Archiv der Kategorie: Politik im Bilde

Wir und die Anderen – Zur Renaissance von Stereotypen

von Anne Klinnert

Seit Beginn der Pegida-Demonstrationen vor einem Jahr in Dresden ist die in Deutschland in Verbindung mit der Friedlichen Revolution von 1989/90 bekannte Parole „Wir sind das Volk!“ wieder zu hören. Wurde damit vor dem Fall der Mauer gegen die politischen Verhältnisse in der DDR protestiert, geht es Pegida und AfD darum, ihren Unmut gegen die Aufnahme und Unterbringung von Asylsuchenden in Deutschland zum Ausdruck zu bringen. Die Demonstranten in der DDR benutzten den Begriff des Volkes also um Einheit nach innen zu verdeutlichen, Pegida und AfD hingegen um sich nach außen abzugrenzen. Der Definition nach ist ein Volk eine historisch entstandene durch gemeinsame Kultur, Geschichte und Sprache verbundene große Gemeinschaft von Menschen, auch Ethnie, oder die Masse der Angehörigen einer Gesellschaft, der Bevölkerung eines Landes oder Staatsgebiets, also Staatsvolk. In dieser Bedeutung kann Volk zum Teil gleichbedeutend sein mit der Nation.

Abdul Hamid II, The Red Sultan

Der „blutige Sultan“ Abdülhamid II., Karikatur zu Progromen an den Armeniern im Osmanischen Reich 1894-1896

Die Frage, wer dazu gehört und wer ausgeschlossen ist, wurde im Laufe der Geschichte unterschiedlich beantwortet. Wer Teil des „deutschen Volkes“ ist, beantwortet das Grundgesetz in Art. 116, Abs. 1 wie folgt: Deutscher im Sinne des Grundgesetzes ist, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling Aufnahme gefunden hat. Ethnische Herkunft und Glauben der (zukünftigen) Staatsbürger sind somit unerheblich. Die Hetzer von Pegida und AfD sehen das anders. Sie bedienen sich in der Flüchtlingskrise jahrhundertealter Stereotype und Feindbilder, wenn sie vor „der Islamisierung unseres öffentlichen Raumes“ (Lutz Bachmann) warnen, wenn sie behaupten: „Multikulti hat die Aufgabe, die Völker zu homogenisieren und damit religiös und kulturell auszulöschen.“ (Beatrix von Storch) und wenn sie fordern, an der deutschen Grenze „notfalls auch von der Schusswaffe Gebrauch [zu] machen“ (Frauke Petry).

Die Abgrenzung des christlichen Europa von Türken oder Muslimen, die bis ins 19. Jahrhundert weitgehend gleichgesetzt wurden, hat eine lange Tradition. Sie fußt einerseits auf der Erfahrung kriegerischer Auseinandersetzungen, u.a. mit den Mauren auf der iberischen Halbinsel oder dem Osmanischen Reich im Südosten, andererseits auf religiösen und kulturellen Unterschieden. Der Islam galt als Gefahr und der Feind schlechthin. Karikaturen vom grausamen, fanatischen, säbelschwingenden Orientalen gaben dieser diffusen Angst ein Bild. Beispiele sind Darstellungen des „blutigen Sultan“ Abdülhamid II., der das Osmanische Reich von 1876 bis 1909 regierte. Diese Präsenz des Islam im europäischen kollektiven Gedächtnis wiederhole sich regelmäßig und sei nahezu zwanghaft.[1] So war es nach den Anschlägen vom 11. September 2001 und so ist es heute bei der Frage der Flüchtenden wieder. Von männlichen Muslimen, die als Asylsuchende nach Deutschland kommen, wird in dieser Tradition gern behauptet, sie seien IS-Kämpfer oder islamistische Schläfer.

Die sogenannte Völkertafel - 1725 in der Steiermark entstandenes Gemälde.

Die „Völkertafel“ – auch „Kurze Beschreibung der in Europa befintlichen Völckern und Ihren Aigenschaften“ – Um 1725 Steiermark.

Da Feindbilder für die Entstehung und Legitimierung von Nationen eine maßgebliche Rolle spielen, distanzierten sich Deutsche und andere Europäer nicht nur vom fremden Osmanen, sondern auch von ihren Nachbarn. Vereinfachte Selbst- und Fremdbilder mit emotional wertender Tendenz wurden ab dem 18. Jahrhunderts immer häufiger in Druckgraphiken und Gemälden dargestellt. Ein Beispiel für solche Stereotypen dieser Zeit ist die „Völkertafel“ aus der Steiermark. Das Ölgemälde eines unbekannten Malers zeigt eine bebilderte Tabelle, die die verschiedenen europäischen Völker und ihre Eigenschaften aufführt. Aufgrund seines steierischen Ursprungs ist es nicht verwunderlich, dass die Deutschen mit übertrieben positiven Eigenschaften beschrieben werden (u.a. offenherzig, gewitzt, sehr fromm, unüberwindliche Kriegstugenden), andere Völker hingegen negativ. Unsere französischen Nachbarn seien leichtsinnig, betrügerisch und arglistig, die Polen bäuerisch, wild und verfressen. Je weiter östlich, desto negativer die Einschätzung. So werden Ungarn als verräterisch, Russen als noch verräterischer und Türken bzw. Griechen am verräterischsten charakterisiert. In Kriegs- und Krisenzeiten, wie etwa im Siebenjährigen oder Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg, hatten solche Darstellungen Hochkonjunktur und wurden für Propagandazwecke genutzt. Heute sind es keine Gemälde, sondern Behauptungen in den sozialen Medien, die diesen Zweck erfüllen.

Feindbilder und Stereotype reduzieren Komplexität auf bloße Gegensätze, neigen zu Übertreibung und Dramatisierung. In dieser unübersichtlichen Zeit mag gerade das für viele ihren Reiz ausmachen. Die Einfachheit macht es aber auch leichter, deren Wahrheitsgehalt zu überprüfen bzw. deren Unsinnigkeit offenzulegen. Wenn ein Björn Höcke von der AfD Thüringen den Flüchtlingsstrom nach Deutschland als „Invasion“ bezeichnet, ist das schon der Definition nach, aber auch mit Blick auf die Größenordnungen einfach unsinnig und hetzerisch. Derzeit sind etwa fünf Prozent der deutschen Bevölkerung Muslime, d.h. 4 bis 4,5 Millionen Menschen, so das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Auch nach Aufnahme der Flüchtenden kann weder von einer Überfremdung noch von einer drohenden Dominanz von Muslimen in der Gesellschaft gesprochen werden. Stereotype waren, sind und bleiben Ausdruck erstarrten Denkens und die „patriotischen Europäer“ sind nicht das Volk.

