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Peter Sloterdijk – Im Weltinnenraum des Kapitals

„Die terrestrische Globalisierung stellt nicht eine Geschichte unter vielen dar. Sie ist … das einzige Zeitstück …, das es verdient, … ‚Geschichte’ oder ‚Weltgeschichte’ zu heißen.“ (S. 28)

Die Auseinandersetzungen über die Einwanderungspolitik finden auch in der Philosophie ihren Niederschlag. Im bürgerlichen Lager erregte insbesondere der Schlagabtausch zwischen Prof. Peter Sloterdijk und Prof. Herfried Münkler für Aufsehen. Sloterdijk eröffnete den Dialog in Rahmen eines Artikels im Cicero. Münkler antwortete in DIE ZEIT, erhielt eine Reaktion und erwiederte diese. Hier sei als Kontrast der Artikel von Precht und Welzer empfohlen. Im Vergleich zu den „Alten“ zeigen sich deutliche Unterschiede zwischen den Generationen.

Trotz dem Rauschen im Blätterwald überrascht Sloterdijks Haltung zu Migration und Grenzen nicht. Kernthesen finden sich bereits in seinem Hauptwerk zur Globalisierung – „Im Weltinnenraum des Kapitals“. Darum hier aus gegebenen Anlass die Besprechung des Buches.

Terrestrische Globalisierung

Sloterdijk unterteilt die Globalisierung in drei Phasen. In der ersten, der morphologischen Globalisierung, schufen Kartographie, Astronomie und Mathematik die Vorstellung eines einheitlichen Weltkörpers – die Kugelgestalt des Globus. Die realen Aktionen bleiben örtlich begrenzt. Erst die zweite Phase – die terrestrische Globalisierung, das Zeitalter der europäischen Kolonialreiche, bringt die globale Raumnahme. Aus der philosophischen Begehung unbekannter Orte wird reale Erkundung, Unterwerfung und Einbeziehung aller Gebiete in ein Weltsystem. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges befinden wir uns in Phase drei – der elektronischen Globalisierung. Ihr „Merkmal ist der zunehmende Vorrang der Hemmungen vor den Initiativen“ (S. 23). Die Netzwerke aus Satelliten, Flugkreuzen und Kommunikationsstationen ermöglichen eine Welt der permanenten Rückkopplung. Jeder Aktion folgt, nach einer – immer kürzeren – Verarbeitungszeit, eine starke Gegenreaktion. Einseitige Dominanz der Entwicklung oder gar die Abkopplung von Prozessen ist unmöglich.

Weltkarte aus Genua (1457)

Weltkarte aus Genua (1457)

Die Entstehung des Weltsystems

Sloterdijk gliedert das Buch in zwei Teile. Im ersten beschreibt er die Entstehung des Weltsystems. Neben der Erklärung der philosophisch-kulturellen Grundlagen dieser Entwicklung werden die Handlungsmuster und Beweggründe der „Expansionsagenten“ verdeutlicht. Diese Abenteurer, Kriminellen, Gescheiterten, Kaufleute und Gelehrte, denen die Heimat zu eng geworden, suchen ihr Heil in der Ferne. Die endlosen Kriege Europas, die sozialen und geistigen Schranken des Mittelalters sowie die ökonomischen Zwänge der Mangelgesellschaften schufen ein Heer von Entwurzelten, die jede Chance ergreifen, einem neuen Paradies entgegen zu segeln.

Sie waren risikobereiter und, nach Jahrhunderten der religiös verbrämten Konflikte, geübter in Selbstsuggestion als vorangegangene Generationen. Sie waren bereit, große ökonomische Risiken einzugehen, hohe Schulden bzw. Investitionen in „Projekte des Wahns“ zu tätigen. Die Entwicklung der modernen Bank- und Versicherungssysteme sowie die globale Expansion bedingen einander. „Die Haupttatsache der Neuzeit ist nicht, dass die Erde um die Sonne, sondern Geld um die Erde läuft.“ (S. 79) Die Geschichte der europäischen Expansion ist eigentlich die Geschichte der Ausdehnung des kapitalistischen Handels- und Wirtschaftssystems – hinaus in den „Weltinnenraum des Kapitals“.

