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Hieronymus Bosch (1450 – 1516) – der Unbekannte

In ’s-Hertogenbosch (heutige Niederlande) wird Hieronymus Bosch als jüngstes von fünf Kindern einer bekannten Malerfamilie geboren. Bosch folgt dieser Tradition. Später heiratet er eine Patriziertochter, verkauft/verpachtet ein Stück ihres Landes und tritt der „Bruderschaft unserer lieben Frau“ bei. Kaum mehr ist über Bosch bekannt, da weder er noch seine Familie Tagebücher, Briefe oder andere Schriften hinterließen. Nur seine Gemälde und Zeichnungen geben uns Auskunft.

Hieronymus Bosch - Portraet

Hieronymus Bosch – Portraet

Insgesamt werden ihm mindestens 25 erhaltene Werke sowie einige Zeichnungen zugerechnet.[1] Die tatsächliche Anzahl ist unbekannt. Diese Unsicherheit resultiert einerseits aus den mangelnden Aufzeichnungen sowie seiner Arbeitsstruktur. Bosch übte die Malerei als Beruf aus – nicht als Hobby. Die Auftragsarbeiten fertigte er teils in seinem Atelier, teils zusammen mit seinem Vater, Brüdern, Lehrlingen und Angestellten in der familieneigenen Werkstatt. Gemeinsames Arbeiten an Gemälden war üblich und nur selten erfolgte eine eindeutige Signierung. Die damaligen Käufer, wie beispielsweise die Gräfin Mencía de Mendoza, akzeptierten die Ideenfindung des Meisters. Ob es auch tatsächlich von ihm persönlich erarbeitet wurde, war nicht von Belang. Selbst beim einzigen Selbstporträt ist weder völlig sicher, ob es Bosch zeigt noch ob es aus seiner Hand stammt.

Dornenkroenung

Die Dornenkroenung – Stammt mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von Hieronymus Bosch

Andererseits gestalten sich die Werkvergleiche schwierig, da die meisten Gemälde seiner Familie die Zeit nicht überdauerten. Die meisten Kunden waren Bürgerliche und Adlige. Gingen die Familien unter, verschwanden auch meist die Bilder. Fast nur die Gemälde in den Kirchen und staatlichen Gebäuden überdauerten, da diese Institutionen sie pflegten. Auch kursiert so manche Imitation seiner Werke. In den 1930er Jahren zählte die Kunstwelt noch 41 Gemälde zu den Bosch-Originalen. Erst mit den modernen Analysen des späten 20. Jahrhundert konnten viele Fälschungen aufgespürt werden. So datierten Forscher Gemälde wie die „Dornenkrönung“ oder „Ecce Homo“ anhand der Jahresringe der hölzernen Bildrahmen eindeutig auf Jahrzehnte nach dem Tode Boschs.[2]

Fußnoten
[1] Knöfel, Ulrike: Teufelskerl; spiegel 32/2016, S. 118.

[2] Fleming, Dorothee von: Jahresringe lügen nicht; Handelsblatt Wochenendausgabe 22.09.2001, S. G 3

Bildnachweise
Bild 1: Portraet Hieronymus Bosch. Lizenz: Gemeinfrei.
Bild 2: Die Dornenkrönung. Originaldatei: zeno.org. Lizenz: Gemeinfrei.

Demokratische (IT)-Gesellschaft

Dieser Beitrag ist eine Replik auf einen Artikel von Felix Bartels: Der lange Arm von Bitterfeld.
Herr Bartels veröffentlichte diesen sowohl auf seinen Blog als auch in der Zeitung neues deutschland vom 28. März 2015.

1. Entwicklung irreversibel
Die „gute“ alte Zeit des Papiers ist Vergangenheit. Konservative Teile der Gesellschaft weinen ihr noch nach – aber die Mehrheit der Jugend hat entschieden. Sie liest und schreibt digital. Wer sie erreichen will, muss ihr in das Internet mit seinen E-Books, Blog-Post und Instant-Messages folgen. Gesellschaftliche Diskurse außerhalb des digitalen Netzes verlieren mit dem Generationswechsel an Stellenwert. Ein Publikum jenseits kleiner Zirkel der Selbstbespaßung wird ohne dieses Medium nicht mehr erreicht.