[1] Flacke, Monika (2011): Nation. In: Fleckner, Uwe / Warnke, Martin / Ziegler, Hendrik (Hrsg.): Handbuch der politischen Ikonographie. Beck, München, S. 170.

Der Beitrag zur Rubrik „Politik im Bilde“ erschien zuerst in WeltTrends Nr. 114 “Schachbrett Syrien”.


Bildrechte
Bild 1: The Red Sultan aus „Le Rire“ Nr. 134 1897 Paris. Public Domian. Weitere Informationen zum Bild: The Armenian Genocide Museum-Institute.
Bild 2: Gemälde zur Völkerkunde – 1725 Steiermark. Public Domain.

Von Vater Staat zu Mutter Merkel?

von Anne Klinnert

Thomas Hobbes - Buchcover Leviatan

Staatsgebiet, Staatsvolk, Staatsgewalt, so wird verkürzt der moderne Staat charakterisiert. Aber wie lassen sich diese Merkmale zu einem Bild vom Staat zusammenfügen? Eine frühe und bis heute noch prägende Form bekam der Staat in der Illustration auf dem Buchdeckel einer Schrift aus dem Jahre 1651. „Leviathan“, so der Titel des Buches, mit dem der englische Philosoph Thomas Hobbes den modernen (autoritären) Staat als „sterblichen Gott“ begründete. Hobbes griff dabei auf die Metapher des Körpers zurück. Der Staat ist eine kolossale Person; ihr „Körper“ besteht aus zahllosen Menschen. In der rechten Hand hält sie ein Schwert, das die weltliche Macht symbolisiert, in der linken Hand den Krummstab als Symbol der geistlichen Macht. Die „bis heute unübertroffene Visualisierung“ des Staates zeigt die freiwillige Unterordnung der Bürger unter einen übermächtigen Souverän, um dem „Krieg aller gegen alle“ ein Ende zu machen. Der Staat ist hier ein absoluter.

Deutlich älter sind die Fresken über „die gute und die schlechte Regierung“ im Rathaus von Siena, die Ambrogio Lorenzetti Mitte des 14. Jahrhunderts schuf. Die Komplexität von Regierung wird dadurch deutlich, dass der Staat hier nicht nur in einer Person dargestellt wird, sondern in einer Vielzahl an Allegorien. So gesellen sich zu einer Gestalt mit Zepter und Schild die Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung sowie die Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Tapferkeit, Weisheit und Mäßigung. Schließlich tauchen auch die Bürger im Fresko auf, die durch eine Schnur sinnbildlich mit der Herrscherfigur sowie der Gerechtigkeit (Justitia) verbunden sind.

Fresko Ambrogio Lorenzetti - Allegorie des guten Regierens

Ambrogio Lorenzetti – Allegorie des guten Regierens

Was im Fresko der guten Regierung mit der Nebenfigur der Justitia angedeutet wird, aber beim Leviathan fehlt, ist die Selbstbegrenzung staatlicher Macht. Die um das Prinzip der Gewaltenteilung erweiterte Idee vom Staat erschwerte aufgrund der Komplexität die bildliche Darstellung, weshalb sie immer abstrakter wurde. Eine beliebte Bildmetapher ist beispielsweise die des Staatsschiffes, denn die einzelnen Schiffsteile konnten mit Organen und Funktionen des Staates verglichen werden.

Zudem übernahm Architektur die Aufgabe, als Metapher des Staates zu dienen. Der Bundestag in Berlin gilt mit seiner transparenten und begehbaren Kuppel von Sir Norman Foster als Beispiel für solche Staatsarchitektur. Es heißt, mit der Kuppel gab der Architekt dem (deutschen) Leviathan seinen Kopf wieder. Er hat dabei jedoch die Hierarchie verkehrt, denn die Kuppel wurde zum Aussichtspunkt der Bürger auf das Parlament. Die Transparenz der Kuppel kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Entscheidungen zum Teil hinter verschlossenen Türen und gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung getroffen werden, wie jüngst die Entscheidung für eine Beteiligung der Bundeswehr am Syrieneinsatz zeigte.

Thomas Schutte - Vater StaatEine noch heute geläufige Metapher ist die vom „Vater Staat“. Der Staat wird als männliche, väterliche Führungsfigur dargestellt, die einerseits als Zuchtmeister gefürchtet, andererseits als fürsorglicher Vater geehrt wird. Diese Vorstellung bildet treffend die obrigkeitsstaatliche Vorstellung vom Staat im 19. und frühen 20. Jahrhundert ab. Die Metapher wurde vom Bildhauer Thomas Schütte im Jahr 2010 in einer Bronzefigur umgesetzt. Die imposante Figur von 3,70 Metern Höhe zeigt einen älteren Mann mit strengem Gesichtsausdruck, dessen Arme in seinem Mantel verknotet sind. Vater Staat wirkt dadurch handlungsunfähig. Da Angela Merkel im Entstehungsjahr der Skulptur bereits fünf Jahre als erste Bundeskanzlerin im Amt war, hätte Schütte auch eine weibliche Figur schaffen können. Bezeichnungen wie „Mutter Angela“ – wie es auf dem Titel des Spiegel im vergangenen Herbst zu lesen war – oder „Mutter Merkel“ waren vor allem im letzten Jahr angesichts der Flüchtlingskrise in aller Munde. Auch das Cover des Time Magazine zeigt Merkels Konterfei anlässlich der Auszeichnung zur „Person des Jahres 2015“. Im Artikel wird sie gar zur „Kanzlerin [oder gleich Mutter] der freien Welt“. Das Bild der „Mutter Merkel“ geht auf die Metapher vom „Vater Staat“ zurück, d.h. Merkel wird als Verkörperung und Garantin des Gemeinwohls der Gesellschaft wahrgenommen. Wäre die euphorische Stimmung nicht bereits wieder umgeschlagen, man hätte sich fragen können, ob es in Deutschland künftig nur noch „Mutter Staat“ heißen solle.

