Müller studiert Immobilienmanagement (Bachelor) an der bbw Hochschule. Dieser Beitrag entstand im Rahmen des Kurses Grundlagen der Volkswirtschaftslehre.

Kunstwerk des Eintrages

Albrecht Dürer (1471 – 1528)Kain erschlägt Abel
von http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

Bild Albrecht Dürer - Kain erschlaegt AbelDie Erniedrigung des Menschen durch den Menschen ist so alt wie unsere Geschichte selbst. Armut entsteht vor allem da wo sich einzelne aus Egoismus an anderen bereichern. Wie Kain der seinen Bruder Abel aus Neid erschlägt.

Arbeitsmarkt – Stand – Entwicklung

von Kai Kleinwächter
Update Statistiken: 20.06.2016

Morgen, am 1. April 2014, veröffentlicht die Bundesagentur für Arbeit die neuesten Zahlen zur Entwicklung des deutschen Arbeitsmarktes. Darin wird wieder von Belebung und Fortschritten zu hören sein. Allerdings beruhen diese Einschätzungen auf eher kurzfristigen statistischen Daten. Eine realistische Betrachtung des Arbeitsmarktes muss tiefgründiger in die Vergangenheit schauen. Dabei zeigt sich, dass die Entwicklung der Arbeitslosigkeit in Deutschland in vier Phasen verlief.

Entwicklung Arbeitslosenquote Deutschland 1950-2015

1950 – 1960: Anhaltender Rückgang

Der Arbeitsmarkt war Anfang der 1950er Jahre gekennzeichnet durch eine hohe Massenarbeitslosigkeit. Die Ursachen lagen in den Nachwirkungen des II. Weltkrieg sowie der Zuwanderung von Deutschen aus Osteuropa und dem Balkan. Allerdings ging die Arbeitslosigkeit in Folge des Wirtschaftsaufschwunges rasch zurück. Die Anzahl der Arbeitslosen sank bis 1960 von mehr als 1,8 Millionen auf unter 300.000. Dabei fiel die Quote 1959 erstmals unter die drei Prozent Marke.

1960 – 1973: Vollbeschäftigung

Die Höhe der Arbeitslosenquote pendelte in dieser Phase meist zwischen ein und zwei Prozent. Von 1960 bis 1973 registrierten die Arbeitsstatistiken die historisch niedrigsten Werte. Im Jahr 1965 waren sogar weniger als 150.000 Menschen offiziell arbeitslos gemeldet. Das entsprach einer Quote von 0,7 Prozent. Selbst in Folge der Wirtschaftskrise 1967 stieg die Anzahl der Arbeitslosen nicht über 500.000. Die Bundesregierung reagierte auf die Überbeschäftigung des Produktionsfaktors mit einer gezielten Anwerbung ausländischer Arbeitskräfte. Von 1955 bis 1968 schloss die BRD Anwerbeabkommen mit neun Staaten (Italien, Spanien, Griechenland, Türkei, Marokko, Südkorea, Portugal, Tunesien, Jugoslawien). Heutige Schätzungen gehen von einer damaligen netto Arbeitsmigration von ungefähr 2,6 Millionen Menschen aus.

1974 – 2005: Anstieg strukturelle Massenarbeitslosigkeit

Innerhalb von zwei Jahren nach der ersten Erdölkrise stieg die Anzahl der Arbeitslosen von 270.000 auf über eine Million. Der Arbeitsmarkt ist seitdem durch eine strukturelle (Massen-)Arbeitslosigkeit gekennzeichnet. Die Anzahl der Arbeitslosen, als auch die Quote stiegen kontinuierlich. In Folge entwickelten sich mit jedem Jahrzehnt höhere Schwellenwerte, unter die die Arbeitslosigkeit nicht mehr absinkt. Dabei nimmt die Anzahl der Arbeitslosen schneller zu, als die der Erwerbstätigen. Entsprechend steigt die Arbeitslosenquote ebenfalls kontinuierlich an.