Online Ranking Medienunternehmen

2. Machtverlust der Verlagszensoren
Zum Glück schwächt sich mit dem Aufstieg der neuen Techniken die Zensur klassischer Medienunternehmen, genannt Verlage und ihrer Lektoren-Söldner, ab. Die Vorab-Aussortierung von Werken unter kommerziellen aber auch ideologischen Aspekten wird geringer. Die Publikation in einem Verlag stellt nur noch eine Option neben Selfpublishing, Social-Media-Plattformen sowie Blogs dar.

3. Wandlung der Gatekeeper
Die Torwächter verschwinden nicht. Die Gewichtungen – Rankings – der Suchmaschinen und die Filter der Sozialen Netzwerke stellen alte Selektion im neuen Gewand dar. Auch die begrenzte Zeit der Nutzer angesichts einer Informationsüberflutung führt zu einer Ausblendung einer wachsenden Anzahl von Werken. Das Geschäftsmodell der Medienkonzerne verändert sich. Nicht mehr Fremd-Auswahl steht im Zentrum sondern Erstellung durch Nutzer und Verlinkung vielfältiger Inhalte. Alles unterliegt einer Speicherung, um, wenn es für Leser und Profiteure relevant wird, verfügbar zu sein. Die Breite des Angebots und damit auch die Varianten der Partizipation erweitern sich.

4. Freiheit der Autoren
Diese Vielfalt öffnet für Rezipienten und Kreative neue Freiheiten wie auch neue Herausforderungen. Insbesondere der Prozess der Werkerstellung wird komplexer. Den E-Books oder Blogeinträgen Seele zu geben, sie zu gestalten und ihnen Einzigartigkeit zu verleihen, erfordert neue Fähigkeiten. Die Trennung zwischen Text, Grafiken/Bildern, Videos und Musik hebt sich auf. Die Ausdrucksmöglichkeiten potenzieren sich. Der Bleiwüsten-Autor erreicht immer weniger Publikum, da er in den Strukturen des Papierzeitalters denkt und schafft. Neue, zwischen den Medien wandelnde Gestalter dominieren. Einer Anforderung, der viele Autoren nicht gewachsen sind. Aber sollen wir „Künstlern“ nachtrauern, die mit dem Ruf „Früher war alles besser“, sich wandelnden Zeiten, neuartigen Kommunikationstechniken und letztlich neuem Denken verweigern?

5. Publikumsignoranz der Geldeliten
Erfolgreiche Autoren waren oft Persönlichkeiten, die sich aktiv in die Gesellschaft einbrachten, vielfältige Formen der Kunst ausprobierten und den Genüssen des Weltverkehrs frönten. Dazu gehört sich an Mäzene, Lobbygruppen und dem Publikum auszurichten. Gesellschaftliche Irrelevanz füllt den Kühlschrank nicht. Wer kann die Fahne der Unkorrumpierbarkeit schon hochhalten? Hauptsächlich die Kinder des Geld-Adels.

6. Demokratisierung der Kommunikation
Die digitale Technik erleichtert die Erstellung, Speicherung und Verbreitung jedweder Information. Insbesondere die finanziell-materiellen Hürden sinken deutlich. Dadurch gelingt eine Öffnung gesellschaftlicher Diskurse. Nicht nur Eliten sondern auch breite Schichten der Bevölkerung können teilhaben und selbst erschaffen. Das ist eine der revolutionärsten Umwälzung der neuen Medien. Die etablierten gesellschaftlichen Filter wie Geld, Status und Herkunft verlieren an Bedeutung. Die „professionellen“ Autoren der etablierten Eliten sehen sich einer „Laien“-Konkurrenz der Mittel- und Unterschichten ausgesetzt, der sie partiell unterliegen. Wirtschaftlich und politisch erfolgreich ist, was die Menschen konsumieren, nicht das, was selbsternannte Eliten für wichtig halten. In der Vor-Internet-Welt stellte sich dieses Problem nicht. Es dominierten die Werke der Mächtigen. Jetzt existieren sichtbare und wirkmächtige Alternativen. Die Möglichkeit einer breiten Partizipation entsteht. Ein neuartiger Aufbruch, ein andersartiger “Bitterfelder Weg“, der gestärkt werden sollte.