Ausdehnung europäischer Wirtschafts- und Herrschaftssystem

Die Gelegenheit erkennend, springen Geistliche auf die auslaufenden Schiffe. Sie geben den Geldsuchenden eine höhere Weihe, rechtfertigen Zweck und Mittel. Wichtiger noch, sie binden die Expansionisten an ihre Heimat. Ohne diese Kontrolle hätten diese ihr Ziel vergessen, ihre Identität verloren – wären assimiliert worden. Die Bordgeistlichen sind elementare Voraussetzung für die „fünf Baldachine der Globalisierung“ (S. 193ff.): Christliche Religion, Entdecker-Sprache, Täterglorifizierung, wissenschaftliche Erfassung des Außenraums sowie Bindung an heimatliche Herrschaftssysteme werden zum integralen Bestandteil der europäischen Niederlassungen. Das ermöglicht eine Veränderung der Fremde und deren Einbeziehung in das europäische Wirtschafts- und Herrschaftssystem.

Rückkehrer aber haben ein neues Weltbild und verändern die Heimat. Ihre Gedanken und Erfahrungen sprengen die alte Ordnung. Trotzdem konnte Europa die Illusion der Initiative ohne Rückkopplung erhalten. Erst mit dem Ende des Dritten Reiches und seinem Weltaufteilungsplan stirbt die letzte der großen Erzählungen Europas. Das Danach in den Kolonialreichen ist Leugnung des Faktischen.

Entgrenzter Raum und Permanente Rückkopplung

Im zweiten Teil analysiert Sloterdijk das gegenwärtige System, seine Entwicklungsmuster und Prozesse. Teilaspekte der Zukunft werden benannt. Leider sind gerade diese zu kurz und wenig konkret. Die Globalisierung ist räumliche Verdichtung. Entscheidende Orte, wie Wohn- und Produktionsstätten, werden auf immer kleinerem Raum zusammengefasst. Gleichzeitig benötigt eine Reise zwischen ihnen immer weniger Zeit. Wo aber jeder Punkt in kurzer Zeit zu erreichen ist und genauso schnell wieder verlassen werden kann, gibt es keine Besonderheit der Fläche mehr. Der Raum wird bedeutungslos – alle Standorte austauschbar. Politische Konstrukte wie die Nationalstaaten verlieren damit ihre Integrationskraft. Was an ihre Stelle treten könnte, verschweigt uns Sloterdijk.

Durch die „Entgrenzung des Raumes“ entsteht eine Welt ständiger Rückkopplung. Fast jede Aktion wird durch Reaktion gestoppt. Die Ideologie der ständigen Veränderung ist letztlich ein Trugbild. Rückkopplungen sind Filter, um das Aktionspotential moderner Gesellschaften zu bändigen. So kann nur umgesetzt werden, was beherrschbar bleibt. Dieser Mechanismus ist elementar für moderne Gesellschaften, beruhen sie doch auf einer zunehmenden Kalkulation aller Risiken – volkswirtschaftlicher wie auch individueller.

Peter Sloterdijk Autor Weltinnenraum des Kapitals

Peter Sloterdijk – bei einer Buchlesung (2009)

Da die Risiken durch gesellschaftliche und technische Arrangements minimiert werden, leben auch Neoliberalisten und Terroristen nur von der Illusion einer Aktion ohne Gegenwehr. Beide vertreten rückwärtsgewandten Ideologien: Die Einen in Erinnerung an Konquistadoren, die fremdes Land für Ruhm, Kirche und Gold erobern. Die Anderen, in Anlehnung an die mit monotheistischem Eifer erfassten Nomadenstämme des 7. Jahrhunderts. Sie haben Wert als Unterhaltungselemente für die saturierte Masse im „Kristallpalast“, in dem die ständig konsumierenden, Vollkasko-versicherten und letztlich gelangweilten Menschen der Ersten Welt leben. Eine wirkliche Bedrohung oder gar Erneuerung geht von beiden nicht aus. (S. 287ff.)

Düstere Zukunft – Kristallpalast und Ausgeschlossene

Zum Ende des Buches widmet sich Sloterdijk nochmals den Beziehungen zwischen den Bewohnern des Kristallpalastes und den Ausgeschlossenen. Die us-amerikanische Gesellschaft glaubt weiterhin an die Dominanz der Initiative und verhält sich ewig gestrig. Rückkopplungen werden ihre Aktionen eindämmen. Es muss „sich nun erweisen, ob die Europäer imstande sind, sich vom Status des stillen Teilhabers US-amerikanischer Gewaltpolitik zu emanzipieren, ohne selbst den Weg zur Remilitarisierung der Beziehungen zu den Energie- und Rohstofflieferanten zu beschreiten“ (S. 390).