Arbeitsmarktschwellen Deutschland 1960-2015

Ab 2006: Stabilisierung bei Zunahme sozialer Probleme

Den bisher höchsten Wert erreichte die Arbeitslosigkeit im Jahr 2005 mit durchschnittlich 4,8 Mio. Arbeitslosen. Ohne wirtschafts-politische Gegenmaßnahmen hätte sich wahrscheinlich eine neue Schwelle am Arbeitsmarkt mit mindestens vier Mio. Arbeitslosen bzw. einer Mindestquote von acht Prozent etabliert. Besonders in Ostdeutschland, wo die Arbeitslosigkeit stabil um die 20 Prozent lag, manifestierten sich erhebliche volkswirtschaftliche und soziale Problemlagen. Damit stand und steht bis heute die Frage, wie viel Arbeitslosigkeit und damit Armut bzw. Abhängigkeit vom Sozialstaat das politische System in Deutschland dauerhaft ertragen kann?

Regionale Arbeitslosenquote Deutschland 1991 - 2015Spätestens gegen Ende der 1990er Jahre wuchs der sozial-politische Druck, einen weiteren Anstieg der Arbeitslosigkeit zu verhindern. Die wirtschaftspolitischen Maßnahmen der Schröder-Regierung – Stichwort „Agenda 2010“ – sollten eine Antwort formulieren. Sie waren im Kern eine radikale Fortschreibung der monetaristischen Konzepte, die seit den 1980er Jahren in Deutschland an Einfluss gewannen. Alternative Ansätze setzten sich nicht durch.

Mit der Implementierung der Reformen geht die Arbeitslosigkeit seit nun fast zehn Jahren kontinuierlich zurück. Gleichzeitig konnte die Zahl der Erwerbstätigen um ca. drei Millionen erhöht werden. Allerdings dürfen die Erfolge dieser Wirtschaftspolitik nicht überbewertet werden. Die Absenkung wurde erkauft mit sozialen Härten. Hier ist es wichtig die Effekte der viel diskutierten „Hartz-Gesetze“ nicht singulär zu betrachten. Sie entfalten ihre Wirkung durch ein Zusammenspiel mit weiteren wirtschaftspolitischen Maßnahmen.

So erfolgte parallel zu einer deutlichen Absenkung der realen Sozialleistungen, der Aufbau eines umfassenden Niedriglohnsektors. Gleichzeitig übten die Ausweitung der Zeitarbeit, die Öffnung des Arbeitsmarktes nach Osteuropa und die seit den 1990er forcierte Zerschlagung der Flächentarife, erheblicher Druck auf die Löhne aus. Damit entstand eine bis heute anhaltende Lohnspreizung, die mit einer flächendeckenden Absenkung der Arbeitsentgelte einhergeht. Insbesondere das untere Drittel der Bevölkerung verdient gegenwärtige weniger als Mitte der 1990er Jahre.

Trotz der sozialen Ungleichgewichte erreichten die Maßnahmen bisher nur eine Rückführung der Arbeitslosigkeit auf das Niveau von Anfang der 1990er Jahre. Neue sozio-demographische Daten lassen die Herausbildung einer neuen Schwelle bei um die drei Millionen Arbeitslosen vermuten. Die aktuelle Politik stößt damit an Systemgrenzen.

Sinkende Arbeitsstunden

Interessanterweise haben die seit fast drei Dekaden praktizierten Wirtschaftskonzepte bisher nicht zu einer Zunahme der volkswirtschaftlichen Arbeitsstunden geführt. Im Gegenteil, die durchschnittliche Arbeitszeit nimmt seit den 1960er Jahren kontinuierlich ab. Inzwischen liegt sie bei durchschnittlich 30 Stunden pro Woche (Vollzeit: 38 Stunden; Teilzeit: 15 Stunden).

Gleistete Arbeitsstunden Erwerbstätige Deutschland 1960-2014Eine Absenkung der durchschnittlichen Stundenzahl ohne entsprechenden Lohnausgleich – der bis in die 1980er Jahre stattfand – bedeutet real eine deutliche Verschlechterung der Einkommen breiter Kreise der Bevölkerung. Armut trotz Arbeit wird damit von einem Randphänomen zur Massenerscheinung. Ebenfalls zeigt die Statistik deutlich, dass trotzdem ein erheblicher Anteil des Arbeitskräfteangebotes volkswirtschaftlich nicht genutzt wird. Hier ist kritisch zu hinterfragen, was die Zahlen zur Beschäftigungslage dann realistischerweise aussagen.

[Zusatz: Diese Entwicklung – Absenkung Stundenzahl ohne Lohnausgleich – ist nicht auf Deutschland begrenzt – hier das Beispiel Österreich. Die im verlinkten Artikel genannten absoluten Zahlen sind nur bedingt mit denen für Deutschland vergleichbar. Für eine Harmonisierung sollten Datenbanken von EUROSTAT oder der OECD genutzt werden.]

