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Von Vater Staat zu Mutter Merkel?

von Anne Klinnert

Thomas Hobbes - Buchcover Leviatan

Staatsgebiet, Staatsvolk, Staatsgewalt, so wird verkürzt der moderne Staat charakterisiert. Aber wie lassen sich diese Merkmale zu einem Bild vom Staat zusammenfügen? Eine frühe und bis heute noch prägende Form bekam der Staat in der Illustration auf dem Buchdeckel einer Schrift aus dem Jahre 1651. „Leviathan“, so der Titel des Buches, mit dem der englische Philosoph Thomas Hobbes den modernen (autoritären) Staat als „sterblichen Gott“ begründete. Hobbes griff dabei auf die Metapher des Körpers zurück. Der Staat ist eine kolossale Person; ihr „Körper“ besteht aus zahllosen Menschen. In der rechten Hand hält sie ein Schwert, das die weltliche Macht symbolisiert, in der linken Hand den Krummstab als Symbol der geistlichen Macht. Die „bis heute unübertroffene Visualisierung“ des Staates zeigt die freiwillige Unterordnung der Bürger unter einen übermächtigen Souverän, um dem „Krieg aller gegen alle“ ein Ende zu machen. Der Staat ist hier ein absoluter.

Deutlich älter sind die Fresken über „die gute und die schlechte Regierung“ im Rathaus von Siena, die Ambrogio Lorenzetti Mitte des 14. Jahrhunderts schuf. Die Komplexität von Regierung wird dadurch deutlich, dass der Staat hier nicht nur in einer Person dargestellt wird, sondern in einer Vielzahl an Allegorien. So gesellen sich zu einer Gestalt mit Zepter und Schild die Tugenden Glaube, Liebe, Hoffnung sowie die Kardinaltugenden Gerechtigkeit, Tapferkeit, Weisheit und Mäßigung. Schließlich tauchen auch die Bürger im Fresko auf, die durch eine Schnur sinnbildlich mit der Herrscherfigur sowie der Gerechtigkeit (Justitia) verbunden sind.

Fresko Ambrogio Lorenzetti - Allegorie des guten Regierens

Ambrogio Lorenzetti – Allegorie des guten Regierens

Was im Fresko der guten Regierung mit der Nebenfigur der Justitia angedeutet wird, aber beim Leviathan fehlt, ist die Selbstbegrenzung staatlicher Macht. Die um das Prinzip der Gewaltenteilung erweiterte Idee vom Staat erschwerte aufgrund der Komplexität die bildliche Darstellung, weshalb sie immer abstrakter wurde. Eine beliebte Bildmetapher ist beispielsweise die des Staatsschiffes, denn die einzelnen Schiffsteile konnten mit Organen und Funktionen des Staates verglichen werden.

Zudem übernahm Architektur die Aufgabe, als Metapher des Staates zu dienen. Der Bundestag in Berlin gilt mit seiner transparenten und begehbaren Kuppel von Sir Norman Foster als Beispiel für solche Staatsarchitektur. Es heißt, mit der Kuppel gab der Architekt dem (deutschen) Leviathan seinen Kopf wieder. Er hat dabei jedoch die Hierarchie verkehrt, denn die Kuppel wurde zum Aussichtspunkt der Bürger auf das Parlament. Die Transparenz der Kuppel kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Entscheidungen zum Teil hinter verschlossenen Türen und gegen den Willen der Mehrheit der Bevölkerung getroffen werden, wie jüngst die Entscheidung für eine Beteiligung der Bundeswehr am Syrieneinsatz zeigte.

Thomas Schutte - Vater StaatEine noch heute geläufige Metapher ist die vom „Vater Staat“. Der Staat wird als männliche, väterliche Führungsfigur dargestellt, die einerseits als Zuchtmeister gefürchtet, andererseits als fürsorglicher Vater geehrt wird. Diese Vorstellung bildet treffend die obrigkeitsstaatliche Vorstellung vom Staat im 19. und frühen 20. Jahrhundert ab. Die Metapher wurde vom Bildhauer Thomas Schütte im Jahr 2010 in einer Bronzefigur umgesetzt. Die imposante Figur von 3,70 Metern Höhe zeigt einen älteren Mann mit strengem Gesichtsausdruck, dessen Arme in seinem Mantel verknotet sind. Vater Staat wirkt dadurch handlungsunfähig. Da Angela Merkel im Entstehungsjahr der Skulptur bereits fünf Jahre als erste Bundeskanzlerin im Amt war, hätte Schütte auch eine weibliche Figur schaffen können. Bezeichnungen wie „Mutter Angela“ – wie es auf dem Titel des Spiegel im vergangenen Herbst zu lesen war – oder „Mutter Merkel“ waren vor allem im letzten Jahr angesichts der Flüchtlingskrise in aller Munde. Auch das Cover des Time Magazine zeigt Merkels Konterfei anlässlich der Auszeichnung zur „Person des Jahres 2015“. Im Artikel wird sie gar zur „Kanzlerin [oder gleich Mutter] der freien Welt“. Das Bild der „Mutter Merkel“ geht auf die Metapher vom „Vater Staat“ zurück, d.h. Merkel wird als Verkörperung und Garantin des Gemeinwohls der Gesellschaft wahrgenommen. Wäre die euphorische Stimmung nicht bereits wieder umgeschlagen, man hätte sich fragen können, ob es in Deutschland künftig nur noch „Mutter Staat“ heißen solle.

Mit der Enttäuschung über den Umgang des Staates mit den aktuellen Herausforderungen der Integration von Geflüchteten und der Beendigung des Krieges in Syrien bekommt dieses Bild jedoch Risse. Es ist nun nicht mehr von der sorgenden Mutter Merkel, sondern eher von Staatsversagen die Rede. „Herbst der Kanzlerin. Geschichte eines Staatsversagens titelte bspw. Die Welt. Vielleicht hilft bei dieser Kritik ein Blick auf die „Allegorie der schlechten Regierung“ im Rathaus von Siena. Sie zeigt einen kriegslüsternen Herrscher mit gezücktem Dolch und Waffenrock. Justitia liegt gefesselt am Boden, die Bevölkerung wird drangsaliert und überall sind Soldaten. Gar so schlecht steht es noch nicht um Deutschland. Viel treffender erscheint da der Eindruck, den ein Besucher beim Anblick der Skulptur „Vater Staat“ hatte. Dieser sah „eine Kombination aus Macht und Feigheit“.

Der Beitrag zur Rubrik „Politik im Bilde“ erschien zuerst in WeltTrends Nr. 112 “Südsee real”.

Bildnachweis
1. Bild: Buchcover von Thomas Hobbes „Leviathan“ (1651). Gemeinfrei.
2. Bild: Fresko von Ambrogio Lorenzetti „Die gute und die schlechte Regierung“ (1338-1339). Gemeinfrei.
3. Bild: Skulptur von Thomas Schütte „Vater Staat“ (1954). Urheber: Lori L. Stalteri. Lizenz: Creative Commons Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0)