Mit der Enttäuschung über den Umgang des Staates mit den aktuellen Herausforderungen der Integration von Geflüchteten und der Beendigung des Krieges in Syrien bekommt dieses Bild jedoch Risse. Es ist nun nicht mehr von der sorgenden Mutter Merkel, sondern eher von Staatsversagen die Rede. „Herbst der Kanzlerin. Geschichte eines Staatsversagens titelte bspw. Die Welt. Vielleicht hilft bei dieser Kritik ein Blick auf die „Allegorie der schlechten Regierung“ im Rathaus von Siena. Sie zeigt einen kriegslüsternen Herrscher mit gezücktem Dolch und Waffenrock. Justitia liegt gefesselt am Boden, die Bevölkerung wird drangsaliert und überall sind Soldaten. Gar so schlecht steht es noch nicht um Deutschland. Viel treffender erscheint da der Eindruck, den ein Besucher beim Anblick der Skulptur „Vater Staat“ hatte. Dieser sah „eine Kombination aus Macht und Feigheit“.

Der Beitrag zur Rubrik „Politik im Bilde“ erschien zuerst in WeltTrends Nr. 112 “Südsee real”.

Bildnachweis
1. Bild: Buchcover von Thomas Hobbes „Leviathan“ (1651). Gemeinfrei.
2. Bild: Fresko von Ambrogio Lorenzetti „Die gute und die schlechte Regierung“ (1338-1339). Gemeinfrei.
3. Bild: Skulptur von Thomas Schütte „Vater Staat“ (1954). Urheber: Lori L. Stalteri. Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0)

Hillarys Hand – Zur politischen Ikonographie der Gegenwart

eine Rezension des Buches von Michael Kaupert und Irene Leser
von Anne Klinnert

Schon auf dem Cover begrüßt uns das Bild, um das es auf den 278 Seiten des Sammelbandes gehen wird: das so genannte Situation Room-Foto vom 1. Mai 2011, das als indirekte Dokumentation der Erschießung Osama bin Ladens gilt. Das Buch bietet dem Leser sowohl soziologische, als auch kunst- und kulturwissenschaftliche Analysen dieses vieldiskutierten Fotos, die schließlich in einer methodischen Reflexion zusammengeführt werden. Unter den Autoren finden sich Koryphäen auf ihrem Gebiet, wie der Kunsthistoriker Prof. Dr. Horst Bredekamp, sowie weitere Professoren, Doktoren und wissenschaftliche Mitarbeiter der Fachbereiche (Kultur-)Soziologie, Kunst- und Bildgeschichte, Kulturwissenschaft, Sozialpsychologie, Design-, Kommunikations- und Medientheorie.

Barack Obama und sein Militärstab betrachten die Exekution Osama-bin-Ladens

Barack Obama und sein Militärstab beobachten die Exekution Osama-bin-Ladens

Rufen wir uns noch einmal die Entstehungsumstände des Fotos in Erinnerung: Das Foto wurde am 01. Mai 2011 vom Hausfotografen des US-amerikanischen Präsidenten, Pete Souza, im Situation Room des Weißen Hauses aufgenommen und am darauffolgenden Tag im „White House‘s Photostream“ auf flickr.com, einem Web-Dienstleistungs- und Tauschportal für digitale Bilder hochgeladen. Laut Bildunterschrift bildet es ab, wie Präsident Barack Obama, Vizepräsident Joe Biden, Außenministerin Hillary Clinton und Mitglieder des nationalen Sicherheitsteams ein Update über die Mission gegen Osama bin Laden erhalten. Dessen Aufenthaltsort in Abottabad in Pakistan war von der CIA ermittelt worden, woraufhin der US-Präsident den Angriff auf das Anwesen durch eine Spezialeinheit der Navy Seals in Auftrag gegeben hatte. Diese töten bin Laden und 4 weitere Personen. Der Leichnam wird mitgenommen und von einem Flugzeugträger aus im Indischen Ozean „nach streng muslimischem Ritus“ bestattet.

Es gibt weder ein Foto von der Tötung bin Ladens noch seines Leichnams. Der historische Beleg dieses Ereignisses ist das Foto aus dem Situation Room, dass von der US-Regierung zu diesem Zweck veröffentlicht wurde. Das Foto hat eine enorm weitreichende und schnelle massenmediale Verbreitung erfahren, was vor allem an der Vieldeutigkeit des Fotos liegt. Dieser wird sich in den Beiträgen des Sammelbandes gewidmet.

Aufgrund des Untersuchungsgegenstandes beginnen fast alle Artikel mit einer Beschreibung des auf dem Foto Abgebildeten. Diese Beschreibungen sind trotz der Wiederholungen interessant und obwohl man meint die Fotografie zu kennen, werden immer neue Details enthüllt. Häufig wird in den Bildbeschreibungen mit dem Anspruch analytischer Trennschärfe zunächst völlig neutral beschrieben, was auf dem Bild zu sehen ist (u.a. Anzahl Männer; Anzahl Frauen; militärisch und causual gekleidet; großer Tisch; auf diesem Laptops und Dokumente; ein Raum, zu klein für die vielen Menschen, die gebannt auf etwas schauen, dass der Betrachter nicht sieht, etc.). In einem zweiten Schritt wird das vorhandene Kontextwissen mit einbezogen, d.h. Namen und Positionen der Anwesenden, Anlass, Verlauf und Ergebnis des Ereignisses usw. (v.a., Beiträge Kauppert, Ayaß, Raab, Diers). Die Bild- und Situationsbeschreibungen werden durch weitere verfügbare Materialen ergänzt, u.a. durch andere Fotos dieser Serie aus dem Situation Room, die ebenfalls über das Internetportal Flickr veröffentlicht wurden, durch Lagepläne des Weißen Hauses mit der verzeichneten Position und Größe des Situation Room, durch zusätzliche Details der Operation Neptune’s Spear alias Geronimo, sowie ein Schema des Anwesens von bin Laden in Abottabad, Pakistan.

Auch wird der Wahrnehmungsprozess beim Betrachten des Bildes nachvollzogen, die formale Bildgestaltung, d.h. Position und Sitzordnung der Anwesenden im Raum sowie ihre Blickführung (Beitrag Brechner).