Quellen für Statistik Arbeitsmarkt

Sozialpolitik aktuell (Hrsg.): Datensammlung Arbeitsmarkt; Universität Duisburg Lehrstuhl Prof. Dr. Gerhard Bäcker.
Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.): Arbeitslosigkeit im Zeitverlauf; Februar 2016.
IAB (Hrsg.): Zeitreihe – Daten Arbeitszeiten 1991 – 2014; Nürnberg: 2015.
IAB (Hrsg.): Durchschnittliche Arbeitszeit der beschäftigten Arbeitnehmer und ihre Komponenten 1970 – 2012; Nürnberg: 2013.

Kunstwerk des Eintrages

François-André Vincent (1746 – 1816)La Leçon de Labourage.

Bild Francois Vincent - La Lecon de Labourage„Ein wunderschönes Bild in physiokratischer Lehre. Ein Landwirt – ganz im Stile der älteren emblematischen Symbolisierung von „Labor“ und mit Handstellung des Schöpfers in Michelangelos „Erschaffung Adams“ – unterrichtet einen Knaben aus der sterilen Klasse in der Führung eines Pfluges, den allein die Vertreter der produktiven Klasse – der Landwirtschaft – wirklich zu führen wissen.“
Prof. Klaus Türk – Archiv Bilder der Arbeit

BRICS – Globale Macht-Kooperation

von Kai Kleinwächter

Vom 10. bis 11 Februar 2014 vereinbarten die Forschungsminister der BRICS-Staaten auf dem Treffen nahe Kapstadt eine engere Verknüpfung der gemeinsamen Forschung. Dabei wurden auch Forschungsfelder festgelegt, auf denen jeweils ein Mitglied die Führungsrolle übernimmt. So leitet China beispielsweise den Forschungsbereich alternative Energien und Energieeffizienz.

Der Ursprung dieser vertiefenden Kooperation reicht bis 2008 zurück. Damals verständigten sich Brasilien, Russland, Indien und China auf eine stärkere außenpolitische Kooperation und einer Vertiefung der Wirtschaftsbeziehungen. Für diese Allianz starker Schwellenländer und dem Industrie- und Rohstoffstaat Russland bürgerte sich die Bezeichnung „BRIC“ ein. Das von den Anfangsbuchstaben der Mitgliedsstaaten abgeleitet Akronym prägte wesentlich Jim O´Neil, langjähriger Leiter der Abteilung „global economic research“ bei Goldman Sachs.

Nach seiner seit 2001 weiterentwickelten Grundthese steigt die globale ökonomische Bedeutung der vier Staaten in den nächsten Jahrzehnten deutlich. Wollen EU und USA ihren Einfluss erhalten, müssen sie die BRIC-Staaten in wirtschafts-politische Kooperationen einbeziehen. Interessanterweise griffen die BRIC-Staaten diese eigentlich zur Sicherung eines westlichen Einflusses erdachte Einbindungsstrategie auf, vereinnahmten den Begriff und änderten die Bedeutung. Er steht jetzt für eine Kooperation der Schwellenländer und den Versuch die Weltwirtschaft zu deren Gunsten zu beeinflussen. Sichtbarstes Zeichen der BRIC ist das seit 2009 jährlich stattfindende Treffen der Staatschefs. Eigene Organisationen gründeten sie aber bisher nicht. Allerdings vereinbarten die Mitgliedsstaaten 2013 den Aufbau einer Entwicklungsbank, eines Wirtschaftsrates sowie gemeinsamer Devisenreserven.

Entwicklung Wechselkurs Waehrungen BRICS-Staaten zum EuroGerade die Pläne im Bereich des Finanzmarktes zeigen wie stark die Widersprüche zwischen den Ländern nach wie vor sind. Bis auf China mussten die anderen Volkwirtschaften ihre Währungen seit 2012 sowohl zum Euro als auch zum US-Dollar um teilweise mehr als 40 Prozent abwerten. Weder die ökonomische Kraft noch die politische Kooperationsbereitschaft reichten aus, sich in einer gemeinsamen Aktion gegen diese Entwicklungen zu stemmen.