Auffallend sind Sloterdijks düstere Zukunftsorakel: Die Masse der Menschheit, die Bewohner der Dritten Welt, werden von den technologisch Errungenschaften der Ersten ausgeschlossen bleiben. An die Stelle der zerfallenden nationalen Demokratien treten autoritär-populistische Systeme. Nur an wenigen Stellen flammt so etwas wie eine Vision auf – die Errichtung des solaren Zeitalters, verbunden mit „Erwartungen an weltweite Friedensprozesse, an planetarischen Vermögensausgleich und Überwindung der globalen Apartheid …“ (S. 364).

Bewertung: Hervorragend denkintensiv

Sloterdijk hat eine komplexe, tiefsinnige philosophische Theorie der Globalisierung geschrieben, keine einseitig ökonomische oder geschichtliche Darstellung. Er erläutert die Veränderungen des Weltbildes der Menschheit. Entsprechend finden die relevanten Positionen bedeutender westlicher Philosophen widersprüchliche Würdigung. Es gelingt ihm, ein visionäres Gerüst für die übergreifenden Prozesse der letzten 3.000 Jahre zu schaffen. Von hohem Wert sind die vielen gedanklichen Ausflüge, Assoziationen und Pointierungen. Es gelingt dem Autor, Brücken und Verflechtungen quer durch die Jahrhunderte zu aktuellen Ereignissen aufzuzeigen. Gewollt provokante Thesen regen zum Nachdenken, Protestieren bzw. Diskutieren an.

Allerdings hat der intellektuelle Anspruch seinen Preis. Die anspruchsvolle Sprache, die bewusst auf Einfachheit verzichtet, stellt hohe Anforderungen an den Leser. Dieser Eindruck wird verstärkt durch inhaltliche Komprimierung sowie thematische Sprünge. Für die Lektüre sollte man sich Zeit nehmen, sind Fremdwörterbuch und Philosophielexikon angebracht; der Gewinn ist umso größer. Insgesamt ein hervorragendes Buch mit vielen Anregungen und zitierfähigen Aussagen zur aktuellen Politik.

Bibliographische Angaben
Sloterdijk, Peter: Im Weltinnenraum des Kapitals – Für eine philosophische Theorie der Globalisierung; Suhrkamp 2005.

Weitere Informationen
Vorträge von Peter Sloterdijk auf Seiten der Teleakademie.

Bildangaben
1. Karte aus Genua (1457): public domain.
2. Peter Sloterdijk: Bei einer Lesung aus seinem Buch Du mußt dein Leben ändern im ZKM Karlsruhe (2009). Autor: Rainer Lück; Creative Commons-Lizenz Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported (CC BY-SA 3.0)

Der Beitrag erschien zuerst in WeltTrends Nr. 52 – „Deutsche Ostpolitik“ 2006, S. 151-154.

Kunstwerk des Eintrages

Diego Rodríguez de Silva y Velázquez (1599-1660) Christoph Kolumbus präsentiert den Katholischen Majestäten die Neue Welt
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Diego Velazquez - Christoph Kolumbus präsentiert den Katholischen Majestäten die Neue Welt

Vollkommener Markt – praxisfern

von Kai Kleinwächter

Die Annahmen neo-liberaler / monetaristischer Wirtschaftswissenschaften beruhen auf der Idee des sogenannten „vollkommenen Marktes“. Darunter verstehen ihre Anhänger einen idealen Markt auf dem sich alle Marktteilnehmer ausschließlich am (Gleichgewichts-)Preis orientieren. In Folge dessen bildet sich ein stabiles Marktgleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage, das bis auf Ausnahmen (z.B. natürliche Monopole) dem volkswirtschaftlichen Optimum entspricht. Die „perfekten“ Märkte schaffen also angeblich das höchste Maß volkswirtschaftlicher Wohlfahrt. Hinterfragen wir dieses Konstrukt.