Mash-up Situation Room

Mash-up Situation Room

Die sich an die Veröffentlichung anschließende Rezeption des Fotos in deutschen, amerikanischen und internationalen Medien sowie die massenmediale Verbreitung von Montagen des Bildes (sogenannten mash-ups) thematisieren mehrere Autoren des Sammelbandes (Beiträge Ayaß, Leser, Breckner, Traue), da mit der Bearbeitung und Verfremdung des Fotos vor allem auf drei Besonderheiten reagiert wird: (1) die Leerstelle des Bildes, (2) die marginalisierte Machtpräsentation Obamas und Clintons und (3) die unausgewogene Geschlechterverteilung. Auf Letzteres – die Tatsache, dass sich unter den mindestens 13 auf dem Foto abgebildeten Personen nur zwei Frauen befinden – wurde u.a. mit einem mash-up reagiert, dass Hillary Clinton (Außenministerin) und Audrey Tomason (Leiterin der Terrorismusabwehr) im Situation Room in einer Runde mächtiger Frauen zeigt, unter ihnen Angela Merkel, Madeleine Albright und Oprah Winfrey.

Ersteres, die Leerstelle des Bildes, ist das zentrale Merkmal, dass diesem Foto vor allen anderen zu seinem „Ikonenstatus“ (S. 101) verholfen hat. Die Frage nach dieser Auslassung drängt sich auf und wird von allen Autoren gestellt: Mit welcher Absicht wird dem Betrachter zwar dieses Foto, nicht aber das gezeigt, was die Abgebildeten sehen können? Auch Oevermann fragt in seinem Beitrag warum die spätere Veröffentlichung, „in der doch im Grunde eine strukturelle Negation der Konstitutionsbedingungen von Öffentlichkeit zu sehen ist“ in Kauf genommen, ja geradezu betont wird (S. 45)? Schließlich gilt: „Zu sehen, dass ein anderer etwas sieht, was man selbst nicht sehen kann, stimuliert den Blick in extremer Weise.“ (Kauppert, S. 24). Ruth Ayaß betitelt ihren gesamten Beitrag so auch treffend mit „Ein Bild der Abwesenheit“ und konstatiert einerseits eine Abwesenheit von Posen, Triumphgebärden und Pathos im Situation Room-Foto, andererseits aber auch die Abwesenheit von Krieg und Toten im Foto. „Die Rolle des Unsichtbaren“ diskutiert auch Roswitha Breckner im vorliegenden Sammelband und attestiert dem Bild einen doppelten Boden. Die Leerstelle des Bildes könne nur rein imaginativ mit dem Wissen um den Kontext – die Ergreifung und Tötung bin Ladens – gefüllt werden; ohne dieses Wissen schwebe das Bild im freien Raum. Horst Bredekamp wiederum stellt fest: „Das erste Motiv liegt in der Vermeidung, dem Medusa-Antlitz des Bildschirms ins Gesicht zu sehen.“ (S. 161)

Das Nachdenken über Sinn und Zweck des Nicht-Abgebildeten in der Situation Room-Fotografie führt direkt zur Frage nach dem Grad an sowie dem Sinn und Zweck der Inszenierung. Denn dass das Foto inszeniert ist, darin sind sich alle Autoren einig. So deutet laut Oevermann zum Beispiel die „nach Selbstinszenierung riechende Gestik der Frau im größten Schärfebereich des Fotos“ (S. 47) – Hillarys dem Sammelband seinen Titel gebende Hand – daraufhin, ebenso wie die für die Betrachtung eines Wandbildschirms kontraproduktive helle Beleuchtung und die Anordnung der Personen. Trotz der Zweifel an der „Echtheit“ des Bildes bleibt doch Eines festzuhalten: „Auf jeden Fall entwickelt diese Fotografie, trotz geschickter Inszenierung, ein Eigenleben, welches nicht gänzlich zu kontrollieren ist.“ (Breckner, S. 96)

Warum also ein Foto veröffentlichen, dass scheinbar mehr im Unklaren lässt als es erklärt, Diskussionen auslöst und in verschiedenster Weise interpretiert werden kann? Warum nicht, wie im Falle Saddam Husseins und seiner Söhne, Fotos von Hinrichtung und Getöteten veröffentlichen (dazu in den Beiträgen Diers, Müller-Helle, Leser)?

Folter in Abu Graib

Folter in Abu-Ghraib – Nicht inzenierte Realität

Eine von mehreren Autoren geteilte Antwort lautet, dass vor allem ein Wandel im „gouvernementalen Bilddiskurs“ nach der Wahl Barack Obamas die Veröffentlichung des Bildes erklärt. Diesen wollte man – mit Bilder des Abu-Ghraib-Folterskandals im Gedächtnis – auf eine „neue technologische, geopolitische, legitimatorische und ästhetische Grundlage“ stellen (Traue, S. 133). Der Vorwurf eines „staatsrechtlich nicht legitimierten Tötungsaktes“ (Breckner) läuft durch die „zweifach indirekte Zeugenschaft“ (Bredekamp), die mit dem Foto erzeugt wird, ins Leere. Oder anders gesagt: „Offenbar geht es darum, die Integrität eines demokratisch legitimierten Repräsentanten einer Weltmacht zu sichern, indem diese staatsrechtlich nicht gedeckte Handlung letztlich durch die damit verbundenen Gesten des Skrupels und der Zurückhaltung zumindest moralisch dennoch als legitim erscheint.“ (Breckner) Das Foto wird damit letztlich als PR- bzw. Propaganda-Foto entlarvt, dass von der Pressestelle des Weißen Hauses kontrolliert, ausgewählt und der Öffentlichkeit gezielt frei zugänglich gemacht wurde und damit unabhängige Pressefotografien verdrängt (Beiträge Traue, Leser). Es ist damit wahrhaft ein bemerkenswertes Beispiel der politischen Ikonographie der Gegenwart, d.h. der künstlerischen Inszenierung politischer Macht und Herrschaft.

Der Sammelband, der entgegen der Ankündigung im Titel nicht nur die Handgeste Hillary Clinton’s in den Fokus rückt, liefert mit seinen zwölf Beiträgen zwölf verschiedene Sichtweisen auf ein und dasselbe Foto. Trotz unvermeidbarer Wiederholungen bietet jeder Artikel eine eigene methodische Herangehensweise und unterschiedliche Argumentationen, um diesem „Lehrstück politischer Inszenierung“ auf den Grund zu gehen. Der Detailreichtum versetzt den Leser schließlich in die Lage, die unterschiedlichen Bedeutungsschichten des Fotos voneinander trennen und verstehen zu können und sich eine eigene Meinung zu bilden, denn wie die FAZ bereits kurz nach Veröffentlichung des Fotos feststellte: „Die Interpretation dieses Bildes wird nie ganz enden.“

Bibliographische Angaben
Kauppert, Michael / Leser, Irene: Hillarys Hand. Zur politischen Ikonographie der Gegenwart. transcript, Bielefeld 2014, 278 S.