Gipfeltreffen BRICS-StaatenAm 23. Dezember 2010 lud der chinesische Außenminister Yang Jiechi Südafrika offiziell ein, dem Bündnis beizutreten. Der Einladung ging ein offizielles Bemühen Südafrikas voraus. So fragte beispielsweise die Außenministerin Südafrikas Maite Emily Nkoana-Mashabane 2009 bei den anderen Mächten um die Möglichkeit für eine Mitgliedschaft an. Insbesondere Indien und Brasilien unterstützten die Aufnahme. Die drei Staaten hatten 2003 im Zuge des Scheiterns der WTO-Konferenz in Cancún das IBSA-Dialog-Forum (Indien, Brasilien Südafrika) installiert. Grundlage dieser besonderen Beziehungen ist die „Brasilianische Deklaration“. In diesem sehr interessanten Dokument betonen die Partner die positiven Wirkungen der vertiefenden internationalen Handelsverflechtungen. Gleichzeitig versprechen sie …

„… their commitment to pursuing policies, programmes and initiatives in different international forums, to make the diverse processes of globalisation inclusive, integrative, humane, and equitable.“

Obwohl der IBSA-Dialog zunehmend in den Hintergrund tritt wurde diese besondere Kooperation nie aufgegeben. Gipfeltreffen inklusive Fachverantwortlicher aus den Ministerien finden jedes Jahr statt.

Die formale Aufnahme Südafrikas erfolgte am 14. April 2011 beim dritten Treffen der Mitglieder. Damit gingen die BRIC-Staaten deutlich über das ursprüngliche Konzept O´Neils hinaus. Es entstanden die BRICS-Staaten. Vor allem zwei Gründe sprachen wohl dafür, das im Verhältnis zu den anderen Mitgliedsstaaten „kleine“ Südafrika zu integrieren.

Vergleich BRICS-StaatenEinerseits steigt die Glaubwürdigkeit des eigenen Anspruchs, eine alle Kontinente umfassende Kooperation zu etablieren, durch die Teilhabe eines afrikanischen Staates. Andererseits wird aus machtpolitischer Perspektive Südafrika als einflussreichster Staat Sub-Sahara Afrikas gesehen. Es fungiert damit für die BRIC-Staaten nicht nur als wichtiger Handelspartner sondern auch als „Tor nach Afrika“. Dieser Sichtweise schließen sich auch andere zentrale Akteure der internationalen Politik an. So sieht beispielsweise die deutsche Bundesregierung Südafrika als führende „Regionalmacht im südlichen Afrika“. Wobei durch die Aufzählung der südafrikanischen Projekte im Sudan und den „Afrikanischen Großen Seen“, klar wird, dass sich seine Machtpolitik bis in die Sahelzone erstreckt.

Quellen BRICS

Fxtop company (Hrsg.): Historical exchange rates; © 2013.
Internationaler Währungsfonds (Hrsg.): World Economic Outlook Database; 2014.
Eurostat (Hrsg.): Jährliche Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung, 2014.

Kunstwerk des Eintrages

Jan Vermeer (1632 – 1675)Der Geograph
von http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

Bild Vermeer Der Geograph

Notwendige (Re)Kommunalisierung!

von Kai Kleinwächter

Der Volksentscheid über ein städtisches Stromnetz in Berlin ist vorerst gescheitert. Der politische Kampf zur demokratischen Gestaltung der Energiewende hält an. Fünf Thesen für die Kommunalisierung der Energienetze

Am 3. November 2013 scheiterte der Volksentscheid zur Rekommunalisierung des Berliner Stromnetzes knapp (Originaler Text zur Abstimmung sowie Zeitplan: hier). Initiiert wurde der Bürgerentscheid durch ein breites gesellschaftliches Bündnis, das sich im Berliner-Energietisch organisiert. Am Ende allerdings reichte die Zustimmung nicht – es fehlten ca. 21.000 Stimmen. Die Annahme scheiterte nicht nur an den Winkelzügen des Berliner Senats. Als Hauptproblem entpuppt sich die zu geringe Mobilisierungsfähigkeit. Nur in vier Wahlbezirken gaben 25 Prozent der notwendigen Wahlberechtigten ihre Zustimmung. Die politischen Strömungen für eine Kommunalisierung wirkten nur begrenzt über sich selbst hinaus. Im Gegensatz zum erfolgreichen Hamburger Volksentscheid gelang es nicht, konservative Strömungen einzubinden, wie die hohen Anteile von Nein-Stimmen in „schwarzen“ Bezirken zeigen (Spandau, Steglitz, Reinickendorf).