1. Aspekte des Vollkommenen Marktes
2. Bewertung des Vollkommenen Marktes (nächster Blogeintrag)
3. Börse als Illusion eines Vollkommenen Marktes (nächster Blogeintrag)

Teil 1: Aspekte des Vollkommenen Marktes

Dieses Denkgebäude geht zurück auf die neoklassischen Theorien des 19. Jahrhunderts. Insbesondere das Bild des nach Léon Walras benannten (neutralen) walras´schen Auktionators, setzte sich durch. Walras und andere Theoretiker der Grenznutzenschule begründeten damit zentrale Instrumente und Ansichten der heutigen ökonometrischen Volkswirtschaftslehre. Im Rahmen dieser Traditionslinie begründen sich volkswirtschaftliche Prozesse vor allem mikro-ökonomisch. Das heißt, die Gesamtentwicklung der Volkswirtschaft wird mathematisch aus dem (mikro)-Verhalten der einzelnen Wirtschaftssubjekte hergeleitet. Da alle Akteure den gleichen „rationalen“ Annahmen folgen, genügt es dabei, das Verhalten nur einiger weniger zu berechnen.

Denkschulen der Volkswirtschaftslehre seit dem 19. Jahrhundert
Ein vollkommener Markt muss dabei mehrere Kriterien idealtypisch erfüllen. Je stärker der betrachtete Markt davon abweicht, umso mehr ist er laut Theorie als „unvollkommen“ anzusehen. Der Markt ist dann durch Instabilitäten (Schocks, Spekulationsblasen…) bzw. Ungleichgewichte (Insolvenzen, Arbeitslosigkeit, Überproduktion…) gekennzeichnet. Das Ergebnis gilt dann als volkswirtschaftlich nicht-optimal.

Modell Merkmale vollkommenen Markt
Je nach Theorie und Wissenschaftler variieren die Merkmale eines vollkommenen Marktes. Am gebräuchlichsten sind:

1. Vollständige Transparenz

Alle Marktteilnehmer besitzen absolute vollständige Informationen über das gesamte Marktgeschehen – auch über die anderen Akteure im Markt. Dieses Wissen erstreckt sich nicht nur auf die Gegenwart. Auch die Entwicklung der Zukunft muss bekannt sein. Ansonsten würden sich bei den einzelnen Marktteilnehmern unterschiedliche Zukunftserwartungen herausbilden. Das daraus resultierende verschiedenartige Verhalten beendet die Gleichartigkeit der Marktteilnehmer. Ein stabiler Gleichgewichtspreis könnte sich nicht mehr bilden.

2. Keine (zeitlichen, örtlichen, personellen…) Präferenzen

Die Marktteilnehmer behandeln sich gegenseitig als auch die gehandelten Güter gleich. Es existieren also keine Argumente bei dem einem oder dem anderen zu (ver-)kaufen. Der einzige eventuelle „Vorteil“ den ein Marktteilnehmer hat ist der (Ver-)Kaufspreis. Dieser bestimmt alleine die Entscheidungen. Grundlage dafür ist auch, dass alle Marktteilnehmer gleich „ticken“. Sie unterschieden sich nicht anhand ihrer Vorlieben, Erwartungen, Fähigkeiten … und orientieren sich alleine am Preis. Ein Markt voller gleichartiger auf Gewinn- bzw. Nutzenmaximierung ausgerichteter Menschen als homo oeconomicus.

3. Homogenität (und beliebige Teilbarkeit) der Güter

Um die ersten beiden Merkmale zu erfüllen, müssen alle gehandelten Güter völlig identisch sind. Entsprechend liegt der Informationsbedarf niedrig. Die geforderte beliebige Teilbarkeit bedeutet einen konstanten Stückpreis. Es gibt keine Mengenrabatte etc. Akteure die genug Ressourcen besitzen um größere Mengen auf einen Schlag umzusetzen, erhalten keinen strukturellen Vorteil. Diese Möglichkeit entspräche einer Präferenz auf Grund der Größe. Auch dürfen Güter nicht so groß bzw. teuer sein, dass eine größte Anzahl von Marktteilnehmern nicht mehr mit ihnen handeln könnte.

4. Unverzügliche Reaktion aller Wirtschaftssubjekte

Die Marktteilnehmer reagieren sofort auf jede Veränderung – vor allem auf Preisschwankungen. Durch die Annahme der vollständigen Transparenz ist jeder Akteur über die Veränderung (im Voraus) informiert. Ebenfalls hat niemand gebundene Ressourcen bzw. versunkende Kosten die verhindern, dass Pläne umgestellt werden können. Vertragliche, emotionale … Bindungen an vergangene Entscheidungen existieren ebenfalls nicht. Es zählt nur der gegenwärtige Preis. Dieser wird damit zu einem „Datum“. Zu einer bestimmten Zeit gilt ein bestimmter Preis.