Der Originaltext erschien zuerst in der Zeitschrift Kultursoziologie – Ausgabe 3/2015 „Zeitbrüche im Osten“.

Bildnachweis
Bild 1: Obama and Biden await updates on bin Laden – Public Domain. Auf Wikipedia finden sich auch die Beschreibungen der Personen auf dem Photo.
Bild 2: Situation Room; Autor: Alex Eylar auf Flickr; Lizenz: Creative Commons Attribution-NonCommercial-ShareAlike 2.0 Generic (CC BY-NC-SA 2.0).
Bild 3: AbuGhraib Abuse- Standing on Box. Public Domain.

Von Ikarus bis Zeus

Hochkonjunktur für griechische Mythologie in der EU
von Anne Klinnert

„Bei den Rating-Orakeln von Delphi“, betitelte Zeit Online kürzlich einen Artikel, in dem es heißt: „Wenn Griechenland Sisyphos ist, wird der Grexit zur Herkulesaufgabe. Oder irrt Tsipras wie Odysseus und fällt als Ikarus vom Himmel?“ Der IWF wiederum klagt, man fürchte, die Gelder in ein Danaidenfass, also in ein Fass ohne Boden, zu schütten.

Ohne Kenntnis der griechischen Mythologie kommen wir nicht durch die Berichterstattung der aktuellen Eurokrise, denn mythologische Begriffe haben Hochkonjunktur. Auch darüber hinaus sind sprachbildliche Anleihen aus der griechischen Mythologie in Europa und der EU sehr beliebt. Das ist nicht verwunderlich. Was Europa eint, sind die kulturellen, (rechts-)staatlichen und wissenschaftlichen Errungenschaften der griechischen Antike. Der Großteil der europäischen Kultur- und Geistesgeschichte vollzog sich so auch in der Rezeption und Auseinandersetzung mit diesen antiken Errungenschaften, die dabei in mehreren „Renaissancen“ erfolgte.

So gesehen erweist sich der Rückgriff auf die antiken, insbesondere griechischen Wurzeln Europas als unverzichtbare Orientierungshilfe, denn Griechenland ist und bleibt geistiges Fundament im kulturellen Gedächtnis Europas. Auch die beliebte Verwendung mythologischer Figuren als Namensgeber für die verschiedenen Programme der EU erklärt sich auf diese Weise. Warum auch nicht? Stehen doch mit dem weiterverzweigten Universum der Götter und Heroen unzählige starke Frauen- und Männergestalten mit unterschiedlichen Attributen bereit und selbst der Name „Europa“ geht schließlich auf die von Göttervater Zeus entführte phönizische Prinzessin Εύρώπη zurück.

5 DM Schein mit Europa

5 DM Schein mit Europa 1948

Auf Spurensuche in den heutigen europäischen Institutionen treffen wir auf Triton, die jungfräuliche Jägerin Atalanta, die heilende Althea, Xenios Zeus, Hera, Amazon oder Hermes. Aber diese mythologischen Gestalten sind nicht etwa Namensgeber für Austausch-, Kultur- oder Bildungsprogramme, sondern stehen Pate für militärische Operationen der EU, allen voran ihrer Grenzschutzorganisation Frontex. Ein Beispiel ist die Operation Xenios Zeus, die darauf abzielte, „robust“ gegen irreguläre Migration und Kriminalität in Athen vorzugehen. Zehntausende vermeintlich nicht erfasste Migranten wurden auf den Straßen Athens aufgegriffen, verhaftet und ihre Wohnungen durchsucht. Human Rights Watch dokumentierte ethnic profiling – die diskriminierende Verwendung ethnischer Charakteristiken als Grundlage für Durchsuchungen und Kontrollen – sowie willkürliche Freiheitsberaubung. Pro Asyl sprach gar von einer „Säuberungsaktion“ gegen Flüchtlinge. Mit den Worten des Polizeisprechers im Ohr – „Wir müssen die klare Botschaft aussenden, dass Griechenland keine Arbeitsplätze und keine Gastfreundschaft für potenzielle Einwanderer übrig habe“ – erscheint der Name der Operation makaber bis zynisch. Er steht ja für einen Gott, der Gäste und Gastfreundschaft schützt.

Da gab es die Operation Hera – diese gilt als Geburtsgöttin und Beschützerin der Ehe. Bei der Frontex-Aktion ging es dann um Stacheldrahtzäune, die das Anlanden westafrikanischer Flüchtlinge auf den Kanarischen Inseln verhindern sollen. Die Mitarbeiter der Frontex-Operation Hermes – immerhin Schutzgott des Verkehrs, der Reisenden und der Hirten – befragen Bootsflüchtlinge auf Lampedusa mit dem Ziel, diese wieder in ihre Herkunftsländer zurückzuführen. Die Frontex-Operation Triton – der Meeresgott, der die durch einen Wirbelsturm in der Wüste gestrandeten Seefahrer und ihre Schiffe zurück ins Meer bringt – ersetzt seit Ende 2014 die italienische Seenotrettung mit weniger Budget und geringerer Reichweite (siehe „Politik im Bilde – Das Schiff“).

Herakles kämpft mit Triton

Herakles kämpft mit Triton – Griechische Tondo auf einer Vase

Während die göttlichen Namensgeber den Schutz von Geburt, Ehe, Reisenden, Gästen und des Lebens im Allgemeinen versprechen – zivilisatorische und sozialstaatliche Errungenschaften, für die Europa schließlich auch bekannt ist –, dienen diese Operationen der exklusiven Sicherheit von EU-Bürgern durch Militärpräsenz und den Einsatz von Gewaltmitteln zur Grenzsicherung. Die Namen der wohlklingenden Operationen erwecken somit nicht nur vollkommen falsche Erwartungen; vielmehr sind sie scheinheilig und heuchlerisch.