Wahlergebnisse Volksentscheid Berlin Rekommunalisierung StromnetzDie Notwendigkeit eine demokratische Energiewirtschaft zu schaffen, bleibt trotz verlorener Abstimmung bestehen. Der Diskurs wird im Rahmen der Energiewende weitergehen.

1. Anforderung Energiewende

Die Energiewende – eine Umstellung von fossilen Energierohstoffen auf erneuerbare – stellt ein Großprojekt dar, das noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen wird. Niemand kann aus jetziger Sicht prognostizieren, wie diese nachhaltige bzw. CO2–freie Energiewirtschaft konkret in Deutschland bzw. Europa aussieht.

Allerdings bilden sich bereits einige Merkmale heraus.

a) Der Weg zur nachhaltigen Energiewirtschaft besteht aus einer Vielfalt von Technologien und ökonomischen Konzepten, von denen sich manche als nicht praxistauglich erweisen werden. Eine seriöse Abschätzung aber, welche nicht „überleben“ sowie welcher Mix entsteht, ist nicht möglich. Die entsprechend notwendigen technologischen und gesellschaftlichen Suchverfahren, schließen die Möglichkeit des Scheiterns ein. Beispielsweise stellt sich gegenwärtig die Gewinnung von Windenergie auf offener See (off-shore) als sehr aufwendig und wahrscheinlich zu teuer dar (s. Koalitionsvertrag).

b) Die Energiewende bedarf enormer Ressourcen. Allein die EEG-Umlage kostet ca. 20 Mrd. € pro Jahr. Ein Großteil dieses Kapitals muss über staatliche Maßnahmen mobilisiert werden und steht anderen Gesellschaftsbereichen (Bildung, Gesundheitssystem) nicht mehr zur Verfügung.
Historisch gesehen sind staatliche Eingriffe zur Erneuerung der Energiewirtschaft üblich. Ob der Aufbau erster lokaler Energienetze Anfang des 20. Jahrhunderts im Kohlezeitalter, die Errichtung landesweiter Energienetze in den 1920er bis 1950er, die Diversifizierung der Energierohstoffe durch Atom- und Erdgas ab den 1970ern Jahren – staatliche Eigentumsstrukturen, Subventionen und Regulierungen trieben diese Entwicklungen voran. Die Impulse kamen nur selten aus der Energiewirtschaft selbst. Orientierung auf kurzfristige Profite, mangelnde Finanzkraft sowie geringe Bereitschaft zu betriebswirtschaftlichen Risiken ließen nur begrenzt Erneuerungen zu.

c) Eine nachhaltige Gestaltung der Energiewirtschaft bedeutet auch eine grundsätzliche Änderung der Produktions- und Konsumweise. Ohne diese ist der weltweite Energieverbrauch nicht stabilisierbar. Beispielhaft dafür stehen Herausforderungen in der Mobilität (Autobesitz vs. Carsharing), der Ernährung (Fleischkonsum) oder der Stadtentwicklung. Auch hier dominieren Fragen. Was ist notwendig / praktikabel / durchsetzbar und was haben wir übersehen?

Die Energiewende stellt ein hochgradig politisches Projekt dar. Abwägungen, welche Projekte finanziert werden, woher die Ressourcen kommen und wie bzw. in welchem Tempo sich Deutschland entwickelt, sollten im Rahmen eines gesamtgesellschaftliches Diskurses erfolgen. An diesem müssten auch die „Verlierer“ des Erneuerungsprozesses in der Wirtschaft und Bevölkerung beteiligt, letztlich auch entschädigt werden. Sie sind keine Randgruppe, sondern reichen, angesichts steigender Miet- und Energiekosten, bis weit in die Mittelschichten hinein.