Ein „Punktmarkt“ impliziert, dass alle Entscheidungen an einem „Ort“ getroffen werden. Nur so lässt sich verhindern das einzelne Akteure Vorteile (Präferenzen) erlangen. In der Vorstellung des vollkommenden Marktes finden alle relevanten Transaktionen gleichzeitig statt. Gesteuert durch eine neutrale Institution. Die Theorie bemüht hier die Vorstellung einer Auktion bzw. das Bild des neutralen Auktionators. Man kommt zusammen, allen sind die verkauften Gegenstände bekannt, es wird geboten, einer erhält den Zuschlag, der Markt ist beendet. Woher dieser Auktionator kommt, seine Ressourcen nimmt oder warum er keine eigenen Interessen hat – beantwortet die Theorie nicht. Es wird axiomatisch postuliert

5. Polypol – keine Marktmacht – keine Ausbeutung

Kein Marktteilnehmer darf in der Lage sein den Preis zu seinen Gunsten zu beeinflussen – zum Beispiel auf Grund seiner Größe. Alle Beteiligten sind entsprechend nur Preisnehmer. Erst die Gesamtheit der Entscheidungen beeinflusst den Preis. Der einzelne Akteur passt sich dem „Datums-Preis“ an, in dem er die produzierten bzw. nachgefragten Mengen ändert (Mengenanpasser).

Damit besitzt auf einem vollkommenen Markt kein Akteur dominante Marktmacht bzw. die Fähigkeit andere Teilnehmer auszubeuten. Unter Ausbeutung versteht die Volkswirtschaftslehre die Durchsetzung von „Renteneinkommen“ – also Einkommen ohne entsprechende Leistung. Am Markt bedeutet die Durchsetzung von Renteneinkommen ein überhöhtes Preisniveau, das oberhalb der realen Produktionskosten liegt. Das Markteinkommen wird zugunsten der Rentenbezieher umverteilt. Im Rahmen des vollkommenen Marktes gibt es solches Einkommen nicht. Die langfristigen Gewinne entsprechen einem kalkulatorischen Unternehmerlohn. Diese Form des Marktes wird als Polypol bezeichnet. Viele kleine Anbieter stehen vielen kleinen Nachfragern gegenüber.

Darstellung Marktformen - Polypol Oligopol Monopol

6. Keine Eingriffe des Staates

Da der Markt sich selbstständig reguliert ist im Rahmen dieser Theorie ein Eingriff des Staates nicht nur nicht notwendig sondern abzulehnen. Die Selbststeuerung erzeugt das beste Ergebnis von selbst. Durch einen Eingriff kann es nur genauso werden – niemals besser.

(Fortsetzung der Begriffserläuterung folgt in Teil 2.)

Kunstwerk des Eintrages

Jan Victors (1619 1679) – Quacksalber auf dem Markt
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Bild Jan Victors Quacksalber auf dem Markt

This painting was painted about 1650 but the style and manner of presentation are those of an earlier period. This was the beginning of the great period of middle-class genre painting when artists were developing a style quite different from Victor’s over-familiar anecdotical approach.

The market-place is in fact limited to the quack’s table with an awning over it, and the group of simple people crowding round the stall. The church and houses round the market-square are outlined behind the group of onlookers and the village street with figures can be seen in the distance. The peasant sitting barefooted, one of his shoes discarded beside him, the charlatan in his finery, and the colourful company of villagers around them are characters in an anecdotical story which is indeed worthy of the painter’s brush. Victors was a pupil of Rembrandt, and his figures are clearly derivative but they are smooth and superficial compared with the character studies of the great master.
Emil Krén and Daniel Marx – Web Galary of Arts

Alternativ – Bürger – Beteiligen

von Kai Kleinwächter

„Bürgerbeteiligung – da pocht mir das Herz. Das finde ich gut.“
Prof. Dr. Ludwig Ellenberg
Stellv. Vorsitzender der Urania/Berlin

Verändern durch Wissen – Erfolgsbedingungen guter Bürgerbeteiligung
Referent: Prof. Dr. Klaus Töpfer
Veranstaltung der Urania und der Friedrich-Ebert-Stiftung, am 27.01.2014