Kunstwerk des Eintrages
Francisco José de Goya y Lucientes (1746-1828)Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer
von http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

Goya - Der Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer

„Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“ ist die bekannteste Radierung Francisco de Goyas.
[…] Im vom Krieg mit dem napoleonischen Frankreich zerrütteten Spanien der vorletzten Jahrhundertwende war die Frage von Brisanz, ob die „Abwesenheit“ der Vernunft oder der Traum vollkommener Vernunft mehr Unheil anrichtete. […] Quelle: Nehrkorn, Stefan: Goyas Traum der Vernunft gebiert Ungeheuer. 78. Sitzung der HUMBOLDT-GESELLSCHAFT BERLIN am 16.03.99; Humboldt Gesellschaft.

Salvador Dalí – Drogen und Wahn

von Kai Kleinwächter

Letzten Donnerstag besichtigte ich die Salvador Dalí Ausstellung in Berlin. Die bizarre Kunstwelt Dalís bewegt, gibt vielfältige Denkanstöße und wirft Fragen auf:

War der Künstler drogeninspiriert und wahngeleitet?

1. Antwort: Arbeitspensum

Die Größe des Werkes von Dalí besteht auch darin, dass er eine erstaunliche Vielfalt von Techniken, Materialien, Stilen und Präsentationsformen nutzte – Kaltnadelradierungen auf Kupferplatten („Gretchen“, „Reiter und Tod“), Ölfarben („Junges Mädchen am Fenster“*), Skulpturen aus verschiedensten Materialien („surrealistischer Engel“), Filme („Destino“) … Das trotzdem „Dalí“ erkennbar bleibt, zeugt vom Niveau seines Könnens.
Dahinter stehen Arbeitsintensität und Disziplin. Beides zerfällt im Rausch. Dalí ging nur wenig zu Feierlichkeiten, sprach Alkohol als auch Essen nicht übermäßig zu und führte ein extrem arbeitsreiches Leben. Die mit dem Reichtum ab den späten 1950er Jahren erbauten Traumschlösser für sich und seine Frau waren Rückzugsorte – keine Plätze orgiastischer Veranstaltungen.

2. Antwort: Freie Assoziation

Zentral für gestalterische Leistungen sind Kreativitätstechniken. Beispielsweise entwickelten Dalí und Luis Buñuel durch die Technik des „automatischen Schreibens“ das Skript zum Kurzfilm „Ein andalusischer Hund“. Eine prägnante Beschreibung des Entstehungsprozesses findet sich im ansprechendem Begleitheftchen zur Ausstellung.
Um mit diesen Techniken des Geistes Neues hervorbringen, muss sich der Schaffende von gesellschaftlich „aufgezwungenen“ Gedankengängen befreien. Dazu zählt nicht nur der simple Bruch mit gesellschaftlichen Tabus. Im Gegenteil, wer nur gegen etwas kämpft, ist dessen Sklave. Oder: Feuchte Porno-Romane emanzipieren keine Frauen.

Drogen zerstören Kreativ-Prozesse. Die durch sie hervorgerufenen Impressionen lassen sich nicht lenken und bestehen vor allem aus langweiligen Wiederholungen. Die Antwort einer „Ausweitung des Konsums“ führt dann zum Verfall des Menschen. Nicht er steuert die Drogen, sondern diese ihn. Ein Künstler der mit Drogen seinen Assoziationen nachhelfen muss, beerdigt seine Innovationskraft.

3. Antwort Ideenaufnahme

Dalí entwickelte vor allem zwei „Techniken“ der Ideenaufnahme.