Energieträger Deutschland 1990 - 2012

2. Zentrale Bedeutung der Energienetze

Eine herausragende Stellung zur Gestaltung der Energiewende nehmen die Versorgungsnetze ein (Strom, Gas, Wärme, Wasser). Von dieser Infrastruktur sind alle Erzeuger und alle Vertriebsstrukturen abhängig. Damit können andere Akteure nicht nur ausgeschlossen sondern auch gezielt unterstützt werden, sich in die Netzte zu integrieren. Ebenfalls erhält der Betreiber detaillierten Einblick in die Energiemärkte. Er besitzt damit einen Informationsvorsprung gegenüber allen anderen Marktteilnehmern. Durch diese drei Elemente – Sanktionen, Anreize sowie Informationen – ermöglicht der Besitz der Netze eine wirksame Steuerung des Energiesektors. Oder wie es Prof. Claudia Kempfert (Abteilungsleiterin Energie, Verkehr, Umwelt am DIW) ausdrückt: „Wer die Netze hat, hat die Macht.“

3. Regulierung durch Eigentum

Die Umbrüche berühren unterschiedlichste Interessen verschiedener gesellschaftlicher Akteure. Private Konzerne haben weder die ökonomische Kraft, noch die politische Legitimation als Moderator zu wirken. Ihr Streben gilt – im Rahmen eines marktwirtschaftlichen Systems – der Profitoptimierung. Die politische Gestaltung der Energiewende soll und muss im Rahmen einer Demokratie der Staat übernehmen. Der Verkauf von Energienetzen nimmt aber den Kommunen weitgehend die Mittel zur Erfüllung dieser Funktion.

Im Kern bleibt nach einer Privatisierung der Energienetze nur eine „externe“ Regulierung, um wenigstens ein Minimum an politischen Einfluss zu sichern. Diese basiert auf beim Verkauf fixierten Bedingungen (Qualität, Struktur etc.) für den Zeitraum der Übertragung. Durch das Projekt Energiewende können diese, bei Überlassungen von 20 bis 30 Jahren, nicht realistisch kalkuliert werden. Die gesellschaftlichen und technologischen Veränderungen sind zu umfassend. Gleichzeitig treten die privaten Energiekonzerne als sehr kraftvolle Akteure in der politischen Diskussion auf. Dabei entziehen sie der Öffentlichkeit Informationen (siehe Geheimverträge zur Wasser und Strom in Berlin), treten mit eigennützigen Kampagnen an und üben Druck auf politische Parteien aus.

Die meisten Kommunen können sich weder dem Lobbyismus der Konzerne entziehen noch verfügen sie über das nötige Fachpersonal um eine effektive Regulierung selbst durchzusetzen. Entsprechend umfassend dominieren die privaten Betreiber Verträge und Regulierungen. Privatisierung bedeutet dann ein Vabanquespiel mit hohem Risiko, beim dem die Kommunen ihre politische und wirtschaftliche Handlungsfähigkeit verlieren. Zumal die vier großen Energiekonzerne auf Grund sinkender Absätze, ausufernder Schulden sowie auf fossiler Energie basierender Erzeugungsstrukturen große betriebswirtschaftliche Probleme haben. Impulse zur Erneuerung der Energiewirtschaft gehen von ihnen nicht aus.

Marktanteile Energiemarkt E.ON RWE EnBW Vattenfall

4. Einheit von Gewinn und Risiko

Netz-Infrastrukturen reagieren nur langfristig auf Veränderungen. Entsprechend werden die Konsequenzen falscher betriebswirtschaftliche Maßnahmen erst zeitverzögert sichtbar. So begannen die Sparprogramme der Bahn in Berlin ca. 2005, die Probleme traten aber erst ab 2010 hervor. Die Folgen dieser falschen Entscheidungen schultert vor allem die Bevölkerung. Hier stellt sich die Frage, ob die Entschädigungszahlungen die volkswirtschaftlichen Schäden für die Gemeinde aufwiegen.

Trotzdem können die Betreiber der Netzwerke die Gewinne aus den Unternehmen ziehen. Im Zweifel sind diese verloren, die wirtschaftlichen Folgen einer Dis-Funktionalität der Netze aber vor Ort deutlich spürbar. Dies verletzt Grundsätze von Demokratie und Marktwirtschaft: Wer die Folgen tragen muss, muss auch über die Maßnahmen mitbestimmen. Jederzeit – und nicht nur alle 30 Jahre.

5. Monopole demokratisch kontrollieren!

Die Energienetze sind natürliche Monopole. Die erzeugten Einnahmen unterliegen keinem Wettbewerb. Regulierungsversuche, die Monopolrendite einzugrenzen scheiterten bislang. Entsprechend erzielen private Unternehmen überhöhte Profite, die sie der lokalen Wirtschaft entziehen. Bei den großen vier Energiekonzernen fließen sie vor allem in den Schuldendienst, an Aktionäre sowie in Auslandsinvestitionen.