Für die Namensgebung der nächsten Frontex-Operation empfiehlt sich ein Blick über den großen Teich. So betitelten die USA die Operationen zur Sicherung der Grenze zu Mexiko recht eindeutig u. a. mit „Gatekeeper“ (dt.: Torwächter), „Blockade“ oder „Hold the Line“ (dt.: die Stellung halten). Drin ist, was draufsteht. Ein noch besseres „Beispiel“ in Sachen direkte und unmissverständliche Flüchtlingspolitik liefern die australischen Kollegen. Seit 2013 soll die Operation „Souveräne Grenzen“ die Einreise von Flüchtlingen auf dem Seeweg verhindern. Für das Programm, das international unter dem Titel „Stoppt die Boote“ bekannt ist, hat die australische Regierung sogar Info-Plakate gedruckt. Auf diesen ist zu lesen: „No Way. You Will Not Make Australia Home“ (dt.: Niemals. Sie werden Australien nicht zu Ihrem Zuhause machen.“). Während der australische Premier Abbott der EU im April Nachhilfe in Sachen Grenzschutz anbot, weil in Australien seit 18 Monaten kein Boot mehr angekommen sei, berichten Soldaten der Royal Australian Navy von kilometerlangen Leichenketten außerhalb australischer Gewässer.

Dieses Angebot hat die EU glücklicherweise nicht angenommen. Stattdessen wurde eine Ausweitung der Such- und Rettungsaktivitäten nach Flüchtlingsbooten, die Verdopplung der Mittel für die Seenothilfeprogramme, die Beschlagnahmung von Schlepperschiffen und die Aufnahme von 5.000 bis 10.000 Flüchtlingen beschlossen. Sollte dies ein erster Schritt in Richtung eines menschenwürdigeren Umgangs mit Flüchtlingen sein, kann sich auch die phönizische Prinzessin Europa wieder wohl in ihrer neuen Heimat fühlen, deren Namensgeberin sie war. Schließlich kam auch sie von einem anderen Kontinent.

Der Beitrag zur Rubrik „Politik im Bilde“ erschien zuerst in WeltTrends Nr. 106 “Helsinki 40+”.

Bildnachweis
1. Geldschein: Deutsche Bundesbank bzw. Bank deutscher Länder – Datei von Wikimedia-Commons; Gemeinfrei.

2. Griechisches Tondo: Autor: MCAD Library; Hochgeladen von Marcus Cyron – Datei von Wikimedia-Commons – Creative Commons Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0).

Macht der Bilder – Ikonen der Politik

„Die Macht der Bilder wird immer noch gefürchtet.“
Herlinde Koelbl über Ikonen in der heutigen Politik

Ein Soldat hisst im Mai 1945 die sowjetische Flagge auf dem Berliner Reichstag, ein NVA-Soldat springt am 13. August 1961 in Berlin über den Grenzstacheldraht in den Westen, ein nacktes Mädchen läuft am 8. Juni 1972 nach einem Napalmangriff nahe Saigon schreiend eine Straße entlang, ein Gefangener steht 2003 mit einer Kapuze über dem Kopf und verkabelt mit Drähten auf einer Kiste im Gefängnis von Abu Ghraib im Irak.

Folter in Abu Graib

Folter in Abu-Ghraib

Jeder kennt diese Fotos. Sie sind moderne Ikonen (russ. ikona: Kultbild der Darstellung heiliger Personen oder ihrer Geschichte), die im kollektiven Gedächtnis abgespeichert sind. Sie reduzieren die Ereignisse (Ende des Zweiten Weltkrieges, Mauerbau, Vietnamkrieg, Irakkrieg) auf ein einziges Bild. Über solche Ikonen und ihre Bildmacht sprach am 11. Mai die Fotografin Herlinde Koebl auf einer Veranstaltung der Heinrich Böll Stiftung in Berlin über Ikonen und die Bildmacht in Zeiten der Hyperöffentlichkeit. Sie wurde u. a. durch ihre Langzeitstudie „Spuren der Macht. Die Verwandlung des Menschen durch das Amt“ bekannt.

Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit ein Foto zur Ikone wird? Nach Koelbl müssen sie eine allgemein gültige, über den Moment hinausgehende gesellschaftliche Aussage haben, d.h. zu Symbolen für fundamentale Anliegen des Menschen werden, wie Liebe, Tod, Leid und Demut. Sie müssen eine Geschichte erzählen, starke Gefühle auslösen, sichtbar gemacht und immer wieder gezeigt werden. Angesichts der unermesslichen Produktion von Bildern in unserer heutigen Zeit stellt sich die Frage, ob in der Politik überhaupt noch Bilder erzeugt werden, die dieses Potential haben. Die Gleichzeitigkeit von Ereignis, Sendung und Sehen eines Bildes haben den Blick flüchtiger werden lassen, so Koelbl. Politische Bildikonen entstehen daher seltener. Dennoch wird die Macht der Bilder von Militär, Politik und Wirtschaft noch immer gefürchtet. Um sie zu kontrollieren, wird die Bildproduktion gezielt gesteuert.

Seit dem Vietnamkrieg weiß die Politik um die Macht der Bilder. Die Veröffentlichung von Informationen und Fotos über das Massaker von Mỹ Lai hatte maßgeblichen Einfluss auf die öffentliche Meinung in den USA und half, den Krieg zu beenden, so Koelbl. Diesen Fehler wollte man im 1. Irak- und im Afghanistankrieg nicht begehen, sodass nur wenige Journalisten zugelassen wurden. Im Ergebnis blieben vor allem technische Bilder dieser Kriege im Gedächtnis. Da den Medien (und den Militärs) diese Art der Berichterstattung nicht ausreichte, gibt es seit dem 2. Irakkriegembedded journalists“, die einer kämpfenden Militäreinheit zugewiesen werden.

Barack Obama und sein Militärstab betrachten die Exekution Osama-bin-Ladens

Barack Obama und sein Militärstab beobachten die Exekution Osama-bin-Ladens

Die Entstehung von Ikonen erfolgt nicht geplant, sondern ist häufig dem Zufall und der Intuition des Fotografen überlassen. Will die Politik auf diesen Prozess Einfluss nehmen, muss sie Anzahl und Urheber der Bilder deutlich verringern. Ein Beispiel, bei dem diese Strategie zu 100 Prozent aufgegangen sei, so Koelbl, ist das eine Foto, welches von der Tötung Osama bin Ladens – deren Verlauf und Umstände derzeit durch Enthüllungen des US-Journalisten Seymour Hersh infrage gestellt werden – im Mai 2011 im kollektiven Gedächtnis verbleiben wird: Präsident Obama, Vizepräsident Joe Biden und Hillary Clinton sitzen im Situation Room des Weißen Hauses und schauen gebannt auf einen Bildschirm, den der Betrachter nicht sehen kann. Das Foto blendet die Folgen der staatlich angeordneten Tötung völlig aus und versetzt uns in sichere Distanz zum Geschehen. Es dient somit nicht der Vermittlung von Fakten, sondern der Inszenierung, Legitimation und Sicherung der Macht. Schließlich gilt mit Antoine de Saint-Exupéry „Jedes starke Bild wird Wirklichkeit“.