Herausforderung: Abnehmende Fähigkeit zur Erneuerung

Aus der Sicht Töpfers werden zunehmend Technologien und Großprojekte entwickelt, die gar nicht bzw. nur zu hohen Kosten umsetzbar sind. Damit würden nicht nur Ressourcen verschwendet, sondern auch Lösungen drängender Probleme verzögert oder verhindert. So kommt die erforderliche Umgestaltung der Gesellschaft bei der Energiewende in wesentlichen Bereichen nicht voran, da zentrale Interessengegensätze nicht überwunden werden. Hier verwies Töpfer v.a. auf neue Stromleitungen, Frackingtechnologien und power-to-gas.

Ursache sei einerseits, dass die Bevölkerung eine umfassende Skepsis gegenüber den Ideen und Versprechungen der etablierten Institutionen entwickelt hat. Andererseits präferieren Bereiche der Forschung, der Medien und der politischen Planung Konzepte, die an den Interessen von Teilen der Bevölkerung vorbeigehen. Töpfer sieht einen Lösungsansatz darin, die Bürger von Anfang an, also bereits bei der Formulierung der zu lösenden Herausforderungen und der Ausrichtung der Grundlagenforschung, mit einzubinden. Nur so können ergebnisoffene Prozesse mit umsetzbaren Ergebnissen entstehen.

Porträt Klaus Töpfer

1. These: Freiheit bedarf echter Alternativen

Die Einbeziehung von gesellschaftlichen Akteuren wird oft als Umsetzung von freiheitlich-demokratischen Zielen gesehen. Das entspricht aber nur dann der Realität, wenn eine echte Wahl(-freiheit) existiert. „Alternativen zu haben, ist der Kern der Freiheit.“ (Hannah Arendt) oder: Alternativlosigkeit bedeutet Unfreiheit.

Bei vielen Bürgerbeteiligungen können die Angesprochenen aber nur noch Details ändern. Echte Alternativen bis hin zur völligen Aufgabe stehen nicht (mehr) zur Debatte. Damit gerät die Beteiligung aus Sicht der Betroffenen zu einer Showveranstaltung. Entsprechend bringen sie sich nicht mehr ein bzw. versuchen das Vorhaben zu blockieren. Eine überzeugende Legitimität gelingt nicht. „Wutbürger“ und „alternativlos“, Wort und Unwort des Jahres 2010, bedingen einander. Nur wer Alternativen anbietet, kann einen Dialog führen.

Ein negatives Beispiel ist der Umgang mit zur Abbaggerung freigegebenen Siedlungen. Zwar können die Bürger der betroffenen Dörfer die neuen Wohnanlagen mitgestalten oder die Höhe der Entschädigungen beeinflussen, aber ihr weichen und in welchem Zeitrahmen, wird ohne sie entschieden.

2. These: Alternativen müssen aktiv geschaffen werden

Eine gesellschaftliche Herausforderung stellt sich dort, wo (noch) keine Alternativen existieren. Hier müssen diese erst erschaffen werden. Ein tragfähiges Beispiel ist für Töpfer die Energiewende. Erst in den 1980er Jahren führte die anhaltende Umwelt- und Friedensbewegung zum Umdenken in Teilen der wirtschaftspolitischen Eliten. Die „Alternativlosigkeit“ des atomar-fossilen Energiesystems wurde durch die zunehmend konkreter werdende Vision einer nachhaltigen Gesellschaft ersetzt.

Selbstverständlich gehört dazu auch öffentlicher Druck von unten – gepaart mit einer hohen Verweigerungshaltung. Töpfer betonte mehrfach, dass erst der anhaltende Widerstand von „unten“ das Nachdenken über und die spätere Umsetzung von Alternativen erzwang. Er verwies hier neben dem Atomausstieg auf die Etablierung der Kreislaufwirtschaft und die Rauchgasentschwefelung. Damit stellt sich auch die „Machtfrage“. Es läuft darauf hinaus, politisch-ökonomische Macht immer stärker einzuhegen bzw. in eine gesamtgesellschaftliche Verantwortung einzubetten (ohne das Töpfer es so zugespitzt hat).