Einerseits umgab er sich gezielt mit inspirierenden Menschen – Picasso, Freud, Stefan Zweig, Mary Phelps Jacob … Es zählten aber auch Menschen dazu, die ihm (unkreative) Arbeiten abnahmen. Damit erhielt er Zeit sich um seine Kunst zu kümmern. Vor allem seine Frau Elena Diakonova übernahm lange die Tätigkeiten eines Managers, PR-Beraters und „Lektoraten“. Ihr Anteil an seiner Kunst ist – wie bei vielen Künstlern, bei denen die Frauen als „Musen“ abgetan werden – nicht zu unterschätzen.
Ab den 1960er Jahren beschäftigte das Ehepaar Dalí Manager für den Vertrieb der Merchandising-Artikel. Die durch professionelles Marketing vorangetriebene heftig kritisierte „Kommerzialisierung“ Dalís war keine Fehlentwicklung, sondern brachte seine Kunst voran und trug wesentlich zu seiner Berühmtheit bei. Moderne Gesellschaften sind Massengesellschaften. Entsprechend bleiben die, die für alle Schichten der Bevölkerung wirken und nicht nur für selbsternannte Eliten.

Andererseits lehnte sich Dalí immer wieder an berühmte Künstler und Werke an. Er ist angeregt von Hieronymus Bosch wie auch von Dürer und Velasquez. In der Dalí-Ausstellung finden sich „versteckte“ Bezüge zu diesen Malern. Die Entdeckung lohnt sich. Gleichzeitig zeigt die Ausstellung brillant, wie intensiv Dalí zeitlose und gegenwärtige Gedankenwelten nutzt und verfremdet – „Alice im Wunderland“, „Die göttliche Komödie“, „Tristan und Isolde“, „Faust“, Silbermedaillen für Olympia, Adenauer und Israel sowie „Hitler Masturbierend“*…

Damit gelingt es sowohl Liebhabern anderer Kunstströmungen als auch weniger Kunstinteressierten leichter in Dalís-Werk einzutauchen. Modern ausgedrückt nutzte er andere Marken, um den Wert und das Interesse an der Supermarke „Dalí“ zu steigern.

Unbestritten helfen (Alltags-)Drogen bei der Kontaktaufnahme mit Menschen. Aber unter Drogeneinfluss können Impulse von anderen Menschen kaum „gespürt“ werden. Man ist sich und der Droge genug – vereinsamt und verkümmert. Übertriebener Drogengenuss schreckt gerade Leistungsträger ab. Die Kooperationspartner Dalís wollten und erhielten kommerziellen Erfolg, künstlerische Weiterentwicklung oder sozialen Status. Ein Drogenkranker wäre hier gescheitert.

Zusammenfassung

Vielfältigste Kontakte und das Einlassen auf andere Symbolwelten – letztlich auf Marken – versorgten Dalí mit unterschiedlichsten Ideen. Aus diesen entstanden durch Kreativitätstechniken, durch Verdichtung, Neukombination und Verfeinerung immer neue Assoziationen. Intensivste Arbeit und künstlerische Weiterentwicklung schaffen ein geniales Werke. Aus dieser Vielfalt bildete sich ein qualitativ hochwertiges Extrakt – das künstlerische Erbe Dalís.

Nahm Dalí Drogen? Als Mensch – vielleicht, ist aber uninteressant.
Als Künstler – nein. Sie hätten sein künstlerisches Schaffen beendet.
Dalí formulierte einst: „Ich nehme keine Drogen. Ich bin die Droge.“

War Dalí „Wahn-sinnig“?
Ja! … Und deshalb ist er einer der Größten im Olymp der Kunst!

Ein Besuch der Ausstellung ist lohnend.

* Diese Werke sind leider nicht Bestandteil der Ausstellung ;(

Kunstwerk des Eintrages

Hieronymus Bosch (1450-1516): Baum-Mensch in einer Landschaft
von http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

Gemälde Hieronymus Bosch - Baum-Mensch in einer Landschaft