Der Beitrag zur Rubrik „Politik im Bilde“ erschien zuerst in WeltTrends Nr. 104 “Goodbye Neutralität?”. Die Autorin Anne Klinnert ist Redakteurin der Zeitschrift WeltTrends, Politikwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin.

Aktuell zum Thema
Wenn sich politisch-ökonomische Situationen zuspitzen, entstehen aus ihnen neue machtvolle Bilder. Derzeit sind es die Bilder des toten Flüchtlings-Jungen am Stand von Bodrum (Türkei). Es könnte ebenfals zu einer „Ikone“ werden.

Bildnachweis
Bild 1: AbuGhraib Abuse- Standing on Box. Public Domain.
Bild 2: Obama and Biden await updates on bin Laden – Public Domain. Auf Wikipedia finden sich auch die Beschreibungen der Personen auf dem Photo.

Die Sonne

Vom Herrschergleichnis zur Herrschaftsalternative

Will man eine neue politische Bewegung gründen, stellen sich viele Fragen, so z. B. die nach einem geeigneten Symbol. Ein beliebtes und vielfach genutztes ist die Sonne, vor allem die aufgehende. Zwei Organisationen, die recht unterschiedliche Ziele verfolgen, nutzen dieses Symbol, konkret die Morgenröte. Diese steht für Hoffnung, Jugend, Fülle an Möglichkeiten und den Neuanfang.

Amaterasu die japanischen Göttin des Lichts steigt aus einer Höhle von Shunsai Toshimasa

Amaterasu die japanischen Göttin des Lichts steigt aus einer Höhle von Shunsai Toshimasa

Dieser Symbolik bedient sich heute einerseits die neonazistische griechische Partei Goldene Morgenröte (Chrysi Avgi), die während der Krise an Zustimmung gewann und 2012 erstmals ins griechische Parlament einzog. Der Name beinhaltet das Versprechen einer glorreichen Wiederauferstehung Griechenlands, aber ohne Einwanderer, Homosexuelle und Liberale sowie unter Ausweitung der Staatsgrenzen. Ein aktuelles Beispiel im linken Spektrum ist die 2004 von Venezuela und Kuba gegründete Bolivarische Allianz für die Völker unseres Amerika (Alianza Bolivariana para los Pueblos de Nuestra América, ALBA). Das Akronym ALBA bedeutet Mordendämmerung und steht für ein solidarisches Staatenbündnis als Alternative zu der von den USA geplanten gesamtamerikanischen Freihandelszone ALCA. Das Symbol der Sonne findet sich entsprechend auch im Emblem des Bündnisses wieder.

Emblem der Bolivarische Allianz für die Völker unseres Amerika

Emblem der Bolivarische Allianz für die Völker unseres Amerika

Aufgrund der Allgegenwart und eingängigen Symbolik dient die Sonne seit Jahrtausenden als Projektionsfläche für politische Zwecke. Mit vielen positiven Assoziationen verknüpft (Hoffnung, Glück, Vollkommenheit), gilt sie als schöpferische Kraft und steht im Mittelpunkt von allem. Viele Naturvölker und frühe Hochkulturen, wie die Azteken oder die Ägypter, verehrten die Sonne als Gott und verbanden den Sonnen- mit dem Herrscherkult. So gilt die Sonnengottheit Amaterasu (siehe Abbildung) im Shintoismus als Urahnin des japanischen Kaisers und auch der iranische Gott Mithra sowie sein römischer Nachfahre Mithras galten als Sonnengötter. Letzterer trug häufig den Beinamen Sol invictus (lat. der unbesiegte Sonnengott) und diente den römischen Kaisern ab dem 3. Jahrhundert n. Chr. als Instrument der Herrschaftslegitimation, als Symbol für Dauerhaftigkeit und Garant der Weltherrschaft. Die Christianisierung Europas und Kleinasiens beendete zunächst den Sonnenkult, jedoch unter gezielter Übernahme zentraler Daten und Symboliken desselben. So gilt heute als erwiesen, dass die Christen den 25. Dezember als Feiertag für Sol invictus schließlich als Geburtstag Jesu übernahmen. Aufgrund der christlichen Vereinnahmung des Sonnengleichnisses „wird der Sonnenmythos erst wieder in der frühen Neuzeit zur Staatsutopie“[1]. So wurde Friedrich II. von Hohenstaufen, römisch-deutscher Kaiser von 1220 bis 1250, in Anlehnung an den byzantinischen Kaiserkult als Sol mundi (Sonne der Welt) gepriesen. Neben einer Reihe anderer Könige, die sich der Sonnenikonografie bedienten[2], ist Ludwig XIV. von Frankreich als Sonnenkönig im Gedächtnis verblieben. Personenkult, Inszenierung sowie sein gesamter Tagesablauf waren dem Weg und der Wirkung der Sonne gleichgesetzt.

Gemälde von Hyacinthe Rigaud - Porträt des französischen Königs Ludwig XIV.

Gemälde von Hyacinthe Rigaud – Porträt des französischen Königs Ludwig XIV.

Auch Nationalsozialisten und Rechtsextreme nutzen die Sonne politisch. So ist das Hakenkreuz vom Symbol des Sonnenrades abgeleitet. Der Umschlagentwurf der Erstausgabe von „Mein Kampf“ zeigt eine wehende Hakenkreuzfahne als Mittelpunkt einer strahlenden Sonne, die den „Sieg des Lichts“ (arische Weltanschauung) über die Mächte der Finsternis symbolisiert. Die griechische „Morgenröte“ nimmt darauf Bezug, wobei deren Anführer die Sonne heute aus vergitterten Fenstern bewundern dürfen. Da bleibt nur, mit Fontane zu schließen: „Manche Hähne glauben, dass die Sonne ihretwegen aufgeht.

Der Beitrag zur Rubrik „Politik im Bilde“ erschien zuerst in WeltTrends Nr. 102 “Nukleare Abrüstung heute”. Die Autorin Anne Klinnert ist Redakteurin der Zeitschrift WeltTrends, Politikwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin.