„Ich lebe sehr gerne in einem Dagegenland“, sagte Töpfer. Entscheidungen würden nicht besser nur weil sie unter dem „Diktat der Schnelligkeit“ exekutiert werden. So etwas bedeutet im Kern die Ablehnung aller Alternativen. Diskussionen und das Abwägungen von Varianten kosten Ressourcen, insbesondere Zeit. Diese sollte sich unsere Gesellschaft nehmen und nicht wieder Heilsversprechen Glauben schenken. Ein gesundes Gemeinwesen sollte die „Heuristik der Furcht“ (Hans Jonas) verinnerlichen.

3. These: Alternativen brauchen neue Institutionen

Dieser neue Ansatz, den Bürger nicht erst bei der Umsetzung, sondern bereits in der „Überlegungsphase“ mit einzubeziehen, erfordert Veränderungen bei den klassischen Institutionen. Das bedeutet die Durchsetzung partizipatorischer Demokratieformen, die Etablierung einer Gesellschaftskommunikation von unten sowie die feste Etablierung interdisziplinärer Forschungsverbünde.

Neue Gestaltung der KommunikationZentrale Fragen sind dabei u.a.:
– Was passiert mit den alten Institutionen? Welche Folgen hat ihre Schwächung?
– Wie wird die Freiheit der Wissenschaft gewährleistet?
– Wer sind die Ansprech-/Kooperationspartner in solchen Prozessen?
– Wie gestalten sich gesamtgesellschaftlich zielorientierte Diskurse?
– Wer übernimmt letztlich die Verantwortung?
– Wie sollte/muss die Wirtschaft eingebunden werden?

Zum letzten Punkt äußerte sich Töpfer nach deutlicher Kritik aus dem Publikum zurückhaltend.

Mehrfach und nachdrücklich stellte er klar, dass diese Umgestaltung ein gesamtgesellschaftlicher evolutionärer Prozess sein muss, der in seiner konkreten Ausgestaltung ergebnisoffen ist. Das Denken und Handeln in Alternativen ist immanenter Bestandteil dieser Entwicklungen und bedarf für den Erfolg der Bürgerbeteiligung.

Die nächste Veranstaltung in der Reihe „Wege in eine ökologische und gerechte Gesellschaft “ findet am 11.02.2014, um 19.30 Uhr statt.
Thema: Future Lab Germany – Entscheidet sich die Zukunft des Kapitalismus in Deutschland? mit Dr. Günther Bachmann und Prof. Lutz Engelke.

Bildnachweis

Photo Klaus Töpfer: Stephan Röhl, Konferenz: Countdown to Copenhagen – Heinrich Böll Stiftung 2009 Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic
Grafik: Kai Kleinwächter, Chart aus dem Vortrag zur Veranstaltung.

Kunstwerk des Eintrages

Simon Vouet (1590 – 1649)Apollo und die Musen
von http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG
Bild Simon Vouet Appollo und die Musen

Schattenökonomie – Wirtschaftliche Bedeutung

von Kai Kleinwächter

Ziel der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ist die Erfassung und Auswertung der wirtschaftlichen Aktivitäten einer Volkswirtschaft. Allerdings können einige Wirtschaftsbereiche aus unterschiedlichsten Gründen nur unzureichend dargestellt werden. Die Ursachen reichen von unvollkommenen amtlichen Statistiken bis dahin, dass sich Wirtschaftssubjekte staatlicher Regulierung bewusst entziehen. Ökonomen bezeichnen diesen Bereich jenseits der amtlich gesicherten Statistiken als „nicht erfasste Ökonomie“ (engl. „non observed Economy“). Pointierter aber in synonymer Verwendung haben sich die Begriffe „Schattenökonomie“ bzw. „Schattenwirtschaft“ durchgesetzt.

Schattenwirtschaft Darstellung Aktivitäten

Drei Bereich der Schattenwirtschaft

1. „Untergrundökonomie“: Legale Tätigkeiten, die nicht bzw. nicht-korrekt statistisch erfasst werden, sei es auf Grund von Defiziten der amtlichen Statistik (z.B. keine statistische Meldepflichten für Kleinunternehmen) oder weil sich die Wirtschaftsakteure der Beobachtung entziehen (z.B.: Steuerhinterziehung, manipulierte Verrechnungspreise bei Konzernen).