Staatwerke erwirtschaften ebenfalls Monopolrenditen. Allerdings verbleiben diese in der Kommune. Vielen Stadtwerken (München, Köln, Potsdam) sind defizitäre Bereiche wie der Öffentliche Nahverkehr angegliedert. Diese werden über die Profite des Energiebereiches quersubventioniert. Die in der Stadt verbleibenden Monopolgewinne kommen so der Bürgerschaft zugute.

Schlussfolgerung

Das komplexe Projekt Energiewende sollte durch eine demokratische Kontrolle von Schlüsselelementen der Energiewirtschaft sichergestellt werden. Dies bedeutet – da andere Instrumente auf kommunaler Ebene weitgehend versagten – letztlich eine Vergesellschaftung der Energienetze. Durch Kommunalisierung erhalten staatliche Akteure die Chance ihre Funktion als Moderatoren der verschiedenen gesellschaftlichen Interessen, inklusive der Entschädigung von „Verlierern“, wahrzunehmen. Es erfolgt so eine gemeinschaftliche Nutzung der anfallenden Monopolprofite.

Indien – Vergleich soziale Lage

von Kai Kleinwächter

Indien hat nur eine geringe volkswirtschaftliche Produktivität. Der Abstand zu den anderen Staaten der BRICS ist gewaltig. Von einem Vergleich zu ökonomisch entwickelten Staaten wie Deutschland kann keine Rede sein.

Vergleich Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner 2012 BRICS-Staaten sowie DeutschlandSeit Anfang der 1990er Jahren realisiert Indien ein anhaltendes Wirtschaftswachstums von durchschnittlich fünf – sechs Prozent pro Jahr. Trotzdem gehört seine Bevölkerung zu den ärmsten und ungebildetsten weltweit. Nur die Länder der sub-Sahara weisen vergleichbar schlechte sozio-ökonomische Werte auf. Besonders treten die sozialen Herausforderungen bei der Versorgung der Kinder hervor.

Versorgung Kinder Weltregionen Millennium GoalsDer Vergleich mit China zeigt unterschiedliche soziale Erfolge in den letzten drei Dekaden. Die Volkrepublik konnte den Großteil der Bevölkerung aus der Armut führen. Indien hingegen gelingen solche Erfolge nur im geringen Umfang. Weiterhin müssen in Indien fast 70% der Bevölkerung mit weniger als 2 US-$ pro Tag leben. In diesem Einkommen sind auch alle direkten staatlichen Subventionen und Sozialleistungen enthalten.

Armutsniveau in Indien und China Einkommen pro TagEine auf die absolute Anzahl der Hungernden fokussierte Betrachtung unterschätzt allerdings die Fortschritte beider Staaten. In beiden wuchs die Bevölkerung in den letzten zwei Dekaden – in China um etwa 17 Prozent und in Indien um etwa 42 Prozent. Trotzdem konnten beide Volkswirtschaften die Ernährungslage der Bevölkerung deutlich verbessern. Inzwischen gelten nur noch 11 Prozent in China und 17 Prozent in Indien als unterernährt. Das bedeutet aber auch, dass weiterhin Millionen von Menschen in diesen Ländern hungern.

Anzahl der Hungernden in Indien und China

Quellen zur sozialen Situation in Indien

FAO (Hrsg.): The State of Food Insecurity in the World 2013; Rom: UN 2013.
UN (Hrsg.): The Millennium Development Goals Report 2013; New York 2013.
UN (Hrsg.): Datenbank Millennium Development Goals Indicators.
Weltbank (Hrsg.): Datenbank – World Development Indicators.

Die Metaanalyse erschien bei WeltTrends – Zeitschrift für internationale Politik,
Ausgabe 93: Thema Indien Inside: Statistik – Indiens soziale Lage
Eine umfassendere Analyse erschien bei Telepolis – e-zine des heise-Verlages.

Kunstwerk des Eintrages

Ferdinand Georg Waldmüller (1793 – 1865)Kinder erhalten ihr Frühstück
von http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

Gemälde Ferdinand Waldmüller - Kinder erhalten ihr FrühstückDarstellung der Biographie von Ferdinand Georg Waldmüller und  Vorstellung seiner Werke unter Barbarra Petsch – Die ganz armen Kinder.