Fußnoten

[1] Toman, Rolf (2007): Die Kunst des Barock. Architektur, Skulptur, Malerei. Ullmann, Köln, S. 138.
[2] Unter ihnen sind in Frankreich: Karl V., Karl VI., Karl IX., Ludwig XIII., Napoleon; in Spanien: Philipp II., Philipp IV., in Deutschland (HRR): Maximilian I. und Karl V.

Bildnachweise

Abb. 1: Gemeinfrei – Public Domain.
Abb. 2: Erstellung durch Enigmaticland. Gemeinfrei – Public Domain.
Abb. 3: Hyacinthe Rigau (1659-1743)Porträt des französischen Königs Ludwig XIV.
von http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

Das Schiff

Vom Staatsschiff zum Schleuserboot

In der Ägäis „schlingert das griechische Staatsschiff“ nach der Wahl von Ministerpräsident Alexis Tsipras ins Ungewisse, das „havarierende Staatsschiff“ Italien müsse endlich Reformen realisieren, bei der Präsidentschaftswahl im Dezember 2014 entschied sich, „wer das schwankende tunesische Staatsschiff in den nächsten fünf Jahren steuern wird“ und das russische Staatsschiff hat ein „Wendemanöver in Richtung Osten“ begonnen.

Das Schiff Europa

Das Schiff Europa. Plakat Marshall-Funds 1950.

Das Schiff ist ein beliebtes Motiv, wenn es darum geht, Macht und Herrschaft zu inszenieren. In der politischen Ikonographie gehört das Schiff sicherlich zu einem der ältesten Gegenstände. Bereits in der Antike bemühte Platon in seiner Schrift Politeia (Der Staat) das Bild vom Staatsschiff als Analogie zur Polis, die der Philosophenkönig als Kapitän sicher in den richtigen, weil sicheren Hafen lenkt. Das Schiff dient seither immer wieder der Repräsentation des Staates bzw. seiner Lenkung und symbolisiert damit auch die „Geschicke und Gefährdungen des Gemeinwesens und die Probleme seiner Steuerung.“[1] Das Schiffsmotiv lässt sich weiterdenken und auf die Bürger als Besatzung übertragen. Eine andere Position ist die des Lotsen. Mit Letzterer spielte eine der bekanntesten Karikaturen, in dem sie den Rücktritt von Reichskanzler Otto von Bismarck als Abgang vom (Staats)Schiff inszeniert (s. Historie in dieser Ausgabe). „Dropping the Pilot“, im Deutschen zumeist mit „Der Lotse geht von Bord“ übersetzt, erschien 1890 in der britischen Satirezeitschrift Punch.

Bismarck tritt zurück - Kariaktur von John Tenniel

„Der Lotse geht von Bord.“ Bismarck verläßt das Staatsschiff. Karikatur von John Tenniel.

Das Motiv des Schiffes stand auch für die Erschließung politischer Einflussbereiche und gerade im Zeitalter der Entdeckungen ab dem 15. Jahrhundert für eine Expansionspolitik und die Territorialisierung sogenannter „weißer Flecken“ auf der Karte.

Die bildende Kunst hat natürlich auch das Motiv des „Schriffbruchs“ in ihrem Repertoire. In entsprechenden Gemälden stehen sich Schönheit und Schrecken gegenüber, verbunden mit der Hoffnung auf eine Stabilisierung der (politischen) Verhältnisse nach dem Sturm.

Diese bisher mit dem Schiff verknüpfte Symbolik von Souveränität scheint angesichts der aktuellen Bilder von Flüchtlingsbooten nicht mehr zu greifen. Denn die Symbolik ist plötzlich eine ganz andere. Auf überfüllten Booten dominiert das Gefühl des Ausgesetztseins in der feindlichen und unzivilisierten Sphäre des Meeres. Der Glaube der Flüchtlinge, die Tausende von Dollar für die Reise in eine unbekannte Zukunft gezahlt haben, ist, dass das Staatsschiff Europa sie aufnehmen wird. Doch aus dem Staatsschiff ist eine Festung geworden. Frontex, die Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Europäischen Union, hat am 1. November 2014 die Grenzschutz-Mission Triton zur Überwachung der Küstengewässer vor Italien übernommen. Während Italien nach dem Unglück von Lampedusa eine eigene Mission (Mare Nostrum) ins Leben gerufen hatte, deren knapp einjährige Bilanz ca. 140.000 gerettete Menschenleben umfasst und Italien monatlich knapp 9 Millionen Euro kostete, will die Triton-Mission mit einem Drittel des Budgets vor allem die Grenzen sichern. Mit nun 30 statt der vorher 160 Seemeilen Reichweite der Mission steht eines fest: „Noch mehr Tote sind die absehbare Folge.“[2] Das Motiv des Staatsschiffes greift dann doch wieder: In der umgekehrten Logik sind „Schiffbrüchige die von der Ordnung des Gemeinwesens Ausgeschlossenen und Ausgestoßenen.“[3]

 cayuco approached by a spanish coast guard vessel

Flüchtlingsboot vor der spanischen Küste. Im Hintergrund ein Schiff der spanischen Küstenwache.

Der Beitrag zur Rubrik „Politik im Bilde“ erschien zuerst in WeltTrends Nr. 101 “Der Kurdische Knoten”. Die Autorin Anne Klinnert ist Redakteurin der Zeitschrift WeltTrends, Politikwissenschaftlerin und Kunsthistorikerin.

Leseempfehlung

Fußnoten

[1] Wolff, Vera (2011): Schiff. In: Fleckner, Uwe / Warnke, Martin / Ziegler, Hendrik (Hrsg.): Handbuch der politischen Ikonographie. Beck, München, S. 326.

[2] Pro Asyl (2014): Europas Schande. „Triton“ und „Mare Nostrum“ im Vergleich.

[3] Wolf (2011), S. 326.

Bildnachweise

Abb. 1: Economic Cooperation Administration (Behörde der US-Regierung; 1950): Werbeplakat für den Marshall Funds. Gemeinfrei – Public Domain.
Abb. 2: Tenniel, John (1890): Der Lotse geht von Bord. Punch. Gemeinfrei – Public domain.
Abb. 3: Noborder Network: Cayuco approached by a spanish coast guard vessel. Creative-Commons-Lizenz Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0).