2. „Informeller Sektor“: Wirtschaftlich begrenzte, nicht regulierte Aktivitäten. Die Tätigkeiten stehen „außerhalb“ der klassischen Wirtschaft, sind aber nicht illigal (z.B. Sammeln von Pfandflaschen durch Obdachlose, Babysitten durch Jugendliche). Einige Ökonomen fassen hierunter auch nicht-entlohnte, „freiwillige“ Tätigkeiten, die alternativ von kommerziellen Strukturen erbracht werden könnten. Klassisches Beispiel sind Hausarbeiten (Aufräumen, Putzen…) für die es auch bezahlte Hausangestellte gäbe. Unter dieser sehr weiten Definition werden auch Eigenerstellungen von Dingen („do-it-yourself“-Bewegung), Nachbarschaftshilfe, Blog-Einträge oder ehrenamtliche Tätigkeiten subsumiert.

3. „Kriminelle Aktivitäten“: Verbotene, wirtschaftliche Betätigungen (z.B. Drogenhandel, Schutzgelderpressung). Die scharfe Trennung dieser Bereiche ist in der Praxis schwierig. Zum Beispiel dürften Bilanzmanipulation sowie Geldwäsche („Kriminelle Aktivitäten“) bei größeren Beträgen hinterzogener Steuern („Untergrundökonomie“) schon fast notwendig sein.

Umfang Schattenwirtschaft weltweitDer Umfang der „Schattenökonomie“ hängt von der Leistungsstärke staatlicher Verwaltung, der volkswirtschaftlichen Bedeutung bestimmter Wirtschaftssektoren (insb. Bau- und Landwirtschaft und Gastronomie) sowie den Unternehmensgrößen ab. Kleine Unternehmen bzw. Selbständige entziehen sich eher staatlichen Kontrollen als Großkonzerne. Entsprechend steigt die Bedeutung in schwachen Volkswirtschaften.

Die „Schattenökonomie“ erbrachte im OECD-Durchschnitt 2002 ca. 15% der Wirtschaftsleistung. Allerdings sinkt der Umfang seit Ende der 1990er Jahre. Kriminelle Aktivitäten stellen einen deutlich geringeren Anteil von ca. 5% zum BIP dar. Weltweit ergibt das einen Betrag von ca. 2,3 Billionen € – ungefähr die Höhe des deutschen BIP.

Wirtschaftliche Bedeutung Kriminalität weltweitKonzentriert sich die Analyse auf internationale Finanzströme steigt die wirtschaftliche Bedeutung der Organisierten Kriminalität deutlich an – von rund 1/3 auf mehr als die Hälfte. Ursache sind sowohl der für grenzüberschreitende Aktivitäten notwendigere höhere Organisationsgrad als auch das sich solche Transfers erst ab größeren Kapitalvolumen lohnen.

Grenzüberschreitende illegale FinanzströmeAllerdings wird bei genauer Analyse der Finanzströme deutlich, das nicht illegale Aktivitäten den Großteil der problematischen Finanzströme ausmachen. Zentral für das internationale Schattenbank-System sind vor allem multi-nationale Konzerne die sich illegalen Bilanzierungen bedienen. Wesentlich sind dabei Fehlbewertungen von Wirtschaftsgütern zur Steuervermeidung und missbräuchliche Transferpreise zwischen Konzerntöchtern in verschieden Wirtschaftsräumen. Der Kampf gegen solche Praktiken ist real-wirtschaftlich bedeutender als das Vorgehen gegen Drogenhandel oder Menschenschmuggel.

Quellen Schattenökonomie

Schneider, Friedrich; Boockmann, Bernhard: Schattenwirtschaftsprognose 2013; Institut für angewandte Wirtschaftsforschung e.V. 2013.
Schneider, Friedrich; Enste, Dominik: Hiding in the Shadows. The Growth of the Underground Economy; IMF economic issues Nr. 30 2002.
UN Office on Drugs and Crime (Hrsg.): Estimating illicit financial flows resulting from drug trafficking and other transnational organized crimes; Wien: UNODC 2011.

Die gekürzte Statistik erschien bei WeltTrends – Zeitschrift für internationale Politik,
Ausgabe 91: Thema Kriminelle Welt: Schattenwirtschaft und Kriminalität.pdf

Kunstwerk des Eintrages

Velázquez, Diego (1599-1660) – Porträt des Hofnarren »El Primo«
von http://www.zeno.org – Contumax GmbH & Co.KG

Gemaelde Diego Velazquez Portraet des Hofnarren